Schultrojaner und Leitmedienwechsel

Ist der Schultrojaner eine Antwort auf den Leitmedienwechsel?

Die von den Schulbuchverlagen angedachte Software zur Durchsuchung von schulischen Computern – allgemein als „Schultrojaner“ bezeichnet –  ist der zunehmenden Digitalisierung des schulischen Alltages geschuldet und eine verständliche Antwort. Über diese – seltsam anmutende – Maßnahme versuchen die Verlage offenbar, ihre Pfründe zu sichern.

Wir leben aber in einer Zeit des Wandels, in dem für alle spürbar wird, dass durch den Computer und das Internet unzählige Veränderungsprozesse angestoßen werden, die unsere kulturellen Errungenschaften in Frage stellen und unsere Kreativität herausfordern.
Von diesem Wandel sind die Verlage ebenso betroffen wie auch Schulen und die Vorstellung von Lernen.

Auf diese Entwicklung ist eine Schnüffelsoftware aber sicher die falscheste aller möglichen Antwort. Wenn sich die Verlage in einer verändernden Medien- und Kulturlandschaft als Anbieter behaupten wollen, müssen sie MIT den Lehrenden arbeiten, und Zusammenarbeit bedeutet in erster Linie: Gegenseitiges Vertrauen.

Schon heute gilt, dass die Verlage dringend ‚digital‘ denken müssen. Ich bin Lehrer und die Schülerinnen fragen mich immer wieder, ob sie die Schulbücher auch digital bekommen, sodass sie diese auf dem Laptop und iPad lesen können. Dann müssen sie die Bücher nicht immer hin und her schleppen, obwohl sie die Bücher nur für eine Stunde am Tag brauchen. Verständlich, oder? Das Lern-Material soll da sein, wo ich bin und lernen möchte. Nicht zu Hause ODER in der Schule.

Ich denke daher darüber nach, das Material für den Unterricht nur noch digital über eine Internetseite (Wiki oder Blog) anzubieten. Dort finden sich alle Autorentexte und Informationen, die wir – Lehrende wie Lernende – im Unterricht brauchen. Auf diese Weise haben wir unser selbst erstelltes, digitales Schulbuch, welches von allen Beteiligten verändert und angepasst werden kann.

Was wäre, wenn diesen Schritt mehr und mehr Lehrende einschlagen? Sich von den Schulbuchverlagen abwenden und ihr eigenes passendes „Werk“ für den Unterricht erstellen? Durch die digitalen Technologien ist eine Zusammenarbeit zwischen Lehrenden denkbar einfach geworden, auch über weite Entfernungen. Wer braucht da noch die Schulbuchverlage? [Eine engagierte Gruppe rund um Torsten Larbig versucht gerade eben dies durch die Bündelung der deutschen OER-Initiativen unter einem gemeinsamen Label.]

Im heutigen Leitmedienwechsel wird das Buch als dominantes Leitmedium durch ein digitales Medium abgelöst. Der Computer – auch in seiner Form als Smartphone – ersetzt heute nicht nur bestehende Werkzeuge, sondern schafft neue, bisher undenkbare Möglichkeiten. Dies hat Auswirkungen auf das Lernen, das sich ebenfalls verändert. Lernen wird in erster Linie ein kommunikativer, vernetzter Prozess sein. Und gerade die Möglichkeiten der Kommunikation haben sich in den letzten Jahren radikal verändert.

Den Computer als bloße Weiterentwicklung zu sehen, wird daher nicht ausreichen. Auf die Schulbuchverlage bezogen: Die Digitalisierung des Buches als ausreichende Antwort auf den Leitmedienwechsel zu sehen, wäre ignorant und damit töricht.
Ob es überhaupt eine Antwort gibt, nach der das heutige Verlagswesen in der digitalen Kultur überlebensfähig ist? Ich habe Zweifel.

[Der Artikel ist in leicht gekürzter Form am 09.11.2011 in der TAZ zusammen mit einem Text von Lisa Rosa und Sylva Brit Jürgensen erschienen und kann ebendort auch eingesehen werden: http://www.taz.de/!81536/)

5 Gedanken zu „Schultrojaner und Leitmedienwechsel

  1. Damian Duchamps

    „Gegenseitiges Vertrauen“, das wäre sicherlich schön.

