Was kann Schule in Zukunft leisten?

Was wäre, wenn alles anders kommt? Wenn sich Dinge grundlegend ändern? Welche Folgen kämen auf uns zu? Und wie hat darin etwas, was wir bisher als ‚Schule‘ gekannt haben, eine Zukunft?

Um mich den Fragen zu nähern, könnten möchte ich ein Gedankenexperiment vorschlagen.

Dafür versetzen wir uns in eine Zukunft, die es so oder so ähnlich geben könnte. Angelehnt ist sie an die Insel-Utopie-Romane, die mit unterschiedlichen Nuancen die verschiedenen Autoren immer wieder hervorzuholen wissen. Zuletzt ist mir die Idee in dem Roman von P.M. „Manetti lesen ODER Das gute Leben“ begegnet.

Die kapitalistische Wirtschaft ist an sich selber zu Grunde gegangen. Die Konsumgesellschaft musste sich endgültig eingestehen, was spätestens seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vorhersehbar war: Die Vorstellung von unendlichem Wachstum auf einem endlichen Planeten ist gescheitert.

Sie hat in den letzten 40 Jahren nur noch dazu gedient, die Ressourcen bis zum letzten Tropfen zu mobilisieren. Was absehbar war, ist nun eingetreten und die Menschen orientieren sich neu.

Nachdem die Profiteure des Systems ihren monetären Vorteil genutzt hatten, um sich in der Endphase des globalen Turbo-Kapitalismus ihre Nischen zu suchen, in denen sie eine autonome Lebensgrundlage schaffen konnten, musste auch die breite Masse einen Weg finden, sich mit den lebensnotwendigen Dingen zu versorgen. Dazu gehörte nicht nur Nahrung, sondern auch ein System kurzer Wege, sozialer Einrichtungen und Kommunikationsdienstleistungen.

Als Organisationsform haben sich eingebettete Subsistenzgesellschaften in lokalen, offenen Gemeinschaften etabliert, die untereinander weltweit vernetzt sind. Innerhalb dieser funktionalen Subsysteme (die man vielleicht auch als „Stadtviertel“ im klassischen Sinne bezeichnen könnte) finden sich die unterschiedlichen Aufgaben wieder, die von Menschen nach ihren Neigungen und Interessen erledigt werden. In den lokalen Einheiten werden die anfallenden Aufgaben koordiniert und von den Mitgliedern erledigt. Es geht nicht mehr darum, etwas „besser“ zu machen als andere, sondern es „gut“ zu machen. Solidität statt Mode.

Die Suche nach Glück führt nicht mehr über mehr und noch mehr Konsum, sondern über das Innehalten, die Lange-Weile. Entwicklung ist nicht mehr das primäre Ziel. Nicht mehr Wachstum, sondern nachhaltiges und dauerhaftes „so bleiben“ ist der Zustand, an dem sich die Menschen erfreuen.

Soweit erstmal. Es klingt seltsam, vielleicht sogar reaktionär: Zurück zum Mittelalter! Wider der Globalisierung! Wir brauchen Entschleunigung! Schaltet endlich das Digitale ab!

Sollten das die Gedanken beim Lesen bisher gewesen sein: Ja, vielleicht. Das Bild kann aber auch etwas anderes auszudrücken. Eine „gute“ Lebensform, in der sich lokale Produktion mit einer weltweiten Vernetzung kombiniert. In der es nicht mehr einfach so hingenommen wird, dass Lebensmittel unter dem Ausstoß von Unmengen an Treibhausgas und der Verschwendung der endlichen Resource Öl rund um den Globus geflogen werden, während das Obst und Gemüse der direkten Umgebung dahinfault.

Vielleicht ist es ein wenig wie Mittelalter mit DSL Anschluss.

Und was hat nun Schule damit zu tun? Viel – wir haben ein ernstes Problem.

Denn das, was wir an den Schulen heute machen, schafft keine selbstständigen SchülerInnen. Wir produzieren Bulimie-Maschinen (um mich dieser dünnen Metapher zu bedienen), die Wissen „fressen und kotzen“ können. Par exellence! Bis zum Abitur wird in Klausuren und Test immer wieder der gleiche Mechanismus geprüft: büffeln, niederschreiben, vergessen.

Und am Ende stehen diese jungen Menschen mit dem Abschluss in der Tasche vor der Schule und… ja: und wissen irgendwie nicht richtig weiter. Eigentlich können sie nichts richtig. Außerdem haben wir ihnen jegliches Interesse madig gemacht, indem wir sie durch alle Fächer geprügelt haben und keine Begeisterung zugelassen haben. „Da musst Du durch! Das haben wir alle so gemacht! Das steht im Lehrplan.“

Großartige Leistung. Und eine phänomenale Verschwendung von Potential.

