Das langsame Sterben des Schulbuchs

Warum im digitalen Wandel das Urheberrecht das verbietet, was pädagogisch geboten ist. Den Schulen droht ein Kulturkampf.
oder:

Das Schulbuch, König der alten Schulmedien, stirbt. Sein Nachfolger steht bereit – wird aber vom aktuellen Urheberrecht blockiert.

Ungekürzte Version des Artikels in der taz vom 2.5.2012.
Von Felix Schaumburg und Jöran Muuß-Merholz

Schlagt bitte alle Seite 57 auf. In der letzten Stunde waren wir beim zweiten Abschnitt stehen geblieben. Da machen wir jetzt weiter.“ So einfach funktionierte die alte Schule. Alle arbeiteten zur gleichen Zeit mit gleichem Tempo mit den gleichen Methoden am gleichen Inhalt. Die SchülerInnen durften nicht machen, sollten aber mitmachen. Die LehrerInnen sagten an, wo es lang ging. Die drei wichtigsten Medien der LehrerInnen sind bis heute: die Stimme, die Tafel und das Schulbuch. Mehr als alle andere Medien verkörpert das Schulbuch die Gleichschritt-Schule.

Die neue Schule, das sagen uns alle PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und LehrerfortbildnerInnen, ist das Gegenteil von Gleichschritt. Binnendifferenzierung und Individualisierung sind wichtige und schwierige Herausforderungen, vor denen die Schule heute steht. Der Unterricht, Kerngeschäft der Profession Pädagogik, muss umgekrempelt werden. Die LehrerInnen soll nicht mehr (nur) lehren, sondern Umgebungen für selbständiges und freies Arbeiten schaffen.

Der didaktische Umbruch verlangt auch neue Unterrichtsmaterialien. Das Schulbuch verliert seinen Stellenwert. Wer heute in eine Schule mit einigermaßen individualisiertem Unterricht geht, der findet dort ein Sammelsurium verschiedenster Materialien. Es gibt zwar immer noch Bücher, aber vor allem Stückwerk. Das wichtigste Unterrichtsmaterial der modernen Schule: Arbeitsblätter. Klassenräume in Reformschulen sind voll von Ordnern und Schnellheftern, Ablagekörben und Fächern. Eltern von Grundschülern wissen: Der Umgang mit Locher, Heftstreifen und Tacker ist für Achtjährige schon so Routine wie sonst nur für Buchhalter und Finanzbeamte.

Für die LehrerInnen auf der anderen Seite ist der Kopierer zur unentbehrlichen Ausstattung geworden. Die Anzahl von Kopien, die in einer Schule angefertigt werden, sind immer weiter gestiegen. LehrerInnen werden zunehmend zu ExpertenInnen im Zusammenstellen von Material. Auch die Teamarbeit unter KollegInnen wird so katalysiert. Wer viele verschiedene Materialien entwickeln und zusammenstellen muss, der merkt schnell, dass Arbeitsteilung (im doppelten Sinne) das Leben vereinfacht.

Rip, Mix, Burn nannte man es zur Jahrtausendwende in der digitalen Kultur, wenn aus bestehenden Inhalten ein neues Werk geschaffen wurde. Man rippte zum Beispiel Musik, brachte sie also von einem Tonträger in den Computer. Dort mischte man die vorhandenen Lieder zu etwas Neuem zusammen – und brannte das Ergebnis auf ein neues Medium, um es unter FreundenInnen und Fremden zu verteilen. Die Kultur der Kassette wurde in die digitale Zeit übertragen und führte zu einer lebendigen und kreativen Szene.

