„Neue Medien“ und das ADZ Netzwerk

Wie gehen wir mit den neuen “Neuen Medien” um? Welche Rolle spielen sie in der Schule? Und welche Bedeutung schenken wir ihnen? Sind sie nur ein Tool wie andere auch, mit dem die Schüler lernen müssen, zu arbeiten? Wie ein Füller beispielsweise oder das Reagenzglas. Oder wohnt ihnen etwas inne, das mehr ist als eine digitale Form von etwas, das auch irgendwie analog ginge?

Mit dieser Fragestellung hängt direkt zusammen, welchen Begriff wir von Kommunikation haben und welche Bedeutung wir der Kommunikation schenken, die sich unterschiedlicher Kommunikations-Mittel bedienen kann. Schafft der Computer in dieser Hinsicht eine neue Qualität?

Nicht nur auf dem EduCamp in Bremen wurde diese Frage u.a. auf dem  „Roten Bildungssofa“ (Link zum Film kommt, sobald verfügbar) diskutiert, sondern auch im ADZ Netzwerk auf der Strategiekonferenz und im Blog von Guido Brombach.

Ich möchte diese Diskussion aufgreifen und den Beitrag bei SWR2 von Reinhard Kahl zum Anlass nehmen, den Medienbegriff und die Stellung der Reformpädagogik zu diesem zu untersuchen. Der Beitrag von Reinhard Kahl findet sich hier als PDF.

Reinhard Kahl schreibt:

Der Wunsch nach Zugehörigkeit wird stärker. In virtuellen Welten, also in Möglichkeitswelten, steigt das Verlangen nach Wirklichkeit. Dann stehen plötzlich in einer Computer- und Medienwelt diese Geräte gar nicht mehr im Mittelpunkt. Werden dann Menschen nicht das wichtigste Medium für Menschen??

Ich möchte an zwei Punkten ansetzen, in denen ich bei ihm und mir unterschiedliche Erfahrungswelten sehen und damit auch unterschiedliche Begrifflichkeiten vermute, die geklärt und erörtert werden sollten. Denn: „Finding the solution is not the problem – understanding the problem is the problem.“ Ich würde mich freuen, wenn wir in eine Phase der Problemdefinition eintreten können, bevor wir Lösungsmöglichkeiten finden.

1.

Der Wunsch nach Zugehörigkeit wird stärker. In virtuellen Welten, also in Möglichkeitswelten, steigt das Verlangen nach Wirklichkeit.

Zugehörigkeit, also das Gefühl von „ich“ und „andere“, ist seit jeher ein Grundbedürfnis des Menschen. Durch die zunehmende Diversifizierung der Lebensformen und eine multioptionale Gesellschaft verlieren jedoch die statischen und tradierten Bezugspunkte immer mehr an Bedeutung. Erkennbar wird dies in der Familie, den Vereinsmitgliedschaften und Ortsgemeinschaften. Wo es an der einen Seite bröckelt, entsteht auf der anderen Seite eine neue Sehnsucht nach Gemeinschaft und Identität. Diese suchen sich die Menschen zunehmend in Peer-Groups und interessenshomogenen Gruppen. Da diese nicht immer „vor Ort“ sind, wird dafür vermehrt das neue Medium Internet verwendet. Dieses ist ebenso “Wirklichkeit” wie das Treffen im Vereinsheim Wirklichkeit ist – nur im Rahmen eines anderen kulturellen Mediums.

2.

Dann stehen plötzlich in einer Computer und Medienwelt diese Geräte gar nicht mehr im Mittelpunkt. Werden dann Menschen nicht das wichtigste Medium für Menschen??

Der “Computer” verschwindet aus dem Gesichtsfeld. Diese Entwicklung ist nicht erst seit den letzten Smartphones deutlich erkennbar. Durch seine vielfältigen Funktionen wird er nicht mehr als Fremdkörper, also als ein Gerät mit einer bestimmten funktionalen Begrenzung wahrgenommen (eben als “Computer”). Er ist ein universelles Gerät, welches auch ästhetischen Ansprüchen genügt und sich nahtlos in den Alltag und die Kommunikationsweisen der Menschen integriert. Ich stimme daher vollkommen mit Reinhard Kahl überein, dass die Geräte nicht mehr im Mittelpunkt stehen werden und daher gleichsam verschwinden.