    Beim Geschäft der Schulbuchverlage geht es ums Geld. Brauche ich dir nicht sagen, Felix. Das Verlagswesen ist knallhartes Business. Hier hat Vertrauen keine Bedeutung, nur Verträge zählen, rechtlich abgesichert und mit Geld unterschrieben. Geld wird gegen Ware getauscht.
    Bunte Farben, schmeichelnde Worte und nette Modelle in Werbebildern täuschen Freundlichkeit vor, Schulbuchvertreter beackern das Feld und schmieren uns Honig um den Mund im Kampf um Marktanteile. Geschäft bedeutet Kontrolle, absolut und unbedingt. Kontrolle braucht kein Vertrauen. Vertrauen bedeutet Schwäche im Wettbewerb.

    Wer hier hofft, der hofft vergeblich (siehe andere Wirtschaftszweige, die ihr Geld mit der Verwertung von Urheberrechten verdienen). Natürlich schauen die Bildungsverlage, wohin die Reise geht und werden versuchen sich mit neuen Entwicklungen an neuen Märkten zu platzieren, und ganz im Vertrauen – sie werden dabei alle Möglichkeiten ausschöpfen, die absolute Kontrolle zu behalten. In einer komplett digitalen Welt könnte ihnen das vielleicht sogar noch besser gelingen, wenn man die Kultusministerien weiterhin davon überzeugen kann, dass Kontrolle und Sanktionierung der beste Weg ist, die Unwissenden vor Selbstschädigung durch Urheberrechtsverletzungen zu bewahren.

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  2. Daniel Peters

    Glückwunsch, eine gelungene Analyse. Und umso besser, dass der Text über die TAZ ein größeres Publikum erreicht.

    Zwei Gedanken dazu, aus der Sicht eines Mathelehrers: Unsere Schulbücher werden schon seit geraumer Zeit von Kollegen geschrieben, und wenn man ihnen glauben darf, lohnt es sich finanziell nicht. Wer aber nur ein nominelles Honorar erhält, der arbeitet vielleicht bald umsonst für die Allgemeinheit.

    Zweitens: Gerade Mathematikschulbücher sind bereits extrem modularisiert. Ich stelle mir für die Zukunft vor, dass ich Abschnitte online auswählen, anordnen und als PDF exportieren kann und dann meinen Schülern zur Verfügung stelle. Dank des SMART-Projekts (http://btmdx1.mat.uni-bayreuth.de/smart/wp/) geht das für Matheaufgaben heute schon.

    Allein in Baden-Württemberg gibt es 40 000 Lehrer. Wenn nur jeder davon einen einzigen gut ausgearbeiteten Beitrag liefern und unter geeigneter Lizenz zur Verfügung stellen würde …

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    1. anonym im netz... is besser so... ;)

      @Daniel Peters:
      Stimme ihnen voll zu.

      (das Gute an Google+ ist, dass man Zustimmung leicht signalisieren kann. Hier geht es leider nicht so einfach.)

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  3. anonym im netz... is besser so... ;)

    „Es ist das letzte Aufbäumen der Pferzüchter, als klar wurde, dass dem Auto die Welt gehört“

    Oder
    „Das Bessere ist der Feind des Guten.“

    Tatsache ist:
    Das Schulbuch war ein Mal besser als Schiefertafel und Kreide. Doch die Kreidezeit ist vorbei.
    Nun war lange Zeit das Schulbuch „gut“.

    Das Buch, das Radio, der Fernsehapparat und des Festnetzanschluss haben wie früher mal die Pferdefuhrwerke und Dampflokomotiven ausgesorgt.
    Was in Nürnberg 18XX modern war ist in 2012 schon sehr, sehr alt.
    Auch der Unterricht wird solche Veränderungen durchmachen, wenn die jetzige Schülergeneration mal ihren Master-Abschluss (Staatsexamen gibt es ja nicht mehr, leider) hat und in die Schule strömt. Dann werde auch andere Politiker in den Ministerien sitzen….

    Aber was soll man jemanden 1900 erzählen, dass 2000 nur wenige Kutschen in New York fahren werden und statt dessen U-Bahnen oder gar Flugzeuge in 6 Stunden nach Europa fliegen können.
    Irgendwann wird sich jemand, der seine Master-Arbeit über Schulbücher schreiben wird, über die Kurzsichtigkeit und die Fantasielosigkeit unserer Zeit tot lachen. Aber das ist in 20-30 Jahren… 😉

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  4. Pingback: Artikel: “Schultrojaner…” | Medienpädagogik & Web 2.0

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