Nach den Gedanken zum „Leitmedienwechsel“ und zum „Changing Paradigms“, bei denen Ken Robinson und Hans-Peter Dürr aufgegriffen worden sind, ein Video von Gunter Dueck, welches in eine ähnliche Richtung stößt. In dem Vortrag auf der TEDxRheinNeckar spricht Dueck über das Bildungssystem und erklärt, warum Goethe es nicht gewollt hätte, dass wir heute Faust I und II lesen und sagt auch, was mit den Lehrern passiert, wenn sich das Bildungssystem geändert hat.
Dueck besitzt die Fähigkeit, Geschichten lebhaft zu erzählen und stößt zum Nachdenken an – unvermeidlich. Die 23 Minuten sollte man sich gönnen:
(Dank an @cervus, der das Video aufgetan und an @lisarosa, die es auf Twitter kräftig verbreitet hat).
Sir Ken Robinson hat wieder gesprochen und alle stimmen fröhlich in den Chor der Befürworter ein: “Er hat Recht” – “Gut, dass er es mal sagt” und vor allem die Hoffnung: “Jetzt wird es sicherlich einen Ruck geben”. Ich gehöre auch dazu – dabei ist die Frage, warum…? Eigentlich gibt es keinen guten Grund, außer an einem Hype teilzunehmen.
Ich versuche das letzte Video zum Anlass zu nehmen und ein paar Gedanken dazu zu notieren.
Vor ein paar Tagen wurde von RSA-Animate ein Teil einer Rede von Robinson aufgearbeitet, die er bereits am 16. Juni 2008 gehalten hatte. Audio, Video und Transcript des Vortrages gibt es bei theRSA.
Die Idee
Unterricht ist in seiner alltäglichen Durchführung zumeist geprägt durch Lehrpläne und inhaltliche Vorgaben. Den Veränderungen hinsichtlich einer größeren Berücksichtigung der Kompetenzen bei der Planung des Unterrichts steht meist eine lang etablierte Kultur der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gegenüber.
In dem folgenden Konzept möchte ich einen Ansatz vorstellen, der die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler und ihre Verantwortung für den Lernprozess in den Mittelpunkt stellt. Dieser Anspruch kann gesichert werden, weil den Schülerinnen und Schülern nachhaltig Gestaltungsspielraum bei der Wahl der Inhalte zugestanden wird. Dies führt nicht zu einer Vernachlässigung der inhaltlichen Anforderungen, die durch die Richtlinien und Lehrpläne gegeben sind. Diese bilden vorerst weiterhin der Handlungsrahmen von Unterricht. Gestaltungsspielraum soll den Schülerinnen und Schülern bei der methodischen Herangehensweise und der thematischen Schwerpunktsetzungen gegeben werden. Indem Schülerinnen und Schüler selber Entscheidungen treffen dürfen, werden sie in den folgenden Handlungsschritten mehr Verantwortung tragen und eine größere Motivation erfahren.
Möglich wird dies durch das Zusammenführen der in den USA populären und auch in Europa stark wachsenden BarCamp Kultur mit dem Unterricht in den Schulen.
Das Barcamp
Die Idee der Barcamps ist im Jahr 2005 aus einem offenen Konferenzformat entstanden, bei dem die Teilnehmer nachhaltig selber Verantwortung für die Ausgestaltung einer Tagung übernehmen. In ähnlicher Form werden auch Open-Spaces im Vorfeld von ‘klassischen’ Konferenzen als Ideenwerkstatt durchgeführt.
Die Organisationsform Barcamp unterscheidet sich in ein paar Bedingungen grundsätzlich von dem Format herkömmlicher Konferenzen. Im Vorfeld wird von den Initiatoren einzig ein übergeordnetes Thema und ein Ort bekanntgegeben. Die Veranstalter sorgen nur für Versorgung, Infrastruktur und genügende Räumlichkeiten. Inhaltliche Vorarbeit darf nicht geleistet werden.
Die Tagung selber beginnt mit einer kurzen Vorstellungsrunde aller TeilnehmerInnen. Dieser Schritt ist ritualisiert und wird, um die Zeit der Vorstellung zu begrenzen, auf drei so genannte Tags beschränkt. Jede/r TeilnehmerIn nennt also ihren/seinen Namen und drei Schlagworte, die sie/ihn charakterisieren. Dies kann die Berufsbezeichnung sein, ein Projekttitel oder andere Begrifflichkeiten (die bestenfalls Netzwerkpotential und Wiedererkennungswert haben). Als Beispiel für meine Person:
“Felix Schaumburg, #lehrender, #bildunskatalysator, #edushift”.
