Gedanken zum #oercamp

Am Wochenende fand in Bremen an der Uni ein BarCamp zum Thema “Open Educational Resources” (kurz: OER) statt. Das Ambiente in der Mensa der Uni ist hervorragend geeignet, offene Tagungen durchzuführen. Ich bin – nach dem EduCamp Bremen – das zweite Mal dort und habe mich wohlgefühlt. Die offenen Räume und verschiedenen Ebenen des Baus machen es allemal wett, dass man den Gang zur Toilette sehr bedacht planen muss, um nicht eine Session zu verpassen…

Ein paar Notizen und Gedanken zum #oercamp in loser Reihenfolge.

Neue Teilgeber auf dem BarCamp

Gerade am Freitag war es erfreulich, dass über die Hälfte der TeilnehmerInnen (im BarCamp Jargon spricht man auch gerne von TeilgeberInnen) noch keine BarCamp Erfahrung hatten. Das ist klasse – vor allem wenn man bedenkt, wie schnell und unproblematisch das Format mal wieder aufgenommen worden ist und wie partizipativ die einzelnen Sessions abgelaufen sind. Ein BarCamp überrascht immer wieder neu und zeigt, welchen Schwung Konferenzen bekommen können, wenn man die Interessen der einzelnen TeilnehmerInnen nutzt, indem man sie in die Themensetzung vor Ort voll involviert. An allen Tagen füllte sich der leere Sessionplan innerhalb kurzer Zeit durch die Beiträge und Fragen der TeilgeberInnen, sodass es am Ende für alle ein vielfältiges Angebot gab.

Qualitätssicherung

Ein immer wieder vorgebrachtes Thema für die OER war die Qualitätssicherung. Wie geht man damit um, dass offenes Material nicht – wie bei den Schulbüchern – durch eine verantwortliche Instanz gesichtet wird? Brauchen wir eine zentrale Institution, die Material zertifiziert? Oder ist das Plädoyer an die Medienkompetenz der Lehrenden und Lernenden das, was am Ende übrig bleibt und gefördert werden muss?

Sicherlich ist die Qualitätssicherung ein zentrales Thema der Open Educational Resources. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass es auch bisher für das allermeiste Material im Netz und in Büchern keine “zentrale” Instanz gibt, die sagt: Das ist gut. Von daher tut es sicherlich gut, wenn man das Thema OER nicht mit dieser (wahrscheinlich unlösbaren) Aufgabe vorbelastet.

Urheberrecht für Lehrende

Brauchen LehrerInnen in Zukunft eine Zusatzausbildung im Urheberrecht? Müssen wir mit §53 und §52a genauso spielend umgehen wie mit den Curricula und ‘Kriterien zur Leistungsbewertung’?

Das kann nicht die Lösung sein, sodass schnellstmöglich eine Klarstellung der Situation an Schulen und Universitäten erfolgen muss. Die Fragen des Urheberrechts dürfen die pädagogische und wissenschaftliche Arbeit nicht behindern. Die aktuelle Entwicklung läuft jedoch Gefahrt, dass genau dieses geschieht. Die Debatte um den Schultrojaner hat viele KollegenInnen aufgeschreckt. Daher ist es notwendig, dass eine klare und pädagogisch sinnvolle Lösung gefunden wird. Zu allererst muss aber eine Lösung für den Ende des Jahres auslaufenden §52a gefunden werden – sonst bekommen vor allem die Universitäten richtig große Probleme. Zeit bleit kaum noch…

Portale

Schon lange vor dem Aufkommen des Themas OER gab es – gerade unter den jungen Lehrenden – den Wunsch nach der ultimativen Datenbank, über die man alle passenden Arbeitsblätter treffgenau finden kann. Und beim Thema OER wird dieser Wunsch nun wieder aktiviert, um endlich eine richtige Lösung zu finden.

Vergebliche Liebesmüh. Ganz unabhängig von dem (Nicht-)Nutzen, dass man unendliche Mengen von Arbeitsblättern abspeichern kann: Solche Lösungen sind für den Erfolg von OER nicht ausschlaggebend!

Auf dem oercamp haben wir über die Sinnhaftigkeit und den Nutzen von zentralen Datenbanken gesprochen. Auch Hybride aus zentraler Suche und dezentralen Datenbeständen wurden angedacht, bei der die dezentralen Materialien in einer gemeinsamen Suchmaschine zusammengefasst werden können, um einen “Startpunkt” anbieten zu können. Die einzelnen Materialien könnten dann bei den ursprünglichen Anbietern verbleiben.

