Leitmedienwechsel

Auf dem 2. ADZnrw Treffen in Köln ergab sich für mich die Gelegenheit, eine Session über den Leitmedienwechsel und das Ende der Handschrift zu halten.
Ich habe in der Session die Veränderung in der Bedeutung der Handschrift zum Anlass genommen, auf einen sich abzeichnenden Wandel des Leitmediums zu verweisen. Das Popplet findet sich hier als PDF, die drei erwähnten Artikel über die Bedeutung der Handschrift finden sich hier, hier und hier.

Im Folgenden möchte ich nun weniger auf das Ende der Handschrift eingehen, sondern vielmehr die bisherigen Gedanken zum Leitmedienwechsel zusammentragen und verknüpfen.

Der Leitmedienwechsel

Das erste Mal bin ich bei Lisa Rosa auf den Begriff ‚Leitmedienwechsel“ gestoßen. Sie formuliert beispielsweise in ihrem Beitrag zum EduCamp 2010 in Hamburg die These, dass sich die Struktur des Gehirns durch die Nutzung des Mediums grundlegend ändern kann.

Was sind Leitmedien?

„Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien“ (nach N. Luhmann, „Die Realität der Massenmedien“).
Kommunikation ohne Medien ist nicht möglich. Daher ist das Medium auch nicht nur als ‚Neue Technologie‘ zu verstehen, sondern als jede Form, in der Menschen miteinander in Interaktion treten und kommunizieren.

Das Werkzeug der Kommunikation, also das Medium, ermöglicht einerseits den Informationsaustausch, andererseits begrenzt es aber auch gleichzeitig die Art und Weise, wie wir kommunizieren können. Wir können uns nur über Inhalte austauschen, die begrifflich im Medium beschrieben werden können, also gesetzt sind. Dinge, für die wir keinen Begriff haben, sind nicht kommunizierbar oder können nur über Gleichnisse dargestellt werden – womit sie einem noch höheren Fehler unterliegen als die gemeine Kommunikation selber.
Wenn im Medium die Begriffsbildung eingeschränkt ist und damit die Art, wie wir uns über die Umwelt austauschen können, dann bedingt die Limitierung des Mediums auch unsere Wahrnehmunug der Realtität. Wir können nur sehen und erklären, worüber wir uns kollektiv schon einen Begriff gebildet haben.
Dies hat weitreichende Folgen für die Perspektive, wie wir die Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte sehen. Die Entwicklung der Technologien beispielsweise ist damit direkt abhängig von dem verwendeten Medium.

Welche Leitmedien haben uns in der Geschichte bisher begleitet?
Dazu hat M. Giesecke vier wesentliche Abschnitte definiert:

Deiktische und orale Phase

Kommunikation über Gestik, dann über Sprache – Frühzeit bis Jungsteinzeit.
Ohne die Abstimmung zwischen Jagenden war die Versorgung einer größeren Gruppe nicht möglich. Erst durch die ‚Erfindung‘ der Sprache waren die möglichen Absprachen genügend differenziert, um komplexe Abläufe wie die Vorratshaltung und Herrschaftsansprüche zu formulieren und koordinieren, ohne die es keine Seßhaftwerdung der Menschen gegeben hätte.

Skriptographische Phase

Kommunikation über Schrift – erstmals ~3000 v. Chr. in Mesopotanien.
Schrift ermöglichte es den Menschen, Planungen und komplexe Berechnungen über einen momentanen Einfall hinaus zu konservieren und so auch Prozesse an unterschiedlichen Orten sinnvoll zu koordinieren. Auch die zuverlässige Weitergabe von Informationen über die generationalen Begrenzungen waren durch die Erfindung einer Schrift möglich. Einen gesicherten Informationsstand konnte man von Generation zu Generation übertragen.
Hätten die Ägypter das schriftliche Medium nicht beherrscht, wäre ihre Hochkultur unmöglich gewesen. Die Pyramiden sind ohne die Schriftkultur nicht vorstellbar.

Typographische Phase

Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert.
Durch den Buchdruck wird die massenweise Verbreitung von Gedanken ermöglicht, sodass auch Menschen, die bisher nicht zur Elite gehörten, grundsätzlich Zugriff auf Gedanken anderer Menschen haben, denen sie nicht persönlich begegnet sind. In erster Konsequenz betraf das die Kirche, die ihre alleinige Deutungshoheit über die Bibel verloren hat (Übersetzung und Vervielfältigung).
Im Fortgang der Geschichte wurde durch den Buchdruck, die Erweiterung der gebildeten Bevölkerungsschichten und den Gedankenaustausch über die lokale Sphäre hinaus aber auch die Industrialisierung ermöglicht. Ohne den Burchdruck hätte es die Entwicklung der Dampfmaschine und damit die Industrialisierung der europäischen Gesellschaft nicht gegeben.