Heute braucht es dafür keine Datenträger mehr, insofern würde man eher von Rip, Mix, Share oder Rip, Mix, Copy sprechen. Nichts anderes machen moderne LehrerInnen. Bisher waren ihre Werkzeuge: Schere (Rip), Klebestift (Mix) und Kopierer (Copy). In Schulen ist Rip, Mix, Copy schon viel länger als Kulturtechnik etabliert als Computer und Internet. Sind damit alle LehrerInnen Piraten und Raubkopierer? Nicht ganz. Denn diese Arbeitsweise ist Teil des eingespielten Systems. Das Urheberrecht sieht bisher ausdrücklich einen Spielraum für das Kopieren vor. Lehrkräfte dürfen bis zu 12 % eines Werkes, jedoch maximal 20 Seiten kopieren und einer Lerngruppe innerhalb eines Schuljahres austeilen. Die Urheber werden über eine Pauschalvergütung für die Kopien entschädigt.

Soweit der Status quo in der analogen Welt. Heute geht jedoch auch bei LehrerInnen die Unterrichtsvorbereitung zunehmend digitale Wege: Materialien werden per Scanner gerippt. Bildbearbeitung und Textverarbeitung ersetzen Schere und Klebestift. Der Kopierer steht in Form eines Multifunktionsdruckers gleich neben dem Schreibtisch. Und inzwischen ist auch noch das Internet dazu gekommen. LehrerInnen finden im Internet Unterrichtsmaterialien zu verschiedensten Themen, von unterschiedlichsten Anbietern und unterschiedlichster Qualität.

Später als viele andere Professionen entdecken auch LehrerInnen, dass der vernetzte digitale Raum für sie interessant ist: um Materialien zu finden, neu zusammenzustellen, sie im Team über USB-Sticks, Wikis und Cloud-Dienste zu teilen. Ein Glücksfall: Just zu dem Zeitpunkt, in dem die Differenzierung von Unterrichtsmaterial zur didaktischen Notwendigkeit wird, entdecken LehrerInnen die Arbeitsmittel, die genau dafür gemacht sind. Die digitalen Werkzeuge passen ideal zu den Anforderungen, die heute an Unterrichtsmaterialien und Schule gestellt werden.

Aber paradoxerweise ist genau das verboten, was pädagogisch sinnvoll wäre. Das Urheberrecht gilt nämlich, so wie es oben beschrieben wurde, nicht mehr, sobald ein Computer ins Spiel kommt: Das digitale Speichern und Verteilen ist grundsätzlich verboten – auch wenn es sich nur um ein kleines Bild oder einen kurzen Text handelt. Es dürfen keinerlei digitale Kopien von Unterrichtsmaterial angefertigt werden – auch nicht für die häusliche Vorbereitung, weil sie nicht privat, sondern beruflich begründet ist.

Vielen LehrerInnen war dieses Verbot bis vor kurzem gar nicht bewußt. Sie erfreuten sich der neuen digitalen Möglichkeiten – bis im Herbst 2011 die Planungen für den so genannten Schultrojaner aufgedeckt wurden. Mithilfe eines Programms der Rechteinhaber sollten alle Computer in Schulen auf urheberrechtlich geschützte Werke untersucht werden, um illegale Kopien aufzuspüren (vgl. taz 9.11.2011). Auch wenn die Planungen für die entsprechende Software vorerst gestoppt wurden, ist die Absicht hinter der Software nicht aus der Welt. In Niedersachsen werden die Schulleitungen angehalten, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass auf den schulischen Computern keinerlei urheberrechtlich geschütztes Material gespeichert wird. Auch in anderen Bundesländern hört man von urheberrechtlichen Selbstverpflichtungen, die LehrerInnen unterschreiben sollen. In den Schulen herrscht große Unsicherheit. In manchen Kollegien gilt daher die Devise: Lassen wir lieber erst einmal die Finger von allem Digitalen, nur so sind wir auf der sicheren Seite.

Seit Ende 2011 kursiert unter Eingeweihten das Kürzel OER als eine Art Heilversprechen, das pädagogische und digitale Welt versöhnen könnte, ohne dass dafür alle LehrerInnen zu Kriminellen werden müssen. OER steht für Open Educational Resources, also in etwa Offene Unterrichtsmaterialien. Dahinter verbirgt sich kurz gefasst folgendes: Entsprechende Materialien werden unter einer Lizenz veröffentlicht, die das Kopieren, das Bearbeiten und die Verbreitung von veränderten Inhalte explizit erlaubt. Auch der Browser Firefox oder die Wikipedia arbeiten mit ähnlichen Lizenzen.

