Schulreform von innen – oder außen?

Auf Twitter hatte ich nach einer längeren Diskussion zwischen Sabine Czerny und Christian Füller eingeworfen, dass der Systemwechsel von Schule zwar eine schulische Angelegenheit ist, er aber nur kulturell, also von außen, angestoßen werden kann. Daraufhin hat Christian Füller in seinem Blog pisaversteher.de in der ihm eigenen Art der liebevoll gesetzten Provokation beschrieben, wie es sich mit dem “innen” und “außen” von Schule verhält.

Er ist zu dem Schluss gekommen, dass es ein Zusammenspiel von gesellschaftlicher Entwicklung und schulischen Strukturen geben muss, wenn sich Schule verändern wird:

“Schulreform oder, grundsätzlicher, Systemwechsel, entsteht durch ein wechselseitiges Aufschaukeln der Reformer drinnen und draußen, oben und unten.”

Wie kann man dem widersprechen?

Was ich mit dem Tweet ansprechen wollte, versuche ich im Folgenden genauer auszuführen. Ich habe es nicht so gemeint, dass in den KuMis, BezRegs und Schulen Personen sitzen müssen, die gemeinsam an einem Strang ziehen. Das ist absolut richtig und wichtig!

Meine Perspektive für den Tweet war eine weitere, die sich auf die Veränderungen durch ein neues Leitmedium bezog. Ich hole dafür mal etwas weiter aus:

Wenn wir uns die gesellschaftlichen Umbrüche anschauen, so befinden wir uns gerade in einer besonderen Zeit. Mit der Digitalisierung – vor allem angestoßen mit der Verbreitung der Computer in den Haushalten ab den 90er Jahren – haben wir historisch gesehen eine neue Stufe der Entwicklung erreicht. Neue Technologien/Werkzeuge ermöglichen dem Menschen neue Dimensionen der Problemlösung:

So wie ein Hammer ist mehr ist als eine Faust, eine Maschine mehr als ein Hammer, so ist der Computer auch mehr als eine Maschine!

Die Digitalisierung und der Computer führen zu grundlegenden Veränderungen im Zusammenleben der Menschen, wie wir in Ansätzen heute bereits an vielen Stellen erkennen können.

In welcher Form der Übergang von einem Leitmedium zu einem neuen verlaufen kann, lässt sich rückblickend am ehesten beschreiben: Zum Beispiel an dem Übergang von der Handschrift zum Buchdruck im 15. Jahrhundert. Der Buchdruck war eigentlich dafür erfunden worden, die langen handschriftlichen Übertragungen der wenigen Bücher zu vereinfachen.

Sehr schnell wurden jedoch nicht nur “alte Schriften” kopiert, sondern neue Bücher gedruckt. Neue Bücher, sind neue Gedanken, ist Fortschritt! Damit war erstmals die Verbreitung auch von kleineren Texten in einem großen Maßstab möglich und hat – in der Konsequenz – zur Industrialisierung geführt (siehe auch den Artikel “Leitmedienwechsel“).

Durch die breite Verfügbarkeit des gedruckten Buches mussten die Menschen neue Kompetenzen lernen. Sie mussten lernen, Bücher zu lesen und die dort formulierten Gedanken zu verstehen. Lineares Lesen beispielsweise war eine wichtige Kompetenz bei der Nutzung des Buches.
Dies hat dazu geführt, dass die Schule in der auch heute noch bekannten Form entwickelt wurde, die für die Allgemeinbildung sorgen sollte. Allgemeinbildung bedeutete, dass es einen Grundkonsens über die Interpretation von Büchern und eine gesicherte Kompetenz der BürgerInnen gab, die Bücher zu konsumieren.

Schule ist daher untrennbar mit der Buchgesellschaft verbunden. Wollen wir Schule fit machen für das neue digitale Leitmedium, müssen wir sie also neu denken – und damit erstmal verwerfen. Eine Schulreform muss die Schule von der Buchgesellschaft lösen und die heraufziehenden kulturellen Veränderungen berücksichtigen. Es reicht nicht, die neuen Medien ‘irgendwie’ in den Unterricht zu integrieren und Medienkompetenz zu fordern. Damit bewirkt man vor allem, dass der Computer nur als eine Art verbesserte Technologie gesehen wird – nicht aber als etwas anderes, neues. Den Computer als Ersatz für Bekantes zu sehen ist als erste Reaktion verständlich, wird sich aber als nicht ausreichend herausstellen.

Dem Computer wohnt mehr Potential inne als die digitale Form gedruckter Bücher.

Ein neues Leitmedium führt zu einer tiefgreifenden Veränderung des gesellschaftlichen Gefüges. Es bleibt nur das Problem, dass wir in den Anfangstagen noch nicht darauf schließen können, welche Veränderungen es sein werden und wann genau diese offensichtlich werden.

Schule zu reformieren bedeutet also, zuerst einmal zu akzeptieren, dass wir uns in einem Paradigmenwechsel befinden. Wenn die grundlegenden gesellschaftlichen Annahmen in Frage gestellt werden müssen, lässt sich Schule nicht aus dem System Schule heraus verändern. Auch nicht einfach “von außen” durch Behörden. Wahrscheinlich reichen selbst konspirative Verbindungen zwischen Leuten innerhalb und außerhalb der Schule nicht aus, um einen Kristallisationskeim für die Veränderungen zu geben.

Schule ist eine ureigene gesellschaftliche Institution, die kaum trennbar mit unserer Kultur verbunden ist. Veränderungen an der Schule sind immer kulturell determiniert und können nur in diesem kulturellen Kontext stattfinden.

Uns bleibt vorerst, Fragen zu stellen und Widersprüche aufzuzeigen.

