Niklas Luhmann hat seine Theorie sozialer Systeme gerne und ausführlich auf das System ‘Schule’ und die ‘Pädagogik’ angewendet. Sichtbar wird dies u.a. in seinen “Schriften zur Pädagogik” [Luhmann2004 | Link: amazon]. Neben den Büchern gab es zwischen N. Luhmann/K. E. Schorr und D. Benner einen längeren Diskurs über das “Technologiedefizit” der Erziehung in der “Zeitschrift für Pädagogik” [Ausgabe 3/1979 ff.].
Die folgenden Gedanken beziehen im Wesentlichen sich auf diese beiden Schriften.
Wird die Freiheit der Schüler eingeschränkt, wenn der Lehrer sie als Trivialmaschinen behandelt?
Über die Intention der Pädagogik
- Intention der Pädagogik ist es, durch beabsichtigte Sozialisation, also Erziehung, eine Transformation des Schülers zu bewirken.
- Aus systemischer Perspektive ist diese Veränderung nicht unproblematisch.
Über das Konzept der Trivialmaschinen
- Maschine bedeutet, das eine bestimmte Transformationsfunktion durchgeführt wird. Trivial ist die Maschine deshalb, weil die Kausalität zwischen Input und Output an eine starre Regel geknüpft ist.
- Ein Beobachter des sozialen Systems Unterricht wird das Interaktionsgeschehen als eine black box sehen, die nach einen input output Mechanismus verfährt, ohne die Tranformationsprozesse zu kennen. Allerdings stellt dieser Beobachter auch fest, dass es sich um keine Trivialmaschine handelt, denn die dafür notwendige Regelmäßigkeit ist nicht gegeben. (Luhmann2004, S. 18)
- Psychische Systeme sind keine Trivialmaschine, da sie selbstreflexiv handeln und Ihre Reaktionen immer in Selbstreferenz an vorheriges anpassen. Sie reagieren selbstbestimmt und “frei”.
- Im System Unterricht werden psychische Systeme jedoch als Trivialmaschinen behandelt und als solche geformt. In soziologischer Perspektive ist dies deutlich ersichtlich und unausweichlich, wenn eine Planbarkeit der Unterrichtssituation ermöglicht werden soll. Gleichzeitig widerspricht es das dem Programm der Pädagogik, den Schüler zu Freiheit zu Erziehen.
Zum Problembereich der Freiheit
- Die analytischen Aussagen der Soziologie stehen der Selbstbeschreibung der Pädagogik gegenüber.
- Der Erziehung wird von den Pädagogen unterstellt, dass sie dem Adressaten zu Gute kommt. Im Unterricht angebotene Informationen sind bereichernd und sollen in einem selbstgewollten Sinn in das eigene Leben integriert werden. Dabei soll die Freiheit des Schülern respektiert und erweitert werden.
→ Für Luhmann ist dies eine offensichtliche Selbstbeschreibung des Systems, die vor allem für die Verwendung im eigenen System verwendet wird. - Problem der Pädagogik ist nicht die Systemdifferenz. Es fällt ihr vielmehr schwer, die Theorie zweier geschlossener Systeme zu vertreten, weshalb ihr Paradox eher das Verhältnis von Kausalität und Freiheit ist. (Luhmann2004, S. 245).
- Gelöst wird dieses Paradox in der Pädagogik durch die “taktvolle Kommunikation”, die man auch als paradoxe Kommunikation bezeichnen könnte. In Ihr geht es um den Versuch, Einfluss zu nehmen (auf die Freiheit einzuwirken) ohne die freie Selbstbestimmung öffentlich in Frage zu stellen, also das Grundparadox der Erziehung zu tarnen.
- Das Problem ist, dass taktvolle Kommunikation als solche erkennbar ist und man daher selber entscheiden kann, sich an ihr zu beteiligen oder sich gegen sie zu stellen. “Den Beteiligten wird ein abweichendes Bewusstsein freigestellt”. (Luhmann2004, S. 248)
- Im Interaktionssystem Unterricht reagieren die Schüler scheinbar auf die Anforderungen und lassen sich auf das Spiel des richtigen und falschen Wissens ein. Dahinter geht es aber auch bei den Schülern um Selbstdarstellung: das Vorführen positiver und Verdecken negativer Leistungen.
“Und dieses ‘Können’ scheint denn auch das zu sein, was man in der Schule fürs Leben lernt.” (Luhmann2004, S. 247) - Die Schule ermöglicht also die Kompetenz, in der gegebenen Gesellschaft handlungsfähig zu sein und Erfolg und Misserfolg erleiden zu können.
