Berufe ändern sich – andere nicht

Als ich am letzten Schultag vor den Sommerferien mit der Klasse 12 einen Rückblick auf die Themen des letzten Jahres im Fach Sozialwissenschaften durchgeführt habe, hat eine Schülerin als Beispiel für den Sozialen Wandel folgendes berichtet:

„Stell Dir mal vor, ein Landarzt, der das ganze Leben lang auf dem Land rumgefahren ist und Leute untersucht hat, wird alt und möchte gerne seine letzten Berufsjahre in der Stadt in einem Krankenhaus verbringen. Das schafft er doch gar nicht mehr, da er mit den ganzen Maschinen nicht mehr zurecht kommt! Die Technik hat sich so entwickelt, dass er wahrscheinlich nur noch Landarzt sein kann. Er wird also arbeitslos – oder macht noch ein paar Jahre weiter.“

Lassen wir die Bewertung darüber, ob ein Landarzt wirklich nicht mit technologischen Hilfen arbeitet und es im städtischen Krankenhaus ruhiger ist, außen vor und betrachten die eigentliche Aussage: Durch den Strukturwandel und die technologische Entwicklung haben sich die Arbeitsplätze so fundamental gewandelt, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind. Landwirtschaft oder Bergbau sind heute nicht mehr – auch nicht in Ansätzen – mit den Bedingungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu vergleichen.

Anders sieht es dagegen mit dem Lehrerberuf aus. Würde man einen Lehrer aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts  in eine Schule von heute stecken, er würde sich zurecht finden. Die Tafel steht vorne, der Kartenständer rechts davon, die Wandkarten befinden sich in den Sammlungsräumen der Fächer. Im Lehrerzimmer hat jeder Lehrende einen (kleinen) Platz, auf dem sich Bücher stapeln und in den Pausen spricht man bei einer Tasse Kaffee über die Unzulänglichkeiten der Kundschaft. Als Medien gibt es neben der Tafel und der Wandkarte noch einen Epidiaskop und die OHPs – muss man aber beides nicht benutzen.

Einzig die Schüler würden wahrscheinlich heute kaum noch kompatibel sein. Zu „aufmüpfig“, „undiszipliniert“, „distanzlos“… worüber sich der zeitreisende Lehrende aber auch noch mit seinen heutigen KollegenInnen unterhalten könnte.

Kann das sein?

Wir haben die Landwirtschaft umgekrempelt, den Bergbau zurückgefahren, beginnen das Atomzeitalter hinter uns zu lassen und haben flächendeckend Telefon und Internet installiert. Die Ehe wurde durch die Pille neu erfunden und Kinder können heute von Vätern großgezogen werden.

Aber bei der Schule nehmen wir an, sie sei in ihrer heutigen Form eine Naturkonstante?

11 Gedanken zu „Berufe ändern sich – andere nicht

  1. Julius

    Mein Großvater sprach gestern über seine Schulzeit und die seines Vaters. Damals war der Lehrer noch eine uneingeschränkte Respektsperson (vielleicht mehr aus Angst?), bei meinem Urgroßvater saß das ganze Dorf in einer Klasse. Es hat sich also doch so manches geändert …

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    1. Felix Schaumburg

      Wie lief der Unterricht ab? Der Lehrer führte, die Schüler folgten den Geschehen und erarbeiten sich die Themen.Materialeinsatz: Kreide, Tafel, Papier.Soziale Interaktion: Klassenraum, vorne-hinten, TischgesprächeThemen: von „außen“ gesetzt und durch den Lehrer in die Klasse getragenDie persönlichen Eindrücke und wie wir unsere Rollen erfüllen, hat sich ein wenig geändert. Das grundlegende Setting nicht.

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  2. Sebastian

    Ich finde nicht, dass Schule sich nicht verändert hat – im Gegenteil. Vergleiche ich meine Schulzeit (Abi 1996) mit dem, was heute an der Schule passiert, so stelle ich große und weitreichende Veränderungen fest. Heute gibt es (an unserer Schule):

    – Gruppenarbeitsphasen
    – Think-Pair-Share
    – Partnerarbeit
    – Freiarbeit
    – Arbeit im Medien-/Computerraum
    – ein Tonstudio
    – Förderkonzepte
    – Über-Mittags-Betreuung
    – Hausaufgabenbetreuung
    – eine Mensa
    – Schulsozialarbeiter
    – Schulpsychologen
    – Expertenkurse in der Sek I
    – Unterricht mit Laptop und Beamer
    – digitale e-Workbooks
    – Moodle
    – Arbeitsblätter, die am Rechner erstellt wurden, statt auf Matrize
    – Noteneingabe per Computermodul
    – zentrale Abschlussprüfungen
    – Zentralabitur
    – zentrale Klausuren in der Sek II
    – etc. pp.

