Schulkultur im Wandel

Unsere Schulen sehen sich heute einer Zerreißprobe ausgesetzt. Ihre tradierten Vorstellungen geraten mit immer mehr gesellschaftlichen Entwicklungen in Konflikt, angetrieben durch eine Digitalisierung aller Lebensbereiche. Was ist da los? Haben wir etwas verschlafen?

Beginnen wir mit einer kleinen Bestandaufnahme einer allgemeinen deutschen Schule. Trotz Föderalismus sind die wesentlichen Bedingungen überall gleich und bedürfen keiner gesonderten Unterscheidung.
Das höchste Ziel, die höchste von der Schule auszusprechende Weihe, ist das Abitur, die allgemeine Hochschulreife. Mit diesem Zertifikat wollen wir an den Schulen die kulturelle und organisatorische Fähigkeit bestätigen, das Leben zu meistern. In nicht wenigen Abiturreden wird es in den nächsten Montagen wieder heißen, dass die SchülerInnen nun bereit seien „ins Leben entlassen zu werden“.

Ist es bereits seit jeher fraglich, warum hier Leben und Schule als zwei unterschiedliche Bereiche angesehen werden, so muss man heute feststellen: Das, was Schule vorbereitet, hat mit dem Leben und dem Beruf immer weniger zu tun.

Beispiel? Die Prüfungen im Abitur meistern die Schülerinnen allein, als Einzelkämpfer. Sowohl in den mündlichen Prüfungen wie auch in den Klausuren – wie man es aus der ganzen Schulzeit kennt. Jede/r SchülerIn sitzt alleine an einem Tisch und schreibt mit einem Stift auf Papier eigene Gedanken, um damit zu zeigen, was er/sie gebüffelt hat. Leider werden diese Fähigkeiten im Beruf später kaum benötigt. Oder wo arbeitet man heute abgekapselt von allen Mitarbeitern und einzig und allein mit Stift und Papier?

Auf dem Weg zum Abschluss haben alle SchülerInnen einen festen Lehrplan durchlaufen. Alle das Gleiche, im gleichen Alter, mit einer gleichen Materialgrundlage. Im gleichen Rythmus. Wir haben Fachwissen, Fakten gebüffelt, oder mit etwas Glück Zusammenhänge erkannt.

Blicken wir aber in Stellenausschreibungen, so finden wir dort andere Anforderungen: Organisationstalent, Einsatzbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit, selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten… Wo können diese in der Schule heute nachhaltig entfaltet werden?

Während eines Unterrichtstages wechselt alle 45 Minuten das Fach. Wenn sich SchülerInnen auch noch so für ein Thema begeistern: Die Klingel kommt – und damit das abrupte Ende. Alle 45 Minuten kommt ein neuer Lehrer und mahnt dazu, die alten Bücher wegzustecken und die neuen herauszuholen. Es gibt keine bessere Möglichkeit, um Menschen deutlich zu machen, dass das persönliche Engagement nichts zählt. Wichtig ist einzig die Erfüllung der Pflicht, das Abarbeiten des Notwendigen. Und was notwendig ist, bestimmt der Lehrplan.

An kaum einem Arbeitsplatz sind solch kreativitätsverhindernde Arbeitsbedingungen vorzufinden. Dort geht es um persönliche Schwerpunkte, um „Feuer“, Leidenschaft.

Ist das die Schule, wie wir sie wollen? Ist das die Schule, die die Kreativität fördert, die wir dringend für die Lösung unserer globalisierten Probleme brauchen? Werden wir unseren Kindern noch gerecht?

Kaum jemand – auch nicht die, die die Schule zur Zeit aktiv gestalten – werden den Zustand als vernünftig erachten können. Wie könnte es aber anders sein? Wie könnte eine Schule aussehen, die sich den Herausforderungen stellt? Was muss sich verändern? Was werden wir hinter uns lassen? Wie sieht das prophezeite ‚Lernen 2.0‘ konkret aus?

So wenig man 1990 davon ausgehen konnte, dass es einmal Google, Facebook und iPhones geben wird, so wenig können wir Prognosen anstellen, wie sich die Schule verändern muss. Denn ändern muss sie sich: Schule ist wie kaum eine andere gesellschaftliche Errungenschaft fest verbunden mit dem Buchdruck und nicht vorbereitet auf eine durch Vernetzung und Kommunikation geprägte Kultur.

