Aufbruch an den Schulen?

Der Unterschied zwischen kritischen und dann resignativen Äußerungen zur Verwendung der IKT (Informations- und Kommunikations-Technologien) an der Schule ist oft fließend. Auch ich verfalle immer mal wieder in diese Rolle und bin hinterher nicht glücklich, wenn es wieder passiert ist.

Fest steht, dass meine persönlichen Kommunikaitonsroutinen im schulischen Alltag oft wenig anschlußfähig sind und ich gerne sehen würde, dass sich dies ändern. Leider bewegt sich die Institution aus meinen Augen viel zu langsam und ich neige dazu, frustriert zu reagieren. Nimmt man jedoch etwas Abstand ein und hört sich um, so kann man Mut schöpfen, dass sich gerade etwas beginnt zu bewegen.
Auch an den Unis, in der Wirtschaft und im privaten Umfeld scheint eine zarte Aufbruchstimmung erkennbar zu sein. Man scheint aufmerksam zu werden, dass „das Internet“ wohl doch keine vorübergehende Sache ist (schulisch gerne bezeichnet als „neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird“).

Positiv stimmen mich zum Beispiel die Prozesse an der Kaiser-Augusta Schule in Köln, die nach einer Fortbildung zu Web 2.0 Tools inzwischen mehrere Blogs führt und sogar ihre Ergebnisse der Steuergruppe in einem Blog dokumentiert. Und all dies war nicht von langer Hand geplant, sondern ist spontan entstanden und erweist sich scheinbar als erfolgreich.

Im Bekanntenkreis wie auch im Kollegium beobachte ich mehr und mehr Personen, die plötzlich mit einem Laptop daherkommen und sich für das, was man so im Internet tut, zu interessieren beginnen. Was ist ein Blog? Kann man das auch machen? Wie kann ich den Schüler einen Film bereitstellen? Wie kann ich meinen Schülern Arbeitsblätter zuschicken? Können wir nicht die Dateien austauschen?
Technik, die bisher als exotisch galt, wird Normalität: Videokonferenzen sind keine technologische Hürde mehr, sondern ersetzen mehr und mehr das Telefongespräch auch im Privaten.

Schule wäre aber nicht Schule, wenn sie sich den Übergang zu den neuen IKT nicht schwerer machen würde als nötig. Sie möchte kontrollieren und stößt hier an ihre Grenzen…

Interessant wird beispielsweise die Diskussion werden, ob man die die Schüler überfordert, wenn man Web-Tools (Wikis, Blogs und Co.) in den Unterricht integriert. Verlieren die Schüler die Übersicht, wenn unterschiedliche Lehrer, unterschiedliche Fächer und unterschiedliche Jahrgangsstufen unterschiedliche Plattformen verwenden? Sollte man dies nicht schulintern oder sogar als Schulträger vereinheitlichen und auf einen gemeinsamen Standard bringen, der für alle gilt? Auch um den Übergang von Schulformen zu ermöglichen?

Meine bisherigen Beobachtungen scheinen eine Überforderung der Schülerinnen und Schüler nicht zu bestätigen. Wiki, Blogs und moodle werden mal gut, mal schlecht angenommen – Klagen über zu viele Angebote oder verwirrende Informationsquellen hat es aber noch nicht gegeben. Eher scheint eine gewisse „Dankbarkeit“ erkennbar zu sein, dass es überhaupt Kanäle aus der Schule ins Netz gibt. Der Umgang der Jugendlichen mit sozialen Netzwerken zeigt, dass man durchaus auf vielen Inseln gleichzeitig aktiv sein kann. Sich „einen Account“ anlegen ist für Schüler nichts dramatisches – was man durchaus aus kritisch hinterfragen kann.

Vielleicht werden durch die Äußerung zur Überforderung eher die eigenen Bedenken der Lehrenden formuliert. Versuche ich mich mal von meiner Position als jemand zu entfernen, für den die Arbeit mit dem Computer in Schule und Uni schon immer normal war, dann kann man ein wenig Verständnis dafür aufbringen, wenn ältere Kollegen/innen nicht direkt in Jubel ausbrechen. Immerhin haben sie ihre akademische Laufbahn oft noch ohne intensiven Computereinsatz absolviert und ihr Selbstkonzept funktioniert auch ohne ständige Verfügbarkeit von Rechnern und Internet.

Im letzten Amtsblatt „Schule NRW“ gibt es einen – leider nicht öffentlich verfügbaren – Artikel „Veränderte Routinen durch neue Medien“, in dem die Web 2.0 Technologien vorgestellt werden. Freilich noch zaghaft wird in dem Artikel aufgezeigt, wie die IKT in Schule zum Einsatz kommen kann. Deutlich wird am Ende auch auf die Verantwortung für eine erfolgreiche Umsetzung hingewiesen: „Die größten und schnellsten Effekte [die Prozesse und Routinen einer neuen Arbeitskultur einzuführen (Anm.)] sind natürlich zu erwarten, wenn das gesamte Kollegium, an der Spitze die Schulleitung, die neuen Wege der Kommunikation und Kooperation nutzt.“

