Bildungskongress 2009

Anschließend an den Bildungskongress ‘09 (http://www.bildungs-kongress.de) mit der Vorstellung der aktuellen Studie von Prof. Peter Kruse (http://www.scribd.com/doc/19117661/PeterKruse-Bildungskongress-09) hat sich über die Tweets (http://search.twitter.com/search?q=%23bk09) während der Veranstaltung und das Aufgreifen der Gedanken im Blog der Initiative D21 (http://www.blog.initiatived21.de/?p=2754) und bei Hokey (http://wordpress.blokey.de/2009/09/02/von-sehr-altem-und-sehr-neuem/) eine lebendige Diskussion ergeben. Da diese auch bei mir einiges durcheinander gewirbelt hat, möchte ich gerne meine Gedanken etwas geordnet wiedergeben. 140 Zeichen reichen dafür nicht aus…
Wie ich bei der Initiative-D21 schon geschrieben hatte, scheint das eigentlich „Problem“ eher darin zu liegen, welche pädagogischen Grundannahmen ich für meine Arbeit wähle. Diese Kontroverse hat die Pädagogik seit Anbeginn – sei es das Technologiedefizit (Luhmann, Schorr) oder Behaviorismus und Konstruktivismus. Natürlich prägt sich dies in der alltäglichen Arbeit nicht in diesen Begrifflichkeiten aus, aber ich denke schon, dass jeder Lehrer seine eigene Vorstellung davon hat, wie Lernen funktionieren könnte.
Solange wir auf der rein technischen Ebene bleiben und über „modernen Unterricht“ immer unter Bezug auf Blog, Twitter und Wikis sprechen, umgehen wir die eigentliche Frage. Hier sehe ich eine Gefahr der „Technokratisierung“, dass nämlich Bildung vor allem aus der Perspektive der Effektivität technologischer Entwicklungen gesehen wird und wir uns damit in Sachzwänge begeben, in die ich mich lieber nicht begeben möchte. Der Ausfall des Gmail Servers zum Beispiel darf keinen Einfluss darauf haben, ob ich mich mit anderen Menschen über Gedanken austauschen kann.
Twitter alleine wird keinen Unterricht gut machen, genausowenig wie eine hervorragende Methode in meinen Händen zum totalen GAU führen kann (oder vice versa). Hier besteht aber sicherlich Einigkeit, dass Methoden keine Kausalität für Qualität in sich bergen – auch LdL nicht. 😉
Wenn Hokeys Bedenken also in die Richtung gehen, dass zur Zeit die technologischen Möglichkeiten in den Himmel gelobt werden und mit ihnen ein Automatismus entsteht, Schule zu verbessern, so gebe ich ihm recht: Das geht so nicht.
Schule ist kein Raum, in dem keine Kontoversen ausgetragen werden – und Schule war dies sicherlich auch nie. Von daher kann und wird eine neue Technologie die Schule nicht wachrütteln. Sie wird vom System Schritt für Schritt adaptiert werden und für die Lernenden und Lehrenden eine weitere Möglichkeit bieten, Ziele zu erreichen.
Ob damit ein Paradigmenwechsel innerhalb der Schul-Pädagogik einhergehen kann, wie beispielsweise Jean-Pol Martin erhofft, wird sich zeigen. Ich möchte dies hoffen. Dafür ist jedoch keine Notwendigkeit gegeben – rein aus der Sicht des Systems „Schule“. Dieses hat auch schon andere Umwälzungen in der Gesellschaft verkraftet und wird wohl auch Computer im Klassenzimmer überstehen.
Es vermischen sich also mindestens zweierlei Ziele in der aktuellen Diskussion: 1) Die Integration von neuen Kommunikationsformen in der Schule als Konsequenz einer neuen Generation von SchülerInnen, die diese als Selbstverständlichkeit ansehen und
2) eine versteckte Hoffnung, dass bestehende Strukturen in der Bildungslandschaft durch eben diese Technologie aufgebrochen und neu gedacht werden können.
Zu 1: Diese Entwicklung wird kommen, ob wir wollen oder nicht. Ob man das Problem generational löst oder durch Fortbildungsmaßnahmen eine schnelle Durchdringung bewirkt ist im Grunde nebensächlich. Beratung der Schulen tut gut, wird Geld generieren und am Ende auch – irgendwie – Erfolg haben. Die Rolle der sich zur Zeit so bezeichnenden “digital inhabitants” (im Schuldienst!) ist es, sich blutige Nasen zu holen und erste Schritte zu gehen. Man wird aber nicht lange allein bleiben.
Zu 2: Die Notwendigkeit, Schule zu verändern, wird von vielen wahrgenommen. Im Detail unterscheiden sich die Vorstellungen dann aber doch. Und da diese Vorstellungen sehr persönlich sind, wird es emotional.
Dies betrifft nicht nur die inhaltliche Eben (Paradigmen des Lernens), sondern auch das Problem “Theorie & Praxis”. Wer sagt da eigentlich wem was? Ich kann in gewisser Weise nachvollziehen, wenn man sich nach 30 Jahren Berufs-Erfahrung nicht von jungen Leuten ohne wirkliche Unterrichtspraxis erklären lassen muss, wie das jetzt richtig geht und dass man bisher eigentlich alles falsch gemacht hat.
Es geht nicht darum, wer die plausibleren Argumente vorlegt. An dieser Stelle wird die Auseinandersetzung emotional und durch fehlende Sensibilität (auf beiden Seite) kann ein großer Schaden angerichtet werden.
Meine Devise für die nächste Zeit lautet: Kein Missionieren, kein Überzeugen. Dafür aber  versuchen, im Kleinen meine eigene Arbeitsumgebung zu gestalten, so wie ich gerne arbeiten möchte. Und wenn jemand ruft und mehr möchte, überleg’ ich`s mir :).

