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Medienkompetenz? [update]

Mit ihren Statements haben Jöran Muuß-Merholz und Lisa Rosa im Hyperland Blog des ZDF das Thema “Medienkompetenz? WTF?!” bereichert. Es geht in dem Beitrag um eine “neue digitale Gesellschaft”, die Rolle der Medienkompetenz als Lebenskompetenz und darum, dass die Lehrenden den Lernenden ins Netz folgen müssen.

Den Netzspirit kann man nicht vermitteln, den muss man gemeinsam erleben.
(Lisa Rosa)

 

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“BarCamp” trifft Schule

Die Idee

Unterricht ist in seiner alltäglichen Durchführung zumeist geprägt durch Lehrpläne und inhaltliche Vorgaben. Den Veränderungen hinsichtlich einer größeren Berücksichtigung der Kompetenzen bei der Planung des Unterrichts steht meist eine lang etablierte Kultur der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gegenüber.

In dem folgenden Konzept möchte ich einen Ansatz vorstellen, der die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler und ihre Verantwortung für den Lernprozess in den Mittelpunkt stellt. Dieser Anspruch kann gesichert werden, weil den Schülerinnen und Schülern nachhaltig Gestaltungsspielraum bei der Wahl der Inhalte zugestanden wird. Dies führt nicht zu einer Vernachlässigung der inhaltlichen Anforderungen, die durch die Richtlinien und Lehrpläne gegeben sind. Diese bilden vorerst weiterhin der Handlungsrahmen von Unterricht. Gestaltungsspielraum soll den Schülerinnen und Schülern bei der methodischen Herangehensweise und der thematischen Schwerpunktsetzungen gegeben werden. Indem Schülerinnen und Schüler selber Entscheidungen treffen dürfen, werden sie in den folgenden Handlungsschritten mehr Verantwortung tragen und eine größere Motivation erfahren.

Möglich wird dies durch das Zusammenführen der in den USA populären und auch in Europa stark wachsenden BarCamp Kultur mit dem Unterricht in den Schulen.

Das Barcamp

Die Idee der Barcamps ist im Jahr 2005 aus einem offenen Konferenzformat entstanden, bei dem die Teilnehmer nachhaltig selber Verantwortung für die Ausgestaltung einer Tagung übernehmen. In ähnlicher Form werden auch Open-Spaces im Vorfeld von ‘klassischen’ Konferenzen als Ideenwerkstatt durchgeführt.

Die Organisationsform Barcamp unterscheidet sich in ein paar Bedingungen grundsätzlich von dem Format herkömmlicher Konferenzen. Im Vorfeld wird von den Initiatoren einzig ein übergeordnetes Thema und ein Ort bekanntgegeben. Die Veranstalter sorgen nur für Versorgung, Infrastruktur und genügende Räumlichkeiten. Inhaltliche Vorarbeit darf nicht geleistet werden.

Die Tagung selber beginnt mit einer kurzen Vorstellungsrunde aller TeilnehmerInnen. Dieser Schritt ist ritualisiert und wird, um die Zeit der Vorstellung zu begrenzen, auf drei so genannte Tags beschränkt. Jede/r TeilnehmerIn nennt also ihren/seinen Namen und drei Schlagworte, die sie/ihn charakterisieren. Dies kann die Berufsbezeichnung sein, ein Projekttitel oder andere Begrifflichkeiten (die bestenfalls Netzwerkpotential und Wiedererkennungswert haben). Als Beispiel für meine Person:

“Felix Schaumburg, #lehrender, #bildunskatalysator, #edushift”.

Nach der Vorstellungsrunde stellen alle Teilnehmer, die gerne mit den anderen Besuchern über ein Thema sprechen wollen oder einen Vortrag vorbereitet haben, ihr Thema dem Plenum vor. Nach der Kurzvorstellung erfragen sie im Plenum, ob Interesse an einem solcher „Session“ besteht. Die Meldungen des Plenums sind zu diesem Zeitpunkt keine Zusage zu einem „Session“, sondern nur ein allgemeines Stimmungsbild, ob das Thema überhaupt als relevant angesehen wird.

Im Anschluss an diese Runde werden die Titel der Veranstaltung (Sessions) auf ein Blatt geschrieben und an den so genannten Sessionplan gehängt. Dieser bietet eine Übersicht über alle verfügbaren Räume und eine Zeiteinteilung in so genannte ‘slots’. In der Regel  hat ein slot eine Dauer von 45 Min. Danach schließt sich eine Pause von 15 Min. an bevor die nächste Session startet.

