Schlagwort-Archive: Paradigma

Schulkultur im Wandel

Unsere Schulen sehen sich heute einer Zerreißprobe ausgesetzt. Ihre tradierten Vorstellungen geraten mit immer mehr gesellschaftlichen Entwicklungen in Konflikt, angetrieben durch eine Digitalisierung aller Lebensbereiche. Was ist da los? Haben wir etwas verschlafen?

Beginnen wir mit einer kleinen Bestandaufnahme einer allgemeinen deutschen Schule. Trotz Föderalismus sind die wesentlichen Bedingungen überall gleich und bedürfen keiner gesonderten Unterscheidung.
Das höchste Ziel, die höchste von der Schule auszusprechende Weihe, ist das Abitur, die allgemeine Hochschulreife. Mit diesem Zertifikat wollen wir an den Schulen die kulturelle und organisatorische Fähigkeit bestätigen, das Leben zu meistern. In nicht wenigen Abiturreden wird es in den nächsten Montagen wieder heißen, dass die SchülerInnen nun bereit seien „ins Leben entlassen zu werden“.

Ist es bereits seit jeher fraglich, warum hier Leben und Schule als zwei unterschiedliche Bereiche angesehen werden, so muss man heute feststellen: Das, was Schule vorbereitet, hat mit dem Leben und dem Beruf immer weniger zu tun. Weiterlesen

Zu Rückriems „Lernen ohne Pflichtschule“

In einem Blogbeitrag hat sich Georg Rückriem Gedanken über das Verhältnis von Schule, Sinn und Invidividuum gemacht. Sein Artikel: „Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich?“ findet sich hier. Lesenswert!

Interessant an seiner Ausführung ist das Verhältnis von Individuum und dem Lernkonzept, welches wir in der Schule institutionalisiert haben.

Das bisherige Konzept des sich zur Eigenständigkeit entwickelnden Individuums – mit dem immanenten Widerspruch zwischen absichtsvoller Erziehung und selbstreferentiellen Subjektkonzepten – ist ein zentrales Problem der Pädagogik. Luhmann/Schorr lösten das damit einhergehende „Technologiedefizit der Erziehung“ durch die „taktvolle Kommunikation“ [mehr…] und attestierten der Pädagogik damit ein Technologieverdikt. Weiterlesen

Schulreform von innen – oder außen?

Auf Twitter hatte ich nach einer längeren Diskussion zwischen Sabine Czerny und Christian Füller eingeworfen, dass der Systemwechsel von Schule zwar eine schulische Angelegenheit ist, er aber nur kulturell, also von außen, angestoßen werden kann. Daraufhin hat Christian Füller in seinem Blog pisaversteher.de in der ihm eigenen Art der liebevoll gesetzten Provokation beschrieben, wie es sich mit dem „innen“ und „außen“ von Schule verhält.

Er ist zu dem Schluss gekommen, dass es ein Zusammenspiel von gesellschaftlicher Entwicklung und schulischen Strukturen geben muss, wenn sich Schule verändern wird:

„Schulreform oder, grundsätzlicher, Systemwechsel, entsteht durch ein wechselseitiges Aufschaukeln der Reformer drinnen und draußen, oben und unten.“

Wie kann man dem widersprechen?
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Systemtransformation

Eine vertrackte Situation: Dieser Tage müssen die politischen Entscheidungsträger das weitere Vorgehen festlegen, wie mit der Schuldenkrise in Griechenland umzugehen sei. Und es ist ja potentiell nicht nur Griechenland. Andere europäische Staaten sind ebenso gefährdet wie Städte und Kommunen in Deutschland.

Was bedeutet dies strukturell betrachtet? Ein System, das offensichtliche Schwächen zeigt, soll mit den bestehenden Methoden erfolgreich saniert werden? Ist eine Selbstheilung im jetzigen Stadium noch möglich?
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Bildung und Mensch im digitalen Zeitalter

Nach den Gedanken zum „Leitmedienwechsel“ und zum „Changing Paradigms“, bei denen Ken Robinson und Hans-Peter Dürr aufgegriffen worden sind, ein Video von Gunter Dueck, welches in eine ähnliche Richtung stößt. In dem Vortrag auf der TEDxRheinNeckar spricht Dueck über das Bildungssystem und erklärt, warum Goethe es nicht gewollt hätte, dass wir heute Faust I und II lesen und sagt auch, was mit den Lehrern passiert, wenn sich das Bildungssystem geändert hat.