Anschließend an den Bildungskongress ‘09 mit der Vorstellung der aktuellen Studie von Prof. Peter Kruse (Präsentation) hat sich über die Twitter (#bk09) während der Veranstaltung und das Aufgreifen der Gedanken im Blog der Initiative-D21 und bei Hokey eine lebendige Diskussion ergeben. Da diese auch bei mir einiges durcheinander gewirbelt hat, möchte ich gerne meine Gedanken etwas geordnet wiedergeben. 140 Zeichen reichen dafür nicht aus…

Kruse@Bildungskongress09

Wie ich bei der Initiative-D21 schon geschrieben hatte, scheint das eigentlich „Problem“ eher darin zu liegen, welche pädagogischen Grundannahmen ich für meine Arbeit wähle. Diese Kontroverse hat die Pädagogik seit Anbeginn – sei es das Technologiedefizit (Luhmann, Schorr) oder Behaviorismus und Konstruktivismus. Natürlich prägt sich dies in der alltäglichen Arbeit nicht in diesen Begrifflichkeiten aus, aber ich denke schon, dass jeder Lehrer seine eigene Vorstellung davon hat, wie Lernen funktionieren könnte.

Solange wir auf der rein technischen Ebene bleiben und über „modernen Unterricht“ immer unter Bezug auf Blog, Twitter und Wikis sprechen, umgehen wir die eigentliche Frage. Hier sehe ich eine Gefahr der „Technokratisierung“, dass nämlich Bildung vor allem aus der Perspektive der Effektivität technologischer Entwicklungen gesehen wird und wir uns damit in Sachzwänge begeben, in die ich mich lieber nicht begeben möchte. Der Ausfall des Gmail Servers zum Beispiel darf keinen Einfluss darauf haben, ob ich mich mit anderen Menschen über Gedanken austauschen kann.

Twitter alleine wird keinen Unterricht gut machen. Auch eine hervorragende Methode kann in meinen Händen zum totalen GAU führen (oder vice versa). Hier besteht sicherlich Einigkeit, dass Methoden keine Kausalität für Qualität in sich bergen – auch LdL nicht. 😉

Wenn Hokeys Bedenken also in die Richtung gehen, dass zur Zeit die technologischen Möglichkeiten in den Himmel gelobt werden und mit ihnen ein Automatismus entsteht, Schule zu verbessern, so gebe ich ihm recht: Das geht so nicht.

Schule ist kein Raum, in dem keine Kontoversen ausgetragen werden – und Schule war dies sicherlich auch nie. Von daher kann und wird eine neue Technologie die Schule nicht wachrütteln. Sie wird vom System Schritt für Schritt adaptiert werden und für die Lernenden und Lehrenden eine weitere Möglichkeit bieten, Ziele zu erreichen.