In kurzer Zeit ergibt sich auf diese Weise ein Konferenzplan, der jederzeit nach individueller Rücksprache angepasst werden kann. Wie bei der Wikipedia auch, hat jede/r die Möglichkeit, konstruktiv am Konferenzverlauf mitzuwirken. Da alle TeilnehmerInnen ein echtes Interesse an der Tagung haben, sind destruktive Elemente nicht zu erwarten und werden gegebenenfalls durch ein gemeinschaftliches Korrektiv schnell aufgedeckt und behoben.

Ein BarCamp im Unterricht

Ausgehend von den eigenen Erfahrungen verschiedener Barcamps und den Berichten von Palomar5 war meine Überlegung, ob man Elemente davon nicht in den regulären Unterricht integrieren kann, um Phasen hoher Lernaktivität zu schaffen und den SchülerInnen Erfahrungen in der Projektorganisation zu ermöglichen.

Außerhalb von Themenwochen, in denen eine ganze Woche Zeit für ein Projekt zur Verfügung steht, sind nur einzelne Elemente der Barcamp Kultur in den regulären Unterricht integrierbar.

Dazu gehören:

  1. Einstieg
    Themenschwerpunkt, Vorgehen und Produkt werden durch die Schülerinnen und Schüler selber bestimmt. Einzig die große thematische Einordnung wird vom Lehrenden vorgegeben.
  2. Prozess
    In regelmäßigen Abständen unterziehen sich die Schülerinnen und Schüler einem reality-check, um sich über dem Fortgang der eigenen Arbeit und das anvisierte Ziel ein Urteil von den Anderen einzuholen.
  3. Ergebnis
    Die Präsentation der Ergebnisse ist kein Vortrag, sondern eine durch die Schülerinnen und Schüler selber gestaltete Zeiteinheit: Impulsreferat, Hintergrundinformationen, Erklärungen und offene Diskussion….

Erste Erfahrungen

Im Schuljahr 2009/2010 habe ich am Ende der 11. Klasse im sozialwissenschaftlichen Unterricht im Rahmen der Reihe „Politische Partizipation“ das oben umrissene Konzept erprobt. Ich habe zur Erarbeitung des Themas weder einen Wochenplan erstellt noch Themen für Referate vorgegeben, sondern einzig in einer Einführungsrunde, nach einem kurzen Blitzlicht mit den Schülerinnen und Schülern, über bürgerschaftliches Engagement gesprochen und das bisherige Wissen aktiviert.

Im Anschluss an die Begegnungsphase habe ich das BarCamp-Konzept vorgestellt und die Anzahl der Sitzungen an der Tafel notiert. Im Anschluss daran habe ich die Schülerinnen und Schüler ermutigt, nach vorne zu gehen und irgendein Thema, welches ihnen spontan interessant oder relevant erscheint, vorzustellen.

Nach anfänglicher Unsicherheit, ob „der Lehrer das wirklich ernst meint“, wurden verschiedene Themen vorgestellt. Es haben sich insgesamt sechs unterschiedlich große Gruppen gefunden, die zu folgenden Themen arbeiten wollten:

  1. Ideen für ein attraktives Wuppertal
  2. Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal
  3. Wirkung von Medien auf Politik
  4. Liquid Democracy und die Piratenpartei
  5. Freistaat Christiania
  6. Kritik an Politikern

Um die Arbeit in den Gruppen transparent zu machen und Querverweise zwischen den autonomen Gruppen zu ermöglichen, wurden alle Ergebnisse, Protokolle und Planungen in einem Wiki dokumentiert.
Wir haben dazu auf Angebot von www.wikispaces.com zurückgegriffen.

In den folgenden drei Sitzungen (65 Minuten Stundenraster) haben die Schülerinnen und Schüler selbstständig an den Projekten gearbeitet. Nach der dritten Sitzung hatte jede/r Schüler/in die Aufgabe, auf mindestens einer Wikiseite einer anderen Gruppe einen Kommentar zu hinterlassen. Auf diese Weise erfolgte ein Übersichtswissen aller Beteiligten über die einzelnen Vorhaben und jede Gruppe erhielt Anregungen von außen.

Nach der vierten Sitzung hatten sich alle Gruppen einem „reality-check“ zu unterziehen, indem sie ihr ihr Thema, das Projektziel und die weitere Planung allen Mitschüler/innen vorgestellt haben. Im Anschluss an diese Kurzpräsentationen von max. 5 Minuten erfolgte ein spontanes Feedback aus den anderen Gruppen. In diesem Feedback wurden kritische Punkte, allzu utopische Ideen und mögliche weitere Netzwerkknoten / Kontakte benannt.

