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Shift happens

Das Video ist von 2007. Und obwohl es so alt ist lohnt es sich immer wieder – auch wenn es irgendwann nerven sollte – Geschichten wie diese anzusehen.

Welche Aufgabe hat Schule?
Geht es um die Tradierung von Wissen nach klassischer Vorstellung?
Geht es um Erziehung, die nicht mehr im doppelt-berufstätigem Elternhaus vollzogen wird?
Geht es darum, die Schüler/innen im Umgang mit Tools der Kommunikation fit zu machen („Web 2.0“)?
Oder geht es um Grundlagen und Einblicke in das, was war, um die Zukunft zu gestalten?
Was ist mit Büchern – spielen diese noch eine Rolle? Oder machen wir in Zukunft nur noch Wiki?
Was ist mit geschützen Räumen, in denen man König sein darf (Kinderzimmer)?
Wie bildet sich ein kritischer Geist?

Bevor ich die Fragen vertiefe mache ich lieber für morgen mal den Unterricht fertig und bringe den Schülern bei, wie man das MWG in Gleichgewichtsberechnungen nutzt. Das braucht man.

„Seminar beim Avatar“ | Zeit.de

Auf Zeit.de gibt es einen Artikel „Seminar beim Avatar“ von Thomas Kerstan.

Schulen sind eben, man mag es beklagen oder begrüßen, ein verdammt träger Organismus. … Wenn etwa ein Arzt aus dem Jahr 1908 mittels einer Zeitmaschine in einem Operationssaal von heute landete, käme er sich vor wie ein Alien. Ein Lehrer aus dem Jahr 1908 hingegen, der heute einen Klassenraum beträte, könnte problemlos den Unterricht fortsetzen.

So ganz falsch ist das Bild wahrscheinlich nicht. Vielleicht würde sich der Pädagoge sogar erschrecken, wenn er aus einer der damals entstehenden Reformschulen an ein so genanntes „klassisches“ Gymnasium käme.

Wie also wird das Internet die Bildung verändern? Die Schule der nahen Zukunft wird sich in vielem nicht grundlegend von der heutigen unterscheiden. 

Warum auch nicht. Viele Dinge haben sich bewährt und werden nicht ohne Grund aufrecht erhalten. Der persönliche Kontakt, die „Vorträge“ von Lehrenden und die gemeinsame Erfahrung sind sinn- und wertvoll.

Von Prof. Bolz habe ich noch den Vortrag im Ohr, dass Web 2.0, Wikis und Co. zwar eine neue Dimension der Akkumulation von Wissen schaffen, das alleine aber nicht ausreicht- es fehlt etwas.„Lernen ist die Erfahrung die man macht mit unüberschaubaren Wissen in der Anwesenheit der Autorität eines Lehrers“

Trotz aller Skepsis wird das Internet die Schulen dennoch aufmischen. Dabei geht es à la longue nicht um die läppische Frage, ob Computer in die Schule sollten oder nicht. Die Schüler (und ja: auch die Lehrer) werden bald in einer Technosphäre leben, die die Schulpraxis automatisch verändert – je höher die Schulklasse, je mehr die Schüler eigenständig lernen, desto stärker. 

Da gehen meine Beobachtungen leider auseinander. Zwar setze ich kontrafaktisch voraus, dass die Schülerinnen und Schüler mit einer Textverarbeitung, Lernplattformen und Co. umgehen können. Gegeben ist das aber nicht „natürlich“. Bei Begriffen wie „Formatierungen“ oder „PDFs“ erntet man fast genauso häufig in der 12 Klasse fragende Blicke wie im Lehrerzimmer. Der Unterschied ist nur, dass den Lehrenden das oft unangenehm ist, den Schülerinnen und Schülern aber egal.

Dazu hat Beat Doebli-Honegger in Abgrenzung zu den „digital natives“ den Begriff „digital naives“ geprägt. Seine Präsentation ist hier zu finden.

Update: Ein interessanter Artikel dazu auch bei sueddeutsche.de: Die digitale Eisdiele.