Ob damit ein Paradigmenwechsel innerhalb der Schul-Pädagogik einhergehen kann, wie beispielsweise Jean-Pol Martin erhofft, wird sich zeigen. Ich möchte dies hoffen. Dafür ist jedoch keine Notwendigkeit gegeben – rein aus der Sicht des Systems „Schule“. Dieses hat auch schon andere Umwälzungen in der Gesellschaft verkraftet und wird wohl auch Computer im Klassenzimmer überstehen.

Es vermischen sich also mindestens zweierlei Ziele in der aktuellen Diskussion:

  1. Die Integration von neuen Kommunikationsformen in der Schule als Konsequenz einer neuen Generation von SchülerInnen, die diese als Selbstverständlichkeit ansehen und
  2. eine versteckte Hoffnung, dass bestehende Strukturen in der Bildungslandschaft durch eben diese Technologie aufgebrochen und neu gedacht werden können.

Zu 1: Diese Entwicklung wird kommen, ob wir wollen oder nicht. Ob man das Problem generational löst oder durch Fortbildungsmaßnahmen eine schnelle Durchdringung bewirkt ist im Grunde nebensächlich. Beratung der Schulen tut gut, wird Geld generieren und am Ende auch – irgendwie – Erfolg haben. Die Rolle der sich zur Zeit so bezeichnenden “digital inhabitants” (im Schuldienst!) ist es, sich blutige Nasen zu holen und erste Schritte zu gehen. Man wird aber nicht lange allein bleiben.

Zu 2: Die Notwendigkeit, Schule zu verändern, wird von vielen wahrgenommen. Im Detail unterscheiden sich die Vorstellungen dann aber doch. Und da diese Vorstellungen sehr persönlich sind, wird es emotional.

Dies betrifft nicht nur die inhaltliche Eben (Paradigmen des Lernens), sondern auch das Problem “Theorie & Praxis”. Wer sagt da eigentlich wem was? Ich kann in gewisser Weise nachvollziehen, wenn man sich nach 30 Jahren Berufs-Erfahrung nicht von jungen Leuten ohne wirkliche Unterrichtspraxis erklären lassen muss, wie das jetzt richtig geht und dass man bisher eigentlich alles falsch gemacht hat.

Es geht nicht darum, wer die plausibleren Argumente vorlegt. An dieser Stelle wird die Auseinandersetzung emotional und durch fehlende Sensibilität (auf beiden Seite) kann ein großer Schaden angerichtet werden.

Meine Devise für die nächste Zeit lautet: Kein Missionieren, kein Überzeugen. Dafür aber  versuchen, im Kleinen meine eigene Arbeitsumgebung zu gestalten, so wie ich gerne arbeiten möchte. Und wenn jemand ruft und mehr möchte, überleg’ ich`s mir.

10 Gedanken zu „Bildungskongress 2009

  1. Pingback: A Teacher’s Guide to Web 2.0 « MatthiasHeil.de

  2. Hokey

    Ich kann dir da eigentlich nur zustimmen. So ähnlich sehe ich das auch: Gewisse Veränderungen werden unaufhaltbar sein, andere müssen wir langsam forcieren – ohne dabei jedoch durch Druck von „oben“ Gegendruck zu erzeugen. Es muss sich, wie die E-Mail, wie natürlich in den Lehreralltag einfügen.

    Die Frage nach einem Paradigmenwechsel alleine technologisch beantworten zu wollen, halte ich sowieso für falsch: Politik, Pädagogik (wie oben von dir angesprochen) und gesellschaftliche Vorstellungen von Schule spielen dabei ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle.

    Antworten
  3. Hokey

    Ich kann dir da eigentlich nur zustimmen. So ähnlich sehe ich das auch: Gewisse Veränderungen werden unaufhaltbar sein, andere müssen wir langsam forcieren – ohne dabei jedoch durch Druck von „oben“ Gegendruck zu erzeugen. Es muss sich, wie die E-Mail, wie natürlich in den Lehreralltag einfügen.

    Die Frage nach einem Paradigmenwechsel alleine technologisch beantworten zu wollen, halte ich sowieso für falsch: Politik, Pädagogik (wie oben von dir angesprochen) und gesellschaftliche Vorstellungen von Schule spielen dabei ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle.