Jedoch vermute ich – und hier müsste man mich ggf. korrigieren -, dass dies von Reinhard Kahl anders gemeint ist. Er sieht eher die direkte Kommunikation zwischen zwei Menschen über die Sprache, das haptische Empfinden, Gerüche und weitere kohlenstoffliche Erfahrungen als unabdingbaren Grundbaustein erfolgreicher Kommunikation und damit erfolgreichen Lernens. Computer verschwinden also nicht durch ihre Omnipräsenz, sondern verschwinden wirklich, weil sie nicht wichtig sind für das Lernen.

Hinsichtlich des Begriffes von “direkter Kommunikation” habe ich bisher andere Erfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen negieren nicht die Ausführungen von Reinhard Kahl, ergänzen sie aber; relativieren sie.

Lernen und Erleben kann nicht nur über die Kommunikation stattfinden, bei dem sich Menschen geographisch an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit aufhalten. Ich kann auch aus Entfernung und über digitale Kanäle Erlebnisse und Lernimpulse aufnehmen und zu einem neuen Baustein in meiner Erfahrungswelt werden lassen. Ist das, was hier gerade in der Auseinandersetzung mit einem Artikel geschieht, nicht genau dieser Prozess? Wenn dies nicht nur einmalig, sondern bestätigt stattfinden würde: Wären das nicht wertvolle Lernmomente? Nicht trotz, nicht für, sondern auch mit digitalen Medien?

Ich möchte das ausführen:
Die gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse befinden sich in einem grundlegenden Wandel. Diese kulturell-gesellschaftlichen Veränderungen im großen Maßstab (Leitmedienwechsel) hat es bereits mehrfach in der Geschichte der Menschen gegeben – zum Beispiel in der Renaissance.

Für alle bedeutenden Umbrüche lässt sich aufzeigen, dass es im Vorfeld eine gravierende Veränderung in den leitenden Kommunikationsmedien gegeben hat (siehe u.a. Giesecke und Weizenbaum).

Diese dominanten Kommunikationsmedien lassen sich folgendermaßen kategorisieren:

  • orale Phase
    (also die mündliche Überlieferung),
  • skriptographisch
    (die Erfindung der Schrift führt zu den ersten großen Monumenten der Menschheit)
  • typographische Phase
    (die Erfindung des Buchdruckes und damit der modernen Wissenschaft – also im Fortgang auch die Entdeckung der Dampfmaschine und der Industrialisierung…)

Jetzt treten wir, seit der Entwicklung der digitalen Kommunikation und der weiten Verbreitung der Computer in all ihren Erscheinungsformen, in ein neues, generalisiertes Kommunikationszeitalter ein: Das “digitale” Zeitalter.

Mit jedem Wechsel gingen Erfahrungen verloren und neue Möglichkeiten wurden erschlossen. Exemplarisch möchte ich das Bild skizzieren, das die Einführung der Schrift verursacht haben muss. Von diesem Zeitpunkt an wurden die Geschichten nicht mehr personalisiert und als Familienerbe tradiert, sondern entfremdet und standardisiert in Büchern festgehalten und verbreitet. Die Bibel steht für diesen Prozess und zeigt auf der anderen Seite aber auch, welches enorme Potential in dieser Entwicklung steckt.

Was hat dieser kleine Exkurs mit dem Zitierten zu tun: Ich glaube fest – nein, ich möchte behaupten: ich weiss -, dass die neuen digitalen Kommunikationsmedien die Art und Weise, wie wir denken und zusammenleben, grundlegend verändern werden. Diesem Wandel wohnt ein großes Potential inne, welches gestaltet werden möchte. Gestalten wir es nicht, überlassen wir die grundlegenden Strukturen für die nächsten Dekaden möglicherweise einer technokratisierten Elite, die in Form von Software und Verfahrensabläufen eine Struktur etabliert, die die individuelle Freiheit nicht erweitert, sondern einschränkt.

