„Seminar beim Avatar“ | Zeit.de

Auf Zeit.de gibt es einen Artikel „Seminar beim Avatar“ von Thomas Kerstan.

Schulen sind eben, man mag es beklagen oder begrüßen, ein verdammt träger Organismus. … Wenn etwa ein Arzt aus dem Jahr 1908 mittels einer Zeitmaschine in einem Operationssaal von heute landete, käme er sich vor wie ein Alien. Ein Lehrer aus dem Jahr 1908 hingegen, der heute einen Klassenraum beträte, könnte problemlos den Unterricht fortsetzen.

So ganz falsch ist das Bild wahrscheinlich nicht. Vielleicht würde sich der Pädagoge sogar erschrecken, wenn er aus einer der damals entstehenden Reformschulen an ein so genanntes „klassisches“ Gymnasium käme.

Wie also wird das Internet die Bildung verändern? Die Schule der nahen Zukunft wird sich in vielem nicht grundlegend von der heutigen unterscheiden. 

Warum auch nicht. Viele Dinge haben sich bewährt und werden nicht ohne Grund aufrecht erhalten. Der persönliche Kontakt, die „Vorträge“ von Lehrenden und die gemeinsame Erfahrung sind sinn- und wertvoll.

Von Prof. Bolz habe ich noch den Vortrag im Ohr, dass Web 2.0, Wikis und Co. zwar eine neue Dimension der Akkumulation von Wissen schaffen, das alleine aber nicht ausreicht- es fehlt etwas.„Lernen ist die Erfahrung die man macht mit unüberschaubaren Wissen in der Anwesenheit der Autorität eines Lehrers“

Trotz aller Skepsis wird das Internet die Schulen dennoch aufmischen. Dabei geht es à la longue nicht um die läppische Frage, ob Computer in die Schule sollten oder nicht. Die Schüler (und ja: auch die Lehrer) werden bald in einer Technosphäre leben, die die Schulpraxis automatisch verändert – je höher die Schulklasse, je mehr die Schüler eigenständig lernen, desto stärker. 

Da gehen meine Beobachtungen leider auseinander. Zwar setze ich kontrafaktisch voraus, dass die Schülerinnen und Schüler mit einer Textverarbeitung, Lernplattformen und Co. umgehen können. Gegeben ist das aber nicht „natürlich“. Bei Begriffen wie „Formatierungen“ oder „PDFs“ erntet man fast genauso häufig in der 12 Klasse fragende Blicke wie im Lehrerzimmer. Der Unterschied ist nur, dass den Lehrenden das oft unangenehm ist, den Schülerinnen und Schülern aber egal.

Dazu hat Beat Doebli-Honegger in Abgrenzung zu den „digital natives“ den Begriff „digital naives“ geprägt. Seine Präsentation ist hier zu finden.

Update: Ein interessanter Artikel dazu auch bei sueddeutsche.de: Die digitale Eisdiele.

Schon heute kann eine leise Ahnung vom Studium der Zukunft bekommen, wer etwa eine Vorlesung an der Harvard Law School in der künstlichen Computerwelt Second Life besucht. Die Studenten und der Professor sind dort mit einem sogenannten Avatar vertreten, einem selbst gestalteten virtuellen Abbild von sich. 

Das dies das Studium der Zukunft sein wird glaube ich wiederum nicht so recht. Die Anwesenheit einer echten Lerngemeinschaft ist glaube ich wichtiger. Und dafür reicht nicht der Avatar. Es ist schon der physisch anwesende Mensch, der Ausdruck hat und als Ganzes wirkt, vonnöten. Genauso wie auch im „Alltag“, wo wir zwar chatten, twittern und in Foren aktiv sind, aber uns – bis auf pathologsiche Ausnahmen – doch nicht ganz in diesen Welten verlieren. Zum Glück sind nicht nur Schulen ‚ein träger Organismus‘.

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