Selbständige Schule

Christian Füller (@ciffi) hat für ein Bildungspodium in Berlin die Diskussion über selbständige Schulen angestoßen. In einer kleinen MindMap [PDF] stellt er die wesentlichen Bezüge zu anderen schulpolitischen Themen wir PISA, bottom-up etc. vor. Das Thema „Selbständige Schulen“ organisiert er entlang von Leitfragen, die ich aufgreifen möchte.

Wollen Eltern wirklich autonome Schulen?

Das zu beurteilen liegt nicht bei mir. Der Zulauf von Privatschulen zeigt zumindest, dass ein gewisses Interesse gegeben sein muss.

Aus meiner eigenen Erfahrung bei Innovationen am Schulsystem hat sich gezeigt, dass es bei Veränderungen vor allem auf das Verhältnis von Elternhaus und Lehrerschaft ankommt. Vertrauen die Eltern den Lehrern, dass sie das, was sie vorhaben, auch ernst nehmen und bestmöglich umsetzen? Wenn dieses Vertrauen da ist, ist einiges möglich. Dafür muss man arbeiten.

Lässt der Staat Schulen in Freiheit – oder nimmt die KMK sie alle wieder an die Kandare?

Das Problem selbständiger Schulen ist auch, welchen Gewinn eine Schule durch diesen Schritt erhält. Flexiblere Verwendung der Finanzen – ok. Schule ist in der Regel aber kein Wirtschaftsbetrieb, sodass die Begeisterung des Personals eher gering ist.

Die um die Schule herum gesponnen Regeln bedingen außerdem, dass wesentliche Veränderungen nur sehr schwer möglich sind. Vorschriften an Schulzeiten, inhaltliche Vorgaben und die vermaledeite „Justiziabilität“ ersticken viele Veränderungswünsche im Keim.

Für engagierte Diskussionen dürfte die Qualitätssicherung und der Anspruch von Schulen führen, durch sie allen Mitgliedern einer Gesellschaft die Möglichkeit zur Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen…

Wie gehen wir mit dem Spannungsfeld „Offene Curricula vs. einheitlicher Wissenskanon“ um? Muss ein Schüler bis in die 10 Klasse Chemie-Unterricht erleben, wenn sein eigentliches „Element“ die Sprachen sind und er dort aufblüht? Wie gehen wir mit der Exzellenz jedes einzelnen Schülers um?

Es ist also nicht (nur) die KMK, sondern die Verankerung der Schule im System. Die Diskussion beginnt beim Beamtenstatus Lehrender und führt über standardisierte Lernzielkontrollen bis zum Föderalismus…

Kann man mit (lange) verbeamteten Lehrern noch Schule in eigener Verantwortung machen?

Gehen Reformen nur mit jungen Kollegien? Sind „alte“ Lehrende nicht mehr bereit, sich an einem Veränderungsprozess zu beteiligen? Ersticken die Kollegien im Dung der 1000 Säue, die in den letzten Jahrzehnten durch die Lehrerzimmer getrieben wurden?

Die notwendigen Veränderungen der Schule durch neue Wissensstrukturen und gesellschaftliche Umbrüche auf eine generationale Bank zu schieben, halte ich für zu einfach. Zum Einen ist ein junges Kollegium keine Garantie für Veränderung, zum Anderen ist das Warten auf ein Aussterben der älteren keine befriedigende Lösung – fernab einer moralischen Bewertung…

Ist es im Management nicht üblich, kränkelnden Abteilungen eine kleine Auszeit und eine Entwicklungsaufgabe zu geben, um die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren?

Ein erster Schritt, die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, besteht jedoch darin, dass sich eine Schule ihr Scheitern eingesteht. Erst wenn dieser Erkenntnisprozess eintritt, dass man mit dem bisherigen Vorgehen keine qualitative Arbeit mehr leisten kann, ist man bereit dazu, sich für etwas Neues zu öffnen. In Kollegien, die seit Jahren ihren Unterricht abhalten und die einen Weg gefunden haben, die Arbeitsbelastung auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, wird man keine freiwillige Umwerfung der routinierten Abläufe einfordern können, ohne auf erheblichen Widerstand zu stoßen.

Wo kommen die Schulleiter befreiter Schulen her?

Brauchen wir einen Schulleiter? Ist eine Verteilung der Aufgaben der Schulleitung auf einen administrativen und einen pädagogischen Verantwortlichen nicht sinnvoller? Einige Neugründungen gehen diesen Weg, wie beispielsweise der Campus Klarenthal.

Vielleicht kann man andere Schulen nicht als „freies-Schulen-Add-on“ für das bestehende System erhalten, sondern nur durch eine Neuerfindung. Die müsste erzwungen werden, indem die Vorgaben von außen radikal reduziert werden und gleichzeitig eine „nicht freie Schule“ keine Option mehr ist.