Wäre es nicht eine Chance, wenn gerade die so genannten ‘Reformschulen’ hier ein Zeichen setzen und in eine explorative Phase eintreten würden, die Möglichkeiten der digitalen Zeit zu nutzen? Ohne Vorbehalte, Ängste und pädagogische Bedenken? Das Kind ist im Umgang mit den Medien weiter als wir. Es hat den Zustand bereits erreicht, den Reinhard Kahl angesprochen hat: Für das Kind existiert der “Computer” nicht mehr in der Form, wie wir ihn als ältere Menschen wahrnehmen. Er ist für Kinder Normalität und ein Gebrauchsgut wie früher Spielzeug oder Fahrrad. Daher müssen wir Erwachsenen unsere eigenen Erfahrungswelten etwas zurückfahren, ausblenden und uns für das Neue öffnen, wenn wir die Möglichkeiten erfassen wollen.

Fraglos ist der kritische Umgang mit jedwedem Gegenstand, sei es Buch, Papier, Computer oder der Chemiebaukasten, eine Expertise, die uns als Erwachsene auszeichnet (und auch bei uns lebenslang entwicklungsfähig ist). Sich dem digitalen Zeitalter in allen Facetten zu öffnen heißt also nicht, diese Kompetenzen zu verwerfen. Recherchekompetenz, Quellenbewertung und Propädeutik sind auch im digitalen Zeitalter wichtige Ziele, die nicht an Wert verlieren.

In dem Beitrag beim SWR2 schreibt Reinhard Kahl weiter:

Lernen im Informations‐ und Medienzeitalter? Da stellt man sich vielleicht Räume voll von Apparaten vor. So wie einst das Sprachlabor, nur viel  smarter. Programmierter Unterricht im Sprachlabor erwies sich allerdings  als Sackgasse und die Maschinen standen bald als Edelschrott rum. Heute  werden Schüler mit Laptops ausgerüstet und jeder hat bald einen kleinen Computer in der Tasche, mit dem er telefoniert, Musik hört, fotografiert und über Suchmaschinen ständig mit dem Wissen der Welt und vor allem den Freunden verbunden ist.

Es ist mir nicht klar, mit welcher Absicht hier einen Vergleich von Notebook-Klassen mit den Sprachlaboren angeführt wird, die in einhelliger Meinung einer der großen Fehler bei der Einführung von elektronischen Medien in die Schulen gewesen sind. Im Anschluss an dieses Beispiel wird in den folgenden Seiten über Unterrichtsbeispiele gesprochen, in denen wertvolle Lernprozesse angestoßen wurden, bei denen digitale Medien jedoch keine Rolle spielen. Unter anderem wird aber auf das Konzept von Jean-Pol Martin und seine Methode LdL verwiesen, die in den letzten Jahren bei ihm auch mit starker Nutzung von Wikis gelaufen ist, also digital unterstützt wurde.

Aus dem Aufbau des Aufsatzes lässt sich vermuten, dass Reinhard Kahl (und das ADZ Netzwerk?) davon ausgehen, dass digitale Kommunikation für den guten Lernprozess nicht unbedingt notwendig ist. Warum sonst handelt der Text primär von klassischen reformpädagogischen Unterrichtssituationen und nicht, wie der Reihe zuerst vermuten lässt davon, “Wie das Internet die Bildung verändert”.

Ich würde mich freuen, wenn wir im Sinne des anfangs genannten Zitates versuchen könnten, zuerst das Problem zu definieren. Gelegenheiten dazu gibt es viele: Digital im Blog, auf dem ADZnrw Treffen am kommenden Wochenende und in anderen Edu-Veranstaltungen.

Die Erfahrungen der ersten beiden ADZnrw Treffen haben gezeigt, dass über die Problemfindung hinaus eine große Übereinstimmung darin zu finden ist, dass neue Wege in den Lernarrangements gefunden werden müssen.