Dueck besitzt die Fähigkeit, Geschichten lebhaft zu erzählen und stößt zum Nachdenken an – unvermeidlich. Die 23 Minuten sollte man sich gönnen:

(Dank an @cervus, der das Video aufgetan und an @lisarosa, die es auf Twitter kräftig verbreitet hat).

Gedanken zum „Changing Paradigms“

Sir Ken Robinson hat wieder gesprochen und alle stimmen fröhlich in den Chor der Befürworter ein: “Er hat Recht” – “Gut, dass er es mal sagt” und vor allem die Hoffnung: “Jetzt wird es sicherlich einen Ruck geben”. Ich gehöre auch dazu – dabei ist die Frage, warum…? Eigentlich gibt es keinen guten Grund, außer an einem Hype teilzunehmen.
Ich versuche das letzte Video zum Anlass zu nehmen und ein paar Gedanken dazu zu notieren.

Vor ein paar Tagen wurde von RSA-Animate ein Teil einer Rede von Robinson aufgearbeitet, die er bereits am 16. Juni 2008 gehalten hatte. Audio, Video und Transcript des Vortrages gibt es bei theRSA.


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Leitmedienwechsel

Auf dem 2. ADZnrw Treffen in Köln ergab sich für mich die Gelegenheit, eine Session über den Leitmedienwechsel und das Ende der Handschrift zu halten.
Ich habe in der Session die Veränderung in der Bedeutung der Handschrift zum Anlass genommen, auf einen sich abzeichnenden Wandel des Leitmediums zu verweisen. Das Popplet findet sich hier als PDF, die drei erwähnten Artikel über die Bedeutung der Handschrift finden sich hier, hier und hier.

Im Folgenden möchte ich nun weniger auf das Ende der Handschrift eingehen, sondern vielmehr die bisherigen Gedanken zum Leitmedienwechsel zusammentragen und verknüpfen.

Der Leitmedienwechsel

Das erste Mal bin ich bei Lisa Rosa auf den Begriff ‚Leitmedienwechsel“ gestoßen. Sie formuliert beispielsweise in ihrem Beitrag zum EduCamp 2010 in Hamburg die These, dass sich die Struktur des Gehirns durch die Nutzung des Mediums grundlegend ändern kann.

Was sind Leitmedien?

„Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien“ (nach N. Luhmann, „Die Realität der Massenmedien“).
Kommunikation ohne Medien ist nicht möglich. Daher ist das Medium auch nicht nur als ‚Neue Technologie‘ zu verstehen, sondern als jede Form, in der Menschen miteinander in Interaktion treten und kommunizieren.

Das Werkzeug der Kommunikation, also das Medium, ermöglicht einerseits den Informationsaustausch, andererseits begrenzt es aber auch gleichzeitig die Art und Weise, wie wir kommunizieren können. Wir können uns nur über Inhalte austauschen, die begrifflich im Medium beschrieben werden können, also gesetzt sind. Dinge, für die wir keinen Begriff haben, sind nicht kommunizierbar oder können nur über Gleichnisse dargestellt werden – womit sie einem noch höheren Fehler unterliegen als die gemeine Kommunikation selber.
Wenn im Medium die Begriffsbildung eingeschränkt ist und damit die Art, wie wir uns über die Umwelt austauschen können, dann bedingt die Limitierung des Mediums auch unsere Wahrnehmunug der Realtität. Wir können nur sehen und erklären, worüber wir uns kollektiv schon einen Begriff gebildet haben.
Dies hat weitreichende Folgen für die Perspektive, wie wir die Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte sehen. Die Entwicklung der Technologien beispielsweise ist damit direkt abhängig von dem verwendeten Medium.

