Schlagwort-Archive: Lernen

Schulkultur im Wandel

Unsere Schulen sehen sich heute einer Zerreißprobe ausgesetzt. Ihre tradierten Vorstellungen geraten mit immer mehr gesellschaftlichen Entwicklungen in Konflikt, angetrieben durch eine Digitalisierung aller Lebensbereiche. Was ist da los? Haben wir etwas verschlafen?

Beginnen wir mit einer kleinen Bestandaufnahme einer allgemeinen deutschen Schule. Trotz Föderalismus sind die wesentlichen Bedingungen überall gleich und bedürfen keiner gesonderten Unterscheidung.
Das höchste Ziel, die höchste von der Schule auszusprechende Weihe, ist das Abitur, die allgemeine Hochschulreife. Mit diesem Zertifikat wollen wir an den Schulen die kulturelle und organisatorische Fähigkeit bestätigen, das Leben zu meistern. In nicht wenigen Abiturreden wird es in den nächsten Montagen wieder heißen, dass die SchülerInnen nun bereit seien „ins Leben entlassen zu werden“.

Ist es bereits seit jeher fraglich, warum hier Leben und Schule als zwei unterschiedliche Bereiche angesehen werden, so muss man heute feststellen: Das, was Schule vorbereitet, hat mit dem Leben und dem Beruf immer weniger zu tun. Weiterlesen

Zu Rückriems „Lernen ohne Pflichtschule“

In einem Blogbeitrag hat sich Georg Rückriem Gedanken über das Verhältnis von Schule, Sinn und Invidividuum gemacht. Sein Artikel: „Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich?“ findet sich hier. Lesenswert!

Interessant an seiner Ausführung ist das Verhältnis von Individuum und dem Lernkonzept, welches wir in der Schule institutionalisiert haben.

Das bisherige Konzept des sich zur Eigenständigkeit entwickelnden Individuums – mit dem immanenten Widerspruch zwischen absichtsvoller Erziehung und selbstreferentiellen Subjektkonzepten – ist ein zentrales Problem der Pädagogik. Luhmann/Schorr lösten das damit einhergehende „Technologiedefizit der Erziehung“ durch die „taktvolle Kommunikation“ [mehr…] und attestierten der Pädagogik damit ein Technologieverdikt. Weiterlesen

Reflexionen im Schulalltag

In einer kleinen – inzwischen abgeschlossenen – Blogparade warf Torsten die Frage nach den reflektierenden Praktikern auf. Find ich gut, daher mache ich mit.

Bei mir finden wesentliche Reflexionen über den Unterricht und das Curriculum in den Fachgruppen und den Jahrgangsteams statt. Außerdem spielt „Kaffee und Kuchen“ eine besondere Rolle.

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„BarCamp“ trifft Schule

Die Idee

Unterricht ist in seiner alltäglichen Durchführung zumeist geprägt durch Lehrpläne und inhaltliche Vorgaben. Den Veränderungen hinsichtlich einer größeren Berücksichtigung der Kompetenzen bei der Planung des Unterrichts steht meist eine lang etablierte Kultur der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gegenüber.

In dem folgenden Konzept möchte ich einen Ansatz vorstellen, der die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler und ihre Verantwortung für den Lernprozess in den Mittelpunkt stellt. Dieser Anspruch kann gesichert werden, weil den Schülerinnen und Schülern nachhaltig Gestaltungsspielraum bei der Wahl der Inhalte zugestanden wird. Dies führt nicht zu einer Vernachlässigung der inhaltlichen Anforderungen, die durch die Richtlinien und Lehrpläne gegeben sind. Diese bilden vorerst weiterhin der Handlungsrahmen von Unterricht. Gestaltungsspielraum soll den Schülerinnen und Schülern bei der methodischen Herangehensweise und der thematischen Schwerpunktsetzungen gegeben werden. Indem Schülerinnen und Schüler selber Entscheidungen treffen dürfen, werden sie in den folgenden Handlungsschritten mehr Verantwortung tragen und eine größere Motivation erfahren.

Möglich wird dies durch das Zusammenführen der in den USA populären und auch in Europa stark wachsenden BarCamp Kultur mit dem Unterricht in den Schulen.

Das Barcamp

Die Idee der Barcamps ist im Jahr 2005 aus einem offenen Konferenzformat entstanden, bei dem die Teilnehmer nachhaltig selber Verantwortung für die Ausgestaltung einer Tagung übernehmen. In ähnlicher Form werden auch Open-Spaces im Vorfeld von ‚klassischen‘ Konferenzen als Ideenwerkstatt durchgeführt.

Die Organisationsform Barcamp unterscheidet sich in ein paar Bedingungen grundsätzlich von dem Format herkömmlicher Konferenzen. Im Vorfeld wird von den Initiatoren einzig ein übergeordnetes Thema und ein Ort bekanntgegeben. Die Veranstalter sorgen nur für Versorgung, Infrastruktur und genügende Räumlichkeiten. Inhaltliche Vorarbeit darf nicht geleistet werden.

Die Tagung selber beginnt mit einer kurzen Vorstellungsrunde aller TeilnehmerInnen. Dieser Schritt ist ritualisiert und wird, um die Zeit der Vorstellung zu begrenzen, auf drei so genannte Tags beschränkt. Jede/r TeilnehmerIn nennt also ihren/seinen Namen und drei Schlagworte, die sie/ihn charakterisieren. Dies kann die Berufsbezeichnung sein, ein Projekttitel oder andere Begrifflichkeiten (die bestenfalls Netzwerkpotential und Wiedererkennungswert haben). Als Beispiel für meine Person:

„Felix Schaumburg, #lehrender, #bildunskatalysator, #edushift“.