 

20 Gedanken zu „„Neue Medien“ und das ADZ Netzwerk

  1. Lisa Rosa

    ich wünsche guten erfolg bei der aufgabe, aus dem additionsverständnis *reformpädaogik heute = reformpädagogik gestern + neue medien* zu einem verständnis zu finden, das ein neus framing enthält: *reformpädaogik heute ist pädagogik unter den bedingungen des neuen leitmediums*!

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  2. Tobias Hübner

    Hallo Felix,

    ujujuj – das ist ja mal ein elaborierter Blogeintrag – das könnte so ja glatt im FAZ-Feuilleton abgedruckt werden.

    Das Problem lässt sich m. E. folgendermaßen definieren: Reinhard Kahl ist ein Poet und Du bist ein Wissenschaftler. Reinhard Kahl spricht mit dem Herz, Du mit dem Kopf. Das soll jetzt nicht in eine esoterische Typenlehre abdriften, aber Reinhard Kahl spricht in Bildern und Assoziationen – das ist seine große Stärke und die Stärke seiner Filme und Texte. Aussagen wie: „Werden dann Menschen nicht das wichtigste Medium für Menschen?“ haben keinen medienwissenschaftlichen Wert – es sind poetische Aussagen.

    Darüber hinaus möchte ich noch einen weiteren Punkt ansprechen: Ein Treffen im Internet ist nicht ebenso Wirklichkeit wie das Treffen im Vereinsheim. Und ich denke, das ist auch das Problem, was ältere Generationen mit der digitalen Kommunikation haben. Sie ist eben nicht wirklich. Mach einmal selbst den Test: Welche Momente haben Dich in Deinem Leben entscheidend geprägt? Was hat Deinem Leben eine neue Richtung gegeben? Und wo haben diese Momente stattgefunden? Am Lagerfeuer oder bei Twitter?

    Digitale Kommunikation ist großartig, nützlich, sie läutete eine neue Ära ein – alles richtig, aber digitale Kommunikation unterscheidet sich grundlegend von realer Kommunikation – gerade für Heranwachsende – und um die geht es ja letztendlich im AdZ-Netzwerk. Für Kinder sind der reale Kontakt und die wirkliche Welt durch nichts zu ersetzen.

    Für Kinder ist digitale Kommunikation „für den guten Lernprozess“ nicht unbedingt notwendig, für uns als Netzwerk sind digitale Medien immens wichtig, denn nur so können wir über große Entfernungen hinweg in Kontakt bleiben und unser Selbstbild definieren und gemeinsame Projekte starten.

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    1. Wolfgang

      Beim letzten Absatz stimme ich zu.

      Ich glaube, dass Kinder die „digitale“ Kommunikation untereinander gar nicht mehr so wichtig finden, wie wir das tun. Sind sind schon einen Schritt weiter und leben die Normalität nach dem Hype. Wir brauchen ihnen nicht beizubringen, was wir alles lernen mussten/wollten. Vieles davon benötigen wir heute selbst nicht mehr.

      Die Technik ist da und vielleicht gibt es ein paar interessante Schulprojekte, mit denen die Schüler ebenfalls über „große Entfernungen“ Kontakte aufbauen und gemeinsam etwas Reales aus der wirklichen Welt erarbeiten können.

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    2. Felix Schaumburg

      Reinhard Kahl spricht mit dem Herz, Du mit dem Kopf.
      Das sehe ich ebenso und fühle mich auch in meiner pädagogischen Ader immer getroffen, wenn die schönen Bilder von R.K. aufgebaut werden. Nur müssen wir uns fern dieser romantischen Vorstellungen auch damit auseinandersetzen, welche Bedeutung ganz reale Prozesse haben. Dabei stelle ich nicht die gezeichneten Bilder an sich in Frage – keineswegs. Sie dienen als dankbare Visualisierung von schwer zu formulierenden Erfahrungen.
      Mein These bezog sich darauf, dass man bei diesen Bildern die Rolle der „neuen“ Medien nicht nur als Beiwerk beachten darf, wenn sie zukunftsfähig werden sollen.