Die Vorteile von OER liegen auf der Hand: LehrerInnen können entsprechende Materialien nicht nur frei verwenden. Entscheidend ist aus pädagogischer Sicht, dass die Materialien verändert und neu kombiniert werden können. Sie können selbst erstellte und “Remixe” von Materialien auch an andere weiterreichen. Dem offenen Austausch unter KollegInnen steht dann urheberrechtlich nichts mehr im Wege. Häufig wird auch der Kostenfaktor angeführt, denn Inhalte unter einer freien Lizenz sind meist kostenlos erhältlich.

Doch ganz so einfach ist das nicht. Unklar ist nämlich noch, wie Material aus Drittquellen mit OER verknüpft werden können. Ein Beispiel macht es deutlich: Für den Chemieunterricht wird es ein Leichtes sein, Experimente, Zeichnungen und Anleitungen neu zu erstellen oder aus bereits offenen Quellen zu beziehen. Für das Fach Deutsch oder Geschichte muss man aber auf Originalquellen zurückgreifen. Ein Gedicht von Brecht muss im (urheberrechtlich geschützten) Original verwendet werden. Ein anderer Punkt: Nicht alle LehrerInnen möchten sich das Material für den eigenen Unterricht im Internet neu zusammensuchen. Für eine gemeinsame Basis und zuverlässige Materialien braucht es Instanzen, die geprüfte und möglicherweise zertifizierte Materialien zusammenstellen. Inwieweit diese Leistungen von PraktikerInnen, von staatlichen Stellen oder von Verlagen übernommen werden, ist noch vollkommen offen. Ein dritter Punkt betrifft die Kultur der Zusammenarbeit an deutschen Schulen: Bisher gibt es an den Schulen oft nur informelle Kreise, die gemeinsam am Unterrichtsmaterial arbeiten. Bereits der Austausch innerhalb des Lehrerkollegiums ist für viele LehrerInnen nicht selbstverständlich, ein offener Austausch über das Internet ist nur für eine kleine Minderheit vorstellbar.

Digitalisierung, Urheberrecht und eine Kultur der Zusammenarbeit bilden ein Dreieck, dessen Ecken gegenseitig beeinflussen. Bei Digitalisierung und Urheberrecht geht es nicht nur um technische und juristische Fragen. Vielmehr stehen und fallen hier die Grundlagen für Unterrichtsmaterialien, die den pädagogischen Ansprüchen moderner Schule gerecht werden.


Infobox I: OER in Deutschland

Einige Anlaufstellen zum Thema:

  • cc-your-edu.de führt verschiedene Websites mit offenen Bildungsmaterialien auf und erklärt die Grundsätze von offenen Lizenzen.
  • segu-geschichte.de stellt offene Materialien auf einer Lernplattform für selbstgesteuerten Geschichtsunterricht zusammen.
  • www.joeran.de/oer: Die beiden Autoren dieses Artikels haben eine ausführliche Bestandsaufnahme zu OER in Deutschland erstellt.
  • wikimedia.de: Der Trägerverein der Wikipedia engagiert sich zunehmend auch bei der Erstellung von OER in Deutschland.

Infobox II: Apps statt Papier

Gleichzeitig mit der Diskussion um OER kommt auch andernorts Fahrt in die Debatte um digitale Unterrichtsmaterialien. Apple versucht mit der Software iBooks Author, seinem iBooks Store und der Bewerbung von „iPad-Schulklassen“ in den Schulen Fuß zu fassen.

Anfang Februar zogen die Schulbuchverlage nach und kündigten das Portal „Digitale Schulbücher” an, wo digitale, interaktiv angereicherte Versionen bereits existierender Schulbücher angeboten werden sollen.