Nach der Vorstellungsrunde stellen alle Teilnehmer, die gerne mit den anderen Besuchern über ein Thema sprechen wollen oder einen Vortrag vorbereitet haben, ihr Thema dem Plenum vor. Nach der Kurzvorstellung erfragen sie im Plenum, ob Interesse an einem solcher „Session“ besteht. Die Meldungen des Plenums sind zu diesem Zeitpunkt keine Zusage zu einem „Session“, sondern nur ein allgemeines Stimmungsbild, ob das Thema überhaupt als relevant angesehen wird.

Im Anschluss an diese Runde werden die Titel der Veranstaltung (Sessions) auf ein Blatt geschrieben und an den so genannten Sessionplan gehängt. Dieser bietet eine Übersicht über alle verfügbaren Räume und eine Zeiteinteilung in so genannte ’slots‘. In der Regel  hat ein slot eine Dauer von 45 Min. Danach schließt sich eine Pause von 15 Min. an bevor die nächste Session startet.

In kurzer Zeit ergibt sich auf diese Weise ein Konferenzplan, der jederzeit nach individueller Rücksprache angepasst werden kann. Wie bei der Wikipedia auch, hat jede/r die Möglichkeit, konstruktiv am Konferenzverlauf mitzuwirken. Da alle TeilnehmerInnen ein echtes Interesse an der Tagung haben, sind destruktive Elemente nicht zu erwarten und werden gegebenenfalls durch ein gemeinschaftliches Korrektiv schnell aufgedeckt und behoben.

Ein BarCamp im Unterricht

Ausgehend von den eigenen Erfahrungen verschiedener Barcamps und den Berichten von Palomar5 war meine Überlegung, ob man Elemente davon nicht in den regulären Unterricht integrieren kann, um Phasen hoher Lernaktivität zu schaffen und den SchülerInnen Erfahrungen in der Projektorganisation zu ermöglichen.

Außerhalb von Themenwochen, in denen eine ganze Woche Zeit für ein Projekt zur Verfügung steht, sind nur einzelne Elemente der Barcamp Kultur in den regulären Unterricht integrierbar.

Dazu gehören:

  1. Einstieg
    Themenschwerpunkt, Vorgehen und Produkt werden durch die Schülerinnen und Schüler selber bestimmt. Einzig die große thematische Einordnung wird vom Lehrenden vorgegeben.
  2. Prozess
    In regelmäßigen Abständen unterziehen sich die Schülerinnen und Schüler einem reality-check, um sich über dem Fortgang der eigenen Arbeit und das anvisierte Ziel ein Urteil von den Anderen einzuholen.
  3. Ergebnis
    Die Präsentation der Ergebnisse ist kein Vortrag, sondern eine durch die Schülerinnen und Schüler selber gestaltete Zeiteinheit: Impulsreferat, Hintergrundinformationen, Erklärungen und offene Diskussion….

Erste Erfahrungen

Im Schuljahr 2009/2010 habe ich am Ende der 11. Klasse im sozialwissenschaftlichen Unterricht im Rahmen der Reihe „Politische Partizipation“ das oben umrissene Konzept erprobt. Ich habe zur Erarbeitung des Themas weder einen Wochenplan erstellt noch Themen für Referate vorgegeben, sondern einzig in einer Einführungsrunde, nach einem kurzen Blitzlicht mit den Schülerinnen und Schülern, über bürgerschaftliches Engagement gesprochen und das bisherige Wissen aktiviert.

Im Anschluss an die Begegnungsphase habe ich das BarCamp-Konzept vorgestellt und die Anzahl der Sitzungen an der Tafel notiert. Im Anschluss daran habe ich die Schülerinnen und Schüler ermutigt, nach vorne zu gehen und irgendein Thema, welches ihnen spontan interessant oder relevant erscheint, vorzustellen.

Nach anfänglicher Unsicherheit, ob „der Lehrer das wirklich ernst meint“, wurden verschiedene Themen vorgestellt. Es haben sich insgesamt sechs unterschiedlich große Gruppen gefunden, die zu folgenden Themen arbeiten wollten:

  1. Ideen für ein attraktives Wuppertal
  2. Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal
  3. Wirkung von Medien auf Politik
  4. Liquid Democracy und die Piratenpartei
  5. Freistaat Christiania
  6. Kritik an Politikern

Um die Arbeit in den Gruppen transparent zu machen und Querverweise zwischen den autonomen Gruppen zu ermöglichen, wurden alle Ergebnisse, Protokolle und Planungen in einem Wiki dokumentiert.
Wir haben dazu auf Angebot von www.wikispaces.com zurückgegriffen.

In den folgenden drei Sitzungen (65 Minuten Stundenraster) haben die Schülerinnen und Schüler selbstständig an den Projekten gearbeitet. Nach der dritten Sitzung hatte jede/r Schüler/in die Aufgabe, auf mindestens einer Wikiseite einer anderen Gruppe einen Kommentar zu hinterlassen. Auf diese Weise erfolgte ein Übersichtswissen aller Beteiligten über die einzelnen Vorhaben und jede Gruppe erhielt Anregungen von außen.

Nach der vierten Sitzung hatten sich alle Gruppen einem „reality-check“ zu unterziehen, indem sie ihr ihr Thema, das Projektziel und die weitere Planung allen Mitschüler/innen vorgestellt haben. Im Anschluss an diese Kurzpräsentationen von max. 5 Minuten erfolgte ein spontanes Feedback aus den anderen Gruppen. In diesem Feedback wurden kritische Punkte, allzu utopische Ideen und mögliche weitere Netzwerkknoten / Kontakte benannt.

In den folgenden zwei Sitzungen haben die Schülerinnen und Schüler Ihre Ergebnisse zu einem vorläufigen Ende gebracht und „präsentiert“. Reihenfolge und zeitlicher Ablauf der beiden Präsentationsstunden (am Ende waren es drei, weil die Diskussionen lebhafter und ereignisreicher waren als zuerst geplant) wurde von den Schülerinnen und Schülern selber geplant.