      aber digitale Kommunikation unterscheidet sich grundlegend von realer Kommunikation
      Mhh… Was ist denn reale oder echte Kommunikation? Schrift? Nur die auf Papier? Oder Sprache? Die gesprochene, am Telefon (digital oder analog?).
      Ich glaube, dass diese Differenzierung nicht tragfähig ist. Kommunikation bedient sich immer bestimmter Mittel zur Übertragung von Informationen. Wir erleben gerade den Durchbruch eines neues Kommunikationsmittels. Nur weil es neu ist, sollten wir es nicht als unecht bezeichnen. Wir sind nur unerfahren im Umgang.
      Ich habe am Lagerfeuer bei Bad Honnef ebenso einprägsame Unterhaltungen erlebt wie bei Video-Konferenzen über Skype. Selbst ein Tweet kann, im richtigen Moment gelesen, ein Erweckungserlebnis bewirken.

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  3. Lisa Rosa

    @tobias
    „digitale Kommunikation unterscheidet sich grundlegend von realer Kommunikation“ da möchte ich aber sehr widersprechen. digitale Kommunikation ist natürlich genauso real wie Kommunikation mit Blick-und Körperkontakt. Realität ist nicht bloß was zum Anfassen. Auch Denken ist Realität. (Du willst nicht sagen, dass telefonieren oder gelbe-post-briefschreiben keine reale Kommunikation ist?) Es gibt also auch eine virtuelle Realität und ebenso eine digitale reale Kommunikation. was mir immer sauer aufstößt, ist die unterstellung, sog. „reales“ also angeblich (!) „unvermitteltes“ oder „nicht medialisiertes“ leben im von dir gedachten sinne, wäre das „eigentliche“, „richtige“ „natürliche“. Wenn’s so wäre, dann wären wir (als Gattung) nicht in der Lage gewesen, Sprache auszubilden, geschweige denn Schrift, Druck oder Computer. Und wenn solche Realitäts-Begriffe ausgerechnet auch noch von den „Medienexperten“ weitergereicht werden … ;-(

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  4. Wolfgang

    Das Digitale oder die digitalen Medien sind einfach nur Geräte und Softwareprogramme, die wir bisher noch zu stark in den Vordergrund stellen. Neu ist die globale Kommunikation, die Geschwindigkeit der Masse, die beliebige Vernetzung. Jede Zeitung ist heutzutage bei Erscheinen schon veraltet. Jede Schlagzeile wurde bereits diskutiert und bewertet. Alle Informationen sind verfügbar. In Sekunden finde ich Menschen mit gleichen Meinungen und Wünschen. Ich kann in der Crowd teilhaben. Damit wachsen unsere Kinder auf.

    Wikis und Blogs sind im Grunde langweilig. Es sind Lexikas, Bücher und Hefte. Spaß macht höchstens die Beschäftigung mit der neuen Technik. Weil diese in der Schule noch ungewohnt ist. Irgendwann wird dieser Reiz aber auch verloren gehen. Viele interessiert die Technik gar nicht mehr, die uns Erwachsene noch fasziniert. Sie ist einfach da.

    Mir stellt sich die Frage, wofür die Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Mediums benötigt werden, wenn sich 25 Schüler gemeinsam in einem Klassenraum befinden? Warum sollen die Schüler in einen Blog schreiben, den, wenn überhaupt, nur dieselben Schüler wieder lesen? Wo sind die interessanten Projekte? Wenn Schulen den neuen Medien gerecht werden wollen, sollten sie sich untereinander und mit anderen Institutionen/Unternehmen vernetzen und Projekte schul- und länderübergreifend durchführen. Wir müssen keinem Schüler Web 2.0 beibringen. Die Schüler leben das, bevor wir es verstanden haben. Twitter, Blogs und Wikis sind zu einfach gestrickt, es sind Features für „Erwachsene“. Die technischen Möglichkeiten verändern die Geschehnisse so schnell, dass wir hinterherrennen, um zu verstehen, welche Prozesse ausgelöst werden.