In den folgenden zwei Sitzungen haben die Schülerinnen und Schüler Ihre Ergebnisse zu einem vorläufigen Ende gebracht und „präsentiert“. Reihenfolge und zeitlicher Ablauf der beiden Präsentationsstunden (am Ende waren es drei, weil die Diskussionen lebhafter und ereignisreicher waren als zuerst geplant) wurde von den Schülerinnen und Schülern selber geplant.

Als Produkte sind aus diesen sieben Sitzungen entstanden:

  1. Bürgerhaushalt: Ideen für ein attraktives Wuppertal:
    Plakat und Flyer für eine Aktion „Wuppertal ist bunt“.
  2. Bürgerhaushalt: Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal:
    Erstellung und Auswertung eines Fragebogens. Umfrage unter ~50 Wuppertalern.
  3. Wirkung von Medien auf Politik:
    Einordnung verschiedener Tageszeitungen in die (Sinus-)Milieus und Planung und Vorbereitung eines Ausfluges zur Druckerei der Westdeutschen-Zeitung.
  4. Liquid Democracy und die Piratenpartei:
    Planung und Durchführung eines Interviews mit der Piratenpartei zur ,liquid democracy‘. Das Interview wurde zu einem Video geschnitten. Dauer: ~13 Min.
  5. Freistaat Christiania:
    Vorstellung der Geschichte des Freistaats Christiane durch filmische Sequenzen (leider als Filmprojekt gescheitert).
  6. Kritik an Politikern:
    Erstellung und Pflege eines Blogs mit „Vorurteilen“ über Politiker und deren Untersuchung.

Die Rolle des Lehrenden & Social Media

Da die Schülerinnen und Schüler sowohl die Themen wie auch die Produkte selber gewählt haben, konnte ich mich einem anderen, willkommenen Teil meiner Arbeit als Lehrer zuwenden: Ich durfte beraten.

Weder musste ich dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler ein von mir vorgegebenes Ziel erreichen noch dass ich die Werkzeuge, die ich aus meiner Perspektive für die Umsetzung als absolut notwendig erachte, allen Schülerinnen und Schülern, auch gegen ihr eigenes Interesse, erklären musste.

Durch die selbstständige Wahl eines Themas war der Sinn dessen, was die Schülerinnen und Schüler arbeiten, deutlich erkennbar und bedurfte keiner nachdrücklichen, extrinsischen Motivation.

Als Lehrer war ich Besucher in den Projektgruppen und konnte Wissen und Erfahrungen als Berater anbieten. Ich konnte auf mögliche Kontakte hinweisen, Ideen konkretisieren und helfen, scheinbar unzusammenhängende Gedanken zu sortieren.

Besonders beim Einsatz der Web 2.0 Technologien wie Twitter, WordPress und Wikis waren dabei deutliche Kompetenzunterschiede bei den Schülerinnen und Schülern festzustellen. Da man diese kommunikativen Werkzeuge zukünftig kaum ignorieren können wird, ist gerade in dieser Hinsicht das Projekt eine besondere Bereicherung gewesen.
Soziale Netzwerke lassen sich nur entdecken und nutzen, wenn ein sinnvoller Umgang gepflegt wird. Gerade die weiterreichende Sinnhaftigkeit ist aber bei klassischen Recherchen im Internet oft nicht gegeben. Daher ist ein produktionsorientierter Prozess anzustoßen, in dem die Lernenden als „Sender“ im Internet aktiv werden können.
Dies scheint durch die hier gewählte Form des “BarCamps im Unterricht” ermöglicht worden zu sein.

Perspektiven

Das Projekt war wegen seiner Offenheit ein Wagnis – und ist in diesem Sinne erfolgreich gewesen. Die meldeten zumindest die Schülerinnen und Schüler zurück. In der Feedback Runde in der letzten Sitzung wurden u.a. folgende Aussagen getätigt:

„Ich konnte so endlich mal Sachen machen, die wirklich eine Auswirkung haben und von denen ich und auch andere was haben.“

„Es war gut, dass wir selber etwas machen konnten. Auch wenn ich am Anfang die Sache etwas komisch fand, hab‘ ich dann doch Feuer gefangen. Wir haben in den Stunden eigentlich immer heiß diskutiert und kaum rumgehangen – wie sonst bei Gruppenarbeiten…“