Schon heute kann eine leise Ahnung vom Studium der Zukunft bekommen, wer etwa eine Vorlesung an der Harvard Law School in der künstlichen Computerwelt Second Life besucht. Die Studenten und der Professor sind dort mit einem sogenannten Avatar vertreten, einem selbst gestalteten virtuellen Abbild von sich. 

Das dies das Studium der Zukunft sein wird glaube ich wiederum nicht so recht. Die Anwesenheit einer echten Lerngemeinschaft ist glaube ich wichtiger. Und dafür reicht nicht der Avatar. Es ist schon der physisch anwesende Mensch, der Ausdruck hat und als Ganzes wirkt, vonnöten. Genauso wie auch im „Alltag“, wo wir zwar chatten, twittern und in Foren aktiv sind, aber uns – bis auf pathologsiche Ausnahmen – doch nicht ganz in diesen Welten verlieren. Zum Glück sind nicht nur Schulen ‚ein träger Organismus‘.

Mitmach-Web nicht ohne Risiko

Das Dilemma ist bekannt: Die Digital-Natives surfen, kommentieren, bloggen, quasseln und bewerten im Netz und fühlen sich dabei wunderbar unbeobachtet und irgendwie sicher. ‚Das, was ich da alles mache, werden meine Eltern eh nie sehen. Sie wissen ja nicht einmal, wie man eine E-mail Adresse anlegt..‘. Eigentich ist diese Einstellung nicht verwundertlich, leben die Eltern ihnen die Kontrollierbarkeit der Informationen doch vor. Der letzte „Stern“ mit den nicht jugendfreien Bildern wird weggeschlossen und ist damit unerreichbar. Ebenso die Briefe, Kontoauszüge und vielleicht frühe Bilder aus dem ersten Urlaub der Eltern. Vielleicht bekommen die Nachwachsenden noch nicht einmal genau mit, was da alles „geheimgehalten“ wird. Man ahnt aber, dass es Geheimnisse gibt.

Sie selber übernehmen diese Vertrauen in die Kontrollierbarkeit und begeben sich in das Internet – welches inzwischen auf den Namen Web 2.0 hört. Dort herrschen aber gänzlich andere Bedingungen, die auch die Eltern bisher so nicht gekannt haben. Informationen sind, einmal von der Leine gelassen, kaum zu kontrollieren. Sie werden aufgenommen, geändert und neu verfasst. Das kann wunderbar sein und neue Ideen hervorbringen. Es kann aber auch nach hinten los gehen, wenn man allzu unverfänglich damit spielt.

Für die (Medien-)Erziehung bedeutet das, dass wir uns selber und die Nachwachsenden dafür sensibilisieren müssen. Ob Wikipedia- Artikel, Forum oder Blog: Wer schreibt, der bleibt. Auch dann, wenn es eine Person hinterher bereut und garnicht darüber nachgedacht hat. Wikipedia protokolliert alles, Foren werden von Google gecached, Blogs in Technorati bewertet… Die Informationen werden einer nicht zu überschauenden Verwertungskette zugeführt und bilden ein großes Geflecht von Vernetzungen.

Ich möchte nicht, dass aus Angst davor nun der Zutritt zum Internet beschränkt wird. Die Schulen versuchen sich zur Zeit in diesen Aktionen, die aber früher oder später aufgegeben werden müssen. Da bin ich mir sicher. Eigentlich bleibt nur, die Techniken einfach „für unsere (scheinbar sinnvollen) Anliegen“ zu nutzen und Alternativen anzubieten.

Um Sensibilität zu schaffen, dass das Internet wirklich ein Netz ist, in dem jeder Zutritt hat, ist folgender Film sehenswert: Think before you post.

Herr Doebli-Honegger hat ihn in seinem Vortrag auf der Tagung in Dillingen erwähnt und auch in seinem Blog kommentiert.

Bücher statt Notebooks?

Ein Artikel in der NY Times hat in den vergangenen Tagen einige Diskussionen hervorgerufen. Die Kritiker/innen fühlen sich bestätigt, die Vertreter/innen einfach falsch verstanden. Gabi Reinmann, Professorin für Medienpädagogik an der Uni Augsburg, hat den Artikel etwas durchleuchtet und kommentiert.

