Gedanken zum “Changing Paradigms”

Sir Ken Robinson hat wieder gesprochen und alle stimmen fröhlich in den Chor der Befürworter ein: “Er hat Recht” – “Gut, dass er es mal sagt” und vor allem die Hoffnung: “Jetzt wird es sicherlich einen Ruck geben”. Ich gehöre auch dazu – dabei ist die Frage, warum…? Eigentlich gibt es keinen guten Grund, außer an einem Hype teilzunehmen.
Ich versuche das letzte Video zum Anlass zu nehmen und ein paar Gedanken dazu zu notieren.

Vor ein paar Tagen wurde von RSA-Animate ein Teil einer Rede von Robinson aufgearbeitet, die er bereits am 16. Juni 2008 gehalten hatte. Audio, Video und Transcript des Vortrages gibt es bei theRSA.


Was ich mich bei Sir Ken Robinson zunehmend frage: Gibt er nicht eigentlich nur Trivialweisheiten von sich, welche an anderer Stelle schon formuliert wurden. Kaum ein Satz von ihm wird nicht in irgendeiner (reform-)pädagogischen Schrift so oder so ähnlich zu finden sein. Oder?

Kann man deshalb auf ihn verzichten? Nein, sicher nicht. Ich möchte deshalb gerne auf andere, nicht pädagogische Ideen verweisen, die zusammen mit den Ideen von Robinson zeigen, dass es trotz der hohen Redundanz eben um etwas geht, was vielleicht immer und immer wieder wiederholt werden muss, bevor es anerkannt wird.

Es geht um mehr als “nur” eine Anpassung der Schule an neue gesellschaftliche Wirklichkeit. Es geht darum, dass man sich auf eine neue Epoche einstellt, die sich von der Zeit der Industrialisierung nicht nur in der Form der Arbeit deutlich unterscheidet. Hier leistet Sir Ken Robinson sicherlich wertvolle Arbeit – aber er ist nicht der einzige.

Eine spannende Entdeckung der letzten Wochen war das Buch von Hans-Peter Dürr ‘Warum es ums Ganze geht‘ (Ein Interview mit ihm findet man übrigens hier). In seinem Buch zeigt er auf, warum wir seiner Meinung nach mit unserem bisherigen Verständnis der Welt nicht mehr weiter machen können. Dabei hat er nicht das Bildungsystem vor Augen, sondern spricht aus seiner Erfahrungen als Physiker (Träger des alternativen Nobelpreises). Hans-Peter Dürr hat lange Zeit mit Werner Heisenberg zusammengearbeitet und war sein Nachfolger als Vorsitzender des Max-Planck-Instituts. Er ist also relativ unverbraucht für die pädagogische Diskussion.

Umso interessanter ist es, dass er ganz ähnlicher Prozesse aufzeigt, wie sie in der educational-shift Debatte formuliert werden. Seine Expertise ist dabei jedoch die Teilchenphysik…

Er berichtet, dass sich die Physiker mit der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie anscheinend ihrer Grundannahme beraubt haben, dass Materie eine unverrückbare Konstante unserer Welt ist. Die Annahme für die Materie war, dass ein Atom, das unteilbare Teilchen, immer ein und das gleiche ist – gestern, heute und morgen. Nimmt man beliebig viele dieser Atome, so entstehen Gebilde, die bei genügend feiner Untersuchung vorhersagbares Verhalten an den Tag legen sollten. Alles ist ja begrenzt auf eine bestimmte Anzahl von Elementen und unterscheidet sich nur in der Art der Zusammensetzung. Es wäre also alles mathematisch exakt zu fassen, wenn es sich nur mit einer genügend komplexen Rechnung simulieren ließe.

Mit der Quantenmechanik – und eigentlich schon mit den Erkenntnissen aus Rutherfords Streuversuch – war klar, dass das Atom als unteilbares Teilchen nicht mehr als Vorstellung haltbar war. Atome bestehen aus einzelnen – noch kleineren Bauteilen.
Am Beispiel des Elektrons kann man dabei eine tiefgreifende Erkenntnis zeigen: es besteht nicht aus einem stofflichen Teilchen, sondern aus einer elektrischen Ladung, die ‘da ist’. Einen übergroßen Teil eines Atoms nimmt also ein Etwas ein, welches keine Materie trägt. Dürr fuhrt dazu den Begriff des Wirks ein. Ein Wirks als Gedankenkonstrukt besteht nicht aus stofflicher Materie, ist aber für den Aufbau der Welt unabdingbar. Alles besteht eben aus Wirks.
Ausgehend davon formuliert er:

Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig. Und die Materie ist gewissermaßen die Schlacke des Geistes, sie bildet sich hinterher durch eine Art Gerinnungsprozess. (Dürr, S. 106)

Wer weiter in die Überlegungen zum Teilchenmodell einsteigen möchte, möge bitte im Buch nachlesen.