„Ich fand die Sache gut, allerdings war mit das Ziel am Anfang nicht ganz klar. Dadurch sind wir etwas zu spät los gekommen. Werde da wohl beim nächsten Mal drauf achten müssen.“

Gerade auf den letzten Punkt der unklaren Zielorientierung ist beim nächsten Mal ein größeren Augenmerk richten. Dabei kann es nicht darum gehen, die Ziele für die Schülerinnen und Schüler vorzugeben, sondern das Vorgehen bei der Methode „Barcamp“ noch deutlicher im Vorfeld zu klären. Es ist möglich, dass dies zu Beginn nicht allen verständlich geworden ist.

Mehr Freiheit und Selbstverantwortung fordern bei den Beteiligten natürlich auch mehr Entscheidungen. Wenn man diese nicht trifft, fällt man gerade in der Startphase von Projekten schnell zurück. Diese Gefahr sollte von Lehrenden sensibel wahrgenommen werden um unterstützend einzugreifen.

Schule muss den Frühling finden

In seinem letzten Interview bei AllThingsDigital D8 hat der Apple CEO Steve Jobs eine schöne Metapher genutzt, um das Vorgehen von Apple in seiner bisherigen Geschichte zu beschreiben.

Oft genug haben sich die Leute über den Computerhersteller lustig gemacht und Apple für “verrückt” erklärt, wenn man harte Schnitte vollzogen habe. Dies sei bei der Einführung der 3,5″ Diskette ebenso der Fall gewesen wie bei der Absage an die serielle und parallele Schnittstellen beim iMac, der stattdessen als erster Rechner komplett auf USB setzte und damit Neuland betrat.

Heute steht Apple vor allem wegen seiner Entscheidung in der Kritik, Flash auf ihren mobilen Endgeräten nicht zuzulassen. Als Grund nennt Steve Jobs, dass die Technologie einfach nicht mehr zeitgemäß ist und es bessere Werkzeuge gäbe, um Videos im Internet wiederzugeben. Apple müsse sich aufgrund knapper Ressourcen für ein Pferd entscheiden, auf das man setze. Es bringe nichts, verschiedene Ziele zu verfolgen, wenn einem klar ist, um was es eigentlich geht. Dies sei bei dem USB Anschluss der Fall gewesen und nun auch bei Flash.

Jede Technologie erlebt die vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es sei für ein Unternehmen wie Apple entscheidend, die Technologien zu erkennen, die sich im Frühling ihrer Entwicklung befänden.

Wörtlich:

The way we succeed is by choosing what horses to ride really carefully – technically. We try to look for this technically vectors, that have a future, that headed up. Technology can go in cycles. They have their spring, and summers and autumns and then they go to the graveyard of technology. And we try to pick things in their spings. And if you choose wisely, you can save yourself a enormous amount of work  versus trying to do everything. And you can really put energy in making this new merging technologies be great on your plattform, rather to be just ok. […]

We have to get rid of things. […] And sometimes, people call us crazy. But sometimes you just have to pick the things that look like the right horse to ride forward. […]

Die Umstellungen von alten Technologien auf “neue Pferde” war nicht einfach für Apple. Der Umstieg von System 9 auf Mac OS X sei hier nur erwähnt, ebenso wie die Umstellung von PowerPC auf X86 Prozessoren. Man hat sich dennoch jedes Mal für eine harte Zäsur entschieden – und dabei sicherlich den ein oder anderen auch zurücklassen müssen. Am Ende aber war diese Strategie erfolgreich – egal wie kritisch man dem gegenüberstehen kann. Das Prinzip Microsoft, alles immer wieder in allem zu unterstützen (DOS in Windows Vista) ist nicht aufgegangen.

KönnenMüssen wir diese Erfahrungen nicht auch auf die Schule übertragen? Wäre es nicht an der Zeit, alte und überholte Konzepte, die vielleicht gerade den Herbst ihrer Existenz erfahren (Industrialisierung…) über Board zu werfen und uns den neuen Möglichkeiten zu öffnen? Wo stecken die Konzepte, die gerade ihren Frühling erleben? Sie scheinen noch nicht fertig formuliert zu sein. Ich glaube, dass beispielsweise in der Diskussion um den Leitmedienwechsel etwas steckt, was für die Schule noch prägend werden wird.

