Schule und die Buchgesellschaft

Im letzten Artikel über die „Schulreform von innen – oder außen?“ habe ich über den Leitmedienwechsel und seine Auswirkungen auf die Schule gesprochen. In diesem Beitrag möchte ich nun die Zusammenhänge von Schule und Buchgesellschaft etwas genauer darlegen. Dabei beziehe ich mich auf das Buch „Lernen und Lerntätigkeit“ von Bernd Fichtner und ein Vorwort von Georg Rückriem [amazon-link].

Ein neues Leitmedium führt zu einer tiefgreifenden Veränderung des gesellschaftlichen Gefüges. Es bleibt nur das Problem, dass wir in den Anfangstagen noch nicht darauf schließen können, welche Veränderungen es sein werden und wann genau diese offensichtlich werden. (via)


Wenn eine Prognose über die Auswirkung des Leitmediums nicht möglich ist, so bleibt uns doch zu überlegen, welche Funktion zur Zeit etablierte Normen, Überzeugungen und Institutionen erfüllen.  Ausgehend davon – und der Beobachtung einzelner Ausfallerscheinungen – lässt sich vielleicht eine grobe Idee entwickeln, was sich verändern könnte.

Die Schule ist ein typisches System der Buchgesellschaft. 

Ohne die Erfindung des gedruckten Buches hätte es die Notwendigkeit einer allgemeinen Schule wahrscheinlich nicht gegeben. Die Struktur der Schule ist eng verknüpft mit den Anforderungen, die das Leitmedium Buch an die Gesellschaft gestellt hat.

„Der Buchdruck ermöglicht die massenhafte Parallelverarbeitung von Informationen im nationalen Maßstab. Die – daraus folgende – Normierung der Wahrnehmung, des Denkens und Beschreibens, der Sprache sowie der Professionalisierung der Wissensproduktion und der Nutzung von Buchinformationen usf., sind Beiträge zur Lösung des Problems interaktionsfreier Massenkommunikation.“ [a.a.O., S. XVI]

Um das Buch nutzen zu können, mussten die Menschen im Lesen geschult werden. Sie mussten linearen Geschichten oder den Gedanken einer ihnen unbekannten Person folge lernen. In einer vorrangig skriptographischen Kultur mussten diese Kompetenzen weniger ausgeprägt sein, da man die Teilnehmer einer Kommunikation in der Regel direkt kannte und so einen anderen Kommunikationsstil führen könnte.

Durch die Erweiterung der Kommunikationsräume auf nationale Ebene und den Austausch über gedruckte Werke, musste – im Interesse eines beständigen Fortschritts – gewährleistet sein, dass a) eine breite Beteiligung an den Diskursen möglich war und b) von allen eine möglichst gleiche Interpretation der Texte vorgenommen wurde.

„Damit ‚erzwingt‘ die neue Form des gedruckten Buches eine qualitativ neue Methode, Wissen zu organisieren. Die strenge Linearität, […] die Einteilung in Abschnitte, die Vereinheitlichung der Orthographie und Grammatik können in gewisser Weise auch als Methode zur Organisierung des Denkens selber verstanden werden“. [a.a.O., S. 164]

Der heute hohe Wert der (normierenden) Allgemeinbildung und der Wissenschaft, aber auch die bürgerliche (Klassen-) Gesellschaft sind damit Kennzeichnen der Buchkultur und finden ihre Auswirkungen in der Konstruktion der Schule.

Beispielsweise ist die Form der Lehrpläne oder die Unterrichtsmethodik direkt abhängig von der Existenz jahrgangshomogener Klassen. Nur wenn ich gleichaltrige SchülerInnen in einer Klasse habe, ist die Annahme einer Homogenität auch der einzelnen Subjekte möglich. Folglich kann ich Unterricht frontal führen und die Unterrichtsinhalte einmal für alle erklären – und dann üben lassen. Es ist fraglich, ob dieses Konzept heute noch Gültigkeit hat.

Welche neuen Anforderungen stellt das digitale Leitmedium an unsere Gesellschaft? 

Was bedeutet Lernen, und wofür? Welche Bedeutung kommt dem lernenden Subjekt zu? Gibt es noch den klassischen „Lerner“, oder ist Lernen, weil kommunikativ, immer ein systemischer Prozess innerhalb eines sozialen Gefüges und kann daher nicht gänzlich unabhängig gemacht werden von eben diesem?