Ausgehend von dieser Relativierung steht für Dürr auch das scheinbar exakte, mathematische Modell der Wissenschaft in Frage:

Wissenschaft kann nicht mehr an der Objektivität aufgehängt werden. Die Isolation und Fragmentierung hat sich als falscher Weg erwiesen. Stattdessen wissen wir heute von der prinzipiellen Einheit des Universums. Daraus folgt, dass die Spaltung von Mensch und Natur nur in unserer Vorstellung gegeben ist. (Dürr, S. 166)

… womit auch die von uns praktizierte Form des Warenhandels fraglich wird:

Unsere westliche Konsumkultur, unser […] wirtschaftliches Wettrennen stellt nur eine winzige Nische innerhalb unserer Möglichkeiten dar. Trotzdem glauben viele Menschen, dass die wirtschaftlichen Sachzwänge Naturgesetze seien. Nein, es sind menschengemachte Zwänge. (Dürr, S. 112)

Dürr formuliert, ausgehend von der Relativierung des Materiebegriffes, dass die Annahme, es gäbe nur ‘ja’ oder ‘nein’, nicht mehr zuträglich für eine moderne Problemlösung sei. Auch bei mehr und mehr Wissen und steigender Exaktheit wird es nicht möglich sein, eine unverrückbare Einteilung der Dinge vorzunehmen. Vielmehr ergeben sich bei näherer Betrachtung immer größere Unsicherheiten.

An dieser Stelle fühlte ich mich an das triadische Denken von Michael Giesecke erinnert, welches er in seinem Aufsatz “Triadisches Denken und posttypographische Erkenntnistheorie” ausführt [PDF].

Das triadische Denken versteht sich als Ergänzung und Alternative zum elementaren logischen Denken mit ‘Ja/Nein’- Entscheidungen, bei dem nach der Regel ‘tertium non datur’ verfahren wird. Es sucht Alternativen sowohl zu binären Schematisierung als auch zu einem systemischen Netzwerkdenken, welches beliebig viele, meist ad hoc konstruierte Perspektiven auf die Phänomene vorschlägt. Möglicherweise hängt alles mit allem anderen zusammen (Holographieprinzip), aber es ist gewiss, dass wir in unserem Denken die Komplexität dieser Zusammenhänge reduzieren (müssen). [Giesecke, S. 6]
[…]
Das neue triadische Denken geht konsequent von drei Faktoren aus, die gleichwertig sind und deshalb auf derselben logischen Ebene anzusiedeln sind. Das vierte Element ist das Ergebnis ihres Zusammenwirkens und liegt auf einer andern logischen Ebene. [Giesecke, S. 9]

Die genannten Personen seien nur beispielhaft genannt für alternative Betrachtungsweisen auf unsere bisherigen Strukturen. Wir hätten also auch ohne Sir Ken Robinson – der ohne Zweifel über eine mitreißende Rhetorik verfügt – genügend Ansätze, um die Gedanken über einen Paradigmenwechsel zu formulieren. Auch für die Schule. Leider werden im deutschen Sprachraum die Vertreter einer alternativen Betrachtung schnell zu (intellektuellen?) Spinnern abgestempelt. Schade, dass die Strukturen des binären Denkens in unserer Sprache noch so intakt sind…

9 Gedanken zu „Gedanken zum “Changing Paradigms”

  1. Maik Riecken

    Martin Dougiamas, Erfinder von Moodle, denkt in eine Interview, welche man bei Ralf Hilgenstock verlinkt finden kann, genau in die gleiche Richtung:

    http://dialoge.info/b2/index.php/2010/10/22/interview-mit-martin-dougiams-begruender-von-moodle

    Zusammengefasst möchte er Moodle 3.0 komplett neu und diesmal vom Lernenden her designen. Es wird spannend, ob das Ding dann wird verkaufen/vermitteln können, weil es eben ein System für Lehrende ist – er sagt das übrigens selbst.

    Was mich kolossal an der Paradigmenwechseldiskussion nervt, ist ihre unglaubliche Redundanz und Suche nach Selbstbestätigung bei meist Gleichgesinnten im Netz.