Nach der Vorstellungsrunde stellen alle Teilnehmer, die gerne mit den anderen Besuchern über ein Thema sprechen wollen oder einen Vortrag vorbereitet haben, ihr Thema dem Plenum vor. Nach der Kurzvorstellung erfragen sie im Plenum, ob Interesse an einem solcher „Session“ besteht. Die Meldungen des Plenums sind zu diesem Zeitpunkt keine Zusage zu einem „Session“, sondern nur ein allgemeines Stimmungsbild, ob das Thema überhaupt als relevant angesehen wird.
Im Anschluss an diese Runde werden die Titel der Veranstaltung (Sessions) auf ein Blatt geschrieben und an den so genannten Sessionplan gehängt. Dieser bietet eine Übersicht über alle verfügbaren Räume und eine Zeiteinteilung in so genannte ‘slots’. In der Regel hat ein slot eine Dauer von 45 Min. Danach schließt sich eine Pause von 15 Min. an bevor die nächste Session startet.
In kurzer Zeit ergibt sich auf diese Weise ein Konferenzplan, der jederzeit nach individueller Rücksprache angepasst werden kann. Wie bei der Wikipedia auch, hat jede/r die Möglichkeit, konstruktiv am Konferenzverlauf mitzuwirken. Da alle TeilnehmerInnen ein echtes Interesse an der Tagung haben, sind destruktive Elemente nicht zu erwarten und werden gegebenenfalls durch ein gemeinschaftliches Korrektiv schnell aufgedeckt und behoben.
Ein BarCamp im Unterricht
Ausgehend von den eigenen Erfahrungen verschiedener Barcamps und den Berichten von Palomar5 war meine Überlegung, ob man Elemente davon nicht in den regulären Unterricht integrieren kann, um Phasen hoher Lernaktivität zu schaffen und den SchülerInnen Erfahrungen in der Projektorganisation zu ermöglichen.
Außerhalb von Themenwochen, in denen eine ganze Woche Zeit für ein Projekt zur Verfügung steht, sind nur einzelne Elemente der Barcamp Kultur in den regulären Unterricht integrierbar.
Dazu gehören:
- Einstieg
Themenschwerpunkt, Vorgehen und Produkt werden durch die Schülerinnen und Schüler selber bestimmt. Einzig die große thematische Einordnung wird vom Lehrenden vorgegeben. - Prozess
In regelmäßigen Abständen unterziehen sich die Schülerinnen und Schüler einem reality-check, um sich über dem Fortgang der eigenen Arbeit und das anvisierte Ziel ein Urteil von den Anderen einzuholen. - Ergebnis
Die Präsentation der Ergebnisse ist kein Vortrag, sondern eine durch die Schülerinnen und Schüler selber gestaltete Zeiteinheit: Impulsreferat, Hintergrundinformationen, Erklärungen und offene Diskussion….
Erste Erfahrungen
Im Schuljahr 2009/2010 habe ich am Ende der 11. Klasse im sozialwissenschaftlichen Unterricht im Rahmen der Reihe „Politische Partizipation“ das oben umrissene Konzept erprobt. Ich habe zur Erarbeitung des Themas weder einen Wochenplan erstellt noch Themen für Referate vorgegeben, sondern einzig in einer Einführungsrunde, nach einem kurzen Blitzlicht mit den Schülerinnen und Schülern, über bürgerschaftliches Engagement gesprochen und das bisherige Wissen aktiviert.
Im Anschluss an die Begegnungsphase habe ich das BarCamp-Konzept vorgestellt und die Anzahl der Sitzungen an der Tafel notiert. Im Anschluss daran habe ich die Schülerinnen und Schüler ermutigt, nach vorne zu gehen und irgendein Thema, welches ihnen spontan interessant oder relevant erscheint, vorzustellen.
Nach anfänglicher Unsicherheit, ob „der Lehrer das wirklich ernst meint“, wurden verschiedene Themen vorgestellt. Es haben sich insgesamt sechs unterschiedlich große Gruppen gefunden, die zu folgenden Themen arbeiten wollten:
- Ideen für ein attraktives Wuppertal
- Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal
- Wirkung von Medien auf Politik
- Liquid Democracy und die Piratenpartei
- Freistaat Christiania
- Kritik an Politikern
Um die Arbeit in den Gruppen transparent zu machen und Querverweise zwischen den autonomen Gruppen zu ermöglichen, wurden alle Ergebnisse, Protokolle und Planungen in einem Wiki dokumentiert.