Als Produkte sind aus diesen sieben Sitzungen entstanden:

  1. Bürgerhaushalt: Ideen für ein attraktives Wuppertal:
    Plakat und Flyer für eine Aktion „Wuppertal ist bunt“.
  2. Bürgerhaushalt: Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal:
    Erstellung und Auswertung eines Fragebogens. Umfrage unter ~50 Wuppertalern.
  3. Wirkung von Medien auf Politik:
    Einordnung verschiedener Tageszeitungen in die (Sinus-)Milieus und Planung und Vorbereitung eines Ausfluges zur Druckerei der Westdeutschen-Zeitung.
  4. Liquid Democracy und die Piratenpartei:
    Planung und Durchführung eines Interviews mit der Piratenpartei zur ,liquid democracy‘. Das Interview wurde zu einem Video geschnitten. Dauer: ~13 Min.
  5. Freistaat Christiania:
    Vorstellung der Geschichte des Freistaats Christiane durch filmische Sequenzen (leider als Filmprojekt gescheitert).
  6. Kritik an Politikern:
    Erstellung und Pflege eines Blogs mit „Vorurteilen“ über Politiker und deren Untersuchung.

Die Rolle des Lehrenden & Social Media

Da die Schülerinnen und Schüler sowohl die Themen wie auch die Produkte selber gewählt haben, konnte ich mich einem anderen, willkommenen Teil meiner Arbeit als Lehrer zuwenden: Ich durfte beraten.

Weder musste ich dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler ein von mir vorgegebenes Ziel erreichen noch dass ich die Werkzeuge, die ich aus meiner Perspektive für die Umsetzung als absolut notwendig erachte, allen Schülerinnen und Schülern, auch gegen ihr eigenes Interesse, erklären musste.

Durch die selbstständige Wahl eines Themas war der Sinn dessen, was die Schülerinnen und Schüler arbeiten, deutlich erkennbar und bedurfte keiner nachdrücklichen, extrinsischen Motivation.

Als Lehrer war ich Besucher in den Projektgruppen und konnte Wissen und Erfahrungen als Berater anbieten. Ich konnte auf mögliche Kontakte hinweisen, Ideen konkretisieren und helfen, scheinbar unzusammenhängende Gedanken zu sortieren.

Besonders beim Einsatz der Web 2.0 Technologien wie Twitter, WordPress und Wikis waren dabei deutliche Kompetenzunterschiede bei den Schülerinnen und Schülern festzustellen. Da man diese kommunikativen Werkzeuge zukünftig kaum ignorieren können wird, ist gerade in dieser Hinsicht das Projekt eine besondere Bereicherung gewesen.
Soziale Netzwerke lassen sich nur entdecken und nutzen, wenn ein sinnvoller Umgang gepflegt wird. Gerade die weiterreichende Sinnhaftigkeit ist aber bei klassischen Recherchen im Internet oft nicht gegeben. Daher ist ein produktionsorientierter Prozess anzustoßen, in dem die Lernenden als „Sender“ im Internet aktiv werden können.
Dies scheint durch die hier gewählte Form des „BarCamps im Unterricht“ ermöglicht worden zu sein.

Perspektiven

Das Projekt war wegen seiner Offenheit ein Wagnis – und ist in diesem Sinne erfolgreich gewesen. Die meldeten zumindest die Schülerinnen und Schüler zurück. In der Feedback Runde in der letzten Sitzung wurden u.a. folgende Aussagen getätigt:

„Ich konnte so endlich mal Sachen machen, die wirklich eine Auswirkung haben und von denen ich und auch andere was haben.“

„Es war gut, dass wir selber etwas machen konnten. Auch wenn ich am Anfang die Sache etwas komisch fand, hab‘ ich dann doch Feuer gefangen. Wir haben in den Stunden eigentlich immer heiß diskutiert und kaum rumgehangen – wie sonst bei Gruppenarbeiten…“

„Ich fand die Sache gut, allerdings war mit das Ziel am Anfang nicht ganz klar. Dadurch sind wir etwas zu spät los gekommen. Werde da wohl beim nächsten Mal drauf achten müssen.“

Gerade auf den letzten Punkt der unklaren Zielorientierung ist beim nächsten Mal ein größeren Augenmerk richten. Dabei kann es nicht darum gehen, die Ziele für die Schülerinnen und Schüler vorzugeben, sondern das Vorgehen bei der Methode „Barcamp“ noch deutlicher im Vorfeld zu klären. Es ist möglich, dass dies zu Beginn nicht allen verständlich geworden ist.

Mehr Freiheit und Selbstverantwortung fordern bei den Beteiligten natürlich auch mehr Entscheidungen. Wenn man diese nicht trifft, fällt man gerade in der Startphase von Projekten schnell zurück. Diese Gefahr sollte von Lehrenden sensibel wahrgenommen werden um unterstützend einzugreifen.

Sechs Möglichkeiten, Lernende zu demotivieren

Dies ist ein Beitrag außer der Reihe. Ich möchte gerne den Aufsatz „Sechs Möglichkeiten, Lernende zu demotivieren“ von Manfred Prenzel vorstellen. Es gibt gelegentlich Videos und Texte, die nachhaltig wirken und die man gerne weitergeben möchte. Der Text von Prenzel gehört für mich in diese Kategorie.

Der Text fiel mir während meiner Arbeit an der Uni Wuppertal in die Hände. Jetzt, nach den ersten Jahren Schulpraxis, hat sich gezeigt, welche Bedeutung er für mich und mein Verständnis als Lehrer hat. Der Gedankenganz von Prenzel mit seinen sechs Kategorien bietet Klarheit. Besonders interessant ist dabei sein Ansatz, der dem der üblichen Bücher über ‚Motivation im Unterricht‘ entgegensteht: Er stellt keine Methoden zur Motivation vor. Prenzel sucht nach Wegen, die vorhandene Eigenmotivation der Lernenden zu schützen, indem er Aspekte der Demotivation benennt und diesen entgegenwirkt.