Digitale Phase

Mit den Datenbanken und der digitalen Datenverarbeitung beginnt diese Phase, bei der sich dann, durch die Vernetzung von Informationen, ein ganz neuer Nutzen zeigte: Das nicht lokal gebundene, vernetzte Denken entstand durch die Einführung des ARPANET und wurde besonders durch die Einführung des WWW einer breiteren Öffentlichkeit verfügbar gemacht und wurde mit der begrifflichen Umschreibung des ‚Web 2.0‘ auch als breiteres Mitmach-Medium aufgefasst.

Interessant an der Einteilung von Giesecke ist, dass sich die Verfügbarkeit des Leitmediums im Laufe der Zeit gravierend geändert hat.

  • Oral
    Jeder hat in gleicher Weise partizipiert. Die Sprache stand allen zur Verfügung.
  • Skriptographisch
    Nur Eliten hatten Zugriff, waren Eingeweihte. Vor allem religiös genutzt.
  • Typographisch
    Wiederentdeckung des ‚Massen’mediums. Ordnungsmacht liegt jedoch bei den Sendern. Empfänger/Leser können nur aus unterschiedlichen Angeboten wählen, die ökonomisch geregelt und damit begrenzt sind.
  • Digital
    Im ‚Web 2.0‘ vermischen sich Sender und Empfänger und es entsteht eine neue Form der Öffentlichkeit. Das Medium eignet sich grundsätzlich als generalisiertes Kommunikationsmedium, wird aber noch nicht als solches genutzt.
    Einige gehen soweit, dass sie von einer neuen Kultur der Polis, also einer potentiell hierachiefreien Kommunikation unter Gleichen, sprechen, die sich entwickeln könnte.
    (Zur Verfolgung dieser These bitte bei mspro nachlesen: ‚Das radikale Recht des Anderen‚)

Was bedeutet das ‚digitale‘ Leitmedium für die heutige Gesellschaft?

Das ‚digitale‘ in der Bezeichnung täuscht darüber hinweg, um was es eigentlich geht: Netzwerke, Beziehungen, Formen, Strukturen und Prozesse. Es geht nicht mehr nur alleine um die Weiterreichung einer Information, sondern die Einbettung derselben in ein Netzwerk und damit um einen Entwicklungsprozess, über dessen Verlauf man mal mehr, mal weniger exakte Aussagen treffen kann. Gelegentlich wird der Prozess auch erst durch einen ‚Anderen‘ sichtbar gemacht, der Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu einer neuen Information verknüpft.
Es geht bei dieser neuen Entwicklung um ein neues, nicht-lineares Denken, welches man vielleicht als organische Kommunikation bezeichnen könnte. Die Welt befindet sich in einem beständigen Wandlungsprozess, über den man heute noch keine Aussagen machen kann. Dies betrifft auch die Sinneinbettung von Informationen, die morgen eine andere sein kann als heute beabsichtigt.

Das WWW ist selber kein überraschendes Gottesgeschenk, das wir nun irgendwie nutzen lernen dürfen, sondern steht in einem Erkenntnisprozess, der in einzelnen Disziplinen bereits vor gut 100 Jahren angestoßen worden ist. Dies gilt auch für den Buchdruck und die anderen Leitmedien, die im Rahmen einer gesellschaftlichen Entwicklung entstanden sind und durch Einzelprozesse vorbereitet worden sind. Zwei Beispiele für den ‚digitalen‘ Shift:

Die Systemtheorie in der Soziologie ist ein Beispiel fur die Ansätze eines ’neuen‘ Denkens. In der Systemtheorie geht es immer um die Beziehung des Einzelnen zum Gesamten. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, aus welcher Perspektive und mit welcher Zoom-Stufe ich einen sozialen Sachverhalt betrachte und was in der jeweiligen Situation das ‚Gesamte‘ und das ‚Einzelne‘ sind. Dabei geht es nicht um ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘, sondern um eine Komplexitätsreduktion zum Zwecke einer Differenzierung. Das Individuum als zentrales Element der Soziologie hat ausgedient und wird zu einem System-Geflecht von sozialen und physischen Systemen.

Die Physik hat diesen Paradigmenwechsel bereits Anfang des letzten Jahrhunderts vollzogen und unter viel Gegenwind postuliert, dass Materie nicht aus ‚Materie‘ besteht, sondern aus nicht fassbaren Formen, die nur als Materie begriffen werden kann. Das Atom als kleine Einheit wurde verworfen. „Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig“ (H-P Dürr, s.u.). Die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie sind Kennzeichen dieser Entwicklung. Da ich auf diesem Bereich kein Experte bin, verweise ich gerne auf das lesenswerte Buch von Hans-Peter Dürr: ‚Warum es ums Ganze geht‘, in dem er ausgehend von seiner Zusammenarbeit mit Heisenberg die Möglichkeiten einer ‚anderen‘ Gesellschaft aufzeigt.

