Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Systemtransformation

Eine vertrackte Situation: Dieser Tage müssen die politischen Entscheidungsträger das weitere Vorgehen festlegen, wie mit der Schuldenkrise in Griechenland umzugehen sei. Und es ist ja potentiell nicht nur Griechenland. Andere europäische Staaten sind ebenso gefährdet wie Städte und Kommunen in Deutschland.

Was bedeutet dies strukturell betrachtet? Ein System, das offensichtliche Schwächen zeigt, soll mit den bestehenden Methoden erfolgreich saniert werden? Ist eine Selbstheilung im jetzigen Stadium noch möglich?
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Dueck: Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem

Wer den Vortrag von Gunter Dueck (wilddueck) im Rahmen der re:learn bisher noch nicht gesehen hat, sollte dies nachholen. Er fasste auf der re:publica 2011 viele seiner Gedanken zusammen und besticht dabei vor allem durch seine Art, Geschichten zu erzählen. Nach der re:publica 2011 hat er seinen Vortrag als den „vielleicht besten in meinem Leben“ bezeichnet.

Kleine Appetithäppchen:

  • Wer hat heute einen Job, den man nicht durch eine Webrecherche erfüllen könnte?
  • Was können Sie einem Menschen noch sagen, wenn der andere sich 2 Stunden vorbereitet hat?
  • Welche Berufe bleiben in Zukunft noch übrig?
  • Das Internet macht fachliches Wissen obsolet! Der Lehrer muss wirklich pädagogisch arbeiten – der Rest ist wertlos geworden.
  • Als Lehrer haben Sie doch nichts mehr in der Hand. Nur noch: Sie müssen es SO interpretieren.
  • Das Wissen der Welt muss in Youtube – von den „echten“ Denkern, wir brauchen keine Amateur-Intelligenz mehr.

Kurz: anschauen.

Zitate eines Schülers

Folgende Zitate sind frei wiedergegeben und stammen aus einem Gespräch mit einem 8-Klässler. Er geht an eine Realschule in einer größeren deutschen Stadt. Das Gespräch war eigentlich ganz familiär gestartet und wurde für mich im Verlauf irgendwie ein Härtetest…

Experimente können wir in Chemie nicht machen. Wir sind zu unruhig. Der Lehrer muss immer erstmal gelbe Karten ziehen, danach ist keine Zeit mehr.

Pflanzen können wir nicht ins Schulhaus oder in die Klassen stellen. Die würden von den Mitschülern sofort kaputt gemacht werden.

Ich habe eine 4, weil mich der Lehrer nicht so gerne mag – glaube ich.

Ich schaue den Lehrer mit offenen Augen an, damit er sieht, dass ich aufmerksam bin. Verstehe aber irgendwie nicht, worum es geht.

Von einer Lehrerin, mit der sich viele gestritten haben – aber ich nicht – habe ich eine 2 bekommen.

Unsere Lehrer schreien oft. Müssen sie auch. Was sollen die sonst machen, wenn 8-Klässler Stühle kaputtmachen und aus dem Fenster schmeißen?

Der Lehrer hat mir die Bilder für meinen Vortrag über die Regierung in Deutschland schon gegeben. Ich muss jetzt eine Präsentation daraus bauen. Reichen vier Bilder auf einer Folie?

Der Lehrer hat die Klasse nicht unter Kontrolle.

Jeder Lehrer hat eine gelbe und eine rote Karte. Bei rot muss man rausgehen – gelb ist eine Vorwarnung (Anm.: Es ging – wie sich herausstellte – um das Trainingsraumkonzept….).

Wie? An Gesamtschulen arbeiten Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten gemeinsam in einer Klasse? Geht das denn überhaupt?

Bei den Lernstandserhebungen in Englisch habe ich eine vier geschrieben. Damit kann ich dann wohl den Schulwechsel vergessen.

Bilder vom Schulhof wurden gezeigt. Eingemauertes Gelände – voll versiegelt. Grau in grau.

Ich denke, es gibt im Kleinen jede Menge Potential, Schulen auf einen besseren Weg zu bringen; auch ohne Neubauten und radikale Reformschulen.
Fangen wir bei der inneren Einstellung an, mit der Lehrende und Lernende das Schulhaus betreten. Setzen wir Verantwortungsbereitschaft und gegenseitiges Vertrauen als oberstes Ziel. Erzwingen wir nichts, sondern versuchen zu erklären. Nehmen wir uns Zeit, Sinnhaftes zu entwickeln.

Als ersten Schritt besorge jede/r – sofern noch nicht geschehen – für ihre/seine Klasse eine Pflanze und stelle diese auf einen kleinen Tisch mit Tischdecke. Einfach mal so.

Tabus über dem Lehrberuf

Mit Barbarei meine ich […] das Äußerste: wahnhaftes Vorurteil, Unterdrückung, Völkermord und Folter; darüber soll kein Zweifel sein. Dagegen anzugehen, ist – so wie die Welt im Augenblick aussieht, in der, zumindest temporär, keine weiter reichenden Möglichkeiten sichtbar sind – vor allem anderen an der Schule. Deshalb ist es, trotz aller theoretisch-gesellschaftlichen Gegenargumente, gesellschaftlich so eminent wichtig, daß sie ihre Aufgabe erfüllt und dazu hilft, daß sie des verhängnisvollen Erbes an Vorstellungen sich bewußt wird, das auf ihr lastet.