Wir haben dazu auf Angebot von www.wikispaces.com zurückgegriffen.
In den folgenden drei Sitzungen (65 Minuten Stundenraster) haben die Schülerinnen und Schüler selbstständig an den Projekten gearbeitet. Nach der dritten Sitzung hatte jede/r Schüler/in die Aufgabe, auf mindestens einer Wikiseite einer anderen Gruppe einen Kommentar zu hinterlassen. Auf diese Weise erfolgte ein Übersichtswissen aller Beteiligten über die einzelnen Vorhaben und jede Gruppe erhielt Anregungen von außen.
Nach der vierten Sitzung hatten sich alle Gruppen einem „reality-check“ zu unterziehen, indem sie ihr ihr Thema, das Projektziel und die weitere Planung allen Mitschüler/innen vorgestellt haben. Im Anschluss an diese Kurzpräsentationen von max. 5 Minuten erfolgte ein spontanes Feedback aus den anderen Gruppen. In diesem Feedback wurden kritische Punkte, allzu utopische Ideen und mögliche weitere Netzwerkknoten / Kontakte benannt.
In den folgenden zwei Sitzungen haben die Schülerinnen und Schüler Ihre Ergebnisse zu einem vorläufigen Ende gebracht und „präsentiert“. Reihenfolge und zeitlicher Ablauf der beiden Präsentationsstunden (am Ende waren es drei, weil die Diskussionen lebhafter und ereignisreicher waren als zuerst geplant) wurde von den Schülerinnen und Schülern selber geplant.
Als Produkte sind aus diesen sieben Sitzungen entstanden:
- Bürgerhaushalt: Ideen für ein attraktives Wuppertal:
Plakat und Flyer für eine Aktion „Wuppertal ist bunt“. - Bürgerhaushalt: Umfrage zu den Sparbemühungen in Wuppertal:
Erstellung und Auswertung eines Fragebogens. Umfrage unter ~50 Wuppertalern. - Wirkung von Medien auf Politik:
Einordnung verschiedener Tageszeitungen in die (Sinus-)Milieus und Planung und Vorbereitung eines Ausfluges zur Druckerei der Westdeutschen-Zeitung. - Liquid Democracy und die Piratenpartei:
Planung und Durchführung eines Interviews mit der Piratenpartei zur ,liquid democracy‘. Das Interview wurde zu einem Video geschnitten. Dauer: ~13 Min. - Freistaat Christiania:
Vorstellung der Geschichte des Freistaats Christiane durch filmische Sequenzen (leider als Filmprojekt gescheitert). - Kritik an Politikern:
Erstellung und Pflege eines Blogs mit „Vorurteilen“ über Politiker und deren Untersuchung.
Die Rolle des Lehrenden & Social Media
Da die Schülerinnen und Schüler sowohl die Themen wie auch die Produkte selber gewählt haben, konnte ich mich einem anderen, willkommenen Teil meiner Arbeit als Lehrer zuwenden: Ich durfte beraten.
Weder musste ich dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler ein von mir vorgegebenes Ziel erreichen noch dass ich die Werkzeuge, die ich aus meiner Perspektive für die Umsetzung als absolut notwendig erachte, allen Schülerinnen und Schülern, auch gegen ihr eigenes Interesse, erklären musste.
Durch die selbstständige Wahl eines Themas war der Sinn dessen, was die Schülerinnen und Schüler arbeiten, deutlich erkennbar und bedurfte keiner nachdrücklichen, extrinsischen Motivation.
Als Lehrer war ich Besucher in den Projektgruppen und konnte Wissen und Erfahrungen als Berater anbieten. Ich konnte auf mögliche Kontakte hinweisen, Ideen konkretisieren und helfen, scheinbar unzusammenhängende Gedanken zu sortieren.
Besonders beim Einsatz der Web 2.0 Technologien wie Twitter, WordPress und Wikis waren dabei deutliche Kompetenzunterschiede bei den Schülerinnen und Schülern festzustellen. Da man diese kommunikativen Werkzeuge zukünftig kaum ignorieren können wird, ist gerade in dieser Hinsicht das Projekt eine besondere Bereicherung gewesen.