Kritische Anmerkungen zur Methode “WebQuest”

Einleitende Gedanken zur Methode „WebQuest“, wo die Wurzeln liegen und welche methodisch-didaktischen Überlegungen ihr zu Grunde liegen, finden sich in einem Artikel von Mai und Meeh. Die Autoren stellen heraus, dass das WebQuest nach Dodge vor allem unter zeitökonomischen Gesichtspunkten für eine Recherche im unterrichtlichen Rahmen eine gute und kalkulierbare Struktur vorgibt.
Durch Einsatz der Methode lassen sich typische Probleme bei der Internetrecherche mit Schülerinnen und Schüler vermeiden: u.a. ziel- und planloses Verlaufen im Internet, die Auswahl geeigneter Quellen, so dass sich damit die Effizienz der Internetnutzung deutlich erhöhen lässt.
WebQuests sind inzwischen in vielen Ausführungen verfügbar. Die dafür notwendige Technik ist bereits in diversen Portalen und Lernplattformen – oft kostenlos – integriert. Welche Rolle spielt das WebQuest aber unter methodischen Gesichtspunkten? Ist ein WebQuest eine umweltschonende Alternative für Recherche- und Selektionsarbeiten oder ein medienpädagogisch wirksames Instrument für den kritischen Umgang mit dem Internet? Wird, wie von den Autoren oft formuliert, wirklich das eigenverantwortliche Lernen mehr gefördert als im regulären Unterricht?

Aus der Erfahrung heraus möchte ich dazu fünf provokante Thesen formulieren:

1. Ein WebQuest dient dazu, die Kopierkosten der Lehrkraft zu minimieren.
Da bei der Bearbeitung / Lösung eines WebQuests kaum interaktive Momente gegeben sind, könnte man den Einsatz eines Computers oder des Internets auch als überflüssig bezeichnen. Die vom Lehrer unter didaktischen Gesichtspunkten ausgewählten Webseiten ließen sich auch ausgedruckt verteilen und von den Schülerinnen und Schülern analog bearbeiten.

2. Nur die Lehrkraft steigert durch die didaktische Vorbereitung eines WebQuests nachhaltig ihre Medienkompetenz.
Die eigentlich angestrebte Förderung der Medienkompetenz bei den Schülerinnen und Schülern, sich das Wissen selbstständig zu erarbeiten und dabei vor allem Bewertungen von Quellen zu üben, findet in diesem klassischen Rahmen eines WebQuests nicht statt. Zwar werden, wie von Mai und Meeh zitiert, „Wissenswelten“ erarbeitet und ggf. im Anschluss an das WebQuest publiziert und präsentiert, allerdings rechtfertigt dies meiner Ansicht nach noch nicht den Einsatz eines Computers.

3. Die Methode dient nur dazu, dem Lehrenden ein gutes Gefühl hinsichtlich moderner Unterrichtsmethoden zu vermitteln.
Darf der Computer als eigenständiges Werkzeug verstanden und im methodischen Einsatz legitimiert werden, wenn er nur das leistet, was bisher ein Blatt Papier – vielleicht sogar besser und flexibler – ebenfalls leisten konnte? Wird hier im Rahmen der Methode WebQuest nicht versucht, eine klassische Form von Unterricht durch den Einsatz von elektronischen Medien „modern“ zu gestalten, ohne methodisch wie didaktisch qualitativ etwas verändert zu haben?
Die Schülerinnen und Schüler wachsen als „digital natives“ in einer medienkonvergenten Welt auf, die – auch für die ganz jungen Lehrenden – fremd ist. Chatten, SMS, Youtube und flickr sind für die heranwachsende Generation eine normale Informationsquelle. Ob sie deren Wert in Gänze schätzen können ist fraglich – ob wir immer die Bibliotheken richtig genutzt haben auch.

4. Selbstständiges Lernen findet immer schon statt.
Dass durch das WebQuest das selbständige Lernen der Lernenden gefördert wird, halte ich für theoretisch. Denn durch die strenge Vorgabe der Bearbeitungsschritte und eine Vorauswahl der Quellen fehlen zwei für einen Lernprozess wesentliche Punkte: Selbstorganisation und Informationsbeschaffung.
Einzig sinnvoll könnte die Variabilität der Lerngeschwindigkeit sein, die die einzelnen Gruppen hier individuell anpassen können. Da ein WebQuest oft über mehrere Stunden erarbeitet wird und eine Sicherung am Ende in Form einer Präsentation vorgenommen wird, können die Lernenden ihre Zeit im kalkulierbaren Rahmen selber einteilen. Ein besonderes Merkmal der Methode WebQuest ist dies aber nicht und spiegelt sich in vielen freieren und handlungsorientierten Unterrichtsformen ebenfalls wieder.