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    1. Lisa Rosa

      „Mir stellt sich die Frage, wofür die Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Mediums benötigt werden, wenn sich 25 Schüler gemeinsam in einem Klassenraum befinden?“
      Die Frage ist goldrichtig. Ihre Beantwortung kann einerseits dazu führen zu sagen: weil in einem Klassenraum Blogs ziemlich unangebracht sind, machen wir keine Blogs. Oder andererseits: weil in einem klassenraum social media irgendwie nicht passen, definieren wir den Klassenraum neu.
      Ich bin für letzteres. Das könnte dann so aussehen:
      Der Klassenraum ist die Basisstation – wo man sich z.B. morgens im Plenum – eine Art „check-in“ trifft, um zu klären, was heute alles stattfinden wird. (manche melden sich auch über skype dazu, weil sie schon früher woandershin unterwegs sind.) Zu dieser Basisstation – wo es f2f mit den Lehrern geben kann und auch handfeste resourcen und supplies sind, sowie vielleicht auch eine Station, wo Schüler, die zu Hause keinen Arbeitsplatz haben, arbeiten können und ihre Sachen in einen Schrank aufbewahren können – kann jeder Schüler im Laufe des Tages zurückkehren, dann gibt es um eine vereinbarte Zeit ein Plenum, wo die Ergebnisse und Probleme des Tages zusammengetragen werden können, und anschließend an Verabredungen für den nächsten Tag ein „check-out“. Die Hauptsache der Lerntätigkeit findet in Gruppen an außerschulischen Lernorten oder in anderen Räumen der Schule statt – kann natürlich auch für einige im Klassenraum sein, muss aber nicht. Alle haben mobiles und können bei Bedarf untereinander, mit wem auch immer im Netz, und natürlich mit Lehrkräften Kontakt haben.

      Das ist eine Antwort, die herauskommt, wenn man die Frage: „Wie kommt das digitale in die Schule“ durch die Frage ersetzt: „Was kann das Digitale aus der alten Bildungsinsitution machen?“

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      1. Wolfgang

        Das wäre schön, wenn Schulen das irgendwann könnten. Und wenn Schüler, Eltern, Lehrer und Verwaltung mitspielen.

        Aber warum sollte man den Klassenverbund innerhalb einer Schule als funktionierende Kommunikationsplattform aufbrechen, um diese dann wieder mit Hilfe von Social Media, also mit bislang weniger leistungsfähigen Kommunikationskanälen, zusammenzuführen?

        Social Media ist sinnvoll, wenn die Teilnehmer nicht an einem gemeinsamen Ort sind. Z.B., wenn französische mit deutschen Schülern ein gemeinsames Projekt durchführen. Oder wenn man an unterschiedlichen Orten/Schulen z.B. im Physikunterricht Messungen o.Ä. durchführen lässt und diese in einer gemeinsamen Plattform auswertet und bespricht.

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  5. Tobias Hübner

    Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen realer und digitaler Kommunikation. Wenn ich geschrieben habe, dass ich digitale Kommunikation „nicht wirklich“ finde, so habe ich damit nicht gemeint, dass digitale Kommunikation nicht real ist, also quasi nicht existiert. Ich meinte vielmehr, dass digitale Kommunikation nicht so ist wie Kommunikation in der Wirklichkeit.

    Die digitale Form des Gedankenaustausches unterscheidet sich in vielen Dingen von einem Gespräch im realen Leben, ich nenne hier nur den für mich wichtigsten Unterschied: digitale Kommunikation kann man jederzeit beenden. Ich brauche nur einen Knopf zu klicken und die Kommunikation ist vorbei. Das geht in der Realität so leicht nicht.

    Und wie gesagt, ich denke hier vor allem an Kinder – die können sehr gut ohne digitale Kommunikation aufwachsen, aber nicht ohne reale.