Ein Blick 500 Jahre zurück: Wir haben durch den Buchdruck eine neue Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung erreicht. Durch die Druckmaschinen war es erstmals möglich, Ideen – egal wie wichtig oder unwichtig sie erschienen –  sehr weit zu streuen. Kannte man vorher den Autor eines Textes zumindest noch über ein paar Ecken, so wurde es mit den Druckmaschinen üblich, dass Texte nun auch in gänzlich anderen Zusammenhängen, an anderen Orten und anderen Umständen gelesen wurden. Dies führte notwenigerweise dazu, dass man die Konsumformen des Mediums „Buch“ standardisieren musste, um eine bestmögliche Interpretationssicherheit zu gewährleisten. Das führte dazu, dass man in den Anfängen des gedruckten Buches im Vorwort noch notierte, an welche Personen das Buch gerichtet war (also eigentlich die exklusiven „Empfänger“).

Heute haben wir eine standardisierte Hochsprache, eine einheitliche Grammatik und lesen Bücher von vorne nach hinten. Die für das lineare Lesen eines Buches notwendigen Kompetenzen erlernen wir … in der Schule.
Der Vorteil der Schule wird hier ersichtlich: Wir konnten gesellschaftlich an vielen Orten am gleichen Thema arbeiten, da das Wissen nicht mehr lokal isoliert lagerte, sondern in einem Kulturkreis verbreitet war. Forschung und Wissenschaft entfalteten sich, weil Menschen an unterschiedlichen Orten in einen Austausch treten konnten – ohne dass sie sich jemals gesehen hatten. Metropolen entstanden. Die Industrialisierung wäre ohne den Buchdruck nicht vorstellbar gewesen.

Das Buch hat so zu standardisiertem Lernen an den Schulen geführt und wird auch heute genau in diesem Kontext eingesetzt. Die monomediale Kultur unserer Gesellschaft basiert auf der Sprache in Wort und Schrift. Das, was man nicht gepflegt und grammatikalisch korrekt ausdrücken kann, zählt nicht.

Das Schreiben eines Buches, das jegliche Interaktion mit den zukünftigen Lesern unmöglich macht, wird sich jedoch nicht dauerhaft erhalten lassen. In einer multimedialen Welt ist das Buch zu unflexibel und wenig kommunikativ. Es wird daher seine Rolle als dominantes Kulturmedium verlieren.

Und ebenso wird das Lernen in der Schule nicht mehr nur auf die Standardisierung und Linearität abzielen können. Ein Bildungsideal, das auf einseitige Mediennutzung und verhinderte Kommunikation zwischen Autor und Leser setzt, kann sich unsere Gesellschaft nicht erlauben. Daraus ergibt sich, dass in einer „neuen Schule“ ein Schwerpunkt auf die kommunikativen Prozesse gelegt werden muss.

Schule muss ein Raum für Kommunikation und Vernetzung werden.

Unser derzeitiges Bildungssystem fördert kaum Teamarbeit, pflegt nicht die gruppendynamischen Prozesse und die soziale Komponente des Lernens (nicht verwunderlich, da diese Fähigkeiten zum Lesen eines Buches in der Regel nicht benötigt werden).
Vernetzung, Resourcenmobilisierung und Teamarbeit muss endlich Berücksichtigung finden. Wir müssen aus den Schulen Netzwerkmonster machen! Das Mitmach-Web muss Teil des Alltages werden. Wir müssen die digitalen Geräte der SchülerInnen als Chance sehen und nicht als Gefahr.

Lernen muss mit allen Sinnen möglich werden.

Warum spielen Dinge wie die Organisation eines Festes, die Pflege eines Gartens oder die Durchführung eines Schauspiels kaum eine Rolle gegenüber dem Schreiben eines Aufsatzes? Warum zählt eine Klausur mehr als ein erfolgreich durchgeführtes Projekt, bei dem in einem südamerikanischen Dorf eine Solaranlage finanziert wird?

Die Bedeutung des einheitlichen Wissenskanons muss aufgebrochen werden.

Ist es wirklich unabdingbar, dass alle SchülerInnen das Wissen, was Menschen früher einmal als wichtig deklariert haben, in 12 Schuljahren durcharbeiten müssen – wobei die meiste Zeit abgesessen wird? Wo bleibt der projektorientierte „Unterricht“, in dem die einzelnen Fähigkeiten der TeilnehmerInnen individuell entwickelt werden können? Ein Grundwissen in Mathematik, den Sprachen und den Gesellschaftswissenschaften stelle ich nicht in Frage, aber, ob wirklich alle den Ablauf der Indigo-Färbung im Chemieunterricht behandeln müssen.