Soziale Netzwerke lassen sich nur entdecken und nutzen, wenn ein sinnvoller Umgang gepflegt wird. Gerade die weiterreichende Sinnhaftigkeit ist aber bei klassischen Recherchen im Internet oft nicht gegeben. Daher ist ein produktionsorientierter Prozess anzustoßen, in dem die Lernenden als „Sender“ im Internet aktiv werden können.
Dies scheint durch die hier gewählte Form des “BarCamps im Unterricht” ermöglicht worden zu sein.
Perspektiven
Das Projekt war wegen seiner Offenheit ein Wagnis – und ist in diesem Sinne erfolgreich gewesen. Die meldeten zumindest die Schülerinnen und Schüler zurück. In der Feedback Runde in der letzten Sitzung wurden u.a. folgende Aussagen getätigt:
„Ich konnte so endlich mal Sachen machen, die wirklich eine Auswirkung haben und von denen ich und auch andere was haben.“
„Es war gut, dass wir selber etwas machen konnten. Auch wenn ich am Anfang die Sache etwas komisch fand, hab‘ ich dann doch Feuer gefangen. Wir haben in den Stunden eigentlich immer heiß diskutiert und kaum rumgehangen – wie sonst bei Gruppenarbeiten…“
„Ich fand die Sache gut, allerdings war mit das Ziel am Anfang nicht ganz klar. Dadurch sind wir etwas zu spät los gekommen. Werde da wohl beim nächsten Mal drauf achten müssen.“
Gerade auf den letzten Punkt der unklaren Zielorientierung ist beim nächsten Mal ein größeren Augenmerk richten. Dabei kann es nicht darum gehen, die Ziele für die Schülerinnen und Schüler vorzugeben, sondern das Vorgehen bei der Methode „Barcamp“ noch deutlicher im Vorfeld zu klären. Es ist möglich, dass dies zu Beginn nicht allen verständlich geworden ist.
Mehr Freiheit und Selbstverantwortung fordern bei den Beteiligten natürlich auch mehr Entscheidungen. Wenn man diese nicht trifft, fällt man gerade in der Startphase von Projekten schnell zurück. Diese Gefahr sollte von Lehrenden sensibel wahrgenommen werden um unterstützend einzugreifen.
An dieser Stelle ein nicht weiter kommentierter Hinweis auf einen Artikel von Claas Triebel mit dem Titel “Recht auf Internet und Reform des Bildungssystems”.
Mit allen anderen Aspekten von Computerkompetenz scheinen System und Personal unseres Input-orientierten Bildungssystems jedoch grundsätzlich überfordert zu sein: das Interesse, sich kulturell, beruflich und sozial zu engagieren, die kritische Reflexion der Nutzung, die Beurteilung von guten und schlechten Inhalten – das alles sind erstrebenswerte Ziele, deren konkrete Umsetzung in der Schul- und Hochschulpraxis jedoch gegenwärtig illusorisch erscheinen.
Notwendig wären Projektunterricht, Abkehr von zentralisierten Lehrplänen und generell die Ermächtigung der Belehrten gegenüber den Lehrenden, um die Förderung von Computerkompetenz im skizzierten Sinne zu gewährleisten. Nichts andere wäre also notwendig, als eine fast vollständige Abkehr vom derzeit geltenden Paradigma.
Für das neue Schuljahr werden wir das in den letzten beiden Jahren gewählte Prinzip für eine Sitzordnung weiter verwenden. Wir – das Klassenlehrerteam – erstellen die Sitzordnung nicht über die Köpfe der SchülerInnen hinweg. Die Argumentation “So lernt jeder mit jedem zu arbeiten und man mischt alle mal” halte ich für nicht sehr lernförderlich. Vielmehr möchte ich, dass sich feste soziale Beziehungen finden. Aus Erfahrung weiß jede/r SchülerIn, mit wem er/sie gut zusammen lernen kann. Diese Paarbindung soll beibehalten und gestärkt werden. Gleichzeitig ist es natürlich in der Verantwortung des Lehrenden, die Bestrebungen nach Abkapselung etwas aufzubrechen. Um beides zu verbinden, haben wir uns an dem Konzept der “Freundschaftsgruppe” von Siga Diepol orientiert.
