Noten zur Diskussion stellen

Ich selber habe Schule ohne Noten erlebt und stehe heute als Lehrender in der Rolle, Noten geben zu müssen – obwohl ich weiß, dass sie zwar motivationsfördernd und damit auch lernfördernd sein können, aber dies noch lange keine Kausalität ist.

Vielmehr sehe ich bei vielen Schülerinnen und Schülern, dass die Note als (letzter?) Strohhalm angesehen wird, um die schulischen Aktivitäten irgendwie zu greifen. Es geht nicht um Interesse und um Motivation. Das System hat von früh auf Schülerinnen und Schüler dazu herangezogen, auf die Kriterien für die weitere Zertifikatsvergabe zu schauen. Es spielt keine Rolle, ob man sich für ein Thema begeistern konnte oder nicht. Was zählt ist, ob am Ende der Lehrer den Eindruck hatte, dass man „was gelernt“ hat und die 1 oder 2 auf das Zeugnis schreibt.

Wenn ich diese Erfahrung der hohen Motivation mit gleichzeitiger Irrelevanz für die Note reproduzierbar erlebe, stumpfe ich ab und werde zum Turnierpferd (das nur so hoch springt wie gerade nötig).

Viele Lehrenden fehlt die Erfahrung und damit das Vertrauen, dass es auch ohne Noten geht. Sie sehen in den Noten den einzigen Leistungsanreiz für Lernende. Schaut man sich die Abgangsklassen 10 und 13 an, so gibt ihnen die selbst produzierte Wirklichkeit ja auch immer recht. Schöne Welt.

Textzeugnisse sind offener, ehrlicher und bieten Raum für die Eigenheiten und kreativen Potentiale der Schülerinnen und Schüler. Allerdings auch hier nur dann, wenn man die Textbausteine nicht im Sinne einer Vergleichbarkeit standardisiert. Das ist leider zur Zeit das A und O in allen bildungspolitischen Debatten. Man fordert Individualität und standardisiert (kontrolliert) auf der anderen Seite so stark, dass kaum Freiheiten möglich werden. Die „neue“ Form der Outputorientierung wird falsch verstanden und die Möglichkeiten einer Umformung sind verschenkt worden. Idealtypisch zu sehen an den Universitäten.

Andererseits kann man aber auch anmerken, dass die Rolle der Lehrenden gerade in der Notengebung ihre Professionalität erfährt. Der Prozess der Notengebung ist so komplex und indivuell, dass selbst Lehrende untereinander kaum in einen Austausch darüber kommen können. Gleichzeitig wird die Notengebung gesellschaftlich als so bedeutend angesehen, dass man Lehrende durch zwei Staatsexamen schickt, bis sie justiziable Noten geben dürfen. Stellen wir Lehrenden mit der Notenfrage nicht auch die Frage nach der Legitimation unseres Berufsstandes? Bleibt am Ende, wenn sich die Noten erledigt haben, nur das Leben als Coach? Berater zwar, aber ohne Anerkennung und jederzeit auswechselbar?

Ich wünsche mir wie @ciffi mehr Mut, dass sich kleine und starke Gruppen an den Schulen finden werden, die die Notengebung grundsätzlich in Frage stellen. Nicht nur nach Optimierungen suchen, sondern die Sinnfrage stellen.
Wir kämpfen bei uns gerade gegen die Kopfnoten und stoßen dabei auf interessante Argumentationslinien. Aber das führt hier jetzt zu weit.

Aufhänger für den Beitrag:
Matthias Heil hat in seinem Blog über das Webinar von Sir Ken Robinson geschrieben und dazu seine Gedanken formuliert: „
Von der summativen zur formativen Evaluation: Das Ende der Notengebung?„.

3 Gedanken zu „Noten zur Diskussion stellen

  1. Pingback: Tweets die Noten zur Diskussion stellen! « Bluemac erwähnt -- Topsy.com

  2. Lisa Rosa

    Schöner Text zum Problem. Da wird einem doch wieder die Absurdität der Bewerterei deutlich. Auch trotz der Schulreform in HH ist „Evaluation“ – nicht der Schulqualität sondern der Schülerleistungen – ein großes Thema in HH, das einen prämierten Platz in den Fortbildungen hat.
    Die standardisierte Individualisierung ist die Quadratur des Kreises. Kostet immens (Geld und Zeit) und kommt nicht viel mehr heraus, als was wir schon hatten: Es bleibt ein Kreis mit dem Anspruch eines Quadrates.

    Antworten
  3. Lisa Rosa

    Schöner Text zum Problem. Da wird einem doch wieder die Absurdität der Bewerterei deutlich. Auch trotz der Schulreform in HH ist „Evaluation“ – nicht der Schulqualität sondern der Schülerleistungen – ein großes Thema in HH, das einen prämierten Platz in den Fortbildungen hat.
    Die standardisierte Individualisierung ist die Quadratur des Kreises. Kostet immens (Geld und Zeit) und kommt nicht viel mehr heraus, als was wir schon hatten: Es bleibt ein Kreis mit dem Anspruch eines Quadrates.

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