5. Ein WebQuest tut keinem weh.
Bei der Auswahl eines WebQuests zur Steigerung der Medienkompetenz bei Schülerinnen und Schülern ist Zurückhaltung hinsichtlich der Auswirkungen geboten. Man sollte die Methode nicht mit allzu vielen Hoffnungen überlasten. Enttäuscht werden muss die Hoffnung, dass die Schülerinnen und Schüler durch ein WebQuest lernen, wie aus den schier unbegrenzt scheinenden Informationen des Internets durch ihre subjektive Bewertung und damit Selektion ein befriedigendes Ergebnis erzielt werden kann. Die wesentliche Arbeit dazu wurde bereits von den Autoren eines WebQuests durchgeführt. Ebenso erweitern die Lernenden nicht dem Umgang mit dem Computer, zumindest nicht über die Basis hinaus (einschalten – surfen – chatten – mailen – ausschalten), die sie aus informellen Lernprozessen ehedem schon mitbrachten.
Dennoch kann ein WebQuest einen pädagogisch wertvollen Einsatz finden. Für den Aufbau kritischer Medienkompetenz sehe ich hier zum Beispiel den Anfangsunterricht der 5. bis 8. Klasse. Die teilweise zu beobachtende Ohnmacht vor den Suchmaschinen Google, Yahoo und Co. können über ein WebQuest aufgefangen werden. Gekoppelt an eine sinnvolle Aufgabenstellung kann Schülerinnen und Schülern eine wage Vorstellung vermittelt werden, wie sich im und mit dem Internet arbeiten lässt.
Ein daran anschließender Einsatz könnte beispielsweise sein, dass eine Klasse ein WebQuest erstellt, welches von einer nachfolgenden Klasse durchgearbeitet würde, um dann Verbesserungen und Ergänzungen zu machen oder Fehler zu finden. In diesem Rahmen könnte ein WebQuest eine Art kollaborative Plattform bieten, an der jahrgangsübergreifend gearbeitet wird.
Darüber hinaus ist ein WebQuest sicherlich als Methode zu nutzen, um den Unterricht abwechslungsreicher zu gestalten, da der Einsatz oft mit einer hohen Motivation der Lerngruppe verbunden ist.


Hinweis: Eigentlich hatte ich diesen Artikel schon 2007 als Referendar für das Portal sowi-online geschrieben. Leider wurde der Text nie veröffentlicht, da die Webseite kommentarlos eingestellt worden ist. Leider.
Damit der Text nicht ganz umsonst geschrieben wurde, veröffentliche ich ihn jetzt hier unverändert.

Aufbruch an den Schulen?

Der Unterschied zwischen kritischen und dann resignativen Äußerungen zur Verwendung der IKT (Informations- und Kommunikations-Technologien) an der Schule ist oft fließend. Auch ich verfalle immer mal wieder in diese Rolle und bin hinterher nicht glücklich, wenn es wieder passiert ist.

Fest steht, dass meine persönlichen Kommunikaitonsroutinen im schulischen Alltag oft wenig anschlußfähig sind und ich gerne sehen würde, dass sich dies ändern. Leider bewegt sich die Institution aus meinen Augen viel zu langsam und ich neige dazu, frustriert zu reagieren. Nimmt man jedoch etwas Abstand ein und hört sich um, so kann man Mut schöpfen, dass sich gerade etwas beginnt zu bewegen.
Auch an den Unis, in der Wirtschaft und im privaten Umfeld scheint eine zarte Aufbruchstimmung erkennbar zu sein. Man scheint aufmerksam zu werden, dass „das Internet“ wohl doch keine vorübergehende Sache ist (schulisch gerne bezeichnet als „neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird“).

Positiv stimmen mich zum Beispiel die Prozesse an der Kaiser-Augusta Schule in Köln, die nach einer Fortbildung zu Web 2.0 Tools inzwischen mehrere Blogs führt und sogar ihre Ergebnisse der Steuergruppe in einem Blog dokumentiert. Und all dies war nicht von langer Hand geplant, sondern ist spontan entstanden und erweist sich scheinbar als erfolgreich.

