Zu Rückriems „Lernen ohne Pflichtschule“

In einem Blogbeitrag hat sich Georg Rückriem Gedanken über das Verhältnis von Schule, Sinn und Invidividuum gemacht. Sein Artikel: „Lernen ohne Pflichtschule – Ist das überhaupt möglich?“ findet sich hier. Lesenswert!

Interessant an seiner Ausführung ist das Verhältnis von Individuum und dem Lernkonzept, welches wir in der Schule institutionalisiert haben.

Das bisherige Konzept des sich zur Eigenständigkeit entwickelnden Individuums – mit dem immanenten Widerspruch zwischen absichtsvoller Erziehung und selbstreferentiellen Subjektkonzepten – ist ein zentrales Problem der Pädagogik. Luhmann/Schorr lösten das damit einhergehende „Technologiedefizit der Erziehung“ durch die „taktvolle Kommunikation“ [mehr…] und attestierten der Pädagogik damit ein Technologieverdikt.

Der Erziehungswissenschaftler D. Benner stellte in einer Diskussion mit Luhmann/Schorr [Zeitschrift für Pädagogik, 25 (1979), S. 345-375, 799-805] dagegen fest, dass durch die systemtheoretische Betrachtung der „Selbstzweck“ des Subjektes aus dem Blick geraten sei, weil nur eine funktional-differenzierte Perspektive erlaubt sei. Das Handeln eines Subjektes habe aber eine moralische und pädagogische Dimension und wäre so greifbar. Für ihn ist das Technologieproblem der Pädagogik gelöst.

Rückriem negiert die Problematik nicht, sondern setzt eine andere Perspektive des Subjekts dagegen:

„Entweder man geht davon aus, dass wir Produkt unserer Erziehung (oder allgemeiner: unserer Sozialisation) sind – dann hat man letztlich den unlösbaren Widerspruch am Hals, den Subjektcharakter des Menschen als Produkt zu denken. Oder man akzeptiert, dass der Subjektcharakter unter anderem darin besteht, sich von allem Anfang an als Subjekt verwirklichen zu WOLLEN. Mit anderen Worten, die Lernmotivation ist als unbestimmt allgemeine Gerichtetheit auf Entwicklung mit dem Menschsein mitgegeben und immer schon da.“

Rückriem denkt das Subjekt als absichtsvoll Wollendes; ein durchaus akrobatischer Ansatz. In diesem Moment lösen sich die externen Erziehungsbemühungen (absichtsvolles „Dahinleiten“ im Sinne einer guten Absicht) auf. Das Subjekt selber wird von Beginn an als selbstbestimmt und wollend angenommen. Über die Schnittstelle „Sinn“ wird dabei eine beständige Abgleichung mit der Umwelt vorgenommen. Anpassungen durch eine Verschiebung von Wissen/Nicht-Wissen werden je nach Umweltreizen vorgenommen.

Ein interessantes Konzept, dass die bisherige Schule in einer sehr grundlegenden Art hinterfragt: Warum konstruieren wir beständig „als ob-Probleme“? Welchen Sinn haben Lehrpläne, wenn das Subjekt doch selbst wollend ist – und sich nur durch äußere Notwendigkeiten in einem System konform verhält? Ist Lernen nach Rückriem damit nicht eher eine zufällige Erscheinung in Schule – statt, wie der Absicht von Schule nach, ihr eigentlicher Grund zu sein?

Wer will aber für einen anderen Menschen – und sei es ein Kind – entscheiden, dass all das potentielle Wissen, das im Internet zur Verfügung steht, für ein lernwilliges und lernbegierigen Kind vollständig an seinem Sinn vorbei geht? Wäre das nicht eine äußerst pessimistische, ja eine arrogante Annahme?

Welcher institutionalisierten Rahmen würde sich konsequenterweise nach Rückriem für „Schule“ ergeben?