Allen Ansätzen kann ich etwas abgewinnen. Man muss jedoch bedenken, dass eine Datenbank für den Lehrenden an sich noch keinen Mehrwert generiert, sondern nur ein gefüllter Pool ist. Mehr nicht. Es ist der Steinbruch, aus dem man sich Materialsammlungen zusammenstellen kann.

Eigentlich ist jedoch eine durchdachte Sammlung von Material, Projektideen und Unterrichtsreflexionen das, was Lehrenden und Lernende suchen und gerne nutzen wollen. Nicht nur einzelne Seiten und Notizen. Ein Blick auf das Angebot von Schulbuchverlagen zeigt dies: Bücher und aufeinander aufbauendes Begleitmaterial werden nachgefragt. Isolierte Arbeitsblätter werden zwar als Ergänzung mit tagesaktuellem Bezug genutzt, sind aber zweitrangig. Eine einfache zentrale Datenbank kann dem Bedürfnis nach zusammengestellten Informationen nicht nachkommen.

Den Prozess der Zusammenstellung von Material zu fördern würde ich daher gerne mehr in den Fokus gerückt sehen.

Die Idee: Es entsteht ein redaktionell betreutes Angebot, in dem verschiedene (LehrerInnen-)Gruppen sich jeweils ein Thema herausnehmen, um zu diesem ein “Schulbuch” zu schreiben. Das Design wird mit den anderen Angebotes eines Faches angepasst, sodass aus den unterschiedlichen Modulen ein aufeinander bezogenes “Werk” entstehen kann. Anpassungen für die individuellen Bedürfnisse eingeschlossen, da CC-lizenziert. Eine redaktionelle Begleitung stellt sicher, dass die Schnittstellen zwischen den einzelnen Modulen sinnvoll gestaltet werden und kümmert sich um den letzten Schliff.

Der Vorteil ist, dass man auf diesem Wege ein dem Schulbuch vergleichbares Werk anbieten kann, hinter dem benennbare Personen stehen. Die Adaption dieser fixierten und gestalteten Informationssammlungen an den Schulen sollte größer sein als einfache Sammlungen von OER-Arbeitsblättern.

OER gegen Verlage? Sportlich!

Das Zusammentreffen mit den Verlagen war insgesamt positiv. Sicherlich war beiden allen klar, dass eine Konfrontation niemanden etwas bringen würde, sodass beide Seiten Interesse an einer konstruktiven, nicht polarisierenden Atmosphäre hatten. Dabei wurde nicht vermieden, die unterschiedlichen ideellen Ansätze deutlich hervorzuheben (offene Lizenzen vs. kommerzielle Interessen). Hier gibt es, angefeuert durch die Digitalisierung, aber im Grunde auch bezogen auf papierne “Educational Resources” einen kulturellen Bruch, den man in ähnlicher Form auch an anderen Stellen unserer Gesellschaft findet, wo alte Geschäftsmodelle der Notwendigkeit ausgesetzt sind, neue Wege zu gehen.

Im Laufe des Samstags zeigte sich in den Sessions und in einzelnen Gesprächen, dass es nicht nur Dissens gibt, sondern durchaus auch ein gemeinsames Problem: Das Urheberrecht. Und es ist gut, in diesem Punkt die Gemeinsamkeit deutlicher hervorzuheben, statt sich in gegenseitigen Vorwürfen (“ihr tut ja nix” vs. “ihr meckert nur”) zu verlieren.

So ist ein Grund für die laaaange Verzögerung bei der Einführung des digitalen Schulbuches (auf das wir im Übrigen trotz gegenteiliger Versicherung seitens der VdS immer noch warten), sind die Rechte, die die Verlage für die digitale Nutzung neu abschließen müssen. Bei den Verhandlungen der Verlage mit den Rechteinhabern von Bildern oder Texten wurde zumeist die digitale Verwendung nicht angedacht. Hier hakt es heute. Und ja, die Verlage würden sich freuen, wenn dieses Problem grundlegend gelöst würde.

Es wurde angedeutet, dass man durchaus offen lizenziertes Material anbieten würde. Ich begrüße jegliche Gedanken in diese Richtung. Schulbuchverlage müssen sich nicht zwangsläufig überflüssig machen. Sinnvoll zusammengesetzte Informationen sind nämlich auch weiterhin an Schulen ein integraler Bestandteil des Unterrichts. Und selbst wenn sich das Lernen mehr und mehr in projektbezogene Welten entwickelt, wird es nicht immer nur “die Wikipedia” sein, auf die man zurückgreift. Eine Sammlung von Material, die ein Themengebiet mit ihren wichtigen Grundlagen erfasst, ist einfach praktisch. Und dass es dafür unterschiedliche Angebote mit unterschiedlichen Schwerpunkte gibt, ist sinnvoll. Ich habe im Studium lieber mit dem Mortimer gearbeitet und nur in Fällen, wo dieser nicht weiterhelfen konnte, auf den Hollemann-Wiberg zurückgegriffen (für chemiekundige Menschen). Und manchmal half auch nur eine Websuche weiter.