Th. W. Adorno: Tabus über den Lehrberuf (PDF)

Warum ist das hier blogge? Weil ich den Text vor kurzem gefunden habe und ihn trotz seines Alters (1965) für hinreichend halte, um über die weiterhin bestehenden strukturellen Begebenheiten, die Schule heute noch prägen, aufzuklären und eine Perspektive zu eröffnen, wie damit umzugehen sei.

Daher mein Tipp, ihn zu lesen. Sind ja (bald) Osterferien.

Von China lernen

Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass wir uns in Europa über die in China praktizierten Methoden zur inhaltlichen Kontrolle des Internets echauffierten. Rund um die Olympischen Spiele 2008 in Peking konnte man das Gefühl haben, dass Europa nach außen nicht nur wirtschaftliche Interessen vertritt, sondern auch hinsichtlich der Freiheit der Kommunikationsmedien – die fraglos nicht immer einfach zu ertragen ist – eine klare und freiheitlich-demokratische Position einnimmt.

Dies scheint nun aber vom Tisch. Nicht erst seit den medienwirksamen Ausfällen von Ursula von der Leyen sollte klar sein, dass für viele jener Menschen, die sich gerade am Zenit ihrer Macht befinden, das Internet vor allen Dingen etwas ist, was es einzudämmen gilt. Verständlich, haben sie ihre Karrieren und Netzwerke doch vollkommen frei von Twitter, Blogs und Co. aufgebaut und sehen sich nun von den deutlich schnelleren Medien ihrer Verdienste beraubt. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat durch die neuen Technologien eine neue Dimension erreicht. Und da das Werkzeug eines Politiker gerade darin liegt, für seine Themen eine möglichst große Aufmerksamkeit zu erhalten, mag man ihnen diese „Bissigkeit“ fast verzeihen – wenn die Folgen nicht so gravierend wären.

Mit Folgen meine ich zum Beispiel diesen Ausspruch von Hans-Peter Uhl (CSU) über die ‚vorbildlichen‘ Möglichkeiten, die uns China präsentiert. Er wird im Focus folgendermaßen zitiert:

Spätestens seit den Olympischen Spielen in Peking wisse man, was möglich sei: „Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich.“ (Quelle: http://tinyurl.com/3n2uwv)

Da bleibt mir die Spucke weg…

Plötzlich näher

Die weltweite Nahrungsmittelkrise geistert seit Wochen durch die Medien. Zur Kenntnis genommen – beim nächsten Einkauf geschnaubt, dass ja wirklich einige Sachen teurer geworden sind. Das ist doch wirklich ärgerlich. Thema abgeschlossen, betrifft mich ja weiter nicht und man kann es sich ja leisten.

Dann kam diese Mail von meinem Bruder aus Lambarene/Gabun:

Ah, und dann gab es gestern auch kein Brot in Lambarene, weil das Mehl in Libreville so teuer geworden ist. Die Auswirkungen der gestiegenen Preise merkt man sofort. 1 Tag ohne Brot geht ja noch, aber wenn es Wochen werden, fände ich das nicht so cool, dann müsste man auf Reis umsteigen. Haben uns heute gleich ne ordentliche Ladung Baguette direkt von der Bäckerei abgezweigt, bin aber mal gespannt, wie es weiter geht.
Bis dann, 
Wir sitzen alle im gleichen Boot? Klar, aber wir sitzen in Europa doch halt auf den oberen Decks, sodass das langsam eintretende Wasser erstmal unten wirken kann. Vielleicht fällt uns ja noch was ein, bis es oben ankommt. Oder das Problem löst sich von selbst? Was hoffen wir eigentlich? 
Immerhin tun wir was: Mehr Entwicklungshilfe. Beruhigt das Gewissen ungemein. Morgen gehts dann unbesorgt auf eine Geburtstagsfeier – wir machen lecker Fleisch-Frikadellen für alle (als Beilage gibt es Brot).

Spießer

Hier und hier hat sich eine unterhaltsame und sicherlich nicht zielführende Diskussion um das Milieu der „deutschen Spießer“ entwickelt. Sind wirs, weil wir Bionade trinken, am Apple arbeiten und bei Manufactum einkaufen?

Bernie.1 trackbacked dazu schön:
Vor allem aber belegen Thema und Diskussion, dass der Kapitalismus auch von denen gestützt wird, die ihn ablehnen. Coca-Cola ist US-imperialistisch? Kaufen wir Thüringer Ökolimonade! BMW baut stinkende Managerprotzkarren? Bestellen wir den Prius!

Schön und immer wieder aufmerksamkeitserregend ist das zusammenstellen von Clischees in jedem Fall, wie auch Florian Illies erkannt hat und damit wahrscheinlich seinen Lebensunterhalt (Großraumlimousine, Reihenhaus, Hund ?) finanziert.