- Jede Schülerin (und Schüler – ich bleibe jetzt aber bei der weiblichen Form) wählt sich eine Lernpartnerin aus. Dabei ist wichtig zu formulieren, dass die Wahl der Partnerin keine Freunschaftsansage ist – und vor allem keine Absage an eine andere Freundin. Es geht darum, einen Lernpartner zu finden, mit dem man in möglichst vielen Fächern gemeinsam lernen kann und mit dem man sich dahingehend gut versteht.
Es gilt die feste Zusage, dass diese Zweiergruppen von den Klassenlehrern nicht angerührt werden. Hier haben die Schülerinnen vollste Autonomie. - Im zweiten Schritt setzen sich alle Schülerinnen an die Gruppentische. Bei der Tischgruppenbildung muss nur die Vorgabe beachtet werden, dass an jeder Tischgruppe mindestens ein Mädchen bzw. Junge sitzt.
Da die meisten Lernpartner homogen zusammengesetzt sind, bilden sich so gemischte Gruppen. Da die Schülerinnen sich diese Gruppen selber suchen, gibt es keine Diskussionen darum, dass man “mit dem ja überhaupt nicht zusammenarbeiten kann”. Man wählt sich auch die Tischpartner.
Die Klassenlehrer halten sich aber in dieser Phase das Recht vor, nach Absprache eine Veränderung der Tischgruppen vorzunehmen, falls dies aus pädagogischen Gründen sinnvoll ist. - Die Tischgruppen bleiben so quartalsweise oder halbjahresweise bestehen. In den letzten zwei Jahren haben die Schülerinnen gelegentlich den Wunsch geäußert, die Sitzordnung zu ändern. Wenn die Klasse damit einverstanden war, wurde dies durchgeführt.
Jedoch bleibt jede neue Sitzordnung erstmal für mindestens vier Wochen konstant. Ein ständiger Wechsel führt nur zu großer Unruhe.
Das Vorteil der Methode: Die Schülerinnen haben entscheidenden Einfluss auf ihre Nachbarn und können sich so im Rahmen des Möglichen eine angenehme Lernumgebung schaffen. Wir haben in unserer Klasse keine Diskussionen darüber gehabt, dass der Sitznachbar ja eigentlich daran Schuld ist, dass man sich nicht konzentrieren kann und für alle Ablenkungen verantwortlich ist.
Siga Diepold formuliert als Vorteile:
- Eine Freundin an seiner Seite zu haben schafft ein Gefühl von Sicherheit.
- Die Gruppentische mit einer anderen Freundschaftsgruppe sorgt für Akzeptanz von anderen.
- Durch die gemischten Gruppen aus Jungen und Mädchen wird die Koedukation gefördert.
Ein flexibler Klassenraum ohne feste Sitzplätze, mit freien Plätzen, Kissen und einer kleinen Studierecke ist räumlich und personell leider nicht möglich. Man unterrichtet in einer Klasse nicht alleine und muss sich an die Wünsche der Kollegen/innen anpassen. Immerhin sind wir inzwischen so weit, dass alle die Anordnung der Tische akzeptieren, bei denen das Lehrerpult nicht zentral steht und in der Mitte viel Platz ist, um in den Stunden aktiv zu arbeiten und sich viel zu bewegen.
In den vergangenen Tagen hat sich in Blogs und bei Twitter (hier, hier, hier, hier oder hier) eine angeregte Diskussion ergeben, was “gute” Lehrer sein und wie man ihnen den Weg frei hält, die scheinbar/offensichtlich notwendigen Reformen an Schule durchzuführen. Sind “schlechte” Lehrer aus dem System zu entfernen, wie @ciffi meint? Oder ist das Problem doch eher systemischer Natur und nicht per Dekret von oben oder unten zu lösen?
Bei der Debatte ist vor allem die Definition problematisch, was unter “guten” und “schlechten” Lehrenden zu verstehen ist. Nicht, dass man nicht im Gefühl habe, welche Lehrenden im Besonderen die Schülerinnen und Schüler erreichen und welche bessere Lernumgebungen bereiten können. Diese – oft emotionalen – Meinungen jedoch in eine Kriterienliste zu packen und so eine Klassifizierung von Lehrenden vorzunehmen, ist fragwürdig.