Beide Angebote bilden den Gegenpol zu OER: Digitale Materialien, die nicht zum Bearbeiten und Kopieren einladen, sondern genau dies verbieten. Hier deutet sich ein Kulturkampf an: Die offene Kultur von Eigenaktivität und Austausch gegen die geschlossenen Systeme von Konsum und Copyright.


Dieser Text steht unter einer CC-by-3.0-Lizenz. Das bedeutet, dass Sie ihn für beliebige Zwecke kopieren oder verändern oder veränderte Kopien in Umlauf bringen können, solange sie die dabei die Autoren Jöran Muuß-Merholz und Felix Schaumburg nennen. Details zu dieser Lizenz finden Sie unter creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/

23 Gedanken zu „Das langsame Sterben des Schulbuchs“

  1. Hach, ich mag diese ganze Kriegsmetaphorik ja nicht, die in die Diskussion um “OER” und “Copyright” gekommen ist: “Kulturkampf”/”Büchersterben”/”Blockade”, das ist mir doch alles ein bisschen zu kriegerisch. Aber sei’s drum:

    Ich glaube NICHT, dass das Schulbuch sterben wird. Es wird nicht sterben, weil es genügend – auch junge – Kollegen gibt, die eben NICHT über die neuen Kulturtechniken verfügen. Das Schulbuch wird auch nicht sterben, weil ich glaube, dass sich niemand hinsetzt und Texte für Englischlerner der Klasse 6 entwirft und diese in gut verständlichem Native-English als MP3 zur Verfügung stellt. Das Schulbuch wird nicht sterben, weil sich niemand finden wird, der all die Musiknoten selber setzt und die Musikstücke selber (mit seinem privaten Symphonieorchester) einspielt. (Ich lasse mich da jedoch gerne eines besseren belehren, wenn die OER Sachen für alle Fächer fertig sind!)

    Aber ich will ganz ehrlich sein: Ich finde auch, dass das Schulbuch gar nicht sterben MUSS!

    In meiner Wahrnehmung ist es ein kleiner, im engsten Wortsinn “elitärer” Kreis an “Internetlehrern”, die glauben, alles würde besser, wenn es nur digital wäre und digitale, frei verfügbare Materialien könnten jeden Unterricht augenblicklich auf eine neue, eine bessere, eine idealtypische Ebene hieven. Schau mal in Deine Twittertimeline. Wie viele Interentlehrer hast Du da drin? Sind es 150? Dann sind das so viele wie an zwei Gymnasien unterrichten. Das ist verschwindend wenig. Und wie viele von den 150 machen konkret und aktiv bei OER mit?

    Wie viele von Deinen Kollegen an der Schule wissen, was die re:publica ist, wie viele gehen zu den Educamps, wie viele nutzen Twitter für den Unterricht, wie viele können, fangen wir ganz klein an, Noten am Rechner eingeben, diese als Grafik exportieren und in ein Arbeitsblatt integrieren? Machen die ALLE schlechten Unterricht? Glaube ich nicht.

    Wie viele Kollegen gehen auf der anderen Seite her, laden sich ihre Arbeitsblätter aus dem Internet herunter und setzen sie im Unterricht ein. Machen die dann automatisch guten Unterricht? Das glaube ich auch nicht.

    In Eurem Artikel schreibt ihr selber “…ein offener Austausch über das Internet ist nur für eine kleine Minderheit vorstellbar.”

    Das sehe ich auch so. Es sind wenige Prozent der Lehrerschaft, die sich überhaupt mit dem digitalen Lehren auseinandersetzen. Zwar lässt die aktuellen Referendarslandschaft darauf hoffen, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre die Menge der technikkundigen und internetaffinen Lehrerschaft ansteigen wird. Noch ist es aber nicht soweit. Noch reden wir von einer Minderheit. Diese Minderheit ruft aber spätestens seit die Piratenpartei existiert immer lauter nach der “Revolution”. Das Rufen und Fingerzeigen und Lamentieren und das Artikelschreiben alleine werden aber nichts ändern.

