Die Kopfnoten als Gretchenfrage für die Schule?

Am vergangenen Dienstag hat es an der Gesamtschule Barmen eine – spärlich besuchte – Podiumsdiskussion gegeben, bei der über die Kopfnoten gesprochen wurde. Die fehlende Motivation, sich an der Diskussion zu beteiligen, und die Art und Weise, wie über die Kopfnoten diskutiert werden, haben einen Gedanken reifen lassen:

Die Diskussion über die neu eingeführten Kopfnoten sind überflüssig, will man nicht grundsätzlich etwas an der Art überdenken, wie in der Schule Zertifikate verteilen werden.

Notengebung – mit welchem Ziel auch immer – engt ein und missachtet individuelle Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern. Noten sind eine Zahl, die kaum Interpretationsspielraum bietet; bei gleichzeitiger Undurchschaubarkeit. Diese Zahl gibt vor, Vergleichbarkeit und Objektivität zu produzieren und scheitert daran. Wir haben uns inzwischen anscheinend daran gewöhnt.

Daher stellt sich die Frage, ob die Diskussion um die Kopfnoten nicht eigentlich eine Scheindebatte ist, bei der pädagogische Argumentationen hervorgeholt werden, die die eigentliche Problematik aber nicht berühren? Wenn wir die Kopfnoten ernsthaft in Frage stellen, sind die Argumente in gleicher Weise auch auf die fachlichen Noten anzuwenden. Und das kann ja nun nicht sein.
Also führen wir die Diskussion halbherzig, wissend, dass man sich zwar über neu eingeführte Kopfnoten brüskieren kann, sie aber lieber nicht gänzlich in Frage stellt. Am Ende wackelt möglicherweise das Selbstkonzept der Schule als Selektionsinstrument einer Gesellschaft.

Das Problem hinter den Kopfnoten würde ich daher als strukturelles bezeichnen, das sich nur durch einen Kulturshift aushebeln lassen könnte. Und dieser ist nicht abzusehen.
Wir haben ein Dilemma: Die pädagogischen Ziele, die in der Administration der Landesbehörden formuliert werden, sind im wesentlichen konsensfähig. Rückmeldungen zum Arbeits- und Sozialverhalten zu geben halte auch ich für sinnvoll.
Der nächste Schritt der Landesregierung ist nun der fatale: Sie beginnt, Kriterien für die Vergabe der Noten zu entwickeln, um Messbarkeit, Vergleichbarkeit und das größtmögliche Maß an Objektivität zu garantieren. Dies liegt in dem Anspruch unserer Gesellschaft, durch Regelungen und Gesetze Gleichheit aller Beteiligten zu sichern. An sich kein schlechter Gedanke, fußt doch die gesamte bürgerliche Gesellschaft auf dem Prinzip der für alle gültigen und einklagbaren Rechte.

Im pädagogischen Kontext beinhalten die Kriterienkataloge aber eine enorme Gefahr. Sie werden zu Knebeln des hoch ausgebildeten pädagogischen Fachpersonals. Dadurch, dass sie Noten für das Arbeits- und Sozialverhalten geben müssen, beeinflussen die Vorgaben den eigenen persönlichen Handlungsspielraum. Eine Lehrperson kann nun nicht mehr nach ihrer pädagogischen Verantwortung Gespräche führen und erzieherisch tätig werden, sondern muss im Grunde am Ende jede persönliche Entwicklung eines Lernenden in ein Raster von vier Noten pressen.

Das bedeutet: Durch die bürokratisch-technologischen Glauben der Gesellschaft, dass man, wenn man nur fein genug misst, der Wirklichkeit nahe kommt, werden die eigentlich vernünftigen Ziele einer scheinbaren Vergleichbarkeit geopfert. Die Fixierung auf Vorgaben und Richtlinien verhärtet Schule. Es geht immer weniger um pädagogische Vernunft als um Justiziabilität.

Deshalb spielt es keine Rolle, ob wir die Kopfnoten haben oder nicht. Zwar wird es als politischer Erfolg gewertet, wenn man sie einführt – oder abschafft -, das eigentliche Problem bleibt davon unberührt: Welches Vertrauen hat die Landesregierung in die Qualifikation ihrer gut ausgebildeten Lehrkräfte?

6 Gedanken zu „Die Kopfnoten als Gretchenfrage für die Schule?

  1. Felix Schaumburg

    Gestern wurde ich im Lehrerzimmer auf den obigen Artikel angesprochen. Es entwickelte sich eine lange Diskussion unter Kollegen, bei der wir am Ende vom letzten Schulleitungsmitglied darauf aufmerksam gemacht wurden, dass wir gleich die letzten Personen in der Schule sein würden. Lieber Kollege, danke für die Rückfragen!

    Ich möchte im Anschluss an das Gespräch noch ein paar Gedanken spezifizieren, damit meine vorherigen Überlegungen verständlicher werden.