Wer hofft, mit einer neuen Technologie revolutionäre Änderungen in Schulen bewirken zu können, hat weder menschliches Lernen noch das Funktionieren von Schule verstanden. Medien-Initiativen, auch Notebook-Initiativen, die von solchen Prämissen ausgehen, sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Kritisch sehe ich dabei ihren im Weiteren formulierten und im Grunde guten Ansatz, dass man vor allem in die Fortbildung der Lehrenden investieren müsste, um dort die Medienkompetenz zu fördern, die man bei den Schüler zu wecken erhofft. Die bereits im Dienst stehenden Lehrenden sind als ‚Digital Immigrants‚ im Umgang mit den so genannten „neuen Medien“ in der Regel deutlich weniger geübt als die Heranwachsenden (‚Digital Natives‚) selber. Das schließt allerdings die Kompetenz nicht zwangsläufig ein.

Problematisch an der Fortbildung der Lehrenden ist meiner Meinung nach, dass die intendierten Kompetenzen nicht erreicht werden. Anders als bei einem reinen Fachinhalt beinhaltet ein medienkompetenter Umgang auch eine Änderung der eigenen Arbeitsweise. Flickr, Moodle, Mail und Chats können nicht nur als Blüten angesehen und mit Distanz betrachtet werden, sondern müssen, um sie zu verstehen, auch genutzt und weiter gepflegt werden. Und das lässt sich im Rahmen einer Fortbildung nicht ändern.
Einen Anstoss kann die Fortbildung geben, daher ist der Ansatz auch im vollem Umfang sinnvoll. Denn ohne es probiert zu haben kann ich mich auch nicht dafür begeistern.

Von einem Einsatz der Computer im Unterricht (und zwar am Besten wirklich in 1-to-1 Projekten) verspreche ich mir höhere Flexibilität. Fragen und Anregungen können schneller nachgegangen werden. Recherchen im Netz sind jederzeit möglich und auch eine kritische Betrachtung von Artikeln wird erleichtert, da man ohne immense Kopierkosten unterschiedliche Artikel betrachten und auswerten kann. Das Lesen von Bücher und Ganzschriften schließt das nicht aus. Computer statt Bücher? Ich wäre für die Bücher. Aber Computer gleichberechtigt neben Büchern finde ich eine tolle Vorstellung.

Vor allem als Vorbereitung auf die Lebenswelt nach der Schule ist es unabdingbar. Die Organisation der eigenen Arbeit wird in immer mehr Berufen vorausgestezt. Der Umgang mit E-mails, Austausch von Kontakten und Ideen, gemeinsames Arbeiten an Dokumenten, Sammeln von Informationen und deren Strukturierung: Alles Arbeitsfelder, die sich vor allem durch den Einsatz von Computern in den letzten Jahren verändert haben.
Nur: Wo sollen wir es Lernen, wenn nicht dort, wo Lernprozesse organisiert werden, selbstständig, in der Schule? Die Schüler können die Medienkonvergenz, die sich im Computer findet, so nicht nur zur Freizeitbeschäftigung nutzen, sondern das Handlungspotential auch wirklich einsetzen.

Schulen-ans-Netz hat ebenfalls die aktuelle Debatte aufgegriffen und lässt einzelne Akteure aus Deuschland zu Wort kommen: Medienkritik.

Hannes Beecken:

Ein zentraler Punkt für den Erfolg oder Misserfolg von Notebook-Projekten ist aber die konzeptionelle Vorbereitung des Lehrerteams unter Mitwirkung der Eltern und Schüler. Alle Beteiligten müssen die Chance haben, ihre Erwartungen an das Projekt zu formulieren – und dies muss ganz klar den pädagogischen Mehrwert des Projekts und damit der Investition umreißen. Frontalunterricht mithilfe von Notebooks, gleich ob dem Schüler ein Lehrer oder eine so genannte Lernsoftware vorgesetzt wird, lohnt die Investition nicht.