    Die Auflistung von CC Seiten auf “CC your Edu” ist nett gemeint und hat sicherlich Arbeit gekostet. Aber das ist viel zu wenig, das ist nicht genügend aufbereitet und sortiert, das ist nicht an Lehrplänen orientiert, nicht an Schulstufen ausgerichtet. Das wird so keiner nutzen, weil ein Schulbuch hier noch immer den großen Vorteil des “Zugreifen, Aufschlagen, alles zusammen haben”s bietet. Die Einstiegshürde, sich auf CC your Edu Sachen zusammen zu basteln ist für Otto Normallehrer noch definitiv zu hoch.

    Was her muss sind Arbeitsgruppen, die anfangen, Lehrbücher/-wikis/-sammlungen/-materialien für alle Schulstufen und alle Fächer digital, frei und kostenlos zu erstellen. Inklusive aller Zusatzmedien und -materialien. Vielleicht so wie die “Raabits” das machen (über deren Qualität man natürlich trefflich streiten kann) – aber natürlich frei, offen und kostenlos. Vernetzt Euch und fangt an. Das Motto der re:publica lautet offensichtlich “action”. Na denn mal los!

    Legt los, macht das digitale Chemiebuch fertig und das digitale Englischbuch und das digitale Deutschbuch und das digitale Mathebuch und das digitale Musikbuch. (Wobei natürlich “-buch” hier dann falsch wäre. Also kein Buch sondern eben die “Ressourcen”). Dreht Filme für den Biounterricht und Filme für den Sportunterricht. Nehmt Hörbeispiele auf, setzt Musikstücke neu und verzichtet dabei doch zunächst einfach auf den Brecht-Text, der noch dem Copyright unterliegt. Aber fangt doch einfach an und zeigt den Verlagen, was eine Harke ist. Auf geht’s!

    1. @Sebastian: Ich habe an der oft vorzufindenden Qualität von Schulbüchern nicht gezweifelt: Die redaktionell überprüften und gesicherten Materialsammlungen sind sinnvoll und eine irre gute Erfindung – für die Zeit des gedrucktes Wortes.

      Die Frage ist, wie sich die Bücher in eine digitale Zukunft führen lassen. Schon heute fragen mehr und mehr SchülerInnen, ob sie die Infos aus den Büchern nicht auch digitial bekommen können. Hauptgrund: Weniger schleppen und schneller bestimmte Schlagworte finden. Das geht leider nicht, weil das UrHG im Wege steht. Hier müssen die Schulbuchverlage eine praktikable Lösung finden… und das bedeutet nicht, Flash-Seiten mit DRM zukleistern und sagen: Hier haben wir das digitale Schulbuch.

      Der andere Punkt ist, dass das Material auch unter Lehrenden ausgetauscht werden muss. Wiewiel gutes Material macht die Runde, das nicht aus offiziellen Lehrwerken kommt, aber mit einzelnen Texten oder Bildern aus selbigen ergänzt ist? Es kann nicht sein, dass dies alles unter “Raubkopien” fällt. Wir sind Profis im Zusammenstellen von Material und tun es vor allem aus einem Grund: Guten Unterricht zu machen. Ich finde nicht, dass ein guter Didaktiker immer auch ein guter Jurist sein muss.

      Daher: Klare Lösungen finden, um Material digital und offen innerhalb er Schulen zu verbreiten. Eine Lösung für das Problem wären CC-Lizenzen.
      Erste Umsetzungen als OER finden sich ja u.a. in Polen.