5 Gedanken zu „Zu Rückriems „Lernen ohne Pflichtschule“

  1. Sylva Jürgensen

    Lieber Felix, mit deinem Artikel sprichst du mir aus dem Herzen. Es ist genau die Theorie zu meiner pädagogischen Erfahrung in 20 Jahren Förderschule. Diese zum Teil hochtraumatisierten Kinder haken oft wenig ein bei Lehrplaninhalten und seien sie noch so motivierend aufbereitet. Schule bleibt so Konserve, auch wenn sie ein buntes Etikett hat.
    Wenn den Schülerinnen und Schülern allerdings ein vorbereiteter Rahmen an Zeit, Zuwendung, aktivem Zuhören gegeben wird und sich dabei ihr Thema , welches zum jetzigen Zeitpunkt Sinn macht herauskristallisiert, wenn man sie dann bei Materialfindung begleitet und als Coach zu unterstützt, ihnen absichtsvolles Wollen unterstellt, dann habe ich die kreativsten und eindrucksvollsten Lernprojekte von und Entwicklungen an Schülern erlebt. Eigentlich war alles da, was gelungenen Unterricht ausmachte, bis auf das Korsett der zeitlichen Strukturen, Fächerorientierung und Operationalisierung von Lernzielen.

    Es ist wahrscheinlich eine Frage der Zeit, wann das alte System kippt. Der Lehrer ist nicht mehr der Hüter des Wissens, welches er überwacht und selektiv weitergibt. Es wäre gut sich schon mal auf den Weg ins Schulmorgen zu machen.

    Sylva

    Antworten
  2. georg rückriem

    Ich fühle mich sehr korrekt verstanden, danke! Aber warum ist das ein „akrobatischer“ Ansatz?

    Zur Schlußfrage: Um sie angemessen beantworten zu können, muß man m.E. zur Entstehung des allgemeinbildenden öffentlichen Pflichtschulwesens zurückgehen, mit dem der institutionelle Rahmen gesellschaftlich etabliert wurde, der noch heute besteht. (Man kann auch sagen: man muß „Schule“ historisieren.)
    Damals reagierte Humboldt mit der Einrichtung der Pflichtschule für alle auf den gesellschaftlichen Bedarf der entstehenden Industriegesellschaft an allgemeingebildeten Arbeitern bzw. auf die frei gesetzten und zur Industriearbeit unfähigen Bauern und Landarbeiter sowie auf die Städte und Kommunen, die die notwendigen Schulen nicht bezahlen wollten. Ein solches Programm war nur zu realisieren, wenn es eine neue gesellschaftliche Struktur für das Lernen erzeugte: den Unterricht als neuen Sozialraum und das Bildungswesen als völlig neues gesellschaftliches System – mit allen infrastrukturellen Konsequenzen: spezielle Gebäude, Jahres-Jahrgangsklassen, geregelte Unterrichtsstunden, einheitliche Curricula, spezielle Lehrbücher, einheitliche Examina, Lehrerausbildung usw. – eben alles, was wir heute kennen.
    Das war damals ein überall in Europa bewunderter, viel besuchter und nachgeahmter Fortschritt, und zwar nicht nur was die Rahmenbedingungen betrifft, sondern auch was die historisch besondere Form der Allgemeinbildung in der Elementarschule betrifft. Damals!
    Das hat sich später sehr geändert. Spätestens die chemie- bzw. elektrotechnisch orientierte Industrieproduktion in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verlangte ganz andere Formen von Allgemeinbildung, vor allem Flexibiltät und Kreativität. Dem trug die Reformpädagogik Rechnung, die die institutionellen Rahmenbedingungen der Schule zum ersten Mal umfassend und systematisch kritisierte: Die alte Allgemeinbildung konzentriere sich auf dekontextualisiertes Lernen und auf das Memorieren, Wiederholen und Reproduzieren von Texten. Um die Wirklichkeit kennenzulernen, verlange die Schule nur noch zu lernen, was Autoritäten über die Wirklichkeit geschrieben hätten. Jetzt aber sei nicht mehr die Aneignung und Fähigkeit zur Reproduktion vorhandenen Wissens gefragt, sondern die Fähigkeit, selbst Wissen zu produzieren. Das sei in den traditionellen erstarrten Rahmenbedingungen von Schule gar nicht oder nur noch bedingt möglich. Aber schon damals wurde die Unterscheidung zwischen der Schule als System und ihren Rahmenbedingungen selbst kritisiert. Schule sei eben mit ihren Rahmenbedingungen identisch. Schule könne daher gar nicht wirklich reformiert werden, sondern müsse „abgeschafft“ werden.
    Heute ist es eine neue globale gesellschaftliche Transformation, die uns zwingt, die Angemessenheit der Rahmenbedingungen der Schule zu diskutieren. In dieser Diskussion versuchen viele, die passenden Rahmenbedingungen durch Rückgriff auf die Konzepte und Strategien der Reformpädagogik zu gewinnen, ohne zu reflektieren, dass die gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit mit denen der vergangenen Jahrhundertwende nicht identisch sind, und daher ein Beharren auf dem Verständnis von Allgemeinbildung und Lernen der Reformpädagogik heute anachronistisch ist.
    Kern der globalen Transformation ist m.E. die Digitalisierung mit allen ihren globalen psychischen und sozialen Auswirkungen. Der Prozeß der Digitalisierung aller gesellschaftlöichen Bereiche erzwingt faktisch schon längst überall völlig neuen Lernformen, die weit über die Bedeutung der „Schule“ im traditionellen Sinn hinausgehen . Aber die Art und Weise, wie die „Neuen Medien“ in diesem Kontext von der traditionellen schulpädagogisch orientierten Medienpädagogik diskutiert werden, macht nur allzu deutlich, dass in Deutschland – in einem grandiosen Unterschied sogar zu Schwellenländern (von den USA ganz abgesehen) die schulpädagogisch orientierte Diskussion der heute angemessenen Rahmenbedingungen für das heute notwendige Lernen in einer historisch erstarrten Tradition fixiert ist.