Welche Leitmedien haben uns in der Geschichte bisher begleitet?
Dazu hat M. Giesecke vier wesentliche Abschnitte definiert:

Deiktische und orale Phase

Kommunikation über Gestik, dann über Sprache – Frühzeit bis Jungsteinzeit.
Ohne die Abstimmung zwischen Jagenden war die Versorgung einer größeren Gruppe nicht möglich. Erst durch die ‚Erfindung‘ der Sprache waren die möglichen Absprachen genügend differenziert, um komplexe Abläufe wie die Vorratshaltung und Herrschaftsansprüche zu formulieren und koordinieren, ohne die es keine Seßhaftwerdung der Menschen gegeben hätte.

Skriptographische Phase

Kommunikation über Schrift – erstmals ~3000 v. Chr. in Mesopotanien.
Schrift ermöglichte es den Menschen, Planungen und komplexe Berechnungen über einen momentanen Einfall hinaus zu konservieren und so auch Prozesse an unterschiedlichen Orten sinnvoll zu koordinieren. Auch die zuverlässige Weitergabe von Informationen über die generationalen Begrenzungen waren durch die Erfindung einer Schrift möglich. Einen gesicherten Informationsstand konnte man von Generation zu Generation übertragen.
Hätten die Ägypter das schriftliche Medium nicht beherrscht, wäre ihre Hochkultur unmöglich gewesen. Die Pyramiden sind ohne die Schriftkultur nicht vorstellbar.

Typographische Phase

Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert.
Durch den Buchdruck wird die massenweise Verbreitung von Gedanken ermöglicht, sodass auch Menschen, die bisher nicht zur Elite gehörten, grundsätzlich Zugriff auf Gedanken anderer Menschen haben, denen sie nicht persönlich begegnet sind. In erster Konsequenz betraf das die Kirche, die ihre alleinige Deutungshoheit über die Bibel verloren hat (Übersetzung und Vervielfältigung).
Im Fortgang der Geschichte wurde durch den Buchdruck, die Erweiterung der gebildeten Bevölkerungsschichten und den Gedankenaustausch über die lokale Sphäre hinaus aber auch die Industrialisierung ermöglicht. Ohne den Burchdruck hätte es die Entwicklung der Dampfmaschine und damit die Industrialisierung der europäischen Gesellschaft nicht gegeben.

Digitale Phase

Mit den Datenbanken und der digitalen Datenverarbeitung beginnt diese Phase, bei der sich dann, durch die Vernetzung von Informationen, ein ganz neuer Nutzen zeigte: Das nicht lokal gebundene, vernetzte Denken entstand durch die Einführung des ARPANET und wurde besonders durch die Einführung des WWW einer breiteren Öffentlichkeit verfügbar gemacht und wurde mit der begrifflichen Umschreibung des ‚Web 2.0‘ auch als breiteres Mitmach-Medium aufgefasst.

Interessant an der Einteilung von Giesecke ist, dass sich die Verfügbarkeit des Leitmediums im Laufe der Zeit gravierend geändert hat.

  • Oral
    Jeder hat in gleicher Weise partizipiert. Die Sprache stand allen zur Verfügung.
  • Skriptographisch
    Nur Eliten hatten Zugriff, waren Eingeweihte. Vor allem religiös genutzt.
  • Typographisch
    Wiederentdeckung des ‚Massen’mediums. Ordnungsmacht liegt jedoch bei den Sendern. Empfänger/Leser können nur aus unterschiedlichen Angeboten wählen, die ökonomisch geregelt und damit begrenzt sind.
  • Digital
    Im ‚Web 2.0‘ vermischen sich Sender und Empfänger und es entsteht eine neue Form der Öffentlichkeit. Das Medium eignet sich grundsätzlich als generalisiertes Kommunikationsmedium, wird aber noch nicht als solches genutzt.
    Einige gehen soweit, dass sie von einer neuen Kultur der Polis, also einer potentiell hierachiefreien Kommunikation unter Gleichen, sprechen, die sich entwickeln könnte.
    (Zur Verfolgung dieser These bitte bei mspro nachlesen: ‚Das radikale Recht des Anderen‚)

Was bedeutet das ‚digitale‘ Leitmedium für die heutige Gesellschaft?