  2. Vielen Dank für die Erwähnung von segu-geschichte.de als OER-Anlaufstelle!

    Tatsächlich gibt das nicht-kommerzielle Projekt ein gutes Beispiel dafür, dass und wie OER funktionieren können. segu ist eine Lernplattform, die seit gut einem Jahr im Rahmen eines Projekts am Historischen Institut der Universität zu Köln erstellt wird. Auslöser war die Lehrer-Erfahrung, dass individuelles Lernen heute zwar überall gefordert wird, aber (beispielsweise) im Fach Geschichte kaum geeignete Lernkonzepte hierfür zur Verfügung stehen. Die Lernplattform von segu stellt nicht nur Lernmaterialien als OER an, sondern auch ein geeignetes Konzept, im Offenen Unterricht mittels internetbasierter Planarbeit zu lernen.

    Erst im Laufe einiger Monate haben sich bei der Arbeit am segu-Projekt Erfahrungen entwickelt und bestätigt: Es ist heute überhaupt kein Problem mehr, urheberrechtlich unbedenkliche Bildungsmedien selbst zu erstellen und zu veröffentlichen. Die Mediendateien (meist aus wikimedia.org) werden mittels CC-Lizenzen verbreitet; inzwischen konnten sogar Lernvideos unter CC-Lizenz ins Netz gestellt werden.

    Solche pragmatischen Ansätze sind es, die sich im digitalen Zeitalter viel leichter realisieren lassen als noch vor Jahren, als man, um Offenen Unterricht zu verwirklichen, Berge von kopierten Arbeitsblättern durch die Schule schleppen musste. Das ist insbesondere in den Schulen der Sekundarstufen, wo Nebenfächer zweitsündig unterrichtet werden, nur schwer zu leisten. Digitale Medien bieten zudem den Vorteil, in Wikis, Etherpads, Präsentationsprogrammen usw. stärker in kollaborativen Lernformaten zu lernen.

    Ein Einwand zum Artikel von Jöran Muuss-Merholz und Felix Schaumburg bezogen auf einen heraufziehenden „Kulturkampf“ sei gestattet. Es bietet sich hier, etwas stärker systemisch und pragmatisch zu argumentieren.

    Bislang werden Bildungsmedien ganz vorrangig in einer kommerziellen Verwertungskette als Waren angeboten. Das ist/war weniger eine Frage der Inhalte. Grundsätzlich sind Lehrer_innen immer kompetent, Lehrmaterialien und Arbeitsaufträge zu erstellen und Schüler_innen geeignete Wege aufzuzeigen, an Informationen zu kommen. Das kann man nicht zuletzt daran ablesen, dass Schulbücher i.d.R. von Lehrer_innen verfasst werden.

    Die kommerzielle Verwertung von Bildungsmedien ergab sich bislang aus der Notwendigkeit, die Inhalte auf Papier und somit in die Klassenzimmer zu bringen. Das ist/war die vorrangige Aufgabe der Verlage. Im digitalen Zeitalter ist es nun möglich, dass Bildungsinhalte via Internet kostenlos und papierfrei in die Klassenzimmer kommen. Die Notwendigkeit einer kommerziellen Verwertungskette für Bildungsmedien ist damit grundsätzlich in Frage gestellt. Gelegentlich stellt die Technik die Ökonomie vor neue Herausforderungen – siehe beispielsweise das Verschwinden der Schreibmaschine. Ein Trend wird sich nicht mehr stoppen lassen: Das Medium Buch wird in wenigen Jahren durch ein strapazierfähiges digitales Endgerät für jeden Schüler ersetzt werden, auf dem die Bildungsinhalte gespeichert oder online abgerufen werden. Die Schulranzen werden dann nur noch halb so groß wie heute sein.