5 Gedanken zu „Schulreform von innen – oder außen?

  1. Maik Riecken

    Was von deinen Gedanke hätte nicht genauso gut schon vor drei Jahren geschrieben werden können – mit gleicher Bildlichkeit (Buchdruckanalogie usw.)?

    Jeden Tag selbstreferentialisiert sich in meinen Augen eine sehr überschaubare Gemeinschaft z.B. auf Twitter mit gegenseitiger Bestätigung in diesem Bereich.  Die Zitate wiederholen sich für mich. Ich halte sie deswegen nicht für falsch oder wertlos. Ich sehe bloß zu und entdecke kaum Entwicklung – oder will sie vielleicht auch nicht sehen, weil ich mittlerweile voreingenommen bin und meine Timeline einfach zu homogen ist.

    Wo ist dieser “kulturelle Bewusstseinswandel”, der in meinen Augen mehr und mehr den Menschen selbst negiert, der vielleicht gar nicht vernetzt agieren will, sondern mit dem Häuschen und seiner Doppelgarage auf dem Land zufrieden ist? Manchmal glaube ich, dass eine “digitale Boheme” sich mehr und mehr ein Holodeck schafft und den Kontakt zu den Menschen verliert, die nicht so wie sie sind. Wer läuft nicht nur vorneweg und schaut mit einem Mund voll Philosophie und Forderungen zurück, sondern kehrt um und nimmt mit?

     “Uns bleibt vorerst, Fragen zu stellen und Widersprüche aufzuzeigen.”

    Magenschmerzen. Dünne Aussicht. Und ohne Engagement in klassischen “Industriegesellschaftsmachtstrukturen” wahrscheinlich sogar wirkungslos. Es gehen heute Kinder zur Schule. Heute. Und denen ist es wahrscheinlich recht schnuppe, wenn da jemand Fragen stellt und Widersprüche aufzeigt.
    Nicht egal ist heute schon ein engagierter Lehrer mit Persönlichkeit, der sie ernstnimmt. Eine Computer braucht es dafür nicht. Genau da investieren wir m.E. nichts bis wenig – das Holodeck ist vielleicht einfach wärmer und vorhersehbarer und bedürfnisbefriedigender.

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    1. Lisa Rosa

      es gibt ja sowas wie “kritische Masse”. wenn jeder gedanke bloß einmal gesagt würde, wäre er zum sterben verurteilt. ideen und einsichten müssen eine zeit lang immer und immer wieder in verschiedner form von immer mehr verschiedenen leuten gesagt, gesprochen, gezeigt werden, bis es diese kritische masse erreicht und der umschlag erfolgt, in der plötzlich alle die neue idee bzw. das neue wissen für selbstverständlich halten, als hätten sie schon immer so gedacht.

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    2. Felix Schaumburg

      Wo ist dieser “kulturelle Bewusstseinswandel”, der in meinen Augen mehr und mehr den Menschen selbst negiert…
      Was meinst Du damit? Ist der Ansatz der Vernetzung “unmenschlich”?

      Es gehen heute Kinder zur Schule. Heute. Und denen ist es wahrscheinlich recht schnuppe, wenn da jemand Fragen stellt und Widersprüche aufzeigt. 
      Nicht egal ist heute schon ein engagierter Lehrer mit Persönlichkeit, der sie ernstnimmt. Eine Computer braucht es dafür nicht.
      Ich stimme Dir vollkommen zu, dass die Lehrerpersönlichkeit auf das Lernklima einen ausschlaggebenden Einfluss hat. Keine Frage. Auch, dass wir hier vielleicht zu wenig ansetzen. OK.

      Ich bin mir aber sicher, dass es dafür AUCH einen Computer braucht. Nicht, weil damit alles lustiger, bunter und “einfacher” gehen würde – das tut es nicht -, sondern weil es ein neues Kulturmedium ist, das in der Schule bisher nur sehr dosiert eingesetzt wird. Wenn SchülerInnen in 10 Jahren die Schule verlassen, so werden sie die digitale Vernetzung als alltägliche Begebenheit antreffen. Gut, dass sie wenigstens in der Freizeit ein wenig daran üben konnten; leider ohne Reflexion und kritische Begleitung.

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  2. Lisa Rosa

    Zum außen/innen: zum system schule gehören ja auch die schulbehörden. für das system “einzeschule” ist die kumi-behörde ein “außen”. für das gesamtsystem “schule” nicht. es braucht also noch anderes “außen”. das können behörden anderer subsystem der gesellschaft sein: wissenschaftsbehörden, gesundheitsbehörden (wg. massenhaften burnouts von lehrern und psychokrankheiten von schülern), vor allem das wirtschaftssystem (wegen kosten, it’s the economy, stupid). letzteres kann z.B. die schulbücher abschaffen und stattdessen ipads für jeden schüler mit open educational ressources a la Khan Academy. spart immens.
    außen kann aber auch auf der lokalen ebene des einzelsystems bedeuten: die anderen systeme eines kommune, in der diese schule steht. da wird es interessant: die menschen die da wohnen und deren kinder da zur schule gehen, krempeln die schule um mit ihrer bürgerbeteiligung auf allen ebenen: als ärzte über die gesundheitsbehörde, als unternehmer, als gewerkschafter, als … voraussetzung: eine sozial gut gemischte kommune und keine elendskommune aus selektiertem wohnumfeld. womit wir wieder dabei wären, dass schule nicht gut gechanged werden kann, wenn es stadtteile und kommunen mit ausschließlich bourgeoise-akademischer bzw. ausschließlich “unterprivilegierter” bevölkerung gibt.

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  3. Pingback: Als ob das Problem die Bücher wären » Kreide fressen

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