    Antworten
  4. Melanie

    Ich stimme dir zu. Man kann den „Altlehrern“ natürlich nicht sagen, dass sie bisher alles falsch gemacht haben – das haben sie auch nicht, denn sicher sind die Medien und Methoden, die sie mal im Studium gelernt haben zu ihrer Zeit gut gewesen.
    Was man aber nun angehen muss, ist, dass die Lehrer einfach nicht stehen bleiben dürfen und begreifen sollten, dass sie sich stets auf dem neuesten Stand halten müssen. Das ist eigentlich das, was mich meistens aufregt an der älteren Lehrergeneration – das Stehenbleiben.

    Antworten
  5. lisarosa

    Vieles von Deinem Post kann ich sofort unterschreiben. Du hast aber eine implizite Frage gestellt, auf die noch eine Antwort aussteht:
    „Solange wir auf der rein technischen Ebene bleiben und über “modernen Unterricht” immer unter Bezug auf Blog, Twitter und Wikis sprechen, umgehen wir die eigentliche Frage.“ Genau! Was ist denn dann die eigentliche Frage? Du schreibst weiter unten: „Die Notwendigkeit, Schule zu verändern, wird von vielen wahrgenommen. Im Detail unterscheiden sich die Vorstellungen dann aber doch. Und da diese Vorstellungen sehr persönlich sind, wird es emotional.“ Die eigentliche Frage scheint also zu sein, welche Veränderungen anstehen und wie sie herbeizuführen sind. Welche Vorstellungen hast Du denn also von Schule, wie sie werden wird – oder werden sollte? Die sind doch sicher nicht bloß emotional? Sie würden mich interessieren.

    Antworten
  6. Felix Schaumburg

    Wenn ich das so genau wüsste… Ich arbeite dran, dies für mich näher zu fassen (auch in Kürze im Rahmen des Kollegiums).
    Ideen wie die Futurum Schule halte ich für gut, ebenso wie das Konzept der MBS in HH.
    Gleitende Einstiegszeiten, Präsenzzeiten der Lehrer, kein festes Stundenraster, eigene Schwerpunktsetzung, engere Kooperation zwischen S'uS sowie L'uL – fach und altersübergreifend, Projektarbeit.

    Zum Stundenplan hatte ich vor einem Jahr im Blog mal was geschrieben – (http://tinyurl.com/ygx4hzw).

    Wünschen würde ich mir ein Arbeits-Klima bei dem der Spruch „die nächste Sau wird durchs Dorf getrieben“ kein Manko ist. Schule als Organisation, die für neue Entwicklungen offen ist und wo „neues“ nicht immer alles bisherige in Frage stellen muss sondern ergänzt.

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  7. lisarosa

    Gleitende Einstiegszeiten … könntest Du Dir auch vorstellen, dass die Schüler nur dann ins Schulgebäude kommen, wenn es für sie nötig ist? (Vielleicht abgesehen von fest verabredeten Kollektivtreffen/Plenumszeiten)? Projektlernen sehe ich in jedem Falle auch – als Standardmodus der Lernorganisation.
    Dein Satz mit der „Sau durchs Dorf“ gefällt mir gut. Ich glaube, wenn man weniger festlegen muss (v.a. keine Stoffe, Lernziele usw.), dann braucht es auch nicht soviele kleinteiligen Routinen. Dann hat man viel mehr Raum für Unerwartetes, Überraschendes, Offenes.
    ich freue mich, dass Du Dich zu #hackbild angemeldet hast. Dort können wir ja weiter Visionen und vielleicht auch Strategien diskutieren.

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  8. Felix Schaumburg

    könntest Du Dir auch vorstellen, dass die Schüler nur dann ins Schulgebäude kommen, wenn es für sie nötig ist?

    Die feste Kombination aus Arbeit & Arbeitsplatz bröckelt auch in der Arbeitswelt (Friebe & Lobo), warum also nicht auch Schule dahingehend öffnen. Den Begriff des „Haus des Lernens“ würde ich aber gerne beibehalten – er kann aber als Zentrum verstanden werden, von dem man ausschwärmt und zurückkehren kann.

    Schüler gehen gerne zur Schule – schon allein der sozialen Netzwerke wegen. Das höre ich schulformübergreifend – für mich am eindrücklisten von einer Sonderschule.

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  9. lisarosa

    Schüler gehen gern zur Schule wegen der sozialen Netzwerke – ja, das kenne ich sogar von meinen. Die wissen ganz genau, dass online gut ist, weil es auch f2f gibt.

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  10. Pingback: Die Bildung hacken « Bluemac

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