    Auf diesen einschneidenden Strukturwandel in der Bildungsmedien-Landschaft zu reagieren haben etablierte kommerzielle Anbieter verschiedene Möglichkeiten. Mit der Durchsetzung urheberrechtlicher Beschränkungen bei der Verwendung der Bildungsmedien – z.B. das zurzeit diskutierte restriktive Kopierverbot – tun sich die Verlage keinen Gefallen. Arbeitsaufträge auf Arbeitsblättern sind Gebrauchstexte für den Schulbetrieb und keine Kunst, Literatur oder Musik, wo die Zuschreibung „geistigen Eigentums“ ja durchaus berechtigt ist. Als Gebrauchstexte müssen Bildungsmedien – wie im Artikel beschrieben – „rip, mix, share“-geeignet sein. Und Lehrer_innen sind es seit Jahren gewohnt, Arbeitsblätter zusammenzustellen und zu kopieren. Ein „Kulturkampf“ scheint nur dann denkbar, wenn die Verlage ein Kopierverbot wider die jahrelange Praxis in den Lehrerzimmern restriktiv durchsetzen wollen.

    Die zweite Möglichkeit – mit weniger „Kulturkampf“ – scheint mittelfristig die wahrscheinlichere. Lehrer_innen denken bei der Auswahl von Bildungsmedien sehr pragmatisch. Zuerst wird auf die Qualität und den Nutzen von Bildungsmedien geschaut – dann auf den Preis. Wenn es gute Bildungsmedien von kommerziellen Anbietern gibt, werden Lehrer_innen sie auch kaufen. Wenn es daneben gute OER-Bildungsmedien gibt, werden Lehrer_innen sie benutzen. Die Anbieter von Bildungsmedien sind also gefordert, ihre Angebote umzudenken. Das Beispiel Norwegen, wo OER bereits seit einigen Jahren staatlich gefördert werden, zeigt, dass die Verbreitung der OER keineswegs das Ende der Bildungsverlage bedeutet.

    Das segu-Lernkonzept sieht übrigens ausdrücklich vor, Informationen im (noch vorhandenen) Schulbuch zu recherchieren. Die Existenz von kommerziellen Anbietern von Bildungsmedien und OER muss nicht als Gegensatz aufgefasst werden. Gerade aus Sicht des „rip, mix, share“-Lehrers, der sich das nimmt, was er braucht, hat eine große Vielfalt und Koexistenz von freien und kommerziellen Bildungsmedien mittel- und langfristig wahrscheinlich den größten Nutzen.

    nachzulesen auch im segu_Geschichte Magazin: http://bit.ly/K1hOD0

    1. “Das segu-Lernkonzept sieht übrigens ausdrücklich vor, Informationen im (noch vorhandenen) Schulbuch zu recherchieren. Die Existenz von kommerziellen Anbietern von Bildungsmedien und OER muss nicht als Gegensatz aufgefasst werden. Gerade aus Sicht des „rip, mix, share“-Lehrers, der sich das nimmt, was er braucht, hat eine große Vielfalt und Koexistenz von freien und kommerziellen Bildungsmedien mittel- und langfristig wahrscheinlich den größten Nutzen.”

      Das finde ich eine wichtige und wichtige Aussage. Es muss nicht zwingend ein Gegeneinander geben. Sondern der MIX wird es machen. Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine OER für das Fach Englisch zu einem bestimmten Themenkomplex zum Beispiel auch Querbezüge zu den Lehrwerken der verschiedenen Verlage liefert? Dann könnte der Lehrer der Zukunft das Buch weiterhin einsetzen, aber auf einen massiven Pool an von Kollegen hergestellten Zusatz- und Ergänzungsmaterialien zurückgreifen, unabhängig davon, ob die Schule Cornelsen oder Klett oder Müllermeierlüdenscheidt einsetzt.

      Koexistenz statt Kulturkampf. Das finde ich erstrebenswert.

      1. @Sebastian: Vielen Dank für die differenzierten Kommentare! Ich möchte in Sachen “Kulturkampf” darauf hinweisen, dass ich nicht zwingend den “Frontverlauf” entlang der Linie kommerziell vs. nicht-kommerziell sehe. Wir haben sehr bewusst im gesamten Text das Wort “kommerziell” nicht benutzt. Ich kann mir durchaus einen Mix vorstellen, in dem es auch kommerzielle Angebote gibt, die freie Inhalte kuratieren und anbieten. (So eine Art “Service gesichtete Version” vielleicht?)
        Unser Artikel sollte nicht kommerziell vs. nicht kommerziell gegenüber stellen, sondern offen vs. geschlossen. Wie Kollege Pallaske schrieb: “Ein „Kulturkampf“ scheint nur dann denkbar, wenn die Verlage ein Kopierverbot wider die jahrelange Praxis in den Lehrerzimmern restriktiv durchsetzen wollen.” Das würde ich so unterschreiben. Und im Moment sieht es eher so aus, als würden die Verlage in diese Richtung gehen.