Weil sich eben mit dem Denken auch das Lernen verändert, steht Schule auf dem Prüfstand. In Zukunft geht es nach Rückriem noch um eins: Kommunikation.

Kommunikation = Lernen. Lernen ist nicht mehr beschränkt auf die Schule, sondern elementarer Teil einer Gesellschaft.

„Das bedeutet, dass die Informationsgesellschaft keine Lernkultur mehr hat, sondern eine Lernkultur ist: Sie ist eine Kultur des Lernens.“ [a.a.O.., S. XVIII].

Rückriem stellt drei Konsequenzen auf, die für die Bildungstheorie von großem Interesse sind [a.a.O., S. XXV f.]:

  • Schaffung einer allgemeinen Kommunikationsfähigkeit in den globalen Netzen
  • Entwicklung der Fähigkeit zur organisierten Wissensarbeit
  • Akzeptanz von Komplexität, Kontingenz und Intransparenz

Schule als Begriff ist so eng mit der Buchkulturgesellschaft verbunden, dass es wahrscheinlich schwer fallen wird, den Begriff „Schule“ in einem neuen Leitmedium wirklich neu zu denken. Schule ist assoziiert mit Klassenräumen, grünen Tafeln, Unterrichtsstunden, allwissenden Lehrern, Klausuren und Noten.

Wollen wir die drei von Rückriem formulierten Konsequenzen als vorrangiges Ziel von Schule begreifen, müssen wir alles bestehende auf Seite schieben. Wahrscheinlich wird ein „Ort“, an dem man dann kommunizieren und lernen kann, ein Projektraum werden.

Was dort zählt ist nicht zuhören und reagieren, sondern selber gestalten, etwas schaffen und agieren können. Kommunikation ist Lernen, und nirgendwo kann man die „Kommunikationsfähigkeit in den globalen Netzen“ besser lernen als es zu probieren und zu tun!

„Das Problem ist nicht die Technologie, sondern die gesellschaftliche Veränderung, die sie bewirkt. Gefragt ist daher nicht so sehr die Kompetenz in der Beherrschung der Technologie, als vielmehr in der Bewältigung der von ihr hervorgerufenen gesellschaftlichen Problemlagen.“ [a.a.O., S. XIII]

13 Gedanken zu „Schule und die Buchgesellschaft

  1. Felix Schaumburg Beitragsautor

    Dazu passend:
    Weshalb werden die deutschen Schulen nicht digitaler?

    Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Deutschen Gutenberg und die Humboldt-Brüder hatten und die Nase vorne, als es darum ging, das Zeitalter des Buchdrucks und der Industrie mit dem passenden Bildungssystem auszugestalten. Es ist schwer, erkennen zu müssen, dass man nicht mehr die Avantgarde ist. Aber wenn man zu lange wartet, könnte man auch noch die Nachhut verpassen. Das wäre schlecht.

    via Lisa Rosa: https://shiftingschool.wordpress.com/2011/10/08/lehrerbildung-im-digitalen-zeitalter/

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  2. Julius

    Ein paar Gedanken meinerseits: Ich bezweifle, dass Linearität eine völlig neue Anforderung des Buchdrucks ist. Schon in der oralen Gesellschaft wurden beispielsweise Heldenepen linear kundgetan und innerhalb der Gemeinschaft verbreitet. Diese Helden kannten vermutlich die wenigsten persönlich. Auch religiöse Messen waren in der skriptografischen Kultur linear, etwa, wenn aus der mühsam per Hand abgeschriebenen Bibel vorgelesen wurde (von den Figuren darin kennt auch kein Lebender jemanden). Du hast Recht, dass die schriftliche Kommunikation die o. g. Kompetenzen aber stärker fordert.

    Auch fordert die Schriftlichkeit eine stärkere Strukturierung des Denkens und Wissens, aber wiederum ist dies nicht neu – schon die Griechen hatten viel Wert auf Rhetorik gelegt. Ich frage mich, ob diese stärkere Organisierung nicht auch eher eine Folge der Wissensexplosion und der breiteren Teilhabe an Wissen ist, die wiederum durch Bücher ermöglicht wurde.