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Manfred Prenzel stellt zu Beginn fest:

„Trotz intensiver Anstrengungen ist es der modernen Motivationsforschung nicht gelungen, das Versprechen einzulösen, mit dem Comenius von 350 Jahren seine „Große Didaktik“ begann. Bis heute warten Lehrende und Lernende darauf, zu erfahren, wie ohne Verdruss und unnütze Mühe, dafür in Freiheit und mit Vergnügen, all das gründlich gelehrt und gelernt werden kann, was für dieses und das künftige Leben nötig ist“. (Prenzel, a.a.O.)

Und gerade weil die Motiviation der Lernenden von den Lehrenden als besonders relevant angesehen wird, interessieren sich die Lehrenden in erster Linie dafür, wie eine „hohe Motivation“ erreicht werden kann. Kaum ein Buch über Unterrichtsmethoden lässt in der Einleitung aus, dass die hohe Motivation der Schülerinnen und Schüler ein wesentlicher Bestandteil eines erfolgreichen Lernprozesses sei und dass die Motivation durch einen feinfühlig angeleiteten Methodenwechsel zu fördern sei.

Prenzel stellt jedoch klar, dass bisher nicht endgültig geklärt ist, wie „vergnügliches und gründliches Lernen erreicht werden kann“. Es sei daher nicht sinnvoll, ständig zu versuchen, Motivation zu initiieren. Vielmehr lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wie man Lernende durch den schulischen Alltag nicht mehr als notwendig demotiviert, damit die eh vorhandene Motivation erhalten bleibt.

Nach Prenzel liegt eine Demotivation dann vor, wenn die „vorhandene Lernmotivation durch fremde Eingriffe oder Maßnahmen reduziert wird“. Er geht also davon aus, dass der Lernende an sich eine hohe Motivation in den Lernprozess mitbringt. Erst durch die Interaktion innerhalb der Lernsituation (hier im Besonderen: Unterricht) wird durch unterschiedliche äußere Einflüsse die Motivation reduziert. Verantwortlich dafür ist in den meisten Fällen das Verhalten des Lehrenden.

Dabei wird Motivation bei ihm sowohl von der Bedeutung der Lerninhalte für den Lernenden abhängig gemacht, wie auch von dem Grad der Selbstbestimmung während des Lernprozesses. Sind beide Parameter hoch, so bezeichnet er den Schüler als „interessiert“. Ist sowohl Selbstbestimmung wie die Bedeutung der Lerninhalte für den Lernenden gering, so haben wir es mit einem „amotivierten“ Schüler zu tun. Da dies meist ein herbeigeführter Zustand ist, muss im Vorfeld eine Demotivation stattgefunden haben. Lehrende und Lernende kennen diesen Zustand gut.

1. Die Verantwortung der Lehrenden und die Autonomie der Lernenden

Durch die schulische Konstruktion hat der Lehrenden einen wesentlichen Einfluss für die Autonomie des Lernenden. Er trägt daher eine besondere Verantwortung. Anhand eines Experimentes zeigt Prenzel auf, dass gerade die Verantwortung, die sich die Lehrenden für den Lernprozess der Lernenden zusprechen, kontraproduktiv ist. Dies liegt daran, dass man in der Regel Produktorientiert denkt und ein festes Ziel vor Augen hat. Die Aussage „Du sollst“ steht dabei den Lernenden im Wege, eigene Wege zu entdecken und unterschiedliche Lösungen zu finden. Tückisch ist das Setting gerade deshalb, weil es oft unbemerkt bleibt und die Beteiligten im festen Glauben lässt, man würde doch nur etwas Gutes tun. Die gefühlte Verantwortung des Lehrenden steht der Autonomie des Lernenden oft diametral gegenüber.

Schule sollte weniger kontrollieren, keine engen Vorgaben machen und weniger geführte Aufgaben stellen. Stattdessen sind Bedingungen herzustellen, die autonomes Lernen ermöglichen. Dies bedeutet in erster Linie, Wahlmöglichkeiten zuzulassen und Lernenden für individuelle (=unkonforme) Wege zu ermutigen.

Fazit: Lehrende sollten einfach versuchen, weniger absichtlich und mehr unabsichtlich zu handeln und darauf vertrauen, dass mehr vom Selben erreicht wird, wenn man nicht ständig glaubt, die Verantwortung übernehmen zu müssen. Denn Lernende erreichen die Ziele meist erfolgreicher durch weniger absichtsvolles Handeln der Lehrenden. Wer darin eine Paradoxie sieht, nähert sich dem pädagogischen Dilemma.

2. Struktur, Zieltransparenz und wahrgenommene Bedeutung

Lehren bedeutet immer, dass es eine bestimmte Zielorientierung gibt. Diese ist dem Lehren konstitutiv. Jedoch schließt ein Unterricht, der Ziele verfolgt, nicht die Autonomie des Lehrenden aus. „Ohne Wissen über Ziele und ihre Begründungen, über verschiedene Zugangsmöglichkeiten und deren Konsequenzen, ist eine Autonomie ein schönes, aber leeres Ideal.“

Prenzel arbeitet die Bedeutung der Zieltransparenz heraus. Lernende müssen die Wege kennen, auf die sie der Lehrende gerne schicken möchte.

In angeführten Studien (siehe Quellennachweis) wird gezeigt, dass viele Lehrende ihre Ziele im alltäglichen Unterricht oft nicht offenlegen. Prenzel stellt dazu drei Theorien auf, warum dies der Fall ist:

  1. Lehrende wollen schnell zur Sache kommen und keine Zeit damit vergeuden, Inhalte und Ziele zu begründen, die eh nicht zur Diskussion stehen.
  2. Die Sinnbezüge liegen aus Sicht der Lehrenden eh „auf der Hand“.
  3. Wenn man Lehrziele durchdenkt, kann es dazu führen, dass die inhaltlichen Bezüge schnell über den „Tellerrand der eigenen Lehrveranstaltung“ hinausgehen und damit ein Legitimitätsproblem herbeiführen können.