    1. Jede Maßnahme, um auf die Situation der Kopfnoten aufmerksam zu machen und etwas dafür zu tun, dass Lehrende und Lernende nicht länger von ihnen belästigt werden, ist wichtig! Ich wollte mit meinem Artikel nicht resignativ wirken und die Kopfnoteninitiavie zur Aufgabe bewegen. Die Debatte um die Kopfnoten ist ausgesprochen wichtig und hat sogar im NRW-Wahlkampf eine so zentrale Rolle eingenommen, dass die Einstellung zu ihr sogar im Wahl-o-Mat abgefragt wurde.

    2. Alle vorgebrachten Gedanken gegen die Kopfnoten, die auf der Webseite http://www.kopfnoten-weg.de formuliert worden sind, trage ich voll mit und finde sie eine wichtige argumentative Fundgrube! Dass ich die Debatte dennoch als “Scheindebatte” bezeichnet habe liegt daran, dass mit den Argumenten eben nicht nur die Kopfnoten ausgehebelt werden können, sondern auch die generelle Art, wie wir an der Regelschule mit Bewertung und Rückmeldung umgehen. Eine Scheindebatte ist das in meinen Augen deshalb, weil ich davon ausgehe, dass die formulierten Argumente nur auf die Kopfnoten begrenzt angenommen werden und die Mitstreiter en gros abspringen würden, wenn wir im Anschluss die generelle Notengebung in Frage stellen. Die wertvollen pädagogischen Überlegungen werden also “halbherzig” vorgebracht und nachvollzogen. Man könnten den Eindruck gewinnen, dass die starken Argumente gegen Kopfnoten zwar anerkannt und nachvollzogen werden, gleichzeitig aber bitte keine Generalisierung stattfinden sollte. Das ist schade.

    3. Ich glaube, dass wir ein kulturelles Problem thematisieren müssen: Wie setzen wir gemeinsame Interessen um? Wie sorgen wir für die Qualitätssicherung? Wie wägen wir zwischen Verantwortung und Vertrauen einerseits und Kontrolle andererseits ab?
    Konkret auf die Kopfnoten bezogen: Warum gibt es aus Düsseldorf als für uns zuständige Behörde keine Vorgabe, die besagt:
    Schule hat mit dem Bildungsauftrag auch einen Erziehungsauftrag. Um diesen nachzukommen sind alle Schulen angehalten, ein individuelles Konzept zu entwickeln, wie den Schülerinnen und Schülern pädagogisch sinnvoll Rückmeldung über ihr Verhalten gegeben werden kann.

    Fertig. Keine Kriterienkataloge und ähnliches.

    Jede Schule wäre jetzt in der Lage, angepasst an ihr pädagogisches Konzept, eine vernünftige und verantwortliche Art zu finden, wie man Rückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler sicherstellen kann. In den meisten Fällen wird dies, zumindest in unserem Kontext, kaum notwendig sein, da wir mit Beratungskonferenzen, Schüler- und Elternsprechtagen und einer wöchentlichen Klassenlehrerstunde bereits viele Anlässe bieten, um nicht nur wertend, sondern in einem Gespräch beratend auf die persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler einzugehen.

    Letztlich bleibt die Frage: Wo ist das Vertrauen in uns Lehrkräfte und in die Institution Schule?

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  2. Felix Schaumburg

    Ergänzung 2:
    Über die politischen Ziele und deren strukturelle Folgen bei der Bologna-Reform hat Christian Spannagel soeben gebloggt:

    Während die Ziele der Bologna-Reform – das kulturelle Zusammenwachsen Europas, die Schaffung vergleichbarer Studienabschlüsse, Mobilität von Studierenden und Lehrenden, Erhöhung der Lehrqualität – vermutlich von vielen Personen geteilt werden, rufen die strukturellen Konsequenzen starke Kritik hervor. Die Modularisierung des Studiums wird oft als „Verschulung“ desselben bezeichnet, und es kann zu Recht gefragt werden, welches Bildungskonzept und welcher Kompetenzbegriff den Modularisierungsbestrebungen zugrunde liegen.

    http://cspannagel.wordpress.com/2010/05/18/bolo

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  3. Damian Duchamps

    Während meines Studiums habe ich mir ehrlich gesagt immer etwas Verschulung gewünscht. Was mich sehr gestört hat, war die Beliebigkeit der Veranstaltungen, die man wählen konnte/ angeboten bekam, um seine Scheine zu machen. Mit Schule hatte das meiner Meinung nach wenig zu tun. Ich denke Studenten brauchen in der Lehrerausbildung einige grundlegende verbindliche Veranstaltungen, um die Professionalität ihrer Ausbildung zu sichern. Das betrifft vor allem erziehungswissenschaftliche und didaktische Inhalte. Auch ein Studium sollte kompetenzorientiert sein und es sollte gewährleistet sein, dass ein ein zukünftiger Lehrer die für den Beruf notwendigen Kompetenzen auch verbindlich erwirbt. Wenn die Strukturierung der Masterstudiengänge dazu besser geeignet ist als bisherige Studienordnungen, dann wäre das gut. Ob das zutrifft, kann ich jedoch nicht beurteilen.