    Zurück zur Schlußfrage: Das heute angemessene Lernen verläuft mehr und mehr in den Strukturen des Internet und seiner Angebote, und das wird noch erheblich mehr zunehmen mit dem Ergebnis, dass Schule, die sich nicht ändert, nicht mehr gesellschaftlich angemessen reagieren kann. Das schließt schulisch organisierte Lernprozesse nicht generell aus, wohl aber die Einengung und Fixierung des Lernens auf schulische Rahmenbedingungen und Inhalte.

    Antworten
    1. Felix Schaumburg Beitragsautor

      in Deutschland (ist) die schulpädagogisch orientierte Diskussion der heute angemessenen Rahmenbedingungen für das heute notwendige Lernen in einer historisch erstarrten Tradition fixiert…“

      Leider, aber kaum verwunderlich, da wir als Kulturraum von Beginn an (Buchdruck) über die „Blütezeit“ (Industrialisierung) ja immer ganz vorne dabei waren. Es fällt schwer, Erfolge hinter sich zu lassen und neues zu wagen. Immer schwingt die Gefahr mit, dass es ja vielleicht doch nochmal anders kommt. Vielleicht verschwindet das Netz ja doch nochmal – irgendwie…

      Vielleicht bekommen wir aber doch noch die Drehung und schaffen es, einen neuen Konsens über Funktion und Rahmenbedingung von „Schule“ zu finden. Ich bin nämlich sicher, dass die Idee hinter solch einem Ort des Lernens nicht grundsätzlich falsch ist. Ob er auf Menschen in einem bestimmten Alter beschränkt sein muss, ist dagegen fraglich.

      Viele Konzepte, Ideen und Theorien liegen ja bereits auf dem Tisch. Dass so wenig grundlegend neue Wege probiert werden, liegt wohl auch an dem gesetzlichen Rahmen, den wir in Dland haben. Nicht zufällig ziehen viele Eltern, die ihre Kinder gerne zu Hause unterrichten wollen, in das nahe europäische Ausland. Ist die Schulpflicht eins unserer Problem?

      Antworten
  3. georg rückriem

    „Schulpflicht – eins unserer Probleme?“
    Ja, ganz sicher! Der historische Rückblick auf die Zeit ihrer Erfindung macht das klar.