Informierende Unterrichtseinstiege sind eine Möglichkeit, für diese Transparenz zu sorgen. Dies reicht alleine jedoch nicht aus, wenn der Bezug bzw. die Bedeutung für die Lernenden für sich selber nicht ersichtlich ist.
Im weitesten Sinne wird hier die „Sinn-Frage“ angeschnitten, zu der es bei Lisa Rosa ein Interview [PDF] mit Rückheim und Erdmann gibt.

3. Anpassung der Lehre an das Niveau der Lernenden: Instruktionsqualität

Prenzel unterscheidet zwei Stufen von Lernzielen:

  • höhere Lernziele -> Verstehen
  • niedere Lernziele -> Faktenwissen, Grundfertigkeiten

Durch niedere Lernziele werden Lernende deutlich mehr demotiviert als durch höhere Lernziele. Das problemlösende Lernen, bei dem man selber nachdenken und neue Wege finden kann (und muss), führt zu mehr Motivation.

4. Fehlendes Zutrauen und mangelnde Kompetenz

Lehrende kontrollieren viel. Oft sehr viel mehr als sie müssten. Wie schon im ersten Punkt (Autonomie des Lerners) angesprochen, ist oft das fehlende Vertrauen in die Lösungskompetenz der Lernenden die Ursache. Daher sollten Lehrende Vertrauen in die Kompetenzen der Lernenden entwickeln und nicht jeden Arbeitsschritt, jeden kleinen Weg kontrollieren, bewerten und reflektieren. Prenzel merkt an, das hier im besonderen Maße eine Attribution nach Geschlechtszuordnung vorgenommen wird. Dies betrifft beispielsweise die naturwissenschaftlichen Fächer, in denen „erfahrungsgemäßt die Jungen einfach besser sind“. Bei den Mädchen führen Rückmeldungen dann zu keiner hohen Motivation, die mit „Schön, dass Du es geschafft hast…“ beginnen. Auch positiv gemeinte Rückmeldungen können je nach Kontext und Bedeutung demotivierend wirken.

5. Soziale Einbindung: gehören Lernende auch dazu?

Lernende und Lehrende bilden eine Gemeinschaft. Viel zu selten gibt es das Bewusstsein, dass es eine gegenseitige Abhängigkeit gibt, die gepflegt und genutzt werden kann. Gegenseitige Partizipation an Überlegungen und in Gesprächen gehören ganz zentral dazu.

Motivational vorteilhaft ist, dass durch eine intakte Kollaboration innerhalb der Lehr-Lern-Gruppe das Bedürfnis nach sozialer Integrität gestärkt wird. Das Gefühl, dazu zu gehören und gebraucht zu werden, hat einen große Bedeutung für meine Motivation und damit für das Selbstverständnis, mit dem ich in einem sozialen Gefüge interagiere.

6. Was interessiert den Lehrenden der Lehrstoff?

Wenn Lehrende ihren Lehrstoff selber nicht sonderlich interessant finden, sondern vor allem die Lehre über eine geschichtliche Notwendigkeit argumentieren oder „weil es eben im Lehrplan steht“, dann kann nach Prenzel auch die Motivation der Lernenden nicht hoch sein. Man könnte auch sagen:

Die Motivation des Lehrenden kennzeichnet die maximale Motivation der Lernenden.

Demotivierend für eine Lernsituation ist, wenn der Lehrende das Gefühl vermittelt, die eigene Zeit zu vergeuden und kein Interesse zeigt. Was ist aber mit den Lehrenden, die jedes Jahr aufs Neue einen Lerninhalt wieder und wieder durchnehmen müssen? Prenzel gibt den Tipp, dass man den Lehrnstoff aus den Augen der Lernenden sehen sollte und so immer wieder neu entdecken kann. Der Rollenwechsel tut sein übriges, um das Verständnis für die Situation der Lernenden zu stärken.

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Wenn ich nun versucht habe, wesentliche Gedanken von Prenzel zusammenzufassen, dann ist dies sicherlich nur unzureichend gelungen. Dies betrifft besonders die Beispiele und Untersuchungen, die er zur Untermauerung seiner Thesen aufführt.

Es sei daher unbedingt empfohlen, in der nächsten Bibliothekt nach dem Buch zu suchen und sich die Seiten zu kopieren. Leider ist der Artikel bisher nicht digital veröffentlicht worden.

Quelle:
Manfred Prenzel Sechs Möglichkeiten, Lernende zu demotivieren
(in H. Gruber & A. Renkl (Hrsg.): Wege zum Können. Determinanten des Kompetenzerwerbs. Bern, Verlag Huber, 1997)

1. ADZ Barcamp 2010 in Köln

Am Wochenende hat in Köln an der iFK eine Konferenz stattgefunden, die ich mir in dieser Form schon lange gewünscht habe. Die mit Erfahrung und Ideen voll bepackten „Reformpädagogen“ aus dem ADZ Netzwerk sind auf Personen getroffen, die sich bisher vor allem auf BarCamps und EduCamps herumgeschlagen haben.

Das konnte nur spannend und reibungsvoll werden; und wurde es auch und das war gut so.

Ich habe an folgenden Sessions teilgenommen:

  • Die Blogschule
    Die KAS (in Person von Roman Deeken und André Spang) hat ihr Blog-Projekt, welches zuletzt auch auf der re:publica für Aufsehen sorgte, vorgestellt. Die scheinbare „Dramatik“, die sich hinter der Einführung von Blogs in den Unterricht und in die Schulorganisation verbirgt, war mir im Vorfeld nicht so bewusst. Dass dieser Prozess nur mit einer Öffnung einher geht, ist verständlich. Ebenso, dass sich Lehrenden eine Öffnung oft nur ungern aussetzen und gerne kontrollieren, bewerten und alles im Überblick behalten wollen. Dass die Diskussion in einer Phase der Session aber so fundamental geführt wurde, hat mich doch erstaunt. Dank einer feinfühlenden Moderation (@ViktoriaHD) ist die Grundsatzdebatte zum Glück (?) nicht vollständig ausgebreitet worden, sodass man zurück zum Thema gekommen ist: praktische Beispiele für den Einsatz im Schulalltag.
  • Alternative Bildungsabschlüsse
    Scarlett Schenk hat ihre Gedanken und Ideen zu alternativen Bildungsabschlüssen vorgestellt. Brauchen wir noch das Abitur? Ist das nicht viel zu einseitig? Können wir das Abitur abschaffen, um individuellere Abschlüsse zuzulassen und aufzuwerten? Brauchen wir überhaupt Abschlüsse für eine Schule? Welche Möglichkeiten gäbe es noch, schulische Leistung zu begrenzen oder zu zertifizieren?
    Die Diskussion war vor allen Dingen nach der ersten Session gut, weil man sich angenähert hat an die bestehende Stuktur von Schule und diese – wenn nicht gänzlich, so aber doch in Ansätzen – in Frage stellen konnte. Es hat sich eine nachdenkliche Diskussion entwickelt. Leider war die Dokumentationskultur der Sessions noch nicht so ausgeprägt, dass die Ergebnisse nachlesbar wären.
  • Web 2.0 in der Schule
    Auf eine Anregung im Plenum hin habe ich Tools vorgestellt, die ich im Unterricht und in der Zusammenarbeit mit anderen Kollegen/innen einsetze. Dabei haben vor allen Dingen Doodle und GoogleDocs großes Interesse geweckt. Besonders die Idee, über Doodle die Elternsprechtage zu organisieren.
  • Wie können digitale Medien neues Lernen fördern?
    Direkt im Anschluss an die Session zu den Web 2.0 Tools hat Guido Brombach über die neue Lernkultur gesprochen, die durch digitale Medien nötig wird (Präsentation bei Prezi.com). Ausgangspunkt war der Film „Information R/evolution“ von Michael Wesch. Durch diese Session wurden die Tools, die vorher nur angerissen wurden, in einen größeren Zusammenhang gestellt.
    Guido Brombach formulierte sieben Thesen zum Einsatz von digitalen Medien in der Bildung:

    • Der Einsatz digitaler Medien verlangt einen turn-around weg von der Frontalpädagogik
    • Medienkompetenz heisst, die digitalen Medien gestaltend und kooperativ nutzen zu können
    • Nicht die Anhäufungvon Wissen, sondern der Prozess seiner Konstruktion ist entscheidend
    • Wissen vermehrt sich bei der Nutzung, aber nur wenn es lizenzoffen zur Verfügung gestellt wird
    • Lernen braucht Alltagsrelevanz
    • Lernen heisst forschen und entdecken am Einzelfall, Reflexion und dann Induktion
    • Lernen geschieht alleine, die Konstruktion von Wissen ist immer Teil eines sozialen Prozesses
  • Lernen und Wissenschaffen
    Kurzversion einer ausgesprochen intensiven Session: Welt erschließt sich immer aus einer bestimmten Perspektive. Diese Perspektive – nennen wir sie „Brille“ – umfasst auch immer eine bestimmte Wahrheit. Konflikte und Krisen entstehen oft daraus, dass man die „Wahrheit“ des anderen nicht anerkennt. Bedeutet dies, dass die Formulierung der Relativität keinen eigenen Standpunkt mehr zulässt und alles im Ungewissen hält? Oder ist durch die Bewusstwerdung der anderen Sicht auch eine Reflexion auf die eigene, bevorzugte „Brille“ möglich? Wann und zu welcher Zeit sind Modelle als Gegenstand mit den Schülerinnen und Schülern zu thematisieren? Ist es eine Aufgabe der Sekundarstufe I oder erst für die Wissenschaftspropädeutik der Oberstufe?
  • Lernbüro & kursinterne Differenzierung
    Dorothea Vielmetter stellt die Lernbüro vor. Die iFK hat in den Fächern Deutsch und Mathematik Lernbüros installiert, die der Idee nach den Konzepten der MBS in Hamburg angelehnt sind. Ausführliche Notizen dazu wurden während der Veranstaltung in das gemeinsame GoogleDocs eingepflegt. Bitte dort bei Interesse nachlesen.
  • Experimentelles Lernen
    Abschließend gab es eine Session über die Erfahrungen, wie sich Schulen auf den Weg machen, um – nicht nur im Unterricht, sondern auch als Organisation – Lernen als Experimentieren zu begreifen. Angelehnt waren die Thesen in meinem Verständnis an das Prinzip „always beta„, welches man auch als Schule begreifen und im Alltag umsetzen muss. „Einfach mal probieren….!“
    Während der Session habe ich folgendes getwittert und würde es als Fazit stehen lassen: „Ein neues Lernen stellt Kontrolle und Beweisbarkeit grundlegend in Frage. Bildung ist frei und verbindet sich mit dem Leben.“

Neu bei Twitter sind nach dem Treffen folgende ADZler/innen:ViktoriaHD, ScarlettHMiro, Flora298, Steffifk, rpifk, peace2blossom.

(Hinweis: Dies ist kein Bericht oder eine Zusammenfassung der Diskussionen der Tagung, sondern eher eine kleine Notiz meiner ersten Eindrücke)

Zitate eines Schülers

Folgende Zitate sind frei wiedergegeben und stammen aus einem Gespräch mit einem 8-Klässler. Er geht an eine Realschule in einer größeren deutschen Stadt. Das Gespräch war eigentlich ganz familiär gestartet und wurde für mich im Verlauf irgendwie ein Härtetest…

Experimente können wir in Chemie nicht machen. Wir sind zu unruhig. Der Lehrer muss immer erstmal gelbe Karten ziehen, danach ist keine Zeit mehr.

Pflanzen können wir nicht ins Schulhaus oder in die Klassen stellen. Die würden von den Mitschülern sofort kaputt gemacht werden.

Ich habe eine 4, weil mich der Lehrer nicht so gerne mag – glaube ich.

Ich schaue den Lehrer mit offenen Augen an, damit er sieht, dass ich aufmerksam bin. Verstehe aber irgendwie nicht, worum es geht.

Von einer Lehrerin, mit der sich viele gestritten haben – aber ich nicht – habe ich eine 2 bekommen.

Unsere Lehrer schreien oft. Müssen sie auch. Was sollen die sonst machen, wenn 8-Klässler Stühle kaputtmachen und aus dem Fenster schmeißen?

Der Lehrer hat mir die Bilder für meinen Vortrag über die Regierung in Deutschland schon gegeben. Ich muss jetzt eine Präsentation daraus bauen. Reichen vier Bilder auf einer Folie?

Der Lehrer hat die Klasse nicht unter Kontrolle.

Jeder Lehrer hat eine gelbe und eine rote Karte. Bei rot muss man rausgehen – gelb ist eine Vorwarnung (Anm.: Es ging – wie sich herausstellte – um das Trainingsraumkonzept….).

Wie? An Gesamtschulen arbeiten Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten gemeinsam in einer Klasse? Geht das denn überhaupt?

Bei den Lernstandserhebungen in Englisch habe ich eine vier geschrieben. Damit kann ich dann wohl den Schulwechsel vergessen.

Bilder vom Schulhof wurden gezeigt. Eingemauertes Gelände – voll versiegelt. Grau in grau.

Ich denke, es gibt im Kleinen jede Menge Potential, Schulen auf einen besseren Weg zu bringen; auch ohne Neubauten und radikale Reformschulen.
Fangen wir bei der inneren Einstellung an, mit der Lehrende und Lernende das Schulhaus betreten. Setzen wir Verantwortungsbereitschaft und gegenseitiges Vertrauen als oberstes Ziel. Erzwingen wir nichts, sondern versuchen zu erklären. Nehmen wir uns Zeit, Sinnhaftes zu entwickeln.

Als ersten Schritt besorge jede/r – sofern noch nicht geschehen – für ihre/seine Klasse eine Pflanze und stelle diese auf einen kleinen Tisch mit Tischdecke. Einfach mal so.

Lernen und Sinn

”Warum müssen wir diesen (anstrengenden, langweiligen, …) Stoff lernen?”  fragen die Schüler. Und das System antwortet: “Weil es gut für euch ist, weil ihr es später – im richtigen Leben – brauchen werdet, weil wir es euch so sagen, weil es im Lehrplan steht …)”.

Und dann werden “Leistungsvereinbarungen”, “Lernzielvereinbarungen” usw. mit den Schülern geschlossen wie ein Vertrag, in dem sich die Lernenden verpflichten, “Verantwortung für ihr Lernen” zu übernehmen,  d.h. für Lernziele, die ihnen verordnet werden zusammen mit ihrer angeblich unstrittigen gesellschaftlichen Bedeutung.

An dieser Stelle nur ein Verweis auf den Beitrag von Lisa Rosa zum Thema Lernen und Sinn: http://shiftingschool.wordpress.com/2010/03/04/lernen-und-sinn/

Was Schule von Palomar5 lernen kann

Am Dienstag hat in Stuttgart der vierte nationale IT Gipfel stattgefunden. Dies wäre für mich nicht weiter bedeutend gewesen, wenn am Tag zuvor nicht ein von DNAdigital initiierter OpenSpace stattgefunden hätte. Das Thema lautete: Vom Bildungssystem von heute zur lernenden Organisation von morgen.

In einer der Arbeitsgruppen, die sich aus den Initiativen „Neugierde nutzen“, „selbstlernen cleverle“ und „Lernen ohne Lehrer“ spontan assoziiert hatte, hat sich eine spannende Kombination bei den Teilnehmer/innen ergeben, da wir neben interessierten Bildungsbegleiter/innen mit Jonathan Imme einen der Initiatoren von palomar5 dabei hatten. Aus der lebhaften Diskussion um Schule und ihre möglichen Ausgestaltungen kristallierten sich am Ende folgende 14 Thesen heraus, die ich hier kurz kommentiert wiedergeben möchte:

  1. Feedbackkultur statt Noten
    Noten sind ein Selektionsinstrument und lenken den Blick vom eigentlich Gegenstand weg. Bei Palomar5 hatte man als externen Motivationsmoment kurzzeitig „Geld“ eingeführt. Nach wenigen Tagen hat man sich von dieser Idee wieder verabschiedet, da die tägliche Ausschüttung für den besten „Projektfortschritt“ hemmende Neiddebatten hervorbrachte. Die sachorientierte Auseinandersetzung und Hilfe stellte sich nach Abschaffung des Geldes wieder ein.
  2. Freiräume schaffen, Zeit geben
    Um Ideen und Gedanken nachzugehen brauche ich Platz und Zeit. Das Arbeiten in engen Räumen ohne Ausweich- und Rückzugsmöglichkeiten hindert den kreativen Gedanken.
  3. Heterogene (Lern-)Gruppen mit hoher Expertise
    Als besonders positiv wurde bei palomar5 die hohe Heterogenität der Teilnehmer empfunden – sowohl hinsichtlich der kulturellen Hintergründe als auch in ihren Fähigkeiten. Heterogenität schafft Kooperation.
  4. Künstlerisches Schaffen darf kein Schulfach sein
    Die Visualisierung (von Projektideen) dient dazu, Abstand zum Gegenstand zu gewinnen und Kritik nicht als persönlich, sondern sachorientiert zu begreifen. Kunst, Gestaltung und Kreativität haben bei jeder Tätigkeit eine besondere Bedeutung, die in der Schule oft in das Fach „Kunst“ gesteckt und damit aus den anderen Fächern „mit gutem Gewissen“ verbannt werden kann.
  5. Lernräume selber gestalten
    Arbeitsräume (Klassenzimmer) müssen von den in ihnen arbeiteten Menschen (Schülerinnen und Schüler) aktiv mit gestaltet werden können. Lernen geschieht immer in gestalteten Umgebungen. Nicht umstonst wird der Raum auch als der dritte Pädagoge bezeichnet (1. Mitschüler, 2. Lehrer, 3. Raum).
  6. Verantwortung (wirklich!) delegieren
    In erfolgreichen Unternehmen und Projekten wird Verantwortung delegiert – echte Verantwortung mit Entscheidungsbefugnissen. Dies gilt nicht nur für die Schulorganisation zwischen Schulleitung und Kollegium, sondern auch zwischen Lehrenden und Lernenden.
  7. Fehlerkultur schaffen
    Fehler sind keine Fehler. „Fehler gehören zur Kultur der Innovation – Wenn man das akzeptiert, wird man stärker.“ (Albert Yu)
  8. Keine Zeittaktung
    Viele, die nicht mehr aktiv die Schule besuchen, mögen es kaum für möglich halten. Aber in der Schule findet das Arbeiten immer noch in einem getakteten Rythmus statt (45, 60, 90 Minuten oder in anderen Erscheinungsformen). Keiner hat mir bisher erklären können, wo diese Einteilung herkommt. Es scheint ein Mysterium.
    Unter solchen Bedingungen spielt es für Lernende keine Rolle, ob sie sich in ein Thema hineingefressen und möglicherweise gerade einen Flow haben. Ja,  selbst wenn man kurz vor dem casus knaxus steht, gilt: Wenn es klingelt wird den SchülerInnen eine Zwangspause verordnet, aus der sie nach kurzer Zeit pünktlich zurückgerufen werden. Natürlich wird danach nicht weiter am letzten Thema gearbeitet, sondern das neue, jetzt wichtigste Fach, kommt auf den Tisch.
    Unter diesen Bedingungen wundert es nicht, dass SchülerInnen schnell die eigene Motivation ausblenden. Was bringt es schon, wenn man am Ende doch durch das Klingeln nicht zu Ende denken darf.
  9. Keine no-go areas (Lehrerzimmer für alle öffnen)
    Lehrerzimmer sind die Räume innerhalb der Schule, in der Lehrer neben der Unterrichtstätigkeit selber arbeiten – auch quatschen, sicherlich. Warum teilen wir uns nicht die Zimmer, schaffen neue Ruheräume und ermöglichen so allen Schulmitgliedern eine vertraute gemeinsame Zusammenarbeit?
  10. Sinnstiftung „machen“
    Die Frage nach dem Sinn wird für die Schule zukünftig eine entscheidende Rolle einnehmen. Die Frage nach dem „Warum“ kann und darf nicht weiter über Verweise auf Vorgaben und Richtlinien beantwortet werden.
    Bei Lisa Rosa gibt es zum Thema „Sinnstiftung“ ein gutes Interview: „Sinnbildung lernen“
  11. Offene, personalisierte Curricula
    Wenn „Sinn“ an Bedeutung gewinnt, müssen auch die eigenen Interessen eine größere Rolle spielen. Dem kann man nur begegnen, indem man die Curricula an den Schulen öffnet. Palomar5 hat keine Projekte vorgeschlagen, sondern ein Thema gesetzt, auf welches die Teilnehmer mit unterschiedlichen Antworten reagiert haben. Die Ergebnisse sind nicht einheitlich und alle hoch ambitioniert.
  12. Leitfragen statt Fächer
    Wenn die Arbeit mit Leitfragen so gut funktioniert (was man in den Projektwochen an den Schule selber erlebt, die Erfahrung aber oft nicht mit in die „normale“ pädagogische Praxis überträgt): Warum bauen wir die Struktur von Fächern nicht um Projekte und Themenfelder herum neu auf? Ist das streng disziplinäre Denken noch aktuell? Kann man eine kritische Wissenschaftlichkeit nicht auch Projektbezogen verwirklichen?
  13. Lehrer als facilitator – Lehrer als Netzwerkmonster
    Lehrer müssen Räume vorbereiten, Lernprozesse vorausahnen und Werkzeuge bereit halten, wenn diese angefragt werden. Dazu reicht oft nicht mehr eine einzelne Person aus. Es bietet sich an, wenn der Lehrer eingebunden ist in ein großes Netzwerk, aus dem er spontan Resourcen abgreifen kann (und natürlich auch selber für Verknüpfungen zur Verfügung steht). Als humaner Resourcepool reicht in einer vernetzten Welt das Kollegium der Lehrenden nicht mehr aus.
  14. „show ´n tell“ – kooperativer Umgang zwischen allen Mitgliedern
    Bei Palomar5 gab es regelmäßig „reality checks“ und allabendlich kurze Präsentationen über den aktuellen Fortschritt. Keiner arbeitet für sich alleine, jeder kann an den Erfolgen und Arbeiten der anderen partizipieren. Dieser ehrliche, offene und kritische Umgang untereinander muss auch zwischen allen an der Schule lebenden Menschen größere Bedeutung gewinnen.

Stellwand

Rückblickend habe ich festgestellt, dass einige der Thesen so nahe beieinander liegen, dass man sie besser zusammenfassen sollte. Dies kann man noch tun. Jetzt war es mir ersteinmal wichtig, die Ergebnisse zu dokumentieren. Weiteres vielleicht später…

Anmerkung:
Palomar5 ist ein Projekt, welches vor zwei Wochen in Berlin zu Ende gegangen ist. Knapp 30 Jugendliche im Alter von 19 – 30 Jahre haben über sechs Wochen an der Frage gearbeitet „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten“. Während der Zeit waren alle Teilnehmer in der Malzfabrik in Berlin untergebracht und haben von den Organisatoren (fast) alle Wünsche hinsichtlich Material, know-how und Expertise erfüllt bekommen. Mehr zu Palomar5 findet sich auf der Webseite http://palomar5.org