7 Gedanken zu „Schulkultur im Wandel

  1. Herr Rau

    Der Wunsch nach Teamarbeit, Pflege gruppendynamischer Prozesse, Auflösung der Fächer- und Stundeneinteilung, Lernen mit allen Sinnen, Vernetzung, Ressourcenmobilisierung, Organisation von Festen, Gärten, Schauspielen, Projektorientierung – der Wunsch ist ja mehr als hundert Jahre alt und steht am Anfang der Reformschulbewegung. Könnte man die Fehler, die damals bei der Umsetzung gemacht wurden (irgendetwas hat ja dazu geführt, dass sie nur spärliche Relikte hinterlassen hat), jetzt vermeiden?

    Den Wunsch habe ich im Übrigen auch.

    Ich sehe allerdings nicht, wo der große Unterschied zu damals ist. Ich sehe den Motor für die gesellschaftlichen Enticklungen heute ebenso wenig wie damals in der Digitalisierung aller Lebensbereiche. Dass die Linearität des Buches (zu der die Belletristik bislang keine ernsthafte Alternative gefunden hat, und die für Schulbücher nie in großem Maß galt) zu standardisiertem Lernen führt (wie es im Mittelalter auch ohne Bücher der Fall war), und deshalb die Ablösung des Buches durch das Web zu nicht-standardisiertem Lernen führen muss, halte ich für keinen haltbaren Schluss. Von der Prämisse der Ablösung mal ganz abgesehen. Aber ich lasse mich überraschen und harre der Erfüllung der Prophezeiung.

    Die Vermengung dieser beiden für mich nicht wirklich zusammen gehörenden Punkte – der Wunsch nach lebensnahem Lernen und die Prophezeiung eines unausweichlichen Zeitenwandels – hält mich davon ab, mich mehr zu engagieren. Wenn der Wandel eh kommt, muss ich doch nichts dazu tun, oder?

    Antworten
  2. Bernd Saure

    Zu „Trotz Föderalismus sind die wesentlichen Bedingungen überall gleich und bedürfen keiner gesonderten Unterscheidung“.
    Das Gegenteil ist nach wie vor der Fall, wie z.B. das deutliche Nord-Süd-Leistungsgefälle in Deutschland zeigt. Jedes Bundesland ist doch individuell zu betrachten. Merkmale dieses Zustandes?
    – unterschiedliche Länderhaushalte und Ausrichtungen in der Schulpolitik
    – unterschiedliche Besoldungs bzw. Gehalts-, Ausbildungs- und Einstellungssituationen von Lehrern
    – unterschiedliche finanzielle Situationen von Schulen bis zur chronischen Unterversorgung, da wesentlich vom Haushalt der Kommunen abhängig
    – unterschiedliche technische Ausstattungen von Schulen, in der Regel veraltet
    – Häufige Blockadesituationen in der Kultusministerkonferenz, wodurch sich das System durch eine grundsätzliche Reformunwilligkeit, was gemeinsame Richtlinien betrifft, auszeichnet.
    – keine einheitlichen Standards, was Umgang mit digitalen Medien betrifft. Das Fach Informatik oder informationstechnische Grundbildung gibt es beispielsweise in NRW in der Mittelstufe gar nicht.
    – unterschiedliche Fortbildungssituationen, besonders was digitale Medien betrifft. In der Regel gibt es die gar nicht. Wo kein Fach ist, muss auch nicht fortgebildet werden, einhergehend mit einem distanzierten Verhältnis von Lehrern gegenüber digitalen Medien.
    Insgesamt sehen wir doch extrem unterschiedliche Bedingungen, unter denen an Schulen gearbeitet wird. Unter „betriebswirtschaftlichen“ Bedingungen, was das Produzieren von gesicherten kommunikativen Kompetenzen auf Basis von digitalen Medien betrifft, ist dieses System – bundesweit betrachtet – nicht vorbereitet.
    Der Kern des Problems ist im Förderalismus zu sehen. Das Beispiel Großbritannien zeigt in einigen Fächern – z.B. Musik -, was durch eine landesweite Anstrengung möglich ist: Schüler, Eltern und Lehrer, die eine höhere Zufriedenheit aufweisen, eine enorme Steigerung von Unterrichtsqualität jenseits von ideologischen oder methodischen Debatten. Zudem müssen wir uns klar werden, dass das förderale Schulsystem Unsummen an Geldern verschwendet, die wir in der Schule dringend nötig haben. Man stelle sich nur einmal die Personalkosten der vielen KMK-Konferenzen vor, die nichts zu Stande gebracht haben. Wir haben 16 unterschiedlich arbeitende, oftmals personell aufgeblähte Ministerien, deren Anweisungen den Schulbetrieb nicht selten eher lähmen als steuern. Besser ein Minsterium in Berlin, gestützt von bundesweit stattfindenden Qualitätsmaßnahmen, die im Schulbetrieb ansetzen und entsprechende strukturelle, finanzielle und personelle Mittel freisetzen.
    Ich glaube aber auch, dass die Kompetenzen unserer Schüler, was die Möglichkeiten des web. 2.0 betrifft, überschätzt werden. Wie ist es sonst zu erklären, dass ca. nur 5 bis 10 Prozent laut Jim-Studie selbst produzierte Inhalte, die über den Austausch von Textnachrichten hinausgehen, ins Netz stellen? Sicherlich eine Herausforderung für alle schulischen Fächer, diese Kompetenzen zu vermitteln.
    Deshalb vielen Dank für ihre wertvollen Vorschläge.