Das ‚digitale‘ in der Bezeichnung täuscht darüber hinweg, um was es eigentlich geht: Netzwerke, Beziehungen, Formen, Strukturen und Prozesse. Es geht nicht mehr nur alleine um die Weiterreichung einer Information, sondern die Einbettung derselben in ein Netzwerk und damit um einen Entwicklungsprozess, über dessen Verlauf man mal mehr, mal weniger exakte Aussagen treffen kann. Gelegentlich wird der Prozess auch erst durch einen ‚Anderen‘ sichtbar gemacht, der Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu einer neuen Information verknüpft.
Es geht bei dieser neuen Entwicklung um ein neues, nicht-lineares Denken, welches man vielleicht als organische Kommunikation bezeichnen könnte. Die Welt befindet sich in einem beständigen Wandlungsprozess, über den man heute noch keine Aussagen machen kann. Dies betrifft auch die Sinneinbettung von Informationen, die morgen eine andere sein kann als heute beabsichtigt.

Das WWW ist selber kein überraschendes Gottesgeschenk, das wir nun irgendwie nutzen lernen dürfen, sondern steht in einem Erkenntnisprozess, der in einzelnen Disziplinen bereits vor gut 100 Jahren angestoßen worden ist. Dies gilt auch für den Buchdruck und die anderen Leitmedien, die im Rahmen einer gesellschaftlichen Entwicklung entstanden sind und durch Einzelprozesse vorbereitet worden sind. Zwei Beispiele für den ‚digitalen‘ Shift:

Die Systemtheorie in der Soziologie ist ein Beispiel fur die Ansätze eines ’neuen‘ Denkens. In der Systemtheorie geht es immer um die Beziehung des Einzelnen zum Gesamten. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, aus welcher Perspektive und mit welcher Zoom-Stufe ich einen sozialen Sachverhalt betrachte und was in der jeweiligen Situation das ‚Gesamte‘ und das ‚Einzelne‘ sind. Dabei geht es nicht um ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘, sondern um eine Komplexitätsreduktion zum Zwecke einer Differenzierung. Das Individuum als zentrales Element der Soziologie hat ausgedient und wird zu einem System-Geflecht von sozialen und physischen Systemen.

Die Physik hat diesen Paradigmenwechsel bereits Anfang des letzten Jahrhunderts vollzogen und unter viel Gegenwind postuliert, dass Materie nicht aus ‚Materie‘ besteht, sondern aus nicht fassbaren Formen, die nur als Materie begriffen werden kann. Das Atom als kleine Einheit wurde verworfen. „Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig“ (H-P Dürr, s.u.). Die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie sind Kennzeichen dieser Entwicklung. Da ich auf diesem Bereich kein Experte bin, verweise ich gerne auf das lesenswerte Buch von Hans-Peter Dürr: ‚Warum es ums Ganze geht‘, in dem er ausgehend von seiner Zusammenarbeit mit Heisenberg die Möglichkeiten einer ‚anderen‘ Gesellschaft aufzeigt.

Und was bedeutet das für die Schule? Ich weiß es nicht. Die Wahrscheinlichkeit einer Änderung ist erkennbar – ja für das System notwendig. Einfach nur so weiter – geht es sicher nicht…

Hinweis:
Den Entwurf für den Artikel habe ich im Urlaub geschrieben, als ich offline und damit der Netzwelt ein wenig entrückt war. Umso erstaunlicher war es, dass ich nach der Rückkehr sehen durfte, dass auch
Jöran Muuß-Merholz ebenfalls zeitgleich (?) an einem Artikel zum Leitmedienwechsel geschrieben hat. Wer hier durch ist, sollte dort unbedingt weiter machen: „Leitmedienwechsel – Schule und Lernen in digitaler Vernetzung„.

Kompetenzorientierung geht nur mit Reformen

An dieser Stelle ein nicht weiter kommentierter Hinweis auf einen Artikel von Claas Triebel mit dem Titel „Recht auf Internet und Reform des Bildungssystems“.

Mit allen anderen Aspekten von Computerkompetenz scheinen System und Personal unseres Input-orientierten Bildungssystems jedoch grundsätzlich überfordert zu sein: das Interesse, sich kulturell, beruflich und sozial zu engagieren, die kritische Reflexion der Nutzung, die Beurteilung von guten und schlechten Inhalten – das alles sind erstrebenswerte Ziele, deren konkrete Umsetzung in der Schul- und Hochschulpraxis jedoch gegenwärtig illusorisch erscheinen.