    2. wenn jeder nur das lernt was er möchte, wir wird kind dann zu einer allseits gebildeten persöhnlichkeit?

      das jeder lehrer in der lage ist lehrmaterialien zu entwerfen/erstellen wage ich stark zu bezweifeln.

      mir fallen die parallelen zum elerning auf, da weiss man jetzt zwar warum es nicht funktioniert, aber wie es besser gehen kann ist auch noch nicht klar.

  3. Wenn sich die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in den letzten paar Jahren nicht geändert hat (was ich nicht glaube), dann muss ein Unterricht, der sie nicht berücksichtigt, zwangsläufig zu schlechteren Ergebnissen führen.
    Schüler, die am Ende der Grundschule nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, haben in höheren Stufen größte Probleme, weiterführende Aufgaben, die diese Grundlagen zwingend erfordern, qualitativ und quantitativ zu bewältigen.
    Und wie sollen Kinder schreiben lernen, die nur noch vorgefertigte Arbeitsblätter ausfüllen bzw. ankreuzen? Wie sollen Kinder rechnen lernen, wenn Taschenrechner mit der Kapazität früherer Großrechner zum Einsatz kommen und wie sollen Kinder lesen lernen, wenn sie am Ende nur noch Videos oder MP3s vorgespielt bekommen?
    Dass die Arbeit mit Techniken wie Internet und Computer auch Teil der Schule sein muss, ist unbestritten – aber immer auf der Grundlage der Grundkompetenzen!
    Sonst heißt es bald zu recht: “Kopieren geht über studieren”.

    1. @Emmi:

      Hallo Emmi,
      hats du aus dem Artikel herausgelesen, dass eine technokratische Bildung aus kalkuliertem In- und Output das Ziel einer offenen Lizenz von Bildungsmaterial sein soll? Das ist sicherlich nicht gemeint! Die Digitalisierung von Material und eine klare Regelung bzgl. UrHG bedeutet nicht, dass nur noch Multiple-Choice Aufgaben gelöst werden müssen und das Nachdenken in Gänze eingestellt wird.

      Digitale Bildung bedeutet auch: vernetzen, kommunizieren, projektieren! Es kann sehr lebendig und kreativ sein. Das Smartphone ist keine Verdummungsmaschine.

  4. Was für ein geballter Unsinn: Die lehrbuchabhängige Gleichschritt-Schule kontra Differenzierung und Individualisierung; Didaktik diktiert durch Medien; das Generieren von Wissen und der Erwerb von Kompetenzen auf der Basis von Rip, Mix, Copy… Wer von derartig oberflächlichen Prämissen ausgeht, sollte zumindest ahnen, dass unter dem dünnen Eis ein tiefes Wasser lauert.

    1. @Paul Bartsch:
      Hallo Paul Bartsch,

      gerne würde ich dem etwas genauer nachgehen, um das tiefe Wasser zu erkennen.

      Inwieweit siehst Du Widersprüche in der Argumentation “lehrbuchabhängige Schule” vs. “Differenzierung und Invidualisierung”?

    2. @Paul Bartsch:

      Was das “rip-mix-copy” angeht: Hier geht es nicht um den Lehrprozess beim Schüler, sondern nur (!) um den Prozess der Materialzusammenstellung. Ein Lernprozess ist damit noch nicht verbunden (wenn man die Kompetenzen auf der zweiten Ebene außer acht lässt (strukturieren, selektieren…))

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