    Und das sind Veränderungen, die in gerade einmal 15 Jahren passiert sind. Schule, wie ich sie heute (als Lehrer) erlebe, hat nur noch sehr wenig mit dem zu tun, was Schule und Unterricht zu meiner eigenen Schulzeit bedeutet hat. Und das ist noch nicht so wahnsinnig lange her.

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    1. Felix Schaumburg

      Richtig, dass sich granuläre Veränderungen ergeben haben. Das möchte ich auch nicht bestreiten. Nicht nur in den letzten 15 Jahren, sondern auch davor. Die 70er Jahre waren geprägt von Umbrüchen und neuen Impulsen, gerade in der politischen Bildung.

      Alle Änderungen haben aber den Anschein von Optimierungen bestehender Prozesse. Es hat keine strukturellen Umbrüche oder Neuausrichtung gegeben.

      Die Liste könnte man zusammenfassen in:
      Unterhaltsamere Methodik, Zentralisierung und mehr Betreuung für die diagnostizierten Pathologien bei den Schülern.

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          1. Sebastian

            Ich glaube, man darf nicht außer Acht lassen, dass zu einem Barcamp Menschen gehen, die das freiwillig tun, die sich für das Thema interessieren, die einen gewissen – wahrscheinlich eher hohen – Bildungsgrad haben und mit den Regeln des wissenschaftlichen Diskurses vertraut sind.

            In der Schule haben wir es – bei aller Liebe zum Kind und der Anerkennung der Individualität eine jeden Einzelnen – mit Jugendlichen zu tun, die gar nicht wissen MÜSSEN, was sie eigentlich wollen.

            Lisas Vision geht davon aus, dass das neue System ohne Zwang und alleine durch Selbstverpflichtung funktioniert.

            Es mag sein, dass es unter den 1300 Schülern unserer Schule 20 Kinder gibt, die gerne ein Cembalo bauen möchten. Diese Kinder werden dann über Musikgeschichte und Physik und Werkzeuge und Musikstücke viel lernen und das werden sie ganz bestimmt auch gut behalten. (So wie ich heute noch grundlegende Ideen von der Kreisbewegung habe, weil unser Physiklehrer damals ein Mädchen aufforderte, ihr Fahrrad in den Physikhörsaal und aufs Pult zu schleppen, damit er daran etwas verdeutlichen konnte). Und ich bin mir sogar SICHER, dass ich ein sehr enges und gutes Verhältnis zu diesen Schülern aufbauen würde, wenn ich ihr „Lernberater“ beim Bau des Cembalos wäre.

            Nur, was ist mit den Kindern, die lieber Cembali zerstören, statt welche zu bauen?

            Was ist mit den Kindern, die total gerne Zigaretten rauchen und Popmusik hören und deren weitere Interessenlage vor allem „Chillen“ umfasst?

            Was machen die Kinder, wenn das Cembalo fertig ist? Bauen sie ein Klavier?

            Und was machen sie, wenn sie am Ende der Schulzeit (wie wäre das definiert, das Ende der Schulzeit, wenn es keine Prüfungen und Klausuren gäbe?) feststellen, dass sie nun 10 oder 12 Jahre lang Cembali gebaut haben, aber gar keine Instrumentenbauer gesucht werden auf dem Arbeitsmarkt? Hätten sie dann Pech gehabt, weil sie von Chemie leider noch nicht einmal Grundkenntnisse erworben haben?

            Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass ich keine wahnsinnige Begeisterung dafür aufbringen konnte, den Dreisatz zu lernen. Heute bin ich sehr froh darüber, denn er erleichtert den Einkauf doch ungemein.

            Politik hat mich nie sonderlich interessiert. Weder als Schüler, noch, ich gebe es zu, heute als Erwachsener. Ich finde aber trotzdem ok, dass ich die Grundzüge unseres politischen Systems vermittelt bekommen habe und dass ich – wenn auch auf die harte Tour – nun weiß, dass ein Gesetz nicht ungültig wird, wenn es „verabschiedet“ wird. Ich wäre NIEMALS in eine Politik- oder SoWi-Selbstlerngruppe gegangen. Im Leben nicht.

            Ich hatte auch nicht besonders viel Freude daran, dass man mich dazu gezwungen hat, auf meine Rechtschreibung zu achten – ich wollte nämlich Astronaut werden und die müssen ja keine Aufsätze schreiben. Heute bin ich froh, dass ich Grundkompetenzen in deutscher Rechtschreibung besitze. Ich wäre aber niemals in die „Rechtschreibgruppe“ gegangen, wäre Schule damals schon so organisiert gewesen.