Im Bekanntenkreis wie auch im Kollegium beobachte ich mehr und mehr Personen, die plötzlich mit einem Laptop daherkommen und sich für das, was man so im Internet tut, zu interessieren beginnen. Was ist ein Blog? Kann man das auch machen? Wie kann ich den Schüler einen Film bereitstellen? Wie kann ich meinen Schülern Arbeitsblätter zuschicken? Können wir nicht die Dateien austauschen?
Technik, die bisher als exotisch galt, wird Normalität: Videokonferenzen sind keine technologische Hürde mehr, sondern ersetzen mehr und mehr das Telefongespräch auch im Privaten.

Schule wäre aber nicht Schule, wenn sie sich den Übergang zu den neuen IKT nicht schwerer machen würde als nötig. Sie möchte kontrollieren und stößt hier an ihre Grenzen…

Interessant wird beispielsweise die Diskussion werden, ob man die die Schüler überfordert, wenn man Web-Tools (Wikis, Blogs und Co.) in den Unterricht integriert. Verlieren die Schüler die Übersicht, wenn unterschiedliche Lehrer, unterschiedliche Fächer und unterschiedliche Jahrgangsstufen unterschiedliche Plattformen verwenden? Sollte man dies nicht schulintern oder sogar als Schulträger vereinheitlichen und auf einen gemeinsamen Standard bringen, der für alle gilt? Auch um den Übergang von Schulformen zu ermöglichen?

Meine bisherigen Beobachtungen scheinen eine Überforderung der Schülerinnen und Schüler nicht zu bestätigen. Wiki, Blogs und moodle werden mal gut, mal schlecht angenommen – Klagen über zu viele Angebote oder verwirrende Informationsquellen hat es aber noch nicht gegeben. Eher scheint eine gewisse „Dankbarkeit“ erkennbar zu sein, dass es überhaupt Kanäle aus der Schule ins Netz gibt. Der Umgang der Jugendlichen mit sozialen Netzwerken zeigt, dass man durchaus auf vielen Inseln gleichzeitig aktiv sein kann. Sich „einen Account“ anlegen ist für Schüler nichts dramatisches – was man durchaus aus kritisch hinterfragen kann.

Vielleicht werden durch die Äußerung zur Überforderung eher die eigenen Bedenken der Lehrenden formuliert. Versuche ich mich mal von meiner Position als jemand zu entfernen, für den die Arbeit mit dem Computer in Schule und Uni schon immer normal war, dann kann man ein wenig Verständnis dafür aufbringen, wenn ältere Kollegen/innen nicht direkt in Jubel ausbrechen. Immerhin haben sie ihre akademische Laufbahn oft noch ohne intensiven Computereinsatz absolviert und ihr Selbstkonzept funktioniert auch ohne ständige Verfügbarkeit von Rechnern und Internet.

Im letzten Amtsblatt „Schule NRW“ gibt es einen – leider nicht öffentlich verfügbaren – Artikel „Veränderte Routinen durch neue Medien“, in dem die Web 2.0 Technologien vorgestellt werden. Freilich noch zaghaft wird in dem Artikel aufgezeigt, wie die IKT in Schule zum Einsatz kommen kann. Deutlich wird am Ende auch auf die Verantwortung für eine erfolgreiche Umsetzung hingewiesen: „Die größten und schnellsten Effekte [die Prozesse und Routinen einer neuen Arbeitskultur einzuführen (Anm.)] sind natürlich zu erwarten, wenn das gesamte Kollegium, an der Spitze die Schulleitung, die neuen Wege der Kommunikation und Kooperation nutzt.“

Die Zukunft der IKT an der Schule

Am 08. Dezember 2009 tagt der diesjährige IT Gipfels 2009 in Stuttgart. Bereit am Tag zuvor findet ein “Open Space” von IKT-Nachwuchskräften statt, bei dem gemeinsam mit den Mitgliedern des IT Gipfels aus Wirtschaft und Politik über Ideen gesprochen werden wird, wie der Weg vom Bildungssystem von heute zur lernenden Organisation von morgen gestaltet werden kann.

Mit der Internationalen Delphi-Studie 2030 wurde am 05.11.2009 eine Studie veröffentlicht, in der über 500 Experten ihre Prognose über die Verbreitung der ITK (Informations- und Kommunikations-Technologien) abgeben sollten. Die Experten rekrutierten sich vorwiegend aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Um die Ergebnisse zu kontrastieren, wurden auch Mitglieder von dnadigital hinzu gezogen.