3 Gedanken zu „Selbständige Schule

  1. Anonymous

    Nach deiner Erfahrung kommt es bei Veränderungen an Schulen vor allem auf das Verhältnis von Elternschaft und Lehrerschaft an. Dem kann ich nicht ganz zustimmen, würde jedoch sagen, dass es vermutlich auch von der Schulform abhängt, denn das Engagement der Eltern ist nicht unbedingt von Schulform zu Schulform vergleichbar. Das zeigt sich alleine bei den Elternvertretungen. In den Grundschulen ist das Engagement der Eltern noch recht hoch. Hier denke ich, treffen deine Erfahrung voll zu. In den Sekundarschule in beginnt sich das Engagement insgesamt abzuschwächen und zum Teil nach Schulformen zu differenzieren. An meiner Hauptschule gibt es durchaus das Engagement der Eltern, welches jedoch deutlich geringer ausfällt als das bei der Realschule im gleichen Haus. Ich vermute, nachdem was ich so gehört habe, dass die Elternschaft an Gymnasien noch einmal deutlich engagierter am Schulleben und damit auch schulische Entwicklung beteiligt ist.

    Staatliche Freiheiten sind hier in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel ausgesprochen groß für Schulen. Vieles wäre demnach möglich, wenn nicht, wie du richtig ansprichst, Grenzen durch andere äußere Faktoren gesetzt werden. So ist es nicht ohne weiteres möglich, etwa die Anfangszeit des Unterrichts nach Belieben zu verschieben. Schon eine Verschiebung um 10 min nach vorn oder hinten ist nahezu unmöglich, da die einzelne Schule in der Regel in einen Schülerfahrverkehrsplan eingebunden ist, welcher viele andere Schulen umfasst und durch eine einzige Veränderung eine ganze Kette von weiteren Veränderungen nach sich ziehen würde. Auch was finanzielle Mittel angeht, ist die Freiheit oft beschränkt. Der Schulträger hat den Schlüssel zur Kasse und über seinen Schreibtisch gehen alle großen Ausgaben. Er verwaltet die Gelder seiner Schulen. Am Schulträger können auch Veränderungen scheitern, welche beispielsweise nur innerhalb eines Schulgebäudes erfolgen sollen. Sollen beispielsweise räumliche Veränderungen vorgenommen werden, Veränderungen an der Substanz des Schulgebäudes, so wie dieses in vielen Fällen nicht ohne Schulträger. Viel hängt bei der Freiheit von Schulen dadurch auch vom Wohlwollen des Schulträgers ab, und nicht zuletzt von dessen finanziellen Möglichkeiten. Veränderungen können von lokaler Politik gefördert oder gebremst werden. Meine Schule bekam damals ihre erste GU Klasse gegen ihren Willen durch die Politik aufgedrückt. Eine Schule, die zum Ganztagsbetrieb will, kann durch ihren Schulträger ausgebremst werden.

    In Bezug auf die Lehrpläne der Schulen lässt sich feststellen, dass diese ihre Freiheiten zur Kürzung der Inhalte viel zu wenig nutzen. Hier könnten Schulen sich Freiräume schaffen, um eigene Schwerpunkte zu setzen. Vor allem in den Nebenfächern sind die Vorgaben recht offen, was die Inhalte angeht. Vorgegeben sind Wochenstundenzahlen, welche über die gesamte Schulzeit, aufgeteilt nach Doppeljahrgangsstufen, zu unterrichten sind. Das lässt viel Gestaltungsraum. 60 Minutentakt ist da ebenso möglich wie auch im Epochenunterricht.

