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„BarCamp“ trifft Schule

Die Idee

Unterricht ist in seiner alltäglichen Durchführung zumeist geprägt durch Lehrpläne und inhaltliche Vorgaben. Den Veränderungen hinsichtlich einer größeren Berücksichtigung der Kompetenzen bei der Planung des Unterrichts steht meist eine lang etablierte Kultur der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gegenüber.

In dem folgenden Konzept möchte ich einen Ansatz vorstellen, der die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler und ihre Verantwortung für den Lernprozess in den Mittelpunkt stellt. Dieser Anspruch kann gesichert werden, weil den Schülerinnen und Schülern nachhaltig Gestaltungsspielraum bei der Wahl der Inhalte zugestanden wird. Dies führt nicht zu einer Vernachlässigung der inhaltlichen Anforderungen, die durch die Richtlinien und Lehrpläne gegeben sind. Diese bilden vorerst weiterhin der Handlungsrahmen von Unterricht. Gestaltungsspielraum soll den Schülerinnen und Schülern bei der methodischen Herangehensweise und der thematischen Schwerpunktsetzungen gegeben werden. Indem Schülerinnen und Schüler selber Entscheidungen treffen dürfen, werden sie in den folgenden Handlungsschritten mehr Verantwortung tragen und eine größere Motivation erfahren.

Möglich wird dies durch das Zusammenführen der in den USA populären und auch in Europa stark wachsenden BarCamp Kultur mit dem Unterricht in den Schulen.

Das Barcamp

Die Idee der Barcamps ist im Jahr 2005 aus einem offenen Konferenzformat entstanden, bei dem die Teilnehmer nachhaltig selber Verantwortung für die Ausgestaltung einer Tagung übernehmen. In ähnlicher Form werden auch Open-Spaces im Vorfeld von ‚klassischen‘ Konferenzen als Ideenwerkstatt durchgeführt.

Die Organisationsform Barcamp unterscheidet sich in ein paar Bedingungen grundsätzlich von dem Format herkömmlicher Konferenzen. Im Vorfeld wird von den Initiatoren einzig ein übergeordnetes Thema und ein Ort bekanntgegeben. Die Veranstalter sorgen nur für Versorgung, Infrastruktur und genügende Räumlichkeiten. Inhaltliche Vorarbeit darf nicht geleistet werden.

Die Tagung selber beginnt mit einer kurzen Vorstellungsrunde aller TeilnehmerInnen. Dieser Schritt ist ritualisiert und wird, um die Zeit der Vorstellung zu begrenzen, auf drei so genannte Tags beschränkt. Jede/r TeilnehmerIn nennt also ihren/seinen Namen und drei Schlagworte, die sie/ihn charakterisieren. Dies kann die Berufsbezeichnung sein, ein Projekttitel oder andere Begrifflichkeiten (die bestenfalls Netzwerkpotential und Wiedererkennungswert haben). Als Beispiel für meine Person:

„Felix Schaumburg, #lehrender, #bildunskatalysator, #edushift“.

Nach der Vorstellungsrunde stellen alle Teilnehmer, die gerne mit den anderen Besuchern über ein Thema sprechen wollen oder einen Vortrag vorbereitet haben, ihr Thema dem Plenum vor. Nach der Kurzvorstellung erfragen sie im Plenum, ob Interesse an einem solcher „Session“ besteht. Die Meldungen des Plenums sind zu diesem Zeitpunkt keine Zusage zu einem „Session“, sondern nur ein allgemeines Stimmungsbild, ob das Thema überhaupt als relevant angesehen wird.

Im Anschluss an diese Runde werden die Titel der Veranstaltung (Sessions) auf ein Blatt geschrieben und an den so genannten Sessionplan gehängt. Dieser bietet eine Übersicht über alle verfügbaren Räume und eine Zeiteinteilung in so genannte ’slots‘. In der Regel  hat ein slot eine Dauer von 45 Min. Danach schließt sich eine Pause von 15 Min. an bevor die nächste Session startet.

In kurzer Zeit ergibt sich auf diese Weise ein Konferenzplan, der jederzeit nach individueller Rücksprache angepasst werden kann. Wie bei der Wikipedia auch, hat jede/r die Möglichkeit, konstruktiv am Konferenzverlauf mitzuwirken. Da alle TeilnehmerInnen ein echtes Interesse an der Tagung haben, sind destruktive Elemente nicht zu erwarten und werden gegebenenfalls durch ein gemeinschaftliches Korrektiv schnell aufgedeckt und behoben.

Ein BarCamp im Unterricht

Ausgehend von den eigenen Erfahrungen verschiedener Barcamps und den Berichten von Palomar5 war meine Überlegung, ob man Elemente davon nicht in den regulären Unterricht integrieren kann, um Phasen hoher Lernaktivität zu schaffen und den SchülerInnen Erfahrungen in der Projektorganisation zu ermöglichen.