- “Auf die offenkundige Absicht des Erziehers und auf ein dafür bereitgestelltes Sondersystem reagiert der Schüler wiederum in der Weise der Sozialisation: er lernt es, mit den entsprechenden Tatsachen und Wahrscheinlichkeiten zu rechnen und ihnen über konformes und über abweichendes Verhalten Rechnung zu tragen.”
- Für Soziologen ist die Erziehung im Vergleich zur Sozialisation eine unwahrscheinliche, gesteigert problematische Errungenschaft. Dies liegt an Ihrer Absicht, zu erziehen.
In der Familie werden pädagogische Absichten nicht offen als solche bezeichnet, wovon sich der Lehrende in der Schule nicht freimachen kann. Er ermöglicht den Schüler/innen neue Möglichkeiten des Verhaltens, indem diese sich “in die Freiheit hineinsteigern, mit der Schule rein opportunistisch und taktisch umgehen und sie als System des Erwerbs von Positionen und Berechtigungen behandeln (können, FS)”. (Schrif.z.Päd, S. 13).
Fazit: Die Lösung der Paradoxie von Schule zwischen Freiheit und Zwang führt bei Luhmann über die ‘taktvolle Kommunikation’, also der stillschweigenden Vereinbarung beider Akteure, dass etwas gewollt wird, was eigentlich nicht gewollt werden darf, aber das dennoch als gesellschaftlich relevantes Ziel angesehen wird: Erziehung zur Freiheit und Selbstständigkeit durch die Institution “Unterricht”. Dabei entwickeln die Schülerinnen und Schüler vor allen Dingen ein “Können”: Das Vorführen positiver und Verdecken negativer Leistungen.
In “das magazin” hat es 2009 einem Beitrag mit dem Thema gegeben: “Die Schule vom Kind her denken”. Darin heisst es unter anderem:
Ein Kind muss sich geborgen fühlen, in den ersten Lebensjahren vorab bei seinen Eltern, später dann bei seiner Lehrerin. Das Kind will sich ebenso an die Lehrerin binden wie an seine Eltern.
Diese Passage wurde vor den Enthüllungen in Reform- und Klösterschulen getätigt. Sie klingt plausibel und befriedigt unser Bedürfnis nach Geborgenheit. Die Zeiten haben sich aber gewandelt, sodass man diese Aussage durchaus aus kritisch betrachten kann.
Robert Leicht stellt in einem Artikel ‘Distanz muss sein‘ über den Begriff “Familie” im pädagogischen Umfeld fest:
Auch das eine irreführende Terminologie, die etwas behauptet, was gerade nicht der Fall ist: Selbst als Surrogat sind dies keine Familien, die Beziehungen in dieser Gruppe sind kategorisch andere als die in einer Familie. Pädagogen gehen einem geregelten Beruf nach, Eltern sind einfach da – ein Naturereignis. Das eine darf mit dem anderen nicht einmal verbal verwechselt werden.
Wie denken wir Schule vom Kind? Welche Bedürfnisse haben Kinder? Wie sollen Lehrende mit ihnen umgehen? Welches Berufsverständnis haben Lehrende? Brauchen wir mehr Distanz oder familiäre Verhältnisse?
Jede/r muss sich – bewusst oder unbewusst – für einen Weg entscheiden.
Anmerkung: Der Beitrag liegt seit einigen Monaten als “Entwurf” herum; wahrscheinlich aus gutem Grund. Aber warum die Fragmente nicht als Blog-Notiz raushauen? Also.
An dieser Stelle ein nicht weiter kommentierter Hinweis auf einen Artikel von Claas Triebel mit dem Titel “Recht auf Internet und Reform des Bildungssystems”.
Mit allen anderen Aspekten von Computerkompetenz scheinen System und Personal unseres Input-orientierten Bildungssystems jedoch grundsätzlich überfordert zu sein: das Interesse, sich kulturell, beruflich und sozial zu engagieren, die kritische Reflexion der Nutzung, die Beurteilung von guten und schlechten Inhalten – das alles sind erstrebenswerte Ziele, deren konkrete Umsetzung in der Schul- und Hochschulpraxis jedoch gegenwärtig illusorisch erscheinen.
Notwendig wären Projektunterricht, Abkehr von zentralisierten Lehrplänen und generell die Ermächtigung der Belehrten gegenüber den Lehrenden, um die Förderung von Computerkompetenz im skizzierten Sinne zu gewährleisten. Nichts andere wäre also notwendig, als eine fast vollständige Abkehr vom derzeit geltenden Paradigma.
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