    Ich bin es leid, immer und immer wieder zu hören: Da geht es hin, es führt kein Weg daran vorbei, es wird kommen, so muss es sein und aus den und den Gründen habe ich Recht.

    Der Weg kann ja gerne irgendwohin führen, aber es muss ihn jemand gehen. Deswegen bin ich sehr dankbar für die Beschreibung deines letzten Unterrichtsprojekts, weil es ein Beitrag zum “Wie?” ist.

    Der Wechsel wird nicht kommen, wenn niemand den Weg geht oder auf ihm voranschreitet. Man kann ihn nicht dadurch gehen, dass man ihn wieder und wieder immer schöner und schöner beschreibt und das von immer höheren Hemissphären her tut.

    Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Und der Flow kommt dann schon.

    Gruß,

    Maik

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    1. retemirabile

      Du hast Recht bezüglich der Redundanz im Netz – aber außerhalb sind viele Gedanken, die man in Bildungsblogs schon nicht mehr hören kann, von aufwühlender und widerstand-zeitigender Neuheit. Manche Beiträge schreibe ich z.B. nicht für die regelmäßigen Blog-Leser, sondern um sie bei Gelegenheit den „Offline-Kollegen“ per Mail zu verlinken und so bestimmte Gedanken in mein Kollegium einzuspeisen — vielleicht machen das andere auch so, ich weiß es nicht.

      Dennoch hast Du natürlich Recht, dass den theoretisierenden Beiträgen auch „Erlebnisberichte“ aus der Umsetzung folgen müssen.

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    2. Felix Schaumburg

      Lieber Maik,

      1. Danke für den Link – ist mir bisher unbekannt gewesen.

      2. Danke für die kritischen Anmerkungen. Ich versuche mal eine Rechtfertigung für die Redundanz: Bei diesem Beitrag habe ich, gerade weil er auch hier im Blog redundant ist im Bezug auf den Leitmedien-Artikel, lange gezögert. Und dann doch auf “veröffentlichen” geklickt, weil ich das Blog auch als mein öffentliches Notizbuch ansehen und daher keinen Leser vor Augen habe, für den ich explizit schreibe. Von daher gibt es sicherlich “runde” Artikel und jene, die eher verknüpfend sind. Halt Notizen, die ich aber auch nicht ganz zurückhalten möchte.

      Ansonsten stimmts: “Es gibt nichts Gutes außer man tut es.”
      Also im Kleinen die eigene Arbeitsumgebung so gestalten, wie man selber gerne arbeiten möchte.

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      1. Maik Riecken

        “Und dann doch auf “veröffentlichen” geklickt, weil ich das Blog auch als mein öffentliches Notizbuch ansehen und daher keinen Leser vor Augen habe, für den ich explizit schreibe.”

        Witzig. Geht mir mit meinem Blog auch oft ähnlich und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich nicht nur vor Vertretungsstunden da wieder und wieder Material für *mich* herausziehe.
        Und ich ärgere mich, dass ich nicht schon seit sieben Jahren blogge. Dann hätte ich nämlich z.B. noch gewusst, dass in der Harworth-Projektion bei L-Zuckern die CH2OH-Gruppe nach unten steht und hätte die schlaue Frage meiner Schülerin dazu anders parieren können als mit: Öhm… Schaue ich nach.

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  2. retemirabile

    Danke für diese Einblicke. Auf Hans-Peter Dürr bin ich schon früher gestoßen, habe aber noch nichts von ihm gelesen – muss ich wohl demnächst mal nachholen.

    Bezüglich Robinson: es mag sein, dass er keine wirklich neuen Gedanken formuliert — ich kann das nicht beurteilen, weil ich in der reformpädagogischen Literatur nicht bewandert bin — aber es macht durchaus einen großen Unterschied, ob jemand Gedanken mitreißend formulieren kann oder nicht. Zusammen mit der oben eingebetteten Visualisierung wird vieles sehr klar, was vorher vielleicht schon mal gesagt, aber eben möglicherweise nur diffus verstanden war.

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      1. retemirabile

        Na ja – ich denke, Du und ich und ein paar andere Leute, die mir einfallen, arbeiten in kleinen Schritten daran. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass „der Apparat“ in dieser Hinsicht nichts Sinnvolles auf die Beine stellen wird. Daher muss man eben auf der Schulebene und im Kleinen geduldig arbeiten.

        Aber um die Notwendigkeit dafür zu kommunizieren, dafür sind solche Vorträge schon nützlich.

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  3. Pingback: Bildung und Mensch im digitalen Zeitalter « bluemac

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