            Es mag aber sein, dass hier einfach zwei Welten aufeinanderprallen – ich hoffe, dass ich interessanten, modernen und abwechslungsreichen Unterricht gestalte. Aber ich finde überhaupt nicht schlimm, dass es Curricula gibt, die eine gewisse Menge an Basiswissen in jeder Disziplin vorgeben. Ich finde es sogar beruhigend, davon auszugehen, dass ein Schüler, der das Gymnasium nach X Jahren verlässt, einen gewissen Grundstock an Allgemeinbildung mit nach Hause nimmt.

          2. Lisa Rosa

            „ich finde es sogar beruhigend, davon auszugehen, dass ein Schüler, der
            das Gymnasium nach X Jahren verlässt, einen gewissen Grundstock an
            Allgemeinbildung mit nach Hause nimmt“ – deine Überzeugung in allen Ehren, aber es ist mehr Wunsch als Realität,  denn wiederholte Untersuchungen haben gezeigt, dass gemessen an den Schulstunden, die dt. SuS über sich ergehen lassen müssen, leider nicht viel „Basiswissen“ entsteht. Viele jahre Geschichtsunterricht – und was bleibt? die Anekdötchen, die der Lehrer erzählt hat. Finnische Schüler haben nur etwa 75 Prozent der Stundenquantität, die unsrige absolvieren müssen – und weit höheres „Basiswissen“. Also irgendwas läuft schief. Und das hat mit Sinn zu tun. Und wieso braucht es ein „Basiswissen“ in allen academischen Disziplinen? ich habe ALLES, was mit Chemie zu tun hatte, SOFORT nach dem ABi vergessen. nix Basis. Aber 4 Jahre Chemie a 2 Stunden die Woche macht äh ca. 80 Stunden Unterricht, Hausaufgaben sagen wir noch mal 20 Stunden dazu, also 100. Das sind zwei-einhalb  Arbeitswochen a 8 Stunden für die Katz. Lebenszeit. (Chemie nur mal als Beispiel, von 9 Jahren Latein a 3-5 Stunden will ich mal gar nicht erst anfangen). Aber: keine Philosophie, keine Soziologie, keine Psychologie, kein Töpfern, kein Joggen, kein … auch keine Basics. Dabei wäre das ja wohl mein Ding gewesen. Und wieso nicht? Weil irgendwer meint, es gäbe einen Bildungskanon mit notwendigem Basiswissen, völlig unabhängig von den Individuen, und das sei Allgemeinbildung. Meine Vorstellung von dem, was Allgemeinbildung heute bedeutet, sieht anders aus:
            – selbstbestimmt lernen können,
            – in heterogenen gruppen lernen können,
            – systematisch abstrakt denken können, um probleme, die das eigene leben und die dazugehörige umwelt (gesellschaft und natur)  betreffen, modellierend verstehen und lösen zu können,
            – in kollaborierender tätigkeit
            – persönlich sinnbildend

  3. Daniel Peters

    Die Argumentation gefällt mir nicht.

    Das Klassenzimmer sieht zwar mit Schulbänken, Lehrerpult, Kartenständer und Tafel noch sehr ähnlich aus wie vor hundert Jahren, aber der Unterschied der Lehrerarbeit steckt doch wohl eher in den Methoden.

    Sobald der Kollege von damals seine Arbeit begänne, würde man dozierenden Unterricht zu sehen bekommen, bei dem die einzige Schüleraktivität im Abschreiben von der Tafel besteht. Seinerzeit haben diese Unterrichtsmethoden überhaupt nur durch den erzwungenen Gehorsam Erfolge gezeitigt, nicht durch ihre eigentliche Qualität.

    Über den Arzt kann man übrigens ähnliches sagen. Auch wenn es zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch keine Ultraschallgeräte und kein Penicillin gab: Die wichtigsten Hilfsmittel des Arztes waren damals wie heute die Anamnese und sein Fachwissen, erst in zweiter Linie technische Hilfsmittel wie Stethoskop und Blutdruckmessgerät bzw. Medikamente.

    Ich finde, dass der Schulunterricht insbesondere seit den 70ern große Fortschritte gemacht hat und dass unsere Schüler heute wesentlich besser ausgebildet die Schulen verlassen als damals – von Fertigkeiten wie dem Rechnen und Rechtschreiben mal abgesehen -, und ich wage mir gar nicht vorzustellen, in welche Dimensionen wir vorstoßen könnten, wenn wir die schüleraktiven Unterrichtsmethoden von heute mit der Disziplin von damals kombinieren könnten.

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  5. Lisa Rosa

    Sorry, mein comment ist an der falschen Stelle erschienen. Er sollte eine Antwort auf den letzten Kommentar von Sebastian sein …

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