Notwendig wären Projektunterricht, Abkehr von zentralisierten Lehrplänen und generell die Ermächtigung der Belehrten gegenüber den Lehrenden, um die Förderung von Computerkompetenz im skizzierten Sinne zu gewährleisten. Nichts andere wäre also notwendig, als eine fast vollständige Abkehr vom derzeit geltenden Paradigma.

Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32985/1.html

Sitzordnung für das neue Schuljahr

Für das neue Schuljahr werden wir das in den letzten beiden Jahren gewählte Prinzip für eine Sitzordnung weiter verwenden. Wir – das Klassenlehrerteam – erstellen die Sitzordnung nicht über die Köpfe der SchülerInnen hinweg. Die Argumentation „So lernt jeder mit jedem zu arbeiten und man mischt alle mal“ halte ich für nicht sehr lernförderlich. Vielmehr möchte ich, dass sich feste soziale Beziehungen finden. Aus Erfahrung weiß jede/r SchülerIn, mit wem er/sie gut zusammen lernen kann. Diese Paarbindung soll beibehalten und gestärkt werden. Gleichzeitig ist es natürlich in der Verantwortung des Lehrenden, die Bestrebungen nach Abkapselung etwas aufzubrechen. Um beides zu verbinden, haben wir uns an dem Konzept der „Freundschaftsgruppe“ von Siga Diepol orientiert.

  1. Jede Schülerin (und Schüler – ich bleibe jetzt aber bei der weiblichen Form) wählt sich eine Lernpartnerin aus. Dabei ist wichtig zu formulieren, dass die Wahl der Partnerin keine Freunschaftsansage ist – und vor allem keine Absage an eine andere Freundin. Es geht darum, einen Lernpartner zu finden, mit dem man in möglichst vielen Fächern gemeinsam lernen kann und mit dem man sich dahingehend gut versteht.
    Es gilt die feste Zusage, dass diese Zweiergruppen von den Klassenlehrern nicht angerührt werden. Hier haben die Schülerinnen vollste Autonomie.
  2. Im zweiten Schritt setzen sich alle Schülerinnen an die Gruppentische. Bei der Tischgruppenbildung muss nur die Vorgabe beachtet werden, dass an jeder Tischgruppe mindestens ein Mädchen bzw. Junge sitzt.
    Da die meisten Lernpartner homogen zusammengesetzt sind, bilden sich so gemischte Gruppen. Da die Schülerinnen sich diese Gruppen selber suchen, gibt es keine Diskussionen darum, dass man „mit dem ja überhaupt nicht zusammenarbeiten kann“. Man wählt sich auch die Tischpartner.
    Die Klassenlehrer halten sich aber in dieser Phase das Recht vor, nach Absprache eine Veränderung der Tischgruppen vorzunehmen, falls dies aus pädagogischen Gründen sinnvoll ist.
  3. Die Tischgruppen bleiben so quartalsweise oder halbjahresweise bestehen. In den letzten zwei Jahren haben die Schülerinnen gelegentlich den Wunsch geäußert, die Sitzordnung zu ändern. Wenn die Klasse damit einverstanden war, wurde dies durchgeführt.
    Jedoch bleibt jede neue Sitzordnung erstmal für mindestens vier Wochen konstant. Ein ständiger Wechsel führt nur zu großer Unruhe.

Das Vorteil der Methode: Die Schülerinnen haben entscheidenden Einfluss auf ihre Nachbarn und können sich so im Rahmen des Möglichen eine angenehme Lernumgebung schaffen. Wir haben in unserer Klasse keine Diskussionen darüber gehabt, dass der Sitznachbar ja eigentlich daran Schuld ist, dass man sich nicht konzentrieren kann und für alle Ablenkungen verantwortlich ist.

Siga Diepold formuliert als Vorteile:

  1. Eine Freundin an seiner Seite zu haben schafft ein Gefühl von Sicherheit.
  2. Die Gruppentische mit einer anderen Freundschaftsgruppe sorgt für Akzeptanz von anderen.
  3. Durch die gemischten Gruppen aus Jungen und Mädchen wird die Koedukation gefördert.