Unter den 144 Thesen finden sich auch Fragen zur Zukunft der IKT im Bildungssystem. Trotz aller Wichtigkeit des Themas “Bildung” gibt es nur zwei Thesen in der Untersuchung:

  1. These 10: IKT im Unterricht
    Ein persönliches elektronisches Endgerät (z. B. Laptop) ist elementarer Bestandteil des Schulunterrichts in Deutschland.
  2. These 11: IKT in der Schule
    Die permanente Nutzung von IKT-Infrastruktur (z.B. Computer, das Internet, eBooks, Schulserver) durch jeden einzelnen Schüler ist Bestandteil des schulischen Alltags in Deutschland.

Die Einschätzung der Experten als Zukunftsradar:

IKT_Bildung

Die Grafik muss man so lesen, dass die Experten ihre Prognose abgeben sollten, bis wann die These voll eingetreten ist. Je dunkler das Blau, desto mehr Experten haben für den genannten Zeitraum ihre Stimme abgegeben.

Der äußere Rand steht für den internationalen Vergleich. Rot bedeutet: “Nachzüglerposition”

Fazit:

  • Der große Umbruch in den Schulen findet in den Jahren 2015 – 2019 statt. Hier werden digitale Endgeräte sowohl in Schule wie Unterricht flächendeckend Bedeutung gewinnen – sagen 40 % der Experten.
  • Spätestens bis 2024 könnte dieser Prozess abgeschlossen sein.
  • Bereits bis 2014 wird es an den Schulen für jede/n Schüler/in die Möglichkeit geben, digitale Endgeräte im Schulalltag einzusetzen. Das sehen zumindest knapp 30 Prozent der Experten so.

Ich halte diese Zahlen für nicht verwunderlich. Sie zeigen deutlich, dass die Notwendigkeit für eine Durchdringung der Bildungsinstitutionen gesehen wird. Dies wird besonders daran deutlich, dass eine überwiegende Mehrheit der Experten die nächstmöglichen Zeiträume ausgewählt haben – ohne direkte Handlungsnotwendigkeiten zu geben.

Andererseits zeigt das Ergebnis auch die große Unsicherheit, da für die nächsten vier Jahre keine bedeutenden Veränderungen prognostiziert werden (Ausgenommen eine bei These 11). Traut man der Bürokratie oder den Schulen selber kein größeren Veränderungen zu? Immerhin ist das Projekt “schulen ans netz” inzwischen erfolgreich beendet worden.

Meine Prognose:
Wenn sich in den nächsten Jahren die Veränderungen in der Schülerschaft weiter so fortsetzen wie in den letzten vier Jahren, halte ich die optimistischen Prognosen für den Zeitraum bis 2019 für realistisch. Vor vier Jahren gab es Klassen, in denen einzelne Schülerinnen und Schüler über eine E-mail Adresse verfügten. Heute gehört dies zum Standard und in sozialen Netzwerken bewegt man sich täglich. Auch Wikis, Blogs und Foren werden mit immer größerer Selbstverständlichkeit angenommen.

Immer häufiger treffe ich in den letzten Wochen Schüler/innen, die gerne ihren Laptop oder iPod Touch im Unterricht nutzen wollen – und dies nicht nur in der Oberstufe. Ich denke, dass sich hier zur Zeit eine kritische Masse bildet. Wenn in zwei Jahren eine überwiegende Zahl der Schüler/innen statt eines Desktop-Computers oder Fernsehers einen Laptop zum Geburtstag bekommt, werden diese in die Schule drängen und die Arbeitsweise ändern. Diesem Prozess wird man sich nicht entziehen können. Ganz nebenbei werden dabei auch die One-to-One Projekte einer Bewährungsprobe unterzogen. Aber dies ist ein anders Thema.

Die Studie findet sich bei TNS-Infratest als PDF (Achtung, 18 MB).

Das Web 2.0 ist nur ein Märchen

Das Web 2.0 ist nur die Fortschreibung der alten Volksmärchen-Tradition, die durch die Trennung von Rezeption und Produktion fast vergessen worden ist? Das behauptet zumindest meta_blum in ihrer PräsentationZur Genese offener Werke: Rotkäppchen 2.0, Medienwandel und schriftliche Mündlichkeit“.

Vielleicht eignet sich ein solch illustrer Zugang, um die “neue” Dynamik der so genannten Web 2.0 Technologien verständlicher zu machen. Es ist fassbarer als die abstrakten Überlegungen derer, die eh täglich im Web unterwegs sind und sagen: “Kann man nicht beschreiben, musst Du mal probieren”. Das hilft jenen, die es noch nicht probiert haben, wenig.

Die Präsentation ist in einer ersten Version auf der Re:publica 09 gehalten worden.