Zwei zentrale Probleme sind:
- Legitimationsproblematik
Wer definiert, was gut und was schlecht ist? Kann eine Definition von gut (z.B.: innovativ, kooperativ, kommunikativ, teilt offen sein Wissen, …) Allgemeingültigkeit haben? Haben andere Lehrende mit anderen Vorstellungen von Schule (Wissenskanon, klassische Bildung, Werteerziehung) nicht ebenso das Recht, ihre Arbeit als “gut” zu bezeichnen?
Die Frage nach “gut” und “schlecht” führt in der Konsequenz dazu, dass die Frage der Meinungsführerschaft, also die subjektive Meinung von “gut” und “schlecht”, die Frage der inhaltichen Ausgestaltung verdrängt. Offen bleibt die Antwort auf die Frage: “Was macht einen guten bzw. schlechten Lehrerenden aus?” - Kriterienlisten
Der Versuch, eine Liste mit Kriterien für “gute Lehrer” zu finden, ist seit langem ein Wunsch der Erziehungswissenschaften und bis dato nicht gefunden worden. Viel zu heterogen gestalten sich die Lehrerpersönlichkeiten und die SchülerInnen, als dass unter diesen Umständen eindeutige Items gefunden werden könnten, was unter einem “guten” Lehrerenden zu verstehen sei. Außerdem müssten Stichproben von professionellen und “objektiven” externen Personen vorgenommen werden (Prüfungssituation), was zusätzlich problematisch ist.
Jetzt werden einige fragen: “Warum? Es gibt doch Kriterien?”.
Die “Zehn Kriterien guten Unterrichts” von H. Meyer und andere Listen über “gute” Lehrertätigkeit (schöne Übersicht bei Sebastian Dorok [PDF]) eignen sich nur eingeschränkt als Indikatoren. Zum einen lassen sich nicht alle Kriterien in jeder Unterrichtsphase gleichermaßen erfüllen. Zum anderen liegen formulierten Kriterien immer die Gefahr inne, dass sie als Handlungsziel definiert werden. Lehrende verlieren dann möglicherweise den Lernprozess selber aus den Augen und konzentrieren sich darauf, ein Kriterium besonders gut zu erfüllen. Wenn dies auch in einer Prüfungssituation gut gelingen sollte, so bedeutet dies nicht, dass es auch im alltäglichen Unterricht zur Anwendung kommt. Noch weniger bedeutet es, dass ein Kriterium isoliert betrachtet auch für “gutes” Lernen steht.
Der Lehrende wird bei definierten Kriterienkatalogen versuchen, diese zu erfüllen ohne dass er dabei wirklich ein “guter” Lehrender wird (siehe Qualitätsanalyse NRW). Erfahrung mit diesem Vorgehen machen viele Referendare, die vor allen Dingen “für den Unterrichtsbesuch” Unterricht planen und die Vorbereitung auf das Examenskolloquiums in erster Linie an den vermuteten Vorlieben der Prüfungskommisionsmitgliedern erarbeiten. Solche Lehrende sind gut, keine Frage – aber bezogen auf Prüfungssituationen. Eine hervorragende Noten im Examen stellt keine Kausalität zu “gutem Unterricht” her. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit – aber reicht das aus?
Im Unterricht werden “Soft Skills” gefragt, um dem Lernenden ein authentischer und verlässlicher Partner zu sein. Leider wird es Studienseminaren immer wieder erschwert, darauf einen Schwerpunkt der Lehrerausbildung zu legen. Die Diskussionen über die Zusammensetzung der Prüfungskommissionen nur mit Fremdprüfern zur Erhöhung der Objektivität sei hier nur erwähnt.
Bleibt die Frage, ob Schulen besser wären, wenn man “schlechte” Lehrer rauswerfen würde. Wie oben dargestellt, ist die Unterscheidung zwischen “gut” und “schlecht” kein hinreichendes Selektionkriterium.
Welche anderen Wege stehen aber zur Verfügung, um innovationshemmende Strukturen abzubauen?
- Mehr Konkurrenz zwischen Schulen
Eine Frage, die für mich immer wieder ein Dilemma hervorbringt: Wie verteile ich Lehrende auf verschiedene Schulen? Konzentriere ich gleichdenkende Lehrende an einer Schule in einem Bezirk um Leuchttürme zu schaffen? Oder verteile ich sie möglichst auf alle Schulen um überall eine ausgleichende Kultur zu erhalten. Letzteres scheint die bisherige Praxis zu sein. Sie darf hinterfragt werden.