Ein flexibler Klassenraum ohne feste Sitzplätze, mit freien Plätzen, Kissen und einer kleinen Studierecke ist räumlich und personell leider nicht möglich. Man unterrichtet in einer Klasse nicht alleine und muss sich an die Wünsche der Kollegen/innen anpassen. Immerhin sind wir inzwischen so weit, dass alle die Anordnung der Tische akzeptieren, bei denen das Lehrerpult nicht zentral steht und in der Mitte viel Platz ist, um in den Stunden aktiv zu arbeiten und sich viel zu bewegen.

Von guten und schlechten Lehrern

In den vergangenen Tagen hat sich in Blogs und bei Twitter (hier, hier, hierhier oder hier) eine angeregte Diskussion ergeben, was „gute“ Lehrer sein und wie man ihnen den Weg frei hält, die scheinbar/offensichtlich notwendigen Reformen an Schule durchzuführen. Sind „schlechte“ Lehrer aus dem System zu entfernen, wie @ciffi meint? Oder ist das Problem doch eher systemischer Natur und nicht per Dekret von oben oder unten zu lösen?

Bei der Debatte ist vor allem die Definition problematisch, was unter „guten“ und „schlechten“ Lehrenden zu verstehen ist. Nicht, dass man nicht im Gefühl habe, welche Lehrenden im Besonderen die Schülerinnen und Schüler erreichen und welche bessere Lernumgebungen bereiten können. Diese – oft emotionalen – Meinungen jedoch in eine Kriterienliste zu packen und so eine Klassifizierung von Lehrenden vorzunehmen, ist fragwürdig.

Zwei zentrale Probleme sind:

  1. Legitimationsproblematik
    Wer definiert, was gut und was schlecht ist? Kann eine Definition von gut (z.B.: innovativ, kooperativ, kommunikativ, teilt offen sein Wissen, …) Allgemeingültigkeit haben? Haben andere Lehrende mit anderen Vorstellungen von Schule (Wissenskanon, klassische Bildung, Werteerziehung) nicht ebenso das Recht, ihre Arbeit als „gut“ zu bezeichnen?
    Die Frage nach „gut“ und „schlecht“ führt in der Konsequenz dazu, dass die Frage der Meinungsführerschaft, also die subjektive Meinung von „gut“ und „schlecht“, die Frage der inhaltichen Ausgestaltung verdrängt. Offen bleibt die Antwort auf die Frage: „Was macht einen guten bzw. schlechten Lehrerenden aus?“
  2. Kriterienlisten
    Der Versuch, eine Liste mit Kriterien für „gute Lehrer“ zu finden, ist seit langem ein Wunsch der Erziehungswissenschaften und bis dato nicht gefunden worden. Viel zu heterogen gestalten sich die Lehrerpersönlichkeiten und die SchülerInnen, als dass unter diesen Umständen eindeutige Items gefunden werden könnten, was unter einem „guten“ Lehrerenden zu verstehen sei. Außerdem müssten Stichproben von professionellen und „objektiven“ externen Personen vorgenommen werden (Prüfungssituation), was zusätzlich problematisch ist.
    Jetzt werden einige fragen: „Warum? Es gibt doch Kriterien?“.
    Die „Zehn Kriterien guten Unterrichts“ von H. Meyer und andere Listen über „gute“ Lehrertätigkeit (schöne Übersicht bei Sebastian Dorok [PDF]) eignen sich nur eingeschränkt als Indikatoren. Zum einen lassen sich nicht alle Kriterien in jeder Unterrichtsphase gleichermaßen erfüllen. Zum anderen liegen formulierten Kriterien immer die Gefahr inne, dass sie als Handlungsziel definiert werden. Lehrende verlieren dann möglicherweise den Lernprozess selber aus den Augen und konzentrieren sich darauf, ein Kriterium besonders gut zu erfüllen. Wenn dies auch in einer Prüfungssituation gut gelingen sollte, so bedeutet dies nicht, dass es auch im alltäglichen Unterricht zur Anwendung kommt. Noch weniger bedeutet es, dass ein Kriterium isoliert betrachtet auch für „gutes“ Lernen steht.
    Der Lehrende wird bei definierten Kriterienkatalogen versuchen, diese zu erfüllen ohne dass er dabei wirklich ein „guter“ Lehrender wird (siehe Qualitätsanalyse NRW). Erfahrung mit diesem Vorgehen machen viele Referendare, die vor allen Dingen „für den Unterrichtsbesuch“ Unterricht planen und die Vorbereitung auf das Examenskolloquiums in erster Linie an den vermuteten Vorlieben der Prüfungskommisionsmitgliedern erarbeiten. Solche Lehrende sind gut, keine Frage – aber bezogen auf Prüfungssituationen. Eine hervorragende Noten im Examen stellt keine Kausalität zu „gutem Unterricht“ her. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit – aber reicht das aus?
    Im Unterricht werden „Soft Skills“ gefragt, um dem Lernenden ein authentischer und verlässlicher Partner zu sein. Leider wird es Studienseminaren immer wieder erschwert, darauf einen Schwerpunkt der Lehrerausbildung zu legen. Die Diskussionen über die Zusammensetzung der Prüfungskommissionen nur mit Fremdprüfern zur Erhöhung der Objektivität sei hier nur erwähnt.
    Bleibt die Frage, ob Schulen besser wären, wenn man „schlechte“ Lehrer rauswerfen würde. Wie oben dargestellt, ist die Unterscheidung zwischen „gut“ und „schlecht“ kein hinreichendes Selektionkriterium.

