„EduAction“

Unter dem Titel „EduAction – Wir machen Schule“ hat Margret Rasfeld (in Zusammenarbeit mit Peter Spiegel) ihre Erfahrungen von der Schulgründung der Evangelischen Schule Berlin Zentrum – kurz esbz – zusammengetragen.

Es hat sich ja inzwischen eingebürgert, dass erfolgreiche Schulgründungen erst dann erfolgreich sind, wenn die Schulleitung darüber auch ein Buch schreibt. Und das ist gar nicht mal so schlecht, da darüber wesentliche Erfahrungen und Ideen weitergegeben werden und an anderen Stellen als Kristallisationskeime dienen können.

Ich hab das Buch gerne gelesen, vor allen Dingen wegen des starken Praxisbezuges, den weiterführenden Hinweisen am Ende jedes Kapitels und weil es sich bei der esbz um eine (fast) ganz normale Schule handelt. Fast ganz normal, weil sie in freier Trägerschaft ist und sich daher mit geringem Schulgeld teilweise selber finanzieren muss. Es macht aber nicht den Eindruck, dass über diese Stellung eine Begründung zu finden ist, warum Projekte, die an der eszb gut laufen, nicht auf eine Regelschule übertragbar sein sollten. Wer nähre Infos zur Finanzierung wünscht, findet auch diese im Buch.

Ethos:
Die esbz hat einen gemeinsamen Ethos. Es geht dabei nicht nur um ein Schulprogramm, sondern um einen gemeinsamen Wertekanon, um den sich alle schulischen Projekte drehen. „Als evangelische Schule haben wir den Anspruch, unsere Schule als Ganzes in einen christlichen Lebens- und Weltanschauungshorizont einzubetten. Dieser ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor allem durch zwei Herausforderungen gekennzeichnet: Verständigung und Vertrauen.“

Einen weltlichen Bezug erhält die christliche Ausrichtung durch die Agenda 21, die für die Schule der „Maßstab für das Lernen und Handel“ ist. Die Agenda 21 prägt die Inhalte und die Schulstruktur und scheint nicht bloß ein Zertifikat, welches am Schultor hängt.

Durch die beiden Rahmen kann sich die Schule immer wieder neu justieren und Entwicklungen und Entscheidungen an einmal gefassten Grundsätzen messen. Für eine Schule, die sich auf den Weg machen möchte, ist die Suche nach einem solchen „Ethos“ wahrscheinlich der bestmögliche Weg. Aus einer anderen reformpädagogischen Schule – es könnte die MBS in HH gewesen sein, ich bin mir aber nicht sicher – wurde berichtet, dass sich ein kleines Team von Wollenden in einer Art Zukunftswerkstatt oder „Traumgruppe“ getroffen haben, um über ihre Vorstellungen einer guten Schule zu sprechen – fernab der täglichen Grenzen und Einschränkungen.

Drei Säulen:
Die Struktur der Schule basiert auf folgenden Säulen:

Handeln

  • Herausforderung
    • SchülerInnen der Jahrgangsstufen 8 bis 10 stellen sich vor Herausforderungen und meistern diese – sei es eine Radtour an die Ostsee oder ein Praktikum in Südamerika. Die Ergebnisse dieser dreiwöchtigen Projekte wird auf dem „Campus Herausforderung“ allen präsentiert. Am Anfang der Klasse 11. hat jede/r SchülerIn einen dreimonatigen Auslandsaufenthalt zu absolvieren.
  • Verantwortung
    • Zivilgesellschaftliches Engagement öffnet das, was hinter den oft geschlossenen Schulmauern passiert. SchülerInnen der Jahrgangsstufe 7 und 8 suchen sich dafür für jeweils ein Jahr eine verantwortungsvolle Aufgabe im Gemeinwesen. Sie erhalten dafür 2 Stunden pro Woche „individuelle Lernzeit“.
  • Projektunterricht
    • In den Jahrgangsstufen 7 bis 9 steht ein Schultag ab 10.30 h für fachübergreifenden Projekte zur Verfügung. Die Teamarbeit (auch klassenübergreifend) steht im Mittelpunkt.

Lernen

  • Lernbüro
    • Auch in einer „neuen“ Schule spielen nicht nur die Lebenskompetenzen eine Rolle, sondern das Lernen und Üben. Dafür sind die Lernbüros eingerichtet, die sich an denen der Max-Brauer-Schule orientieren. Die SchülerInnen erarbeiten sich selbstständig jeden Morgen eine Doppelstunde die Fachinhalte in Mathe, Deutsch, Englisch und Natur & Gesellschaft. Durch die jahrgangsgemischten Gruppen werden aus drei „Klassen“ vier „Lernbüros“ – sodass die Anzahl der SchülerInnen gegenüber des klassischen Fachunterrichts reduziert werden kann.
  • Logbuch
    • Das Logbuch dient zur Dokumentation und Planung der eigenen Arbeit. Auf der Grundlage der Eintragungen werden wöchentlich Tutorengespräche geführt sowie halbjährliche Bilanz- und Zielgespräche.