Außerhalb von Themenwochen, in denen eine ganze Woche Zeit für ein Projekt zur Verfügung steht, sind nur einzelne Elemente der Barcamp Kultur in den regulären Unterricht integrierbar.

Dazu gehören:

  1. Einstieg
    Themenschwerpunkt, Vorgehen und Produkt werden durch die Schülerinnen und Schüler selber bestimmt. Einzig die große thematische Einordnung wird vom Lehrenden vorgegeben.
  2. Prozess
    In regelmäßigen Abständen unterziehen sich die Schülerinnen und Schüler einem reality-check, um sich über dem Fortgang der eigenen Arbeit und das anvisierte Ziel ein Urteil von den Anderen einzuholen.
  3. Ergebnis
    Die Präsentation der Ergebnisse ist kein Vortrag, sondern eine durch die Schülerinnen und Schüler selber gestaltete Zeiteinheit: Impulsreferat, Hintergrundinformationen, Erklärungen und offene Diskussion….

Erste Erfahrungen

Im Schuljahr 2009/2010 habe ich am Ende der 11. Klasse im sozialwissenschaftlichen Unterricht im Rahmen der Reihe „Politische Partizipation“ das oben umrissene Konzept erprobt. Ich habe zur Erarbeitung des Themas weder einen Wochenplan erstellt noch Themen für Referate vorgegeben, sondern einzig in einer Einführungsrunde, nach einem kurzen Blitzlicht mit den Schülerinnen und Schülern, über bürgerschaftliches Engagement gesprochen und das bisherige Wissen aktiviert.

Im Anschluss an die Begegnungsphase habe ich das BarCamp-Konzept vorgestellt und die Anzahl der Sitzungen an der Tafel notiert. Im Anschluss daran habe ich die Schülerinnen und Schüler ermutigt, nach vorne zu gehen und irgendein Thema, welches ihnen spontan interessant oder relevant erscheint, vorzustellen.

Nach anfänglicher Unsicherheit, ob „der Lehrer das wirklich ernst meint“, wurden verschiedene Themen vorgestellt. Es haben sich insgesamt sechs unterschiedlich große Gruppen gefunden, die zu folgenden Themen arbeiten wollten:

  1. Ideen für ein attraktives Wuppertal
  2. Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal
  3. Wirkung von Medien auf Politik
  4. Liquid Democracy und die Piratenpartei
  5. Freistaat Christiania
  6. Kritik an Politikern

Um die Arbeit in den Gruppen transparent zu machen und Querverweise zwischen den autonomen Gruppen zu ermöglichen, wurden alle Ergebnisse, Protokolle und Planungen in einem Wiki dokumentiert.
Wir haben dazu auf Angebot von www.wikispaces.com zurückgegriffen.

In den folgenden drei Sitzungen (65 Minuten Stundenraster) haben die Schülerinnen und Schüler selbstständig an den Projekten gearbeitet. Nach der dritten Sitzung hatte jede/r Schüler/in die Aufgabe, auf mindestens einer Wikiseite einer anderen Gruppe einen Kommentar zu hinterlassen. Auf diese Weise erfolgte ein Übersichtswissen aller Beteiligten über die einzelnen Vorhaben und jede Gruppe erhielt Anregungen von außen.

Nach der vierten Sitzung hatten sich alle Gruppen einem „reality-check“ zu unterziehen, indem sie ihr ihr Thema, das Projektziel und die weitere Planung allen Mitschüler/innen vorgestellt haben. Im Anschluss an diese Kurzpräsentationen von max. 5 Minuten erfolgte ein spontanes Feedback aus den anderen Gruppen. In diesem Feedback wurden kritische Punkte, allzu utopische Ideen und mögliche weitere Netzwerkknoten / Kontakte benannt.

In den folgenden zwei Sitzungen haben die Schülerinnen und Schüler Ihre Ergebnisse zu einem vorläufigen Ende gebracht und „präsentiert“. Reihenfolge und zeitlicher Ablauf der beiden Präsentationsstunden (am Ende waren es drei, weil die Diskussionen lebhafter und ereignisreicher waren als zuerst geplant) wurde von den Schülerinnen und Schülern selber geplant.

Als Produkte sind aus diesen sieben Sitzungen entstanden:

  1. Bürgerhaushalt: Ideen für ein attraktives Wuppertal:
    Plakat und Flyer für eine Aktion „Wuppertal ist bunt“.
  2. Bürgerhaushalt: Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal:
    Erstellung und Auswertung eines Fragebogens. Umfrage unter ~50 Wuppertalern.
  3. Wirkung von Medien auf Politik:
    Einordnung verschiedener Tageszeitungen in die (Sinus-)Milieus und Planung und Vorbereitung eines Ausfluges zur Druckerei der Westdeutschen-Zeitung.
  4. Liquid Democracy und die Piratenpartei:
    Planung und Durchführung eines Interviews mit der Piratenpartei zur ,liquid democracy‘. Das Interview wurde zu einem Video geschnitten. Dauer: ~13 Min.
  5. Freistaat Christiania:
    Vorstellung der Geschichte des Freistaats Christiane durch filmische Sequenzen (leider als Filmprojekt gescheitert).
  6. Kritik an Politikern:
    Erstellung und Pflege eines Blogs mit „Vorurteilen“ über Politiker und deren Untersuchung.