Ein schönes Zitat kam von einem Verlagsmitarbeiter, der das Verhältnis zwischen Verlagen und OER gerne als “sportlichen Wettkampf” sehen würde. Ein schönes Bild, mit dem man arbeiten kann. Über einen möglichen Nachteilsausgleich im direkten Duell muss man bei Zeiten nochmal sprechen. :)

Ein Schulbuch als Pilotprojekt?

Um den sportlichen Wettkampf aufzunehmen wäre es sinnvoll, ein erstes Pilotprojekt für ein richtiges OER Buch zu starten (wie oben bereits angedeutet). Allerdings reicht die Zeit, die ein Lehrender alleine dafür neben der regulären Arbeit aufbringen kann, kaum aus. Welche Resourcen können (von wo?) bereitgestellt werden, um ein solches Projekt anzugehen?
Als Fachgebiet bieten sich wahrscheinlich die naturwissenschaftlichen Fächer an, da das Material zumeist selber erstellt werden kann – anders als in den sprachlichen Fächern, wo man auf Texte von Autoren angewiesen ist, die oft urheberrechtlich geschützt sind.

Wie man dies finanziert und umsetzt ist eine Aufgabe der nächsten Wochen/Monate. Ich plädiere dafür, sich bei der Planung etwas Zeit zu lassen und nicht loszustürmen. Es drängt keiner und das Ergebnis ist ausschlaggeben dafür, ob die Ergebnisse als “Open Educational Resources” an den Schulen ernstgenommen werden; unter qualitativen, pädagogischen und didaktischen Gesichtspunkten.

7 Gedanken zu „Gedanken zum #oercamp“

  1. Danke Felix für die schöne Zusammenstellung deiner Erfahrungen vom EduCamp. Für mich, der ich nicht dabei sein konnte, ist diese Reflektion ein wertvoller Beitrag.
    Die Idee, ein CC lizenziertes Unterrichtswerk zu erstellen, finde ich sehr gut. Wir brauchen jetzt einfach mal Substanz. Ein guter Start für ein solches Werk könnte ein Booksprint sein, wie hier – https://1geheimprojekt.wordpress.com/ und hier http://blogs.cetis.ac.uk/lmc/2012/08/31/oer-booksprint-reflections/ beschrieben. Die Idee, booksprints zum Schaffen von OER Material zu nutzen, ist, wie der Link aus Schottland zeigt, nicht neu. Auch aus den USA gibt es Erfahrungen. Warum sollten wir es nicht mal probieren? Welches Tool man dann letztlich verwendet, ist egal. Wikibooks, Booktype oder substance.io wären mögliche Tools. Ob es Sinn macht, ein OER Buch, etwa für Chemie, auf mehreren Plattformen und in mehreren Formaten anzubieten, muss man sehen, da dieses auch mit einen gewissen Aufwand verbunden ist.
    Dass man die Erstellung eines ganzen Buches nicht unbedingt alleine angehen sollte, zeigt http://www.hoffmeister.it/biologie/bio.htm. Hier hat ein fleißiger Einzelkämpfer in 13 Jahren Arbeit eine Einführung in die Biologie geschrieben. Wer will und kann dieses leisten? Im Team kann es schneller gehen. Eventuell könnte man hier an die Arbeit von Hoffmeister anknüpfen, wenn es um das Fach Biologie geht?
    Einen Punkt, den man beim Thema “Schulbuch” leider nicht vergessen darf, ist eine eventuelle erforderliche Zulassung. Solange man das Buch als Lehrer als Steinbruch verwendet, ist dieses problemlos möglich. Nutzt man es mit der Lerngruppe sporadisch, auch kein Problem. Sobald das Buch jedoch von den SuS im Schulalltag überwiegend im Sinne eines Lehrwerkes genutzt wird, muss es erstens von den Kultusministerien zugelassen und zweitens offiziell in der Schule eingeführt werden.

    1. @damianduchamps:
      Hallo Damian,

      danke für Deine Ergänzungen. Ja, zeitlicher Aufwand und bürokratischen Folgen sind wichtig zu bedenken. Ich würde bei der Realisierung eines solchen Projektes auch unbedingt eine finanzielle Unterstützung von außen sehen wollen. Sonst wird das entweder eine jahrelange Geschichte oder qualitätiv nicht das, was voll konkurrenzfähig ist. Warum nicht in Deutschland eine ähnliche Initiative wie in Polen?
      Die Arbeitsblattsammlungen und Materialien, die von so vielen Lehrenden täglich produziert werden, sind davon nicht berührt. Es ist daher auch keine Konkurrenz zu der Installation von Plattformen für den Austausch, sondern einfach eine weitere Umsetzung der Idee OER. Ob es was wird – und mit wem: Mal schauen. War erstmal nur eine Idee.