Welche anderen Wege stehen aber zur Verfügung, um innovationshemmende Strukturen abzubauen?

  1. Mehr Konkurrenz zwischen Schulen
    Eine Frage, die für mich immer wieder ein Dilemma hervorbringt: Wie verteile ich Lehrende auf verschiedene Schulen? Konzentriere ich gleichdenkende Lehrende an einer Schule in einem Bezirk um Leuchttürme zu schaffen? Oder verteile ich sie möglichst auf alle Schulen um überall eine ausgleichende Kultur zu erhalten. Letzteres scheint die bisherige Praxis zu sein. Sie darf hinterfragt werden.
    Mehr Konkurrenz zwischen den Schulen würde die Schulen dazu zwingen, Schulprofile jenseits pädagogischer Absichtserklärungen zu formulieren und umzusetzen. Alle Beteiligten einer Schule müssten auf demokratischem Wege einen Konsens finden, wie ihre Schule gestaltet werden soll. Diese Profilierung würde dann SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen die Möglichkeit geben, sich Schulen auch entsprechend ihrer eigenen Vorstellung von „Lernen“ zu wählen.
    Freilich darf die Konkurrenz nicht so weit gehen, dass sich Schulen aus finanziellen Gründen aus einzelnen Stadtteilen herausziehen müssen. Das Ziel sollte eine wohl gemeinte Konkurrenz um Konzepte sein, und weniger um das Geld.
  2. Arbeit an der Schulkultur
    Schulkultur spielt auch ohne offene Konkurrenz (siehe vorheriger Punkt) eine Rolle. Ist das Kollegium zusammen mit der Schulleitung in der Lage, gemeinsame pädagogische Grundsätze zu finden? Werden diese Grundsätze auch im organisatorischen Ablauf der Schule berücksichtig und Zeiten und Räume geschaffen, in denen pädagogisch gearbeitet werden kann? Wichtiger noch: Ist eine Schule in der Lage, gemeinsam Ziele zu formulieren, an denen gearbeitet werden soll – und an denen auch alle KollegenInnen arbeiten?
    Eine Steuergruppe oder offene (Schulleitungs-)Konferenzen können ein Baustein sein, die kollegiale Identifikation mit der eigenen Schule zu stärken und Kooperationen – die immer auf Vertrauen basieren – zu ermöglichen.
  3. Seminarausbildung
    Mit Lisa Rosa konnte ich vor ein paar Tagen über die Prozesse der Schulerneuerung sprechen. Dabei haben wir festgestellt, dass der Versuch, Schule zu verändern, schon an vielen Stellen unternommen worden ist. Wahrscheinlich sind die Studienseminare und die Lehrerausbildung die einzigen Stellen, um noch nachhaltig an einer Veränderung der Schule zu arbeiten um die kritische Masse von veränderungswilligen KollegenInnen nach und nach zu erzeugen.
    Die derzeitigen Reformen der Referendarsausbildung sind unter dieser Perspektive kritisch zu begleiten und bei jeder Verkürzung der Ausbildung oder Erhöhung des „workloads“ die Frage zu formulieren: Cui bono?