Mehr Konkurrenz zwischen den Schulen würde die Schulen dazu zwingen, Schulprofile jenseits pädagogischer Absichtserklärungen zu formulieren und umzusetzen. Alle Beteiligten einer Schule müssten auf demokratischem Wege einen Konsens finden, wie ihre Schule gestaltet werden soll. Diese Profilierung würde dann SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen die Möglichkeit geben, sich Schulen auch entsprechend ihrer eigenen Vorstellung von “Lernen” zu wählen.
Freilich darf die Konkurrenz nicht so weit gehen, dass sich Schulen aus finanziellen Gründen aus einzelnen Stadtteilen herausziehen müssen. Das Ziel sollte eine wohl gemeinte Konkurrenz um Konzepte sein, und weniger um das Geld. - Arbeit an der Schulkultur
Schulkultur spielt auch ohne offene Konkurrenz (siehe vorheriger Punkt) eine Rolle. Ist das Kollegium zusammen mit der Schulleitung in der Lage, gemeinsame pädagogische Grundsätze zu finden? Werden diese Grundsätze auch im organisatorischen Ablauf der Schule berücksichtig und Zeiten und Räume geschaffen, in denen pädagogisch gearbeitet werden kann? Wichtiger noch: Ist eine Schule in der Lage, gemeinsam Ziele zu formulieren, an denen gearbeitet werden soll – und an denen auch alle KollegenInnen arbeiten?
Eine Steuergruppe oder offene (Schulleitungs-)Konferenzen können ein Baustein sein, die kollegiale Identifikation mit der eigenen Schule zu stärken und Kooperationen – die immer auf Vertrauen basieren – zu ermöglichen. - Seminarausbildung
Mit Lisa Rosa konnte ich vor ein paar Tagen über die Prozesse der Schulerneuerung sprechen. Dabei haben wir festgestellt, dass der Versuch, Schule zu verändern, schon an vielen Stellen unternommen worden ist. Wahrscheinlich sind die Studienseminare und die Lehrerausbildung die einzigen Stellen, um noch nachhaltig an einer Veränderung der Schule zu arbeiten um die kritische Masse von veränderungswilligen KollegenInnen nach und nach zu erzeugen.
Die derzeitigen Reformen der Referendarsausbildung sind unter dieser Perspektive kritisch zu begleiten und bei jeder Verkürzung der Ausbildung oder Erhöhung des “workloads” die Frage zu formulieren: Cui bono?
Archiv
TagCloud
ADE adz Allgemein Apps Besoldung Blog Bologna Chemie digitale schultasche Educamp edushift GEB Gesellschaft Kopfnoten Lehren Lehrer lehrertasche Leistung leitmedienwechsel Lernen Medienkompetenz Methoden Motivation Netz papierfrei Paradigma Quassel Reise schulbuch Schule schultrojaner Software Tools Transformation Twitter Umwelt Unterricht Urheberrecht Utopie Web 2.0 whiteboard Wissenschaft wochenrückblick workflow zensurTwitter
- "Dreck ist einfach mal Materie am falschen Platz." 8 hrs ago
- Zeitungen bald auch auf biegsamen Folien? Wäre was für Freunde der gefalteten Zeitung :) "E-Ink: Biegsames Farbdisplay" http://t.co/iLxI0bMz 8 hrs ago
- @scheppler Es ist was in Mache. Einen festen Termin gibts nicht. Zum nächsten Schuljahr ist es aber hoffentlich da. :-) #tt 13 hrs ago
- Nostalgie bei den @fanb0ys in #fb70 .. #omniweb #fire #versiontracker #aqua http://t.co/R7XpPxng 18 hrs ago
- Die Griechen machen jetzt einen kleinen Bankrun. 900.000.000 in den letzten Tagen. In einer Wirtschaft, die auf Giralgeld setzt, tödlich. 20 hrs ago
- More updates...
Instapaper Starred- Digitaler Minimalismus: Ein Lebensstil für die Zukunft
- heise online | EU-Rat verabschiedet Fahrplan für Digitalisierungsoffensive
- Das Urheberrecht ist keine soziale Einrichtung | Simon WeiÃ
- Gastbeitrag: Vom Tod europäischer Werte
- Wahlen in Frankreich und Griechenland - Hollande, wütende Griechen und die Vertrauenskrise
- Mein Rad
Blogs in der Schule
Blogroll Education
Aufenthaltsort
Plancast