    Antworten
    1. Wolfgang

      Es gibt keine sog. digitale Kommunikation. Kommunikation geschieht über Kanäle, die unvollständig sein können. Z.B. ohne Bild, ohne Geruch oder nicht synchron usw.. Kommunikation über technische Systeme (es gibt auch noch analoge) wird mit fortschreitender Entwicklung immer vollständiger. Abschalten kann ich immer. Wenn mich jemand nervt, gehe ich einfach weg. Viel interessanter ist, wie und mit wem ich alles kommunizieren kann. Wenn ich mit jemandem chatte, erkenne ich nicht, ob er taub oder blind ist. Ich kann mit Menschen kommunizieren, die niemals in meinem Leben mit mir an einem gleichen realen Ort sein werden. Trotzdem können sich dadurch starke Freundschaften entwickeln. Ich lerne über das Netz viel schneller Menschen kennen, die für mich interessanter sind und meine Wellenlänge haben. Ich kann im kollektiv Dinge erreichen, die ohne Vernetzung niemals möglich wären.

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      1. Tobias Hübner

        Hallo Wolfgang,

        wenn jemand mit Dir im echten Leben diskutiert und Du gehst einfach weg, hat das ganz andere Konsequenzen als in einem Chat. Bei einer realen Diskussion herrschen eben andere Konventionen, die es in der digitalen Welt so nicht gibt.

        Der Neurophysiologe Vittorio Gallese hat es in einem Interview in der ZEIT (http://www.zeit.de/2008/21/Klein-Mitgef-hl-21) auf den Punkt gebracht:

        „Wir kommunizieren immer mehr über Telefon und Computer; Gemeinschaften, in denen sich Menschen leibhaftig begegnen, lösen sich zunehmend auf. Nun wissen wir aus unseren Experimenten, dass es für das Einfühlungsvermögen keineswegs gleichgültig ist, ob Sie einen anderen Menschen nur auf einem Monitor sehen oder ihm Auge in Auge gegenüberstehen. Darum ist ein Theatererlebnis oft stärker als ein Kinobesuch. Und wenn Sie sich mit Ihren Gesprächspartnern nur noch per E-Mail oder im Chat austauschen, löst sich Ihr Bild von ihnen vollständig auf.“

        Es geht ja bei unserer Debatte primär um Neue Medien in der Schule und daher auch um den Umgang von Kindern mit Medien. Und Kinder brauchen reale starke Freundschaften, keine virtuellen. Und ja, technische Kommunikation wird immer vollständiger, aber das heißt im Umkehrschluss auch, dass technische Kommunikation unvollständig ist und bleiben wird.

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        1. Wolfgang

          Es gibt Personen, die es erst mit Hilfe neuer Technologien geschafft haben, frei mit anderen Menschen kommunizien zu können. D.h., hier hat die technische Kommunikation zur „Vollständigkeit“ beigetragen.

          Ich denke, es gibt sehr viele Menschen, die hier andere Erfahrungen gemacht haben und deinen Aussagen widersprechen würden. Für viele mag das Theatererlebnis nicht stärker als ein Kinobesuch sein. Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen der Kommunikation ohne und mit Technik. Aber jede Kommunikation zwischen zwei Menschen ist eine reale Kommunikation und es gelten immer ähnliche Konventionen. In der heutigen Zeit ist es oft sogar so, dass gerade durch die Kommunikation über Netzwerke reale Kontakte und leibhaftige Begegnungen entstehen und sogar verstärkt werden.

          Wenn ich mit jemandem telefoniere, den ich kenne, dann kann ich auch nicht einfach auflegen. Ein Chat ist eine sehr rudimentäre Plattform zur Kommunikation. Sicher gelten hier wieder andere Konventionen als bei einem Telefongespräch oder bei einer Videokonferenz. Im Grunde hängt das eigene Verhalten aber hauptsächlich vom Bezug zu der Person ab, mit der man kommuniziert, und nicht vor der Übertragungstechnik.

          Ich bin der Überzeugung, dass unter der Kommunikation mit Hilfe neuer Technologien reale Freundschaften nicht leiden. Soweit ich mitbekommen habe, gibt es Studien, die das bei Jugendlichen sogar belegen.

          In einem pflichte ich dir vollständig bei: im Klassenverband in der Schule sind Web 2.0-Technologien zur Kommunikation untereinander eher nicht förderlich.