Zusammen leben

  • Klassenrat, Schulversammlung
    • Um die demokratischen Kompetenzen zu fördern und abzurufen, sind überall in der Schule alle Beteiligten nachhaltig in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Dies beginnt beim Klassenrat der Lerngruppe und geht bis zu der Schulversammlung, auf der jeden Freitag – gemeinsam mit den Hausmeistern und gelegentlich Eltern – die Schulwoche abgeschlossen wird.
  • Inklusion
    • Selbstredend ist in einer Schule, die die individuellen Eigenarten aller Lernenden berücksichtigen möchte, die Inklusion kein Problem, sondern eine weitere Chance für Vielfalt.

Viele der von Margret Rasfeld vorgestellten Ideen sind bereits an vielen Schulen vorhanden. Zumeist aber segmentiert und nicht in einem übergreifenden Rahmen eingebunden. Damit verzichtet man möglicherweise auf eine Menge Potetial… Wenn wir davon ausgehen, dass die herkömmliche Schule mit ihrem starren Fächerkanon, den industriell getackteten Stundenrastern und jegliche Exzellenz verachtenden Prüfungen nicht mehr den Anforderungen einer globalisierten Welt gerecht wird, dann werden sich viele Schulen in den kommenden Jahren auf den Weg machen müssen. Die, die früh dabei sind, werden es engagiert und freudig tun. Es wird aber sicher auch Schulen geben, die „erstmal warten“. Vielleicht warten sie so lange, bis keiner mehr auf sie wartet…

Weitere Ideen, die mir ausgesprochen gut gefallen:

  • Gemeinsames Mittagessen
  • Notenfreiheit bis Klasse 9
  • Kooperation mit dem „education innovation lab“
  • Unterricht von 8.30 bis 15.45 – Freitags endet der Schultag um 14.15 Uhr mit der Schulversammlung
  • Jede Klasse hat zwei KlassenlehrerInnen und 26 SchülerInnen.
  • Zur Stärkung der Bindung von Elternhaus und Schule: Mitgliedschaft im Elternverein wird erwartet und ~3 Stunden monatliche Arbeitszeit pro Familie.

Kritik

Was mir fehlt sind die Bezüge zum Netzwerklernen und zu den digitalen Medien. Ob dies nur im Buch nicht berücksichtigt wurde aber in der Schule gelebt wird, kann ich nicht sagen. Durch die Struktur der Schule ist es aber sicherlich leichter möglich, die digitalen Medien im Schulalltag voll integrieren zu können. Durch das grundsätzliche Vertrauen in die Verantwortung der Jugendlichen werden Diskussionen über die Nutzung der digitalen Geräte im Schulhaus wahrscheinlich anders geführt, als an anderen Schulen im Lande (-> Defizitblick).

Zum Abschluss noch ein paar Zitate aus dem Buch:

  • Zum bestehenden Schulsystem:
    • „Die frühe Selektion impliziert und stabilisiert den Defizitblick, auf den Lehrer in unserem derzeitigen System hin ausgebildet werden und ausgerichtet sind. Das Dilemma: Defizitorientierung und Potenzialentfaltung sind zwei unvereinbare Haltungen.“
    • „Viele Schulen sind jedoch aufgrund ihrer Struktur eher Beziehungsverhinderungsanstalten, in denen Lehrer täglich alle 45 Minuten von einer Klasse in die nächste hetzen und im ständigen Wechsel täglich 100 und mehr Schüler unterrichten..“
  • Über die Veränderung von Schulen:
    • „‚Wenn Du einen Sumpf austrocknen willst, darfst Du nicht die Frösche fragen‘ – so lautet ein bekanntes Sprichwort. Aber dass sich die dicksten Frösche in unseren Köpfen eingenistet haben, ist eine noch recht unbekannte und auch unbequeme Erkenntnis.“
    • „Ebenso wichtig ist es, alle Lehrkräfte mit ins Boot dieses Veränderungsprozesses einzuladen und sich von möglichst all jenen zu trennen, die sich dazu nicht einladen lassen.“
    • „Einen Neuanfang zu wagen, dazu bedarf es aus Sicht der Lehrer einer hohen Risikobereitschaft und auch Experimentierfreude.“
    • „Fangen Sie mit den reformwilligen Kollegen an zu arbeiten, auch wenn es nur wenige sind. Haben Sie eine klare Vision und kommunizieren Sie diese. Seien sie bei alldem authentisch, emphatisch und zuversichtlich.“
  • Über die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
    • „Auch unsere Bildungssysteme stehen zur Disposition. Bisher wird dort das Augenmerk kaum auf Exzellenz jedes Menschen gerichtet – stattdessen herrscht Defizitgeist, Normierung und Standardisierung vor.“

Das Buch sei allen empfohlen, die sich über die Struktur „neuer“ Schule Gedanken machen und in mögliche Umsetzungen einen ersten Blick werfen wollen. Das eBook ist jedoch phasenweise grauenhaft formatiert, sodass man vielleicht doch eher zur Totholzvariante greift.

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