Und was bedeutet das für die Schule? Ich weiß es nicht. Die Wahrscheinlichkeit einer Änderung ist erkennbar – ja für das System notwendig. Einfach nur so weiter – geht es sicher nicht…

Hinweis:
Den Entwurf für den Artikel habe ich im Urlaub geschrieben, als ich offline und damit der Netzwelt ein wenig entrückt war. Umso erstaunlicher war es, dass ich nach der Rückkehr sehen durfte, dass auch
Jöran Muuß-Merholz ebenfalls zeitgleich (?) an einem Artikel zum Leitmedienwechsel geschrieben hat. Wer hier durch ist, sollte dort unbedingt weiter machen: „Leitmedienwechsel – Schule und Lernen in digitaler Vernetzung„.

7 Gedanken zu „Leitmedienwechsel

  1. Lisa Rosa

    Oh, toller Artikel! Danke für die Zusammenfassung von Giesecke. Die haben wir so noch nirgendwo. Und das Popplet muss an die Wand! 🙂
    Dass wir drei gleichzeitig an Artikeln zum thema gesessen haben, ist wirklich nett. Es liegt eben in der Luft – zumindest in unserer 🙂 In Abwandlung des schönen Seneca-Spruchs, den ich neulich bei @retemirabile gefunden habe: Glück ist, wenn wichtige Personen gleichzeitig über das gleiche nachdenken.

    Antworten
  2. Anonymous

    Ich wollte gerade ungefähr das schreiben, was Lisa schrob: Es ist sicher kein Zufall, dass Lisa, Felix und Jöran gleichzeitig über #leitmedienwechsel schreiben. Und @cervus ja sowieso immer. 🙂

    Danke auch für die Giesecke-Zusammenfassung. Dabei fiel mir auf: Die Leitmedienentwicklung bedeutet für den Menschen, dass er immer mehr die natürlichen Grenzen von Raum und Zeit überwinden kann. Zunächst war es nur möglich im Hier und Jetzt zu kommunizieren. Durch das Erzählen von Geschichten kam man dann einen Schritt weiter und konnte Geschehnisse an einen anderen Ort und in eine andere Zeit bringen. Mit der Fixierung durch Schrift war das dann noch einfacher und die Übermittlung konnte von der Person selber getrennt werden. Mit dem Buchdruck explodierte die Sache. Wissen konnte jetzt massenhaft durch Raum und Zeit reisen. Die Person dahinter bedeutete spätestens hier bisweilen sogar nur noch: ein Name.
    Digitale Kommunikation sprengt jetzt Raum und Zeit dramatisch auf: Das Hier und Jetzt ist potentiell (!) nur einen Knopfdruck von der der Weltöffentlichkeit und der Fixierung für die Zukunft getrennt. Ich drücke auf meinem internetfähigen Kamerahandy auf „qik“ und sende einen Video-Livestream in die Welt, der dann auch noch archiviert zur Verfügung bleibt. Für die Schule heißt das, dass der (medial) geschützte Raum aufgesprengt wird und Welt hinein- und Kommunikation aus dem Klassenraum in die Welt hinausgelangen kann. Und „meine“ Information wird nicht nur von meiner Person unabhängiger, sondern noch viel stärker von Dritten bestimmt.

    Was bedeutet das für die Schule? Ich habe auch wenig Ahnung. Wir müssen damit klarkommen, durch Raum und Zeit reisen zu können. Dafür müssen wir vorbereiten. (Was heißt das konkret? Wir sind ja nicht mal selber vorbereitet. Also, um mal gleich mehrere Buzzwordes zu bemühen: Die Schüler müssen Kompetenzen entwickeln, um Probleme zu lösen, wobei wir heute nicht mal die Probleme fassen oder auch nur erkennen können.)

    Mal ganz handfest: Wir brauchen Übergangslösungen, müssen neue Konventionen finden und austesten. Kürzlich habe ich in einem Seminar mit @plomlompom erstmalig eine „Twitter-Hausordnung“ zu Anfang der Seminarwoche bekanntgegeben: Es werden keine Fotos online veröffentlicht, auf der Personen identifizierbar sind. Es werden keine Zitate gepostet, auch nicht ohne Nennung des Urhebers, wenn es nicht mit dem Zitierten abgesprochen ist. Es werden keine Personen mit Realname oder Twitternamen benannt. Es gilt folgender Hashtag …)

    Soviel Text für einen Kommentar. Es bleibt viel zu diskutieren und es macht Freude mit Euch!

    Antworten
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