    Was die Auswirkung der Buchkultur auf Bildung angeht: Ist der Buch-auf-und-im-Gleichschritt-Marsch-Frontalunterricht wirklich eine Folge des gedruckten Buches oder nicht vielmehr eine Folge eines Missverständnisses, wie Lernen abläuft? Auch im Umgang mit einem Buch findet Kommunikation statt – Ist der Sender vielleicht einfach nur nicht richtig auf den Empfänger eingestellt?

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  3. Felix Schaumburg Beitragsautor

    Inwieweit Heldenepen linear waren, ist nachträglich schwierig. Sie sind in der uns heute bekannten Form vor allem über das Buch überliefert. Die Literatur der Chanson de geste mündete in den Arbeiten von Chrétien de Troyes, die aber nie richtig vollendet wurden und erst durch Wolfram von Eschenbach und seinen Parzifal zusammengefasst wurden. Hier scheinen also viele Einflüsse zu beachten, die durch die jeweilige Hofkultur geprägt wurden.

    Auch die Geschichten der Bibel _vor_ der finalen Fassung als „Buch“ (feste Sammlung) um 400 n. Chr. war durchaus lebendig.

    Ich möchte aber nicht die Linearität herausstellen. Man kann ja grundsätzlich zugestehen, dass eine mündliche Überlieferung – und dazu zähle ich jetzt mal ganz frei auch mal handschriftliche Werke, die jeweils individuell angefertigt werden – einer größeren Veränderung unterliegen als gedruckte Werke. Anpassungen sind bei ersteren je nach Empfänger möglich und wurden sicherlich vorgenommen.

    Bei einem Buch ist dies anders, da der Autor mit dem Druck die Verantwortung für das Werk in gewisser Weise aus der Hand gibt. Die Interpretation des Werkes liegt ganz in den Händen der Massen, die sich das Werk erlesen. Um Konflikte über Interprationen zu vermeiden, müssen zwischen Autor und Leserschaft Kriterien entwickelt werden, die eine gemeinsame Basis für die Interpretation liefern. Dazu gehören eben Kapitel, voranstellende Erklärungen auch von bekannten Sachverhalten und ausführliche Beschreibungen. Ein Buch liest man immer von vorne nach hinten, Informationen sind aufbauend strukturiert und man kann keine individuellen Wege durch die Geschichte gehen.

    Auch heute trainieren wir SchülerInnen ja genau auf dieses Verhalten, wenn wir in den Klausuren darauf drängen, dass die Texte so geschrieben werden sollten, dass sie jemand „Unbekanntes“ verstehen kann. Zielperson des Klausurtextes ist nicht der Lehrer, sondern der unbekannte Dritte.

    Ist das noch wichtig?

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    1. Lisa Rosa

      Bei Michael Giesecke, der sich am intensivsten wissenschaftlich mit den Kommunikationsmedien vor und im Übergang in die Buchgesellschaft beschäftigt hat, findet man z.B. sehr interessante Befunde darüber, dass am Anfang (im Übergang zu) der Buchgesellschaft es üblich und notwendig war, im Vorwort zu schreiben, wer das Buch lesen darf und soll. Und der Autor brauchte eine Befugnis, für diese Leserschaft zu schreiben (heute würden wir sagen, ein Zertifikat, z.B. einen Dr.). Und diese Befugnis musste auch noch attestiert werden von höherer Warte (heute würden wir sagen, es braucht ein Review vom Institutsleiter oder so). Das alles musste im Vorwort stehen und war VORAUSSETZUNG dafür, dass das Buch überhaupt gedruckt werden durfte.
      Was man daraus schönes sehen kann: Dass in der Übergangsgesellschaft die Charakteristika des alten Leitmediums noch eine große Rolle spielen dabei, wie das neue Leitmedium in der Gesellschaft/Kultur implementiert wird. Das verändert sich dann natürlich solange, bis die Charakteristika des neuen LM voll ausgebildet sind – und dann geht es wohl schon wieder weiter in eine Abwärtskurve, denn ein neues LM steht schon bereit … 😉 jedenfalls stellt sich Giesecke es – wie ich finde plausibel – so vor.
      Das massenhafte sich erlesen eines nicht an bestimmte Leser gewidmeten Buchs ist also erst in der voll entwickelten Buchgesellschaft des 20. Jh. bei einem hohen Alphabetisierungsgrad erreicht. Und das NUR in Europa und den USA, bzw. NZ und Australien und in der UdSSR und Cuba bwz. den Weltteilen, in denen sich das Bildungssystem der UdSSR durchgesetzt hat. Also etwa die Hälfte der Welt ist überhaupt nicht in der Buchgesellschaft jemals angekommen. Aber sie MÜSSEN in die digitale Gesellschaft bei Strafe des Untergangs, denn die Globalität der Menschheitskultur zwingt jetzt dazu. Das heißt z.B. dass diese Länder NICHT mehr übers Buch oder die Handschrift alphabetisiert werden, sondern vermutlich über mobiles.
      Sorry, jetzt bin ich abgeschwiffen …