  2. Das mit dem Paragrafen 52a wußte ich noch nicht. Erstmal danke dafür.

    Aus meiner Sicht gibt es doch zwei verschiedene Ansätze bei der Bereitstellung von OER Material: didaktisiert (gemeinsam ein Schulbuch schreiben) nicht didaktisiert (Sammlung von Arbeitsblättern). Im Gegensatz zu den Lizenzen der Schulbuchverlage liegt doch gerade die Kraft der OER-Lizenzen in der Veränderbarkeit und Anpassbarkeit. Das würde doch eher gegen eine zu starke Didaktisierung sprechen.

    Du argumentierst natürlich von der Lehrendenseite und sagst, die wünschen sich in erster Linie schon didaktisiertes Material, siehe die bisherigen Schulbücher. Und das würde eher dafür sprechen, die OER-Bewegung ruhen zu lassen, weil am Ende niemand wirklich anpassbare Materialien will, sondern eher kostengünstige.

    Meiner Beobachtung nach, braucht man aber wahrscheinlich immer beides. Für den Unterricht didaktisiertes Material, aber auch jede Menge lose Blätter zum üben.

    Und wir müssen glaube ich noch feiner unterscheiden zwischen Papier und Digital. Papier und die geschlossenen Lizenzen verstehen sich ebensogut, wie digital und OER-Idee. Mit beiden gehen aber vollkommen andere Ideen von Lernprozessen einher und die wiederum sind noch dickere Bretter als nur ein neues Medium einzuführen.

    1. @gibro:
      Es gab mehrfach Irritationen, warum ich plötzlich für die Einführung eines Buches plädieren würde. Stehe das nicht in einem Widerspruch zum Titel des Blogs? Edushift? Schule neu denken?

      Ja, tut es.

      Aber warum trotzdem: Es ist schön und wichtig, neue Lernsettings zu erproben und Erfahrungen im Umgang mit der 2.0igen (Lern-)Kultur zu bekommen.
      Daneben gibt es aber auch noch eine ganze Menge Lehrende, die bisher mit digitalen Materialsammlungen kaum in Kontakt gekommen sind. Und es gibt die SchülerInnen, die sich nach digitalen Formaten sehnen – aber von den Verlagen nicht bedient werden. In diesem Spannungsfeld kann ein digitales Schulbuch auf Basis von OER ein tolles Brückenprodukt sein.

      Immerhin nutzen wir bisher intensiv Schulbücher und werden dies wahrscheinlich auch noch ein paar Jahre tun. Warum also nicht auf dem “Markt” aktiv werden.

      Das bedeutet allerdings NICHT, dass das primäre Lernmedium in Zukunft das Buch ist. Insgesamt wird seine Rolle mehr und mehr zurück gehen. Wir werden vernetzter/kommunikativer Lernen und mehrere Resourcen parallen anzapfen. Hier ist ein quasi statisches Buch nicht mehr erste Wahl – auch wenn es mit bunten Bildern bestückt ist (die man auch auf einer Webseite einbinden kann).

      Vielleicht hätte ich darüber ausführlich bloggen sollen…

  3. Die Idee mit dem Buch finde ich eigentlich ganz toll. Mir ging es eher um die Auseinandersetzung zwischen didaktisiert und einfach nur Materialsammlung. Digital und analog können beide beides, aber ein Lehrbuch ist schwer nicht zu didaktisieren und das wiederum wäre in einem Digitalmedium wesentlich leichter. Es kommt also auf die Herangehensweise an. Projektarbeit erfordert viel nicht didaktisiertes und leitendes Material, sondern eher die Materialsammlung, die Volltext-Durchsuchbar ist, das Lehrbuch dagegen wird nur schwer nicht in der lange sein zu didaktisieren. Aber vielleicht, weil ich nur Lehrbücher kenne, die den Weg vorgeben, wie man etwas zu lernen hat. Vielleicht schafft man es aber auch ein Schulbuch zu schreiben, das nicht so stark didaktisiert und damit die möglichen Wege zum Ziel einschränkt.

    1. @gibro: Ein Schulbuch ist durch die Selektion von Material und die Zuschneidung auf eine bestimmte Jahrgangsstufe zwangsläufig didaktisiert.

      Ob man auch eine “best of” Sammlung von OER zu bestimmten Themen anlegt? Wäre eine Idee. Ist dann vor allem eine Fleißarbeit mit ganz viel Sichtungen und Erprobungen im Einsatz :)

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