Was brauchen denn Menschen, um zu (über-)leben? Neugierde, Motivation, Phantasie, handwerkliches Geschick und Kommunikationskanäle.

Eine neue „Schule“ müsste sich um diese Begriffe herum organisieren. Wie kann man die Neugierde von Kindern fördern – statt sie in Stundentakten zu töten? Wie kann man die Motivation nutzen, um Sinnvolles entstehen zu lassen? Was wäre alles möglich, wenn die Phantasie der SchülerInnen laufen gelassen wird? Und wie bringen wir wieder das Handwerk an die Schulen und sorgen dafür, dass die weltweite Vernetzung ein integraler Bestandteil von „allem“ wird?

Für die weitere Entwicklung von Schule könnte das Handwerkliche einen neuen, bedeutenden Schwerpunkt bilden. Es scheint, als wenn wir gerade in dieser Hinsicht ganz darauf vertraut hätten, dass wir schon alles durch Industrieprodukte und professionalisierte Dienstleistung abdecken könnten. Dabei geht das Wissen um die Planung, die richtige Technik und die Ausführung der Tätigkeiten verloren.
Wie fälle ich ein Lot für eine gerade Wand? An welchem Standort im Garten gedeihen die Tomaten gut? Wie hantiere ich mit der Bohrmaschine? Bei welcher Temperatur lässt sich Eisen schmieden? Wie nähe ich mir einen Knopf an? Wie löse ich Verkalkungen in den Töpfen? Wie synchronisiere ich ein Handy mit einem Computer? Und wie konzipiere ich ein Mesh-Netzwerk?

Dinge wie diese sind alltagsrelevant und müssen nicht curricular festgeschrieben werden. Sie werden in die Schulen gebracht, wenn man es zulässt.

Daneben stehen die bisherigen ‚Fächer‘. Das sollte an dieser Stelle nicht unterschlagen werden. Aber sie spielen eine weniger wichtige Rolle als heute. Sie dienen vor allem dazu, die echten Probleme zu lösen. Beispiel Englisch: notwendig, um sich auszutauschen. Man lebt ja nicht auf einer abgeschotteten Insel, sondern profitiert durch eine weltweite Vernetzung von den Ideen anderer. Und das geht nur über die Sprache.

Abschlüsse? Noten? Standardisierte Curricula? Umfassende Vergleichbarkeit? All das hat sich eigentlich nie richtig mit Bildung und sinn-erfülltem Lernen vertragen. Wir haben es gemacht, weil sich die Quantifizierbarkeit zu einer gesellschaftlichen Norm entwickelt hatte. Wir wollten uns vergleichen. Wir büffelten, um besser in einem inszenierten Prozedere abzuschneiden, weil wir geglaubt haben, dies würde uns auch mehr Erfolg im ‚echten Leben‘ bringen und uns damit ‚glücklicher‘ machen. Diese Versprechungen sind entlarvt worden. Eigentlich haben sie nie wirklich gegolten.

Wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, welche Funktion die „Schule“ einnimmt. Schule als Ergebnis einer Buchkultur hat es nicht nur wegen der Digitalisierung schwer. Durch die Krise unserer gesellschaftlichen Grundordnung (Demokratie, Wirtschaftssystem) wird sie zusätzlich unter Druck gesetzt. Sie sorgt heute noch für Stabilität, indem sie stoisch allen Veränderungen trotzt. Wollen wir sie erhalten? Wie wollen wir sie in Zukunft gestalten? Und wofür?

Ein Gedanke zu „Was kann Schule in Zukunft leisten?

  1. Currlin

    „Denn das, was wir an den Schulen heute machen, schafft keine selbstständigen SchülerInnen. Wir produzieren Bulimie-Maschinen (um mich dieser dünnen Metapher zu bedienen), die Wissen “fressen und kotzen” können. Par exellence! Bis zum Abitur wird in Klausuren und Test immer wieder der gleiche Mechanismus geprüft: büffeln, niederschreiben, vergessen.“
    Entspricht nicht meiner Wahrnehmung. Es geht doch schon längst nicht mit nur ums Auswendiglernen und wieder ausspucken, sondern ums Interpretieren, um Methoden, um unterschiedliche Standpunkte, u.v.a.m.
    MfG
    Cu

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