          Antworten
  6. Lisa Rosa

    @wolfgang in reply to Tobias Hübner: ich stimme dir in allem zu. Nicht jedoch hierin:

    “ im Klassenverband in der Schule sind Web 2.0-Technologien zur Kommunikation untereinander eher nicht förderlich.“

    Die Erfahrungen mit Weblogs im Unterricht zeigt, dass SchülerInnen damit offenbar lernen, sich gegenseitig „zuzuhören“ (schriftlich), ihre Texte zu kommentieren und aufeinander bezug zu nehmen, wie sie es vorher nicht taten. Auch fangen zuweilen Schüler an, mehr zu schreiben als bisher. In wikis und typepads lernen Schüler, miteinander Texte zu verfassen, sich gegenseitig zu peer reviewen usw.
    Die Evaluation des iPhone Projekts der Projektschule Goldau hat ergeben, dass die Schüler viel mehr untereinander kommunizierten und auch viel mehr mit dem Lehrer kommunizierten (E-mails, SMS) als vorher. Und zwar kommunizierten sie über ihre Lernprozesse bzw. über die Lerninhalte.
    Das alles sind Kompetenzen der Kommunikation.
    Sicher könnte man dies auch ohne die web 2.0 Anwendungen lernen. Aber mit social media geht es heute offenbar besser.

    Wenn „Klassenraum“ als Lernraum der wichtigste Raum bleibt oder sogar der einzige, und dann nicht einmal social media benutzt werden, dann wird das Lernen so armselig, dass es nicht nur keine media literacy mehr erzeugen kann, sondern nicht einmal die alte literacy/Bildung. Dann produzieren wir nicht mehr nur 25 % funktionale Analphabeten (in Metropolen) trotz (!) Schule, sondern es werden vermutlich weit mehr werden.

    Antworten
    1. Felix Schaumburg

      Neben der klasseninternen Nutzung kann man den Blog auch zur Dokumentation für „außen“ nutzen und so eine ganz neue Relevanz des unterrichtlichen Arbeitens erhalten. Ich denke dabei an die Blog-Reihe zum Praktikum (leider fällt mir der Name des Lehrenden nicht ein… Wer kann helfen? Es ging u.a. um einen Bericht von einer Winzerei…)

      Antworten
  7. Lisa Rosa

    noch eben zur Ergänzung:
    wenn ich meinen Schülern (Referendaren, Lehrern), die mit mir im selben Raum sitzen, einen Hinweis auf einen Link geben möchte, der sie nun gerade in ihrem lernprozess weiter bringt, dann schicke ich ihn mal eben rüber. Wenn sie twitter hätten, würde ich ihn per DM twittern. Ich könnte ihn natürlich auch diktieren oder per Hand in die Browseradresszeile des jeweiligen Schülers hineinschreiben. (;-) ich könnte ihn natürlich auch an die Tafel schreiben, dann wären 3 Fehler drin, und alle Schüler/Referendare/Lehrer würden außerdem beim Arbeiten gestört, weil sie glauben, es wäre nötig, den Link auszuprobieren, obwohl er nur für den Lernprozess von einem einzigen hilfreich ist … you see, wolfgang?

    Antworten
  8. Wolfgang

    Hmm – ja, so könnte man das machen … oder vielleicht auch per Bluetooth oder ins Link-Backlog oder einfach auf den Education-Desktop schieben?

    Antworten
  9. Wolfgang

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,752738,00.html

    „SPIEGEL ONLINE: Inzwischen fördern viele Schulen Medienkompetenz. Reicht das nicht?

    Katzer: Da zeigen Lehrer ja eher, wie man eine Power-Point-Präsentation richtig erstellt und wie man Google richtig nutzt. Medienkompetenz bedeutet für mich, zu klären: Was macht das Netz mit uns? Was machen wir durch das Internet mit anderen? Denn das Internet ist ein soziales Medium und kein Datenaustauschprogramm. Das haben viele noch nicht begriffen.“

    PS: eine Twitter-Nachricht ist immer öffentlich. Und die meisten Schul-Blogs und verwendeten Web 2.0-Tools sind es auch. Die Klasseninterne Kommunikation, Termine für Klassenarbeiten und Elternabende und und … – gehört das alles in die Öffentlichkeit?

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