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  4. Julius

    Als Student im Masterstudium an der HU-Berlin möchte ich gern, auch wenn wir uns damit vom eigentlichen Postthema wegbewegen, meine Erfahrung teilen: Ich befürworte die derzeitige Organisation ausdrücklich, denn man weiß genau, was von einem verlangt wird. Die Organisatoren haben sich Gedanken gemacht, wann welches Modul sinnvoll hinpasst, entsprechend müssen die Veranstaltungen auch angeboten werden. Je nach Größe des Instituts gibt es eine (die Auswahl ist natürlich begrenzt) bis mehrere passende Veranstaltungen. Zugegeben, durch die vielen möglichen Fächerkombinationen entstehen mitunter Überschneidungen, sodass man nicht immer die Wahl der Veranstaltung hat.

    Zu den Kompetenzen: Jedes Modul hat eine Beschreibung, das sowohl die inhaltliche Richtung als auch outputorientierte Kompetenzen formuliert. Aber wie es auch in der Schule der Fall ist, gibt es bei einigen Veranstaltungen, dies betrifft leider teilweise auch fachdidaktische Veranstaltungen, die basale Kenntnisse vermitteln sollen, eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Hier wäre definitiv begrüßenswert, wenn es eine Evaluierung der Lehrveranstaltungen gäbe, damit die Praxis zumindest etwas an die Theorie heranrückt.

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  5. Felix Schaumburg

    Den Wunsch nach mehr „Regelungen“ kann ich einerseits nachvollziehen. Er nimmt ein wenig die Verantwortung für die Wahlmöglichkeit. Andererseits hindert eine von oben erdachte Studienstruktur aber auch die individuelle Schwerpunktsetzung.

    Vielleicht bin ich Idealist, aber ich glaube dass die vornehmliche Aufgabe von Schule sein sollte, ein „Haus des Lernens“ zur Verfügung zu stellen. Und wenn das Lernen im Mittelpunkt steht, dass sollten die Lehrenden in erster Linie Lernberater sein.

    Lernberater aber bitte nicht in der Weise, dass vorgefertigte Strukturen abgelaufen werden müssen (Module), sondern dass tausende von indivudellen Wegen gegangen werden können. Ich weiss, dass die Schule heute diese Option kaum oder nur in einem sehr begrenztem Maße bietet – es wäre aber mein Ziel.

    Und wenn diese tausend Wege von Lehrenden begleitet werden sollen, dann sollten die Lehrenden diese Erfahrung selber machen dürfen. Da die Professionalisierung vornehmlich an den Universitäten geschieht, sollte daher auch dort eine größtmögliche Offenheit und Flexibilität der Schwerpunktsetzung möglich sein. Natürlich müssen einerseits fachliche Grundlagen gelegt werden. Diese Grundlagen betreffen aber nur einen Brauchteil des Studiums. Der weitaus größere Teil ist ein Üben im wissenschaftlichen Arbeiten, die Erprobung hermeneutischer Fähigkeiten usw….

    Wir sollten beim Abwägen zwischen Offenheit und Regel nicht immer zur Regel und damit zur Kontrolle greifen, sondern der Offenheit und dem Vertrauen auf den Einzelnen mehr Bedeutung zukommen lassen.

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  6. Julius

    Ich empfinde es weniger als Abgabe von Verantwortung denn als Hilfe bei der Strukturierung. Dass Letztes viele Studenten brauchen, zeigte sich in einem erziehungswirschaftlichen Modul, in dem wir wöchentlich ein Portfolioeintrag schreiben sollten. Es war von Anfang an klar, dass das Portfolio kurz vor den Prüfungen abgegeben werden muss, da es eine Zulassungsvoraussetzung war. Unzählige Studenten fingen erst kurz vor Abgabe mit dem Niederschreiben an. Natürlich nicht ohne sich über den Aufwand zu beschweren. Das Traurige an der Aktion: Wenn man das Portfolio regelmäßig geschrieben hätte, hätte man gemerkt, wie hilfreich es ist, die Inhalte zu reflektieren. Trotz des wöchentlichen »Aufwandes« habe ich die Vorzüge schätzen gelernt.

    Zu den tausend Wegen: Ja, die Schule sollte ein Haus des Lernens sein und der Lehrer ein Lernberater. Das gilt für die Uni ähnlich. Aber auf der anderen Seite befürworte ich, dass es Fächer mit festgelegten zu erreichenden Kompetenzen gibt, denn nur so ermöglicht man Schülern, über ihren Interessenhorizont hinaus Erfahrungen zu sammeln. Denn nur so gewinnen sie Einblicke in Bereiche, die sie sonst nicht kennen, für die sie aber durchaus Leidenschaft entwickeln können.

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