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  4. Julius

    Ich denke schon, dass man weiterhin für den Dritten schreiben können muss. Wenn jemand ein Gerät erfindet, das (wie die meisten Geräte) nicht selbsterklärend ist, braucht man ein Handbuch. Natürlich wäre es denkbar, dieses irgendwie zu schreiben, aber das behinderte das Auffinden von Informationen erheblich. Ebenso wird fachsprachliche Kommunikation dadurch erleichtert, dass Gepflogenheiten im Aufbau eingehalten werden und die Argumentation für den Außenstehenden nachvollziehbar ist.

    Es bleibt natürlich die Frage, inwiefern die kollektive Interpretation literarischer Texte sinnvoll ist.

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  5. Herr Rau

    Das Thema interessiert mich nur mäßig, aber ich würde mir wünschen, wenn klar wäre, was hier unter Buch gemeint ist. Der Codex oder jede Art von schriftlicher Aufzeichnung, also auch die sumerischen Gilgamesch-Tontafel? Es scheint mal um dieses, mal um jenes zu gehen.

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    1. Felix Schaumburg Beitragsautor

      Ist es durcheinander gekommen? Sorry. Ich unterscheide das Buch als gedrucktes Werk mit den schriftlichen Aufzeichnungen davor. Buch also im Sinne der gutenbergschen Errungenschaft.

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      1. Lisa Rosa

        „Buchgesellschaft“ und nicht „Buchdruckgesellschaft“ ist der Begriff, den Giesecke geprägt hat, und der das Gleiche meint wie „Gutenberggalaxis“ von McLuhan. Da kann es natürlich mal zu Missverständnissen kommen, wenn man sich noch nicht damit beschäftigt hat. Es geht um Druck als Leitmedium. Damit ist auch gemeint, der Auf-Druck auf einem Bonbonpapier etwa, oder die Blättertafel auf dem Bahnsteig. oder das U als Symbol für die U-Bahnstation (U underground noch in der 1. Hälfte des vorigen Jh. in Emaille gegossen!) Das alles ist in der skriptorischen Kultur ausgeschlossen, dass Schrift das gesamte Leben beherrscht und jeder, der sie nicht beherrscht ein „mental Behinderter“ ist und alleine nicht lebensfähig. Und das, obwohl es schon Bücher gibt, die handschriftlich in Klöstern herumliegen.

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  6. Pingback: Als ob das Problem die Bücher wären » Kreide fressen

      1. Lisa Rosa

        @Felix Schaumburg: bin am lesen. schade, die sprache ist nicht schön, überhaupt kein vergleich mit Giesecke, der alles mit spannenden beispielen aus seiner empirischen forschung begleitet – nicht zur illustration, sondern zum verständnis des theorizings. wieso muss man immer „evozieren“ schreiben, als wäre es ein terminus technicus? affig. Giesecke, Rückriem und viele andere haben vorgemacht, wie man komplexe theoretische zusammenhänge in klarer wissenschaftlicher begrifflichkeit bei maximaler verständlichkeit und sprachgenuss hinbekommt.
        Schlampigkeiten (z.B. die periodisierung Orale Kultur – Buchkultur (und gemeint ist der Druck, nicht die Schrift) gibt es auch.
        ich bin enttäuscht – finde nicht, dass es das geld wert ist.

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