Die Rolle des Lehrenden & Social Media

Da die Schülerinnen und Schüler sowohl die Themen wie auch die Produkte selber gewählt haben, konnte ich mich einem anderen, willkommenen Teil meiner Arbeit als Lehrer zuwenden: Ich durfte beraten.

Weder musste ich dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler ein von mir vorgegebenes Ziel erreichen noch dass ich die Werkzeuge, die ich aus meiner Perspektive für die Umsetzung als absolut notwendig erachte, allen Schülerinnen und Schülern, auch gegen ihr eigenes Interesse, erklären musste.

Durch die selbstständige Wahl eines Themas war der Sinn dessen, was die Schülerinnen und Schüler arbeiten, deutlich erkennbar und bedurfte keiner nachdrücklichen, extrinsischen Motivation.

Als Lehrer war ich Besucher in den Projektgruppen und konnte Wissen und Erfahrungen als Berater anbieten. Ich konnte auf mögliche Kontakte hinweisen, Ideen konkretisieren und helfen, scheinbar unzusammenhängende Gedanken zu sortieren.

Besonders beim Einsatz der Web 2.0 Technologien wie Twitter, WordPress und Wikis waren dabei deutliche Kompetenzunterschiede bei den Schülerinnen und Schülern festzustellen. Da man diese kommunikativen Werkzeuge zukünftig kaum ignorieren können wird, ist gerade in dieser Hinsicht das Projekt eine besondere Bereicherung gewesen.
Soziale Netzwerke lassen sich nur entdecken und nutzen, wenn ein sinnvoller Umgang gepflegt wird. Gerade die weiterreichende Sinnhaftigkeit ist aber bei klassischen Recherchen im Internet oft nicht gegeben. Daher ist ein produktionsorientierter Prozess anzustoßen, in dem die Lernenden als „Sender“ im Internet aktiv werden können.
Dies scheint durch die hier gewählte Form des „BarCamps im Unterricht“ ermöglicht worden zu sein.

Perspektiven

Das Projekt war wegen seiner Offenheit ein Wagnis – und ist in diesem Sinne erfolgreich gewesen. Die meldeten zumindest die Schülerinnen und Schüler zurück. In der Feedback Runde in der letzten Sitzung wurden u.a. folgende Aussagen getätigt:

„Ich konnte so endlich mal Sachen machen, die wirklich eine Auswirkung haben und von denen ich und auch andere was haben.“

„Es war gut, dass wir selber etwas machen konnten. Auch wenn ich am Anfang die Sache etwas komisch fand, hab‘ ich dann doch Feuer gefangen. Wir haben in den Stunden eigentlich immer heiß diskutiert und kaum rumgehangen – wie sonst bei Gruppenarbeiten…“

„Ich fand die Sache gut, allerdings war mit das Ziel am Anfang nicht ganz klar. Dadurch sind wir etwas zu spät los gekommen. Werde da wohl beim nächsten Mal drauf achten müssen.“

Gerade auf den letzten Punkt der unklaren Zielorientierung ist beim nächsten Mal ein größeren Augenmerk richten. Dabei kann es nicht darum gehen, die Ziele für die Schülerinnen und Schüler vorzugeben, sondern das Vorgehen bei der Methode „Barcamp“ noch deutlicher im Vorfeld zu klären. Es ist möglich, dass dies zu Beginn nicht allen verständlich geworden ist.

Mehr Freiheit und Selbstverantwortung fordern bei den Beteiligten natürlich auch mehr Entscheidungen. Wenn man diese nicht trifft, fällt man gerade in der Startphase von Projekten schnell zurück. Diese Gefahr sollte von Lehrenden sensibel wahrgenommen werden um unterstützend einzugreifen.

Let´s wordle

Taggen geht auch im Unterricht.

Mit wordle.net lassen sich aus Texten oder Stichwortlisten ruck-zuck Textwolken erstellen. So lassen sich Einsstiege oder abschließende Betrachtungen in textlastigen Phasen abwechslunsreicher gestalten.

René hat sich dem Thema auch schonmal angenommen und bei lehrer-online einige Einsatzszenarien skizziert.

Ich habe mal Becks Text „Das normale Chaos der Liebe“ ins wordle geworfen. Raus gekommen ist dabei das: