Schlagwort-Archive: leitmedienwechsel

Die digitalen Medien führen zu Umwälzungen, wie wir sie seit der Verbreitung des Buchdruckes nicht mehr erlebt haben.

Schulreform von innen – oder außen?

Auf Twitter hatte ich nach einer längeren Diskussion zwischen Sabine Czerny und Christian Füller eingeworfen, dass der Systemwechsel von Schule zwar eine schulische Angelegenheit ist, er aber nur kulturell, also von außen, angestoßen werden kann. Daraufhin hat Christian Füller in seinem Blog pisaversteher.de in der ihm eigenen Art der liebevoll gesetzten Provokation beschrieben, wie es sich mit dem „innen“ und „außen“ von Schule verhält.

Er ist zu dem Schluss gekommen, dass es ein Zusammenspiel von gesellschaftlicher Entwicklung und schulischen Strukturen geben muss, wenn sich Schule verändern wird:

„Schulreform oder, grundsätzlicher, Systemwechsel, entsteht durch ein wechselseitiges Aufschaukeln der Reformer drinnen und draußen, oben und unten.“

Wie kann man dem widersprechen?
Weiterlesen

Medienkompetenz? [update]

Mit ihren Statements haben Jöran Muuß-Merholz und Lisa Rosa im Hyperland Blog des ZDF das Thema „Medienkompetenz? WTF?!“ bereichert. Es geht in dem Beitrag um eine „neue digitale Gesellschaft“, die Rolle der Medienkompetenz als Lebenskompetenz und darum, dass die Lehrenden den Lernenden ins Netz folgen müssen.

Den Netzspirit kann man nicht vermitteln, den muss man gemeinsam erleben.
(Lisa Rosa)

 

Weiterlesen

Leitmedienwechsel und …

In den letzten Tagen, auch nach dem EduCamp 2011 in Bremen, hat sich vieler Orten eine angeregte Diskussion um den Leitmedienwechsel und seine Folgen für das Schulsystem entwickelt. Es kommt ganz offensichtlich Bewegung in die Diskussion. Im Folgenden möchte ich eine unvollständige Sammlung an Links zu Artikeln notieren, die ich in dem Kontext für beachtenswert halte und mir in den letzten Tagen in die Hände gefallen sind. Ergänzungen gerne als Kommentar!
Weiterlesen

„Neue Medien“ und das ADZ Netzwerk

Wie gehen wir mit den neuen “Neuen Medien” um? Welche Rolle spielen sie in der Schule? Und welche Bedeutung schenken wir ihnen? Sind sie nur ein Tool wie andere auch, mit dem die Schüler lernen müssen, zu arbeiten? Wie ein Füller beispielsweise oder das Reagenzglas. Oder wohnt ihnen etwas inne, das mehr ist als eine digitale Form von etwas, das auch irgendwie analog ginge?

Mit dieser Fragestellung hängt direkt zusammen, welchen Begriff wir von Kommunikation haben und welche Bedeutung wir der Kommunikation schenken, die sich unterschiedlicher Kommunikations-Mittel bedienen kann. Schafft der Computer in dieser Hinsicht eine neue Qualität?

Weiterlesen

In den ‚2 plus‘ Modus wechseln

Kurz zum Kontext: Gunter Dueck wurde von Ulrike Reinhard in einem fast zweistündigen Interview zu verschiedenen Aspekten der gesellschaftlichen Veränderungen interviewt. Bei dem Gespräch ging es in erster Linie um die Veränderungen im Wirtschaftssystem und wie das Management auf die absehbaren Umbrüche der Dienstleistungsgesellschaft reagieren kann. Dueck fordert dazu auf, eine neue Gesellschaft zu konzeptualisieren: Die Exzellenzgesellschaft. Er geht dabei auch auf die Rolle der Schule ein.

Während des Videos habe ich getwittert und würde gerne die kurzen Tweets aufgreifen und weiter ausführen.

Weiterlesen

Digitale Schule 2020

Neun Jahre sind es noch bis 2020. Eine verschwindend kurze, oder viel zu lange Zeit. Es kommt auf die Perspektive an. Die Digitalisierung des Alltagslebens schreitet bis dahin mit immer größer werdenden Schritten voran. Google feiert seinen 22 Geburtstag – ist also fast doppelt so alt wie heute.
Auch in der Schule wird sich die Digitalisierung und Rationalisierung nicht verhindern lassen. Für Nostalgiker eine schwere Vorstellung, dass die Nutzung des Papiers zurück geht, der Füller nur noch als Status zählt und die Zeiten der kleinen roten Notenbücher vorbei sind. Ich möchte skizzieren, an welchen Stellen neue Arbeitsabläufe entstehen könnten, die die bisherige Praxis ablösen. Durch zentrale Datenbanken und deren Vernetzung werden sich viele Verwaltungsaufgaben in viel kürzerer Zeit erledigen lassen.

Weiterlesen

Digitale Schulbücher

Vor ein paar Tagen habe ich zwei deutsche Schulbuchverlage angeschrieben, deren Werke wir im Unterricht jahrgangsübergreifend einsetzen, ob ich als Lehrer die Bücher als PDF beziehen könnte, um damit dem Projekt „papierfreie Lehrertasche“ noch etwas Schwung zu geben.

Heute kam von beiden Verlagen die knappe Rückmeldung:

Unsere Bücher werden weder in PDF-Form angeboten, noch ist dies künftig in Planung. (Schöningh)

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass unsere Schülerbände bisher nicht als pdfs bezogen werden können. Auch eine digitale Version für das iPad ist bisher nicht geplant. (Schroedel)

Weiterlesen

Bildung und Mensch im digitalen Zeitalter

Nach den Gedanken zum „Leitmedienwechsel“ und zum „Changing Paradigms“, bei denen Ken Robinson und Hans-Peter Dürr aufgegriffen worden sind, ein Video von Gunter Dueck, welches in eine ähnliche Richtung stößt. In dem Vortrag auf der TEDxRheinNeckar spricht Dueck über das Bildungssystem und erklärt, warum Goethe es nicht gewollt hätte, dass wir heute Faust I und II lesen und sagt auch, was mit den Lehrern passiert, wenn sich das Bildungssystem geändert hat.

Dueck besitzt die Fähigkeit, Geschichten lebhaft zu erzählen und stößt zum Nachdenken an – unvermeidlich. Die 23 Minuten sollte man sich gönnen:

(Dank an @cervus, der das Video aufgetan und an @lisarosa, die es auf Twitter kräftig verbreitet hat).

Gedanken zum „Changing Paradigms“

Sir Ken Robinson hat wieder gesprochen und alle stimmen fröhlich in den Chor der Befürworter ein: “Er hat Recht” – “Gut, dass er es mal sagt” und vor allem die Hoffnung: “Jetzt wird es sicherlich einen Ruck geben”. Ich gehöre auch dazu – dabei ist die Frage, warum…? Eigentlich gibt es keinen guten Grund, außer an einem Hype teilzunehmen.
Ich versuche das letzte Video zum Anlass zu nehmen und ein paar Gedanken dazu zu notieren.

Vor ein paar Tagen wurde von RSA-Animate ein Teil einer Rede von Robinson aufgearbeitet, die er bereits am 16. Juni 2008 gehalten hatte. Audio, Video und Transcript des Vortrages gibt es bei theRSA.


Weiterlesen

Leitmedienwechsel

Auf dem 2. ADZnrw Treffen in Köln ergab sich für mich die Gelegenheit, eine Session über den Leitmedienwechsel und das Ende der Handschrift zu halten.
Ich habe in der Session die Veränderung in der Bedeutung der Handschrift zum Anlass genommen, auf einen sich abzeichnenden Wandel des Leitmediums zu verweisen. Das Popplet findet sich hier als PDF, die drei erwähnten Artikel über die Bedeutung der Handschrift finden sich hier, hier und hier.

Im Folgenden möchte ich nun weniger auf das Ende der Handschrift eingehen, sondern vielmehr die bisherigen Gedanken zum Leitmedienwechsel zusammentragen und verknüpfen.

Der Leitmedienwechsel

Das erste Mal bin ich bei Lisa Rosa auf den Begriff ‚Leitmedienwechsel“ gestoßen. Sie formuliert beispielsweise in ihrem Beitrag zum EduCamp 2010 in Hamburg die These, dass sich die Struktur des Gehirns durch die Nutzung des Mediums grundlegend ändern kann.

Was sind Leitmedien?

„Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien“ (nach N. Luhmann, „Die Realität der Massenmedien“).
Kommunikation ohne Medien ist nicht möglich. Daher ist das Medium auch nicht nur als ‚Neue Technologie‘ zu verstehen, sondern als jede Form, in der Menschen miteinander in Interaktion treten und kommunizieren.

Das Werkzeug der Kommunikation, also das Medium, ermöglicht einerseits den Informationsaustausch, andererseits begrenzt es aber auch gleichzeitig die Art und Weise, wie wir kommunizieren können. Wir können uns nur über Inhalte austauschen, die begrifflich im Medium beschrieben werden können, also gesetzt sind. Dinge, für die wir keinen Begriff haben, sind nicht kommunizierbar oder können nur über Gleichnisse dargestellt werden – womit sie einem noch höheren Fehler unterliegen als die gemeine Kommunikation selber.
Wenn im Medium die Begriffsbildung eingeschränkt ist und damit die Art, wie wir uns über die Umwelt austauschen können, dann bedingt die Limitierung des Mediums auch unsere Wahrnehmunug der Realtität. Wir können nur sehen und erklären, worüber wir uns kollektiv schon einen Begriff gebildet haben.
Dies hat weitreichende Folgen für die Perspektive, wie wir die Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte sehen. Die Entwicklung der Technologien beispielsweise ist damit direkt abhängig von dem verwendeten Medium.

Welche Leitmedien haben uns in der Geschichte bisher begleitet?
Dazu hat M. Giesecke vier wesentliche Abschnitte definiert:

Deiktische und orale Phase

Kommunikation über Gestik, dann über Sprache – Frühzeit bis Jungsteinzeit.
Ohne die Abstimmung zwischen Jagenden war die Versorgung einer größeren Gruppe nicht möglich. Erst durch die ‚Erfindung‘ der Sprache waren die möglichen Absprachen genügend differenziert, um komplexe Abläufe wie die Vorratshaltung und Herrschaftsansprüche zu formulieren und koordinieren, ohne die es keine Seßhaftwerdung der Menschen gegeben hätte.

Skriptographische Phase

Kommunikation über Schrift – erstmals ~3000 v. Chr. in Mesopotanien.
Schrift ermöglichte es den Menschen, Planungen und komplexe Berechnungen über einen momentanen Einfall hinaus zu konservieren und so auch Prozesse an unterschiedlichen Orten sinnvoll zu koordinieren. Auch die zuverlässige Weitergabe von Informationen über die generationalen Begrenzungen waren durch die Erfindung einer Schrift möglich. Einen gesicherten Informationsstand konnte man von Generation zu Generation übertragen.
Hätten die Ägypter das schriftliche Medium nicht beherrscht, wäre ihre Hochkultur unmöglich gewesen. Die Pyramiden sind ohne die Schriftkultur nicht vorstellbar.

Typographische Phase

Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert.
Durch den Buchdruck wird die massenweise Verbreitung von Gedanken ermöglicht, sodass auch Menschen, die bisher nicht zur Elite gehörten, grundsätzlich Zugriff auf Gedanken anderer Menschen haben, denen sie nicht persönlich begegnet sind. In erster Konsequenz betraf das die Kirche, die ihre alleinige Deutungshoheit über die Bibel verloren hat (Übersetzung und Vervielfältigung).
Im Fortgang der Geschichte wurde durch den Buchdruck, die Erweiterung der gebildeten Bevölkerungsschichten und den Gedankenaustausch über die lokale Sphäre hinaus aber auch die Industrialisierung ermöglicht. Ohne den Burchdruck hätte es die Entwicklung der Dampfmaschine und damit die Industrialisierung der europäischen Gesellschaft nicht gegeben.

Digitale Phase

Mit den Datenbanken und der digitalen Datenverarbeitung beginnt diese Phase, bei der sich dann, durch die Vernetzung von Informationen, ein ganz neuer Nutzen zeigte: Das nicht lokal gebundene, vernetzte Denken entstand durch die Einführung des ARPANET und wurde besonders durch die Einführung des WWW einer breiteren Öffentlichkeit verfügbar gemacht und wurde mit der begrifflichen Umschreibung des ‚Web 2.0‘ auch als breiteres Mitmach-Medium aufgefasst.

Interessant an der Einteilung von Giesecke ist, dass sich die Verfügbarkeit des Leitmediums im Laufe der Zeit gravierend geändert hat.

  • Oral
    Jeder hat in gleicher Weise partizipiert. Die Sprache stand allen zur Verfügung.
  • Skriptographisch
    Nur Eliten hatten Zugriff, waren Eingeweihte. Vor allem religiös genutzt.
  • Typographisch
    Wiederentdeckung des ‚Massen’mediums. Ordnungsmacht liegt jedoch bei den Sendern. Empfänger/Leser können nur aus unterschiedlichen Angeboten wählen, die ökonomisch geregelt und damit begrenzt sind.
  • Digital
    Im ‚Web 2.0‘ vermischen sich Sender und Empfänger und es entsteht eine neue Form der Öffentlichkeit. Das Medium eignet sich grundsätzlich als generalisiertes Kommunikationsmedium, wird aber noch nicht als solches genutzt.
    Einige gehen soweit, dass sie von einer neuen Kultur der Polis, also einer potentiell hierachiefreien Kommunikation unter Gleichen, sprechen, die sich entwickeln könnte.
    (Zur Verfolgung dieser These bitte bei mspro nachlesen: ‚Das radikale Recht des Anderen‚)

Was bedeutet das ‚digitale‘ Leitmedium für die heutige Gesellschaft?

Das ‚digitale‘ in der Bezeichnung täuscht darüber hinweg, um was es eigentlich geht: Netzwerke, Beziehungen, Formen, Strukturen und Prozesse. Es geht nicht mehr nur alleine um die Weiterreichung einer Information, sondern die Einbettung derselben in ein Netzwerk und damit um einen Entwicklungsprozess, über dessen Verlauf man mal mehr, mal weniger exakte Aussagen treffen kann. Gelegentlich wird der Prozess auch erst durch einen ‚Anderen‘ sichtbar gemacht, der Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu einer neuen Information verknüpft.
Es geht bei dieser neuen Entwicklung um ein neues, nicht-lineares Denken, welches man vielleicht als organische Kommunikation bezeichnen könnte. Die Welt befindet sich in einem beständigen Wandlungsprozess, über den man heute noch keine Aussagen machen kann. Dies betrifft auch die Sinneinbettung von Informationen, die morgen eine andere sein kann als heute beabsichtigt.

Das WWW ist selber kein überraschendes Gottesgeschenk, das wir nun irgendwie nutzen lernen dürfen, sondern steht in einem Erkenntnisprozess, der in einzelnen Disziplinen bereits vor gut 100 Jahren angestoßen worden ist. Dies gilt auch für den Buchdruck und die anderen Leitmedien, die im Rahmen einer gesellschaftlichen Entwicklung entstanden sind und durch Einzelprozesse vorbereitet worden sind. Zwei Beispiele für den ‚digitalen‘ Shift:

Die Systemtheorie in der Soziologie ist ein Beispiel fur die Ansätze eines ’neuen‘ Denkens. In der Systemtheorie geht es immer um die Beziehung des Einzelnen zum Gesamten. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, aus welcher Perspektive und mit welcher Zoom-Stufe ich einen sozialen Sachverhalt betrachte und was in der jeweiligen Situation das ‚Gesamte‘ und das ‚Einzelne‘ sind. Dabei geht es nicht um ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘, sondern um eine Komplexitätsreduktion zum Zwecke einer Differenzierung. Das Individuum als zentrales Element der Soziologie hat ausgedient und wird zu einem System-Geflecht von sozialen und physischen Systemen.

Die Physik hat diesen Paradigmenwechsel bereits Anfang des letzten Jahrhunderts vollzogen und unter viel Gegenwind postuliert, dass Materie nicht aus ‚Materie‘ besteht, sondern aus nicht fassbaren Formen, die nur als Materie begriffen werden kann. Das Atom als kleine Einheit wurde verworfen. „Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig“ (H-P Dürr, s.u.). Die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie sind Kennzeichen dieser Entwicklung. Da ich auf diesem Bereich kein Experte bin, verweise ich gerne auf das lesenswerte Buch von Hans-Peter Dürr: ‚Warum es ums Ganze geht‘, in dem er ausgehend von seiner Zusammenarbeit mit Heisenberg die Möglichkeiten einer ‚anderen‘ Gesellschaft aufzeigt.

Und was bedeutet das für die Schule? Ich weiß es nicht. Die Wahrscheinlichkeit einer Änderung ist erkennbar – ja für das System notwendig. Einfach nur so weiter – geht es sicher nicht…

Hinweis:
Den Entwurf für den Artikel habe ich im Urlaub geschrieben, als ich offline und damit der Netzwelt ein wenig entrückt war. Umso erstaunlicher war es, dass ich nach der Rückkehr sehen durfte, dass auch
Jöran Muuß-Merholz ebenfalls zeitgleich (?) an einem Artikel zum Leitmedienwechsel geschrieben hat. Wer hier durch ist, sollte dort unbedingt weiter machen: „Leitmedienwechsel – Schule und Lernen in digitaler Vernetzung„.