    In einem meiner letzten Beiträge in meinem eigenen Blog forderte ich einen Generationenwechsel an den Schulen (Wir brauchen einen Generationenwechsel). Das war vor allem aus meinem eigenen Erleben an der Schule, welcher ich unterrichte, motiviert. Es trifft natürlich nicht ganz den Kern der Sache, wie in den Kommentaren richtig festgestellt wurde. Was das wirklich entscheidende Kriterium in einem Kollegium ist, um Veränderungsprozesse erfolgreich durchzuführen, ist nebst Visionen und dem Willen zur Veränderung eigentlich eine andere Sache. Die hat aber durchaus eine Verbindung zum Thema Generationen innerhalb eines Kollegiums.
    Innovationen kosten sehr viel Energie. Das ist nicht nur die Energie, die notwendig ist, um sich Gedanken zu machen über Veränderungen, sondern vor allem die Zeit, die notwendig ist, zu planen und Planungen in Aktionen umzusetzen. Veränderungsprozesse sind langwierig. Wer in einem Kollegium hat die notwendigen Energien? Wer volle Stundenzahl unterrichtet und mehrere Korrekturen hat, braucht schon einen großen Teil seiner Energien für den Schulalltag. Viele Kolleginnen und Kollegen haben darüber hinaus Familie und ein Privatleben. Auch diese zehren von der begrenzten Energie des Individuums. Am ehesten überschüssige Energie haben jüngere Mitglieder des Kollegiums, vor allem wenn sie noch nicht durch Familie und (vor allem in ländlichen Regionen) das neue eigene Haus gebunden sind. Lehrerinnen und Lehrer, welche die notwendige Energie haben, Innovation in Schule zu tragen, gibt es selbstverständlich auch bei der älteren Generation, dort jedoch meist nur noch in sehr kleiner Zahl. Das ist mit ein Grund, weshalb ein Generationenwechsel schulische Veränderung durchaus positiv befördern könnte.
    Es gab einmal eine Zeit, so etwa ab 1970 oder kurz darauf, da waren die Schulen in Deutschland angefüllt mit jungen dynamischen Lehrkräften. Die ältere Generation war absolut in der Minderheit. Diese jungen Lehrkräfte brachten viel Idealismus mit in ihre Schulen, verbrachten Nachmittage mit dem Arbeiten von Materialien, feierten gemeinsam und mehr. Es herrschte eine Art Aufbruchsstimmung. Das war eine Zeit, in der man das Schulsystem Deutschlands komplett hätte umkrempeln können. Damals als jene verhängnisvollen Entwicklung begann, deren fatale Auswirkungen wir heute spüren, schickte man ein Reförmchen nach dem anderen durch die Lande, die Mengenlehre musste her, das blaue Wunder kam, das Abitur wurde immer leichter usw.. Damals hätte man das Schulsystem wirklich grundlegend ändern können, sei jedoch mehrheitlich leider keine Notwendigkeit dazu. Der einzige ernsthafte Entwurf zur Veränderung des Schulsystems durch die Gesamtschule scheiterte in jenen Jahren an den gleichen ideologischen Verfestigungen, die auch heute jeglichen Veränderungsversuch im Treibsand politischer Scharmützel versinken lassen.

    Die Aufteilung der Position des Schulleiters in einen administrativen und einen pädagogischen Verantwortlichen finde ich sehr sinnvoll. Schulleiter sind häufig mit beiden Aufgaben total überfordert, oft liegt ihr Talent auch nur auf einer Seite, wohingegen sie auf der anderen kläglich versagen, und damit oft als Schulleiter insgesamt. Wie viele Schulen mit schwachen Schulleitern werden von einem Schattenkabinett regiert? An diesen Schulen sieht man, es kann auch anders gehen. Schulleiter sind heute gefordert, Aufgaben zu delegieren, etwa an Fachleiter. Das gelingt jedoch nicht an allen Schulen gleich gut. An Hauptschulen etwa haben Fachleiter kaum Autorität, wohingegen sie an Gymnasien in der Regel eine gefestigte Position haben.

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    1. Felix Schaumburg

      Lieber damianduchamps,

      Danke für den Hinweis und die Richtigstellung: Der Verweis auf die Strukturen des Systems war nicht so gemeint, wie oft formuliert: ‚Die Landesregierungen sind schuld an der Misere: Die Lehrer würden ja, wenn sie nur wollten.‘

      Nein, das ist nicht gemeint.

      Genehmigte Freiheiten wie Unterrichtsbeginn oder Stundenraster sind auch keine wirklichen Systemerneuerungen, sondern nur dezente Verschiebungen innerhalb eines starren Rasters.

      Würde es eine Aussetzung der Lehrplänen für die Klassen 5-7 geben: Was wäre dann?

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  2. Anonymous

    D’accord, die Lehrpläne könnte man ruhig aussetzen. Wobei die neuen kompetenzorientierten Kernlehrpläne doch schon sehr offen sind und nur noch definieren, was am Ende einer Doppeljahrgangsstufe erreicht sein muss.

    Viele Freiheiten nehmen wir uns letztlich selbst, indem wir uns sklavisch an irgendwelche Unterrichtswerke der Verlage ketten (was natürlich auch praktische und ökonomische Vorteile haben kann), noch immer nach den Stoffverteilungsplänen von vorgestern unterrichten oder weiterhin dem lehrerzentrierten Unterricht frönen. Niemand zwingt uns dazu. Niemand verbietet uns, Zeugnisgespräche an unseren Schulen zu führen wie @scheppler, Klassenarbeiten individualisiert zu schreiben oder z.B. Nebenfächer epochal zu unterrichten. Niemand steht uns letztlich mehr im Weg als wir Schulen selbst. Und da kommen dann alle diese anderen Faktoren ins Spiel, die uns zu diesem Handeln bzw. Verharren bringen.

    Äußere Veränderungen sind in einigen Fällen notwendig, um innere Veränderungen von Schule zu ermöglichen. Abkehr vom 45 Minuten Takt kann eine solche strukturelle Veränderung sein, die unterrichtliche Veränderungen unterstützt.

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