    Antworten
    1. Lisa Rosa

      Sind wir wieder in der Zeit der Kleinstaaterei gelandet, dass uns die Unterschiede in den Bundesländern so groß und wichtig erscheinen – als gäbe es kein Draußen mit noch viel größeren Unterschieden? Neulich sprach ich mit einem Behördenmitglied, das redete immer von verschiedenen Ländern, in denen alles so viel rückschrittlicher sei als „bei uns“. Ich dachte, er spricht vielleicht von Mexiko oder dem Kongo, und fragte dann irgendwann mal, welches Land er denn genau meine. Er: „Rheinland-Pfalz“. Ich bin fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Und die Hochform des Internationalismus besteht dann darin, dass man etwas in den D-A-CH-Zusammenhang stellt: Deutschland, Österreich, Schweiz. Und gleichzeitig wird unter „Skandinavien“ alles eine Soße verstanden, dabei sind die Unterschiede im Bildungswesen zwischen Finnland und Norwegen viel größer als die in unseren Bundesländern.

      Antworten
  3. scheppler

    Ich möchte mich teilweise Herrn Rau anschließen, was die erkennbaren Parallelen zum reformpädagogischen Grundgedanken angeht. Auch in Deinem letzten Beitrag ist mir das schon aufgefallen.
    Ich bin selber gerade immer wieder dabei und auf Vorträgen unterwegs, die reformpädagogischen Ideen von den Fehlern der Vergangenheit befreit ins digitale Zeitalter zu übertragen. Ich finde, hier steckt noch eine Menge Potential, Deine „Forderungen“ zu realisieren.
    Es ist und bleibt wichtig, digitale und webbasierte Medien nicht als Selbstzweck zu verstehen („weil das heute hält überall gebraucht wird“) sondern als Hilfsmittel einer lebensweltorientierten Pädagogik.

    Antworten
  4. Herr Q

    Ich sehe die Entwicklungen eher zweigeteilt. Es gibt grundsätzlich den Wunsch nach moderneren Unterrichtsformen (inhaltlich, zeitlich, usw.), die z. T. durch den Föderalismus, in Person der KMK, verhindert werden. Das ist selbstverständlich verkürzt dargestellt, denn es geht in dem Artikel um etwas anderes.
    Was ich wichtig finde und was aus meiner Sicht stets zu wenig Erwähnung findet, ist die Medienkompetenz der Lehrerinnen und Lehrer, aber nicht die schlecht vorhandene, sondern jene, welche es anzustreben gilt. Und das in zweierlei Hinsicht.
    Zunächst sollten Konzepte und Szenarien in den Kollegien entworfen werden, wann wie mobile Endgeräte (aus meiner Sicht werden dies in zunehmendem hohem Maß Tablets sein) im Unterricht eingesetzt werden können. Der Bedarf wird dabei durch die geschaffen, die in nachher unterrichten. Dadurch fühlen sich die Lehrerinnen und Lehrer kompetent, weil sie „mitgenommen“ werden und fungieren mit ihrer neu erworbener Rolle des Mediensachverständigen als Vorbild. Das unscheinbare Detail des mitgenommen werdens ist deshalb so wichtig, da auch in Kollegien große Widerstände finden lassen, die vor dem eigentlichen Unterrichten ausgeräumt werden sollten.
    Zum anderen können Kollegien, die Konzepte und kompetente Lehrerinnen und Lehrer für medienunterstützten, oder gar Medien gestützten Unterricht haben, nach außen anders auftreten. Sie besitzen damit gute Argumente, um Finanzierungen auf die Beine zu stellen.
    Der wesentliche Gesichtspunkt bleibt allerdings, dass die Aus- und Weiterbildung der Kollegien für den gewünschten Veränderungsprozess eine tragende Rolle spielen werden.

    Antworten
  5. Timo

    Sehr schöner Artikel, auch wenn ich nicht in allem übereinstimme. Aber grundsätzlich ist das, was wir brauchen eine Art „Lernwende“ in unserem Schulsystem!

    Antworten
  6. Pingback: Schule wird digital – schaumburg.xyz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*