    Damals wurde die Schulpflicht im Rahmen der Preußischen Reformen gesetzlich eingeführt, als den Reformern klar wurde, dass die Entwicklung ihres Landes im Wettbewerb mit den europäischen Großmächten ohne die industrielle Entwicklung der überwiegend bis ausschließlich agrarischen Provinzen nicht möglich war. Dafür war aber objektiv erforderlich, dass möglichst alle Einwohner in die Lage versetzt werden konnten, diejenigen Kenntnisse und Fähigkeiten zu lernen, die für die Teilnahme an der neuen ökonomischen Grundlage der Entwicklung Preußens notwendig waren: eine elementare Allgemeinbildung auf der Grundlage der Schreib-Lese-Fähigkeit, d.h. der Techniken der Buchdruckgesellschaft. Da aber der größte Teil der Bevölkerung noch in agrarischen bzw. handwerklichen Verhältnissen verharrte, in denen Kinder als Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden, mussten viele Eltern gezwungen werden, ihre Kinder für die tägliche Zeit in der Schule frei zu geben.
    In zweiter Linie richtete sich die Schulpflicht gegen die Kommunen, die sich meist weigerten, die Kosten für die Rahmenbedingungen eines allgemeinbildenden öffentlichen Pflichtschulwesens aufzubringen, so lange sie davon nicht unmittelbar und individuell als Kommune profitierten.
    Schulpflicht bedeutete also die Freistellung aller Kinder von der Fixierung auf die Erfordernisse der Reproduktion und die Eröffnung einer eigenen Lernzeit für Kinder in gesellschaftlichem Maßstab. Schulpflicht war damit die gesellschaftliche und administrative Absicherung der Trennung von Arbeit und Lernen und der Etablierung von Schule und Unterricht als dem dafür erforderlichen unabhängigen Sozialraum – damals ein enormer gesellschaftlicher (und individueller!) Fortschritt, der allerdings auch lange Zeit gesellschaftlich umkämpft blieb. Ohne Schulpflicht aber wäre die Weiterentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft unmöglich gewesen. Sie wurde daher in Europa schnell allgemein. Es ist daher sehr interessant, auch historisch nachzuvollziehen, wie auch die Schwellenländer diesen Prozess (wenn auch auf unterschiedliche Weise) nachholen.

    Aber die Rahmenbedingungen haben sich geändert, obwohl das Problem gleich geblieben ist: Auch heute sind – wenn auch eher in globalem statt nur nationalem Maßstab – die Gesellschaften darauf angewiesen, dass möglichst alle ihre Mitglieder die heute erforderlichen Fähigkeiten besitzen, die für die Teilnahme an der digitalen Symboltechnologie erforderlich sind, ohne die heute schon der bloße Fortbestand unserer Kultur (geschweige ihre Weiterentwicklung in der globalen Konkurrenz) unmöglich ist. Andererseits verharren – wie damals – viele Menschen noch immer in den traditionellen Formen des Lernens, Arbeitens und Lebens der Buchdruckgesellschaft.

    Heute, in demokratischen Gesellschaften, ist Schulpflicht im Sinne der Legitimierung polizeilicher Zwangsvorführung weder möglich noch notwendig. Angesichts der Rückständigkeit der Schule als System hinter den Erfordernissen der Kommunikationsgesellschaft wäre das wohl auch disfunktional und anachronistisch. Denn unter den Bedingungen der allgemeinen und globalen Digitalisierung aller Bereiche der Gesellschaft ist die ehemals sinnvolle und notwendige Trennung von Arbeit und Lernen längst sinnlos geworden. Lernprozesse sind – schleichend zwar, aber durchaus nicht unbemerkt – in alle Bereiche der Arbeit eingedrungen. Mehr noch, Lernen ist kein Teilsystem der Gesellschaft mehr, sondern Wesensmerkmal der Gesellschaft, ja unserer Kultur. Der Anachronismus besteht darin, dass wir uns immer noch – wie zu Zeiten der Reformpädagogik – um Veränderungen der Lernkultur in der Schule bemühen, während um uns herum im globalen Maße sich eine Kultur des Lernens, also eine Kultur entwickelt, die sich selbst als lernende in allen ihren Bereichen versteht und dies auch reflektiert.
    Die bürokratische Verpflichtung auf den Besuch der erstarrten Form des Lernens wäre eher kontraproduktiv und würde zur Verstärkung der Lernunwilligkeit bzw. -verweigerung bei Schülern und des Burnout bei Lehrern führen.
    Wenn man mit Luhmann zwischen Medium und Form unterscheidet, könnte man sagen, dass wir zwar die Form abschaffen sollten, aber nicht das Medium. Anders: wenn es gelingt, für die notwendige gesellschaftliche Vermittlung der erforderlichen Kompetenzen der Menschen eine Form zu finden, die den sich ja immer stärker artikulierenden Bedürfnissen der Menschen entspricht, dann wird sich die Schulpflicht von innen heraus erübrigen.

    Antworten
  4. Pingback: ununi.TV

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*