7 Gedanken zu „Aufbruch an den Schulen?

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  2. Lisa Rosa

    Ich teile Deinen vorsichtigen Optimismus. Es wird einiges normal, was vor ein paar Jahren noch empört zurückgewiesen wurde. Ich erinner mich, dass an meiner Schule vor ca. 10 Jahren große Empörung über die Zumutung herrschte, mit Powerpoint umgehen zu lernen. Das Haupt“argument“ war damals: Die Schüler werden keinen Inhalt produzieren, sondern nur herumspielen.“ Heute haben wir eine Abiturvorschrift, dass ab 2010 die Abiturienten in der mü. Prüfung präsentieren müssen (mit ppt). Naja, ist bloß offline. Und Web 1.0 ist schließlich auch einigermaßen in der Schule angekommen, das zeigen die Medienpläne in den HH Schulprogrammen, die das Internet immerhin als unverzichtbaren Informationscontainer sehen, wo sie noch vor wenigen Jahren davor warnten, es überhaupt zu benutzen (SuS können gehen darin verloren- die LuL natürlich auch, also besser dieses Labyrinth gar nicht erst betreten.) Aber Web 2.0 ??? Ja, die Hürde ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Aber das ist eben auch die Message und die Chance. Klar: Wenn die Lehrer nicht mehr die Illusion haben können, das Lernen der Schüler kontrollieren (fremdsteuern) zu können (denn sie konnten es in Wirklichkeit nie, nur die Illusion konnten sie haben), dann kann Lernen endlich nicht nur selbstgesteuert (wie es sowieso nicht anders geht) sondern auch selbstbestimmt funktionieren, vernetzt, kollaborativ und individuell. Das ist eine hohe Hürde für die Lehrerrolle und fürs ganze System. Es wird noch eine Weile dauern. Bis dahin werden die Versuche, die Web 2.0 tools in den fremdbestimmten Unterricht zu quetschen, immer mehr zunehmen und die notwendigen Widersprüche erzeugen, ohne die als Treiber keine expandierende Entwicklung und Transformation in Gang kommt. Man darf sich dann als optimistischer Realist freuen, dass man in dieser Phase der Umwälzung proaktiv beteiligt ist.

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  3. Felix Schaumburg

    Bewusst habe ich die in der Nutzung von Web 2.0 Technologien angeschlossene Chance eines Umdenkens im Lehr-Lern-Arrengement nicht angesprochen. Die Überladung der Wünsche führt möglicherweise zur Demotivation derer, die sich mit guten Willen auf den Weg machen wollen.

    Die Technologisiertung ist ein erster Schritt. Danach kommen ganz von alleine die weiteren.

    Fraglich bleibt aber die Verantwortung der Lehrenden: Bei den Bildungsreportern wurden den Schulen die Aufgabe zugeschoben, dass man die „digitale Spaltung der Gesellschaft“ verhindern müsste.

    Wie gehen wir das an? Zwingen wir die Lehrenden dazu, Web-Technologie zu verwenden? Und wundern wir uns danach darüber, dass die Motivitation der Lehrenden, die Tools zu nutzen, so gering ist?
    Oder lassen wir alles laufen und hoffen auf eine generationale Lösung des Problems?

    Ich habe mich gerade an den Artikel aus der taz erinnert. Man könnte als erweiterte Vision zitieren:

    Computer und Web 2.0 passen nicht in den alten Unterricht. Sie erzwingen ein neues, partizipatives Lernen, das nicht mehr lehrerzentriert ist.

    Quelle: http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/bl

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  4. Damian Duchamps

    Ich frage mich immer, warum bei uns so vieles nicht geht, was in anderen Ländern geht. In GB hängt heute in jedem nahezu jedem Klassenzimmer ein interaktives Whiteboard und das läuft den ganzen Tag und wird, nachdem, was man so hört, auch regelmäßig genutzt. Scheinbar ist es in GB kein Problem, die Lehrer zum Arbeiten damit zu bekommen. Und britische Lehrer sind gewiss nicht ausschließlich unter 30 Jahre alt.
    Des Rätsels Lösung dürfte sein, dass ICT insgesamt aber auch noch mal einen deutlich anderen Stellenwert im nationalen Curriculum hat und man anders an die Sache herangeht.
    Meiner Meinung nach muss so eine Sache deutlich mehr forciert werden, in finanzieller und personeller Hinsicht und in verpflichtender und nachhaltiger Fortbildung der Lehrerschaft. Auch in den Lehrplänen muss das Gewicht von ICT deutlich stärker werden.

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  5. A. Spang

    Danke für den Link zu unserer Steuergruppe;-)
    Unser BPD (Best Practice Day) startet am Dienstag. Leider haben wir immer noch keinen Laptopwagen, aber dies wird unsere nächste Aktion sein.
    LG

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  6. Pingback: Mein Blog » Ein interessanter Vortrag zu Web 2.0

  7. Felix Schaumburg

    Erst gestern habe ich wieder gehört, dass man in einer Fobi einer Lehrkraft zuerst einmal eine E-mail Adresse einrichten und erklären musste. Sowas passiert immer noch.

    Schule muss sich selber als lernende Institution sehen und darf nicht mehr darauf setzen, dass sie Schüler kommen, um sich Wissen abzuholen.
    Ob eine feste Verankerung der ICT Not tut, weiss ich nicht. Eigentlich ist das seit Jahren in Arbeit und die Schulen sind angehalten, Medienkonzepte zu erstellen, die auch den einzelnen Fächern bestimmte Kompetenzen (vor allem im Hinblick auf Office-Software) zuweist.

    Bleibt die Frage, wie man die ICT den Kollegien nahebringt. Verpflichtende Fortbildungen alleine bringen nichts, wenn man danach im Unterricht mit dem Gleichen Elan auftritt wie man (möglicherweise